der neue Zustand bzw. mein Leben

Rechts und links von meinem Dorf brennt der Wald. Panisch packe ich irgendwelche Dinge zusammen, die es wert sein könnten, sie zu retten. Mein Mann ist nicht da, er ist irgendwo weit weg, in Sicherheit. Mit jedem Weg zum Auto verändert sich das Aussehen des Treppenhauses, neue Türen, neue Räume…

Ich wache auf. Mir ist schlecht. Warum ist mir schlecht? – Ach ja, ich bin schwanger. Ich dämmere irgendwo zwischen Traum und Realität. Mir ist heiß. Es ist nicht wirklich abgekühlt heute Nacht. Ich hab Durst.

Auf dem Weg zur Toilette betrachte ich meinen Bauch. Öffentlichkeitswirksam ist er noch nicht, aber wer meinen Körper vor der Schwangerschaft mal gesehen hat, kann den Unterschied nicht leugnen. Eigentlich war mein Bauch immer eine Delle. Unten sah man die Knochen der Hüfte hervorstehen, oben die Knochen der Rippen. Das ist jetzt Vergangenheit. Alles ist runder, weicher. Und zwischen Hüfte und Rippen wölbt es sich nach vorne. Wahrscheinlich in einer Weise, wie es für andere unschwanger normal ist. Ich kann mich also noch inkognito bewegen.

Ich nehme Vomex, ein wahres Geschenk der modernen Medizin – ohne wäre ich wahrscheinlich in den letzten Wochen irgendwann auf Station gelandet, völlig abgemagert und dehydriert. Und frage mich, wo um alles in der Welt ich inkognito hinsollte. Die Realität meiner Schwangerschaftssymptome ist eine andere.

Mein „eigentliches“ Leben ist gerade vollständig pausiert. Ich rechne nach – seit ziemlich genau acht Wochen. Mein normales Leben liegt irgendwo oben auf dem Schrank in einer Kiste, und ich kann mich nicht mal mehr erinnern, wie es eigentlich aussah. Keine Ahnung, was ich den ganzen Tag gemacht habe, was mich beschäftigt hat. Jetzt beschäftigt mich: Gibts irgendwas, was ich essen kann, bis das Vomex wirkt? Wie steht es um meinen Kreislauf? Wo ist der nächste Eimer und wo die nächste Möglichkeit, mich hinzulegen? Fühle ich mich heute in der Lage, Auto zu fahren, oder wäre das fahrlässig? Brauche ich neue Medikamente? Wann ist mein nächster Arzttermin? Wie beschäftige ich mich, wenn ich nichts machen kann, aber auch nicht schlafen kann? Ist das noch normal, was meine Psyche macht?

Mein Mann fährt 60km Fahrrad und geht danach noch eine Stunde spazieren. Ich kann nur den Kopf schütteln. Mein Zusammensacken ist so häufig geworden, dass ich die Wohnung kaum noch alleine verlasse. Mein letzter Spaziergang, der länger ging als 10 Minuten, ist viele Wochen her.

Ich weiß zwar nicht mehr, wie mein Leben normalerweise so aussah. Aber ich weiß, dass sich das hier auch nach Wochen nicht normal anfühlen will.

Angeblich, so heißt es, ist das zweite Trimester besser als das erste. Die Symptome werden weniger. Überall wird von einem „Energieschub“ geredet, der dann kommt. Ich bin im zweiten Trimester. Mein Energieschub hat jetzt bereits zwei Wochen Verspätung. Vielleicht kommt er ja noch.

Und irgendwie, warum auch immer, ist der Baby-Aspekt des Ganzen weit weg und schwer greifbar. Ich kann es nicht spüren, ich kann es nicht sehen. Das Internet verrät mir, wie sich mein Baby gerade entwickelt. Die Gyn zeigt mir weiß auf schwarz in Kartoffelqualität, wie es wächst. Aber ich kann es nicht greifen. Ich wünsche mir immer noch genauso ein Baby wie vor der Schwangerschaft. Wünsche es mir, als würde ich es nicht gerade ausbrüten. Mag nichts für das Baby kaufen, mag mich nicht mit Namen beschäftigen. Es würde sich vermessen anfühlen. Als wäre das einfach noch nicht dran und ich würde weit vorauseilen, wenn ich mich damit beschäftigen würde. So als würde ich das Navi für ein Auto kaufen, für das ich nicht einmal angefangen habe, zu sparen.

