Kleiner Ratgeber zu den Schattenseiten der Hochsensibilität

Du bist also hochsensibel. Und jetzt mal ganz ungeachtet der Frage, ob es Hochsensibilität überhaupt gibt – ich auch! Und mit uns ganz viele andere. Es hat seine Vorteile, so reizoffen zu sein. Wir sind einfühlsam, denken viel mit und wissen, was um uns herum passiert. Ich bin gerne hochsensibel! Es hat aber auch Schattenseiten. Ich will davon erzählen, was ich im Umgang mit diesen Schattenseiten gelernt habe. Könnte sein, dass manches davon für alle Menschen hilfreich ist. Und könnte sein, dass manches davon nur meine eigene Erfahrung ist und vielleicht nicht so allgemein gültig, wie ich das denke. Let me know.

1.) Zum Thema laut und hell und voll.

Ich glaube, das ist das Kernthema. Alles andere folgt daraus: Wir nehmen mehr Reize auf. Filtern weniger. Das führt dazu, dass es uns schneller zu laut ist als anderen. Schneller zu hell. Schneller zu irgendwas. „Abhärten“ bringt da übrigens gar nichts. Das ist wie der Touchscreen eines Smartphones. Den kannst du auch nicht abhärten. Der geht höchstens irgendwann kaputt. Und kaputt gehen willst du ja nicht, oder? – Mein Punkt ist: Strategien entwickeln.

Ich liebe meine Konzert-Ohrenstöpsel. Mit ihnen höre ich dasselbe wie alle, nur leiser. Die hab ich drin, wenn ich Zug fahre. Wenn die Lautsprecher im Vorlesungssaal zu laut sind oder der Professor bei jedem P ins Mikro pustet. Wenn ich vor irgendwelchen Vorträgen warten muss und alle noch quatschen. Vor allem in Situationen, in denen es einen recht hohen, aber bedeutungslosen Geräuschpegel gibt, wie zum Beispiel das Reden und Gehen von hunderten Menschen auf einer Messe. Ich benutze sie nicht nur, wenn ich sie unbedingt brauche und die Lautstärke für mich an die Schmerzgrenze geht. Ich benutze sie immer, wenn es mit ihnen angenehmer ist als ohne. Sie sparen mir einfach Energie, die ich dann für anderes übrig habe. Ich hab sie immer dabei.

Oder meine Sonnenbrille. Auch sie ist so ein Energiesparer. Ich bin an hellen Tagen mit ihr einfach entspannter als ohne.

Was Menschenmassen angeht: Du musst nicht überall hingucken und deine Energie auf die Emotionen und Aktionen von Wildfremden verschwenden. Manchmal macht das Spaß, Leute zu beobachten. Aber manchmal ist es auch leichter, seine Augen auf irgendwas anderes zu richten. Und wenn du auf den Boden schaust und Schuhe beobachtest. Hunde sind meine Lieblingsstrategie. Hunde stört es nicht, wenn ich sie angucke, und meistens macht es Spaß, sie zu beobachten.

Viele von uns sind auch empfindlicher, was Wärme und Kälte und Zugluft und all solche Dinge angeht. Das klingt jetzt wirklich sehr simpel, aber sei einfach vorbereitet. Der Wetterbericht ist dein Freund. Und vorsichtshalber einen Schal und eine Mütze einstecken hat noch nie geschadet.

Für die Materialempfindlichen unter uns: Finde raus, was das für Inhaltsstoffe sind, die auf der Haut unangenehm für dich sind. Ich mag zum Beispiel kein Acryl auf der Haut haben. Wenn ich im Laden stehe und mich ein Pulli anlacht, schaue ich immer erst nach, was da drin ist. Ist es Acryl, brauche ich ihn gar nicht erst anprobieren.

Im Prinzip ist es ganz leicht: Identifiziere das Problem. Was genau ist es? Und dann überlege dir, wie du es unter Kontrolle kriegst auf eine Weise, die dir gefällt. Mir passt es nicht, alle Großveranstaltungen und Konzerte zu verpassen, weil sie mir zu laut sind. Ohrenstöpsel an und hin – das passt mir.

2.) Zum Thema Beziehungen und Freundschaften.

Ist das nur meine Beobachtung oder stimmt das mit euren Gedanken überein? – Wir haben eine Tendenz dazu, Dinge persönlich zu nehmen. Uns unsensibles Verhalten zu Herzen zu nehmen. Von anderen zu erwarten, dass sie so feinfühlig auf uns eingehen wie wir auf sie. Und werden in einer Welt, in der wir auf der Sensibilitätsskala am oberen Extrem befinden, zwangsläufig enttäuscht und verletzt. Das ist allerdings häufig nicht der Fehler aller anderen. Oft genug ist es unser Fehler.