Ja, ich bin schwanger. Das ist nicht zu leugnen. Es ist alles, was mein Leben gerade ausmacht. Schwanger sein ist für meinen Körper, meine Psyche so übermächtig, dass es nichts anderes mehr gibt. Aber dass das bedeutet, dass ein Baby kommt, dass es schon da ist, irgendwo da tief in mir, und irgendwann auf meinem Arm – das will einfach nicht bei mir ankommen.

Hallo Kleines, du da unten.
Ich wünschte, du könntest mich schon treten und boxen. Mich spüren lassen, dass es dich gibt, du lebst, du wächst und irgendwann da raus willst. Ich wünschte, du könntest mir von innen einprügeln, was ich sonst scheinbar nicht verstehen will. Ich weiß, dir gehts gut. Du wächst und gedeihst, während ich auf Zahnfleisch gehe. Wie auch immer das möglich ist. Wie kann es uns so unterschiedlich gehen, wenn doch dasselbe Blut durch unsere Adern fließt? Aber, mein Kleines – ich bin ja froh drum. Solls mir halt schlecht gehen, solange es dir gut geht. Nimm mein Jammern nicht persönlich. Bald kannst du mich zur Strafe in die Blase treten, wenn ich dir zu viel jammere. Ich freu mich drauf.

Mama

(Mama???)

Ambitionen und das schöne Leben

Part 1: Die Ambitionen.

Sie schreitet durch die Flure und Säle der Bildung, der Forschung, der Neugier. Hier denken und lernen und erschaffen große Köpfe Neues und Altes neu und werden niemals fertig sein. Sie spürt die Gegenwart von Brillanz und Genialität und das begeistert sie. Sie lebt dadurch auf, hier zu sein, hier zu lernen, zu denken, zu verstehen, zu wachsen. Den Giganten zuzuschauen, wie sie denken und arbeiten und teilen. Bildung ist etwas wundervolles, Universität ist etwas wundervolles. Sie kann sich verlieren in den Fachbüchern und Papern, die Faszination hat sie fest in der Hand. Manchmal so sehr, dass sie aus Gesprächen abdriftet, innerlich woanders ist. Dass sie nicht einschläft, weil sie zu begeistert ist. Dass sie jedem und allem erzählen muss, was sie gelernt hat, weil die Welt es wissen muss, und sie es nicht ertragen kann, wenn jemand die Gelegenheit nicht hatte, es zu erfahren. Die Zukunft schillert in wundervollen Farben – all die Spezialisierungen, die sie wählen könnte, all die verschiedenen Wege, die ihr offen stehen. Sie hat Ambitionen und sie greift nach den Sternen.

Part 2: Das schöne Leben.

Sie greift nach einem weiteren Gänseblümchen.

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Ich verneige mich und verlasse die Bühne.

Ich stehe auf der Bühne und warte.

Das Scheinwerferlicht blendet mich. Ich sehe eigentlich nichts jenseits der Bühnenkante. Ob da jemand sitzt oder nicht, weiß ich nicht. Vielleicht warten dort gespannte Menschen und vielleicht ein leerer Raum. Da steht ein Mikro. Und da stehe ich. Da stehe ich und frage mich, ob ich etwas sagen soll. Was ich sagen soll. Ob ich etwas sagen möchte.

Ist schon komisch. Je älter ich werde, desto weniger möchte ich sagen. Desto weniger möchte ich teilen. Ich frage mich, woran das liegt. Früher habe ich noch häufig in dieses Mikrophon gesprochen. Früher waren auch auf jeden Fall Leute auf der anderen Seite der Bühne. Jetzt habe ich schon länger nichts gesagt und ich weiß nicht, ob noch jemand da ist.

Es ist gemütlich geworden, hier, so in mir drin. Ich will gar nicht mehr so oft hier raus. Viele Gedanken fühlen sich in meinem Kopf wohler als vom Mikrophon verstärkt. Bei vielem will ich gar nicht mehr, dass andere es wissen. Es ist irgendwie auch leichter, nicht angeschaut zu werden. Je weniger angeschaut, desto weniger bewertet. Bin ich unsicherer geworden? Eigentlich nicht. Was ist es dann, dieses Gefühl, das ich habe, das mich hindert, nach vorne zu treten und zu sprechen?

Vielleicht bin ich ja auch ein bisschen verletzt. Verletzt von Leuten, denen ich mich geöffnet habe und die sich mir nicht geöffnet habe. Vielleicht mag ich ja deswegen weniger teilen, weil ich nicht mehr mit Menschen teilen mag, die nicht zurückteilen. Ich sehe ja nicht, wer hört, würde ich sprechen.

Aber wahrscheinlich würde es das überdramatisieren. Kann auch sein, dass ich mich selbst und meine Gedanken einfach nicht mehr so beeindruckend finde wie früher. Und was Bedeutungsloses will ich ja auch nicht sagen. Ist es das?

Irgendwas ist da, ein Gefühl, und ich kann es nicht ganz greifen…

Und so stehe ich hier, blinzle ins Scheinwerferlicht und hänge meinen Grübeleien nach, während im Publikum vielleicht Leute bleiben, vielleicht Leute gehen, vielleicht schon gar niemand mehr da ist.

Ich packe meinen Koffer

Damals, auf dem Weg ins Auslandsjahr nach dem Abi.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit – keinen Koffer, denn ich reise mit Rucksack. Mein ganzes Leben und alles, was ich brauche, packe ich in einen Rucksack. Rein damit. Alles rein. Und das wars. Ich betrachte einen Rucksack von außen und alles ist drin. Unglaublich, mit wie viel Dingen ich täglich umgehe oder die in meinem Zimmer stehen, die ich eigentlich nicht wirklich brauche. Würde alles abbrennen und ich hätte nur diesen Rucksack – klar würde ich Dinge vermissen. Aber ich hätte alles, was ich brauche.

Ich packe meinen Rucksack und nehme mit – och, ich weiß nicht. Ich weiß nicht, was kommt, weiß nicht, was wirklich wichtig sein wird. Viel zu viele Ratschläge bekommen von Menschen, die viel zu wenig wissen von meinen Erfahrungen und meiner Zukunft. Ich nehme mit nicht viel mehr als meine Ahnungslosigkeit, meine Lernbereitschaft, meine offenen Augen. Viel zu wenig weiß ich, um gut zurecht zu kommen, aber größer als meine Unerfahrenheit ist meine Zuversicht, dass Gott sich um mich kümmern wird. Er wird seine Tochter in einem neuen Land nicht auf sich alleine gestellt lassen.

Ich packe meinen Rucksack und nehme mit – meine Kultur, meine Erfahrungen, meine Geschichte, all das, was ich gelernt habe und beherrsche und intuitiv kann. Auch wenn vieles woanders unterschiedlich bewertet wird, vielleicht gar nicht so hilfreich ist, gibt es auch einiges, was ich zu geben habe. Einiges habe ich gelernt, wovon die Menschen vor Ort nie die Chance hatten, es zu lernen. Meine Herkunft und meine Vergangenheit hat mir auch Gutes geben, dass ich weitertragen kann und soll.

Ich packe meinen Rucksack und steige in einen Flieger. Au Wiedersehen, ihr Deutschländer. Hallo Welt!

Ich, meine Angst und der Beginn einer Liebe

Das ist der Punkt, den mir keiner glaubt: Ich bin ängstlich. Nicht in den Momenten, in denen die meisten mich sehen. Ich fürchte mich nicht vor der Bühne, vor Spinnen, vor merkwürdigen Menschen. Alles, wozu ich eine gewisse Distanz bewahren kann, das macht mir keine Angst. Da bin ich mutig. Ich bleibe bei mir und die Leute denken, ich sei so unabhängig, so selbstbewusst, vielleicht sogar unangreifbar. Und es ist ja nicht mal gelogen. In solchen Momenten bin ich das ja oft wirklich.