Es ist so einfach und so schwer, aber sprich aus, was du willst. Ich habe zum Beispiel einen guten Freund, von dem ich genau weiß, dass er mir eigentlich gerne zuhört. Er tendiert allerdings auch dazu, mir zu jedem Stichwort eine Geschichte aus seinem Leben zu erzählen. Ich kann so ein Gespräch vor sich hinfließen lassen und am Ende beleidigt sein, weil er über meine Not hinweg gegangen ist. Ich kann aber auch sagen: „Du, zu dem Thema von eben nochmal. Damit war ich noch nicht fertig. Das fällt mir gerade schwer. Kannst du mir einfach ein bisschen zuhören?“ Er macht das liebend gerne und ist glücklich, dass er für mich da sein kann. Gut, ne?

Menschen tendieren eh dazu, mehr persönlich zu nehmen, als persönlich gemeint ist. Ein Effekt aus der Sozialpsychologie. Ich hab das Gefühl, wir sind da besonders schlimm drin. Was hilft? Naja, sich dessen halt bewusst zu sein ist schon mal ein guter Anfang. Mal versuchen, sich das Verhalten der anderen Person mit dessen Situation zu erklären. Entsteht daraus irgendeine Erklärung, die eventuell Sinn machen könnte, ist sie wahrscheinlich wahr. Dann erinnerst du dich daran, dass die Person dich eigentlich mag, und vergisst die blöde Situation möglichst schnell. Oder gehst auf die Person zu und machst irgendwas, was du mit der Person sowieso immer machst, um zu merken, dass alles ist wie immer.

Und noch etwas: Hochsensibilität sollte kein großes Thema in einer Freundschaft sein, finde ich. Freunde sollte man eh annehmen, wie sie sind, ob sie jetzt hochsensibel sind oder nicht. Benutze nicht die Hochsensibilität als Waffe, um zu bekommen, was du willst: „Nee, in das Restaurant können wir nicht gehen wegen meiner Hochsensibilität.“ Sag lieber: „Ich geh da nicht so gerne hin, weil es mir da immer zu laut ist und das stresst mich dann.“ Ich packe das Thema Hochsensibilität eigentlich nur aus, wenn Nachfragen kommen und sich jemand wundert darüber, dass ich da so anders bin als er. Hochsensibilität ist dann eine Hilfe, um mich besser zu verstehen. Und nichts sonst. Keine Entschuldigung, keine Ausrede, keine Waffe, kein Recht auf Sonderbehandlung und nix.

3.) Zum Thema der inneren Welt.

Noch so eine Beobachtung, die mal irgendwer validieren könnte, falls sie zutrifft: Kann es sein, dass wir mehr in unserer eigenen inneren Welt leben als andere? In unseren Gedanken und Emotionen. Ich habe diesen Eindruck. Die innere Welt bringt eine unglaubliche Schönheit mit, aber auch ihre eigenen Gefahren. Was ich gelernt habe:

Pass darauf auf, wer und was hinein darf. Welche Menschen will ich um mich haben? Über welche Themen informiere ich mich? Was für Bücher, Filme, Videos schaue ich? Wo im Internet bin ich unterwegs? Ich muss da noch so viel lernen. Häufig wird meine gesunde Zurückhaltung von meiner Neugier besiegt. Ich muss mich immer wieder erinnern: So wie der Körper aus dem besteht, was ich esse, wird meine Seele stark von dem bestimmt, womit ich sie füttere. Es geht um eine gute emotionale, seelische, geistige Ernährung. Nur so kann meine innere Welt gesund sein, nur so fühle ich mich dort wohl.

Gedankenspiele. Oh, was muss ich aufpassen bei Gedankenspielen. So schnell male ich mir Dinge aus, die überhaupt nicht hilfreich sind und mir dann auf die Stimmung drücken. Manchmal sind es nicht einmal Gedankenspiele, sondern mehr so einzelne Blitzlichter, die mir den Mut nehmen. Aber etwas nicht denken es schwer. Was besser klappt: Stattdessen etwas anderes denken. Mir das gute Szenario ausmalen, das genauso gut passieren könnte. Schöne Erinnerungen zusammensammeln. In meinem, christlichen Fall: Bibelverse. Die tun in Bezug auf blöde Gedanken Wunder. Und viel ist Gewohnheit, auch was die eigene Gedankenwelt angeht. Ist das nicht wunderbar? Dass wir uns hilfreiche Gedanken an- und destruktive abgewöhnen können? Zumindest in einem gewissen Rahmen.

Und wieder rauskommen aus der inneren Welt. So ab und zu zumindest. Mir hilft da Uni, Sport, Freunde. Irgendwas, das mich dazu zwingt, im hier und jetzt zu sein. Manchmal nervt mich das, weil es in meiner inneren Welt gerade so schön ist. Manchmal rettet es mich aber auch, weil ich irgendwo feststecke. Und so oder so erdet es mich. Und das ist mir wichtig.

Und hab Gnade mit dir. Nimm dich an. Akzeptiere deine Grenzen. Du musst nicht so sein wie die anderen. Es ist alles gut.

Das war mein begrenzter Standpunkt und das, was ich bisher zu dem Thema gelernt habe. Quasi der Artikel, den ich damals, als ich vor sieben Jahren von meiner Hochsensibilität erfahren habe, gerne gelesen hätte. Aber ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen, also ergänzt, korrigiert, relativiert mich gerne! Ich lerne gern von euch.

Eure Sina


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