Aber es gibt ja noch andere Momente. Nahe Momente. Und da sieht das ganz anders aus.

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Offenbar keine sozialen Medien.

Nichts originelles, einfach nur meine Erfahrungen aus den letzten Wochen und Monaten.

Seit einigen Monaten beobachte ich mich dabei, wie ich die sozialen Medien nach und nach verlasse. Es ist faszinierend, zu sehen, wie ich seit Januar kontinuierlich an dem Thema dran bin, ohne mich je bewusst dafür entschieden zu haben. Ich merke, dass ich eigentlich viele Dinge im Leben nicht bewusst angehe, sondern es mich einfach irgendwo hinzieht. Ich fühle mich dann selbst mehr wie ein Beobachter als wie der Protagonist. Das ist gar nicht schlecht. Manchmal weiß mein Gefühl besser Bescheid als mein Kopf.

Natürlich ist das Thema „soziale Medien“ und „Onlineleben“ für mich nichts Neues gewesen, das ist es für keinen von uns. So gut wie jeder hat damit schon gerungen, hat sich Meinungen gebildet, sie verändert, sich Vorsätze gemacht, sie gebrochen, manches vielleicht durchgezogen. Wir sitzen da alle im selben Boot. In der Vergangenheit habe ich immer wieder mal Medien gefastet, hab mal sechs Wochen, mal drei Tage, manchmal auch nur auf eine der Plattformen… Das war immer gut, manchmal aber auch ziemlich unpraktisch.

Im Januar habe ich zu allererst eine Plattform verlassen, auf der ich noch gar nicht lang war.

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Ich habe alles verlernt.

So kommt es mir manchmal vor.

Ich habe alles verlernt, was ich früher konnte, was mir so wichtig war. Ich konnte direkt aus meinem Herz heraus schreiben. Ich konnte direkt aus meinem Herz heraus malen. Ich konnte Menschen berühren, konnte Dinge in Worte fassen, die andere schwer zu greifen fanden. Und jetzt? Jetzt fällt es mir so schwer zu schreiben. Ich weiß nicht, was ich malen soll. Ich kaue nur Worte Fremder wider.

Dafür weiß ich jetzt, wie man politisch korrekt zitiert.

Vielleicht liegt etwas besonderes darin, Teenager zu sein. Ein Schatz, den wir als Gesellschaft völlig übersehen. Denn Teenager – so sehr sie auch zum Pathos neigen, so sehr sie sich auch für was viel Besseres halten – sie lernen so viele Dinge über die Gesellschaft und das Leben zum ersten Mal, und vieles davon lernen sie schnell und lernen sie bewusst. Sie werden vom Kind zum Erwachsenen, gehen von der einen zur anderen Denkart, und haben in diesem Stadium eine beeindruckende Schärfe in ihrem Blick auf alles, was Erwachsene angeht. Als Teenager konnte ich mit großer Klarheit und Tiefgründigkeit über Themen schreiben, über die ich heute gar nicht mehr nachdenke. Über so einfache, grundlegende Themen. Jetzt sehe ich so viel als gegeben an.

Allerdings habe ich auch viel Schrott geschrieben, bei dem sich mir heute die inneren Organe zusammenziehen. Boah, scheine ich mich für etwas unglaublich besonderes gehalten zu haben. Eieiei.

Mir ist schon klar, dass dieses „Ich habe alles verlernt“ ein normales Stadium eines jeden kreativen Menschen ist. Man kriegt gerade nichts zustande, schaut zurück auf vergangene Meisterwerke und fragt sich, ob man jemals wieder sowas Gutes hinkriegt.

Und doch frage ich mich, ob nicht auch eine Wahrheit darin verborgen liegt. Ob es nicht doch ein paar Dinge gibt, die in der Lebensphase Teenager besonders gut gehen, und die ich wirklich ein Stück weit verlernt habe. Und ob wir so als Gesellschaft Teenagern nicht unrecht tun. Ob Teenager nicht eigentlich ziemlich viel zu sagen haben und wir gut daran täten, über Arroganz und Melodramatik hinwegzusehen und

zuzuhören.