Anderer Kinder Eltern

„Was machst du eigentlich hier? Hast du nicht frei? Warum bist du nicht bei deiner Mama?“

Ich stelle vor: Die Art von Fragen, die mich sprachlos macht.

Hier gestellt von einer Frau in Mamas Alter mit Kindern in meinem Alter. Ich weiß, dass ihre Kinder in den Semesterferien auch nicht die ganze Zeit bei Mama auf dem Schoß sitzen, sondern lieber in der Weltgeschichte unterwegs sind.

„Warum sollte ich bei meiner Mama sein?“, frage ich also. Schön rein in die Wunde.

„Ach, wenn du in meinem Alter bist, wirst du mich verstehen.“

„Meine Mama ist da genauso entspannt wie ich.“ – Wenn nicht, sogar entspannter, füge ich in Gedanken hinzu. Sie ist nicht gerade die Kategorie Mutter, die ihre Küken am Nest fesselt. Eher die Kategorie, die ihre Küken hinaus schubst, sobald sie mit den Flügeln schlagen können. Und dann hinterher sieht, ob das mit dem Fliegen schon klappt. Hinterherspringen kann man immer noch.

„Ja, so hab ich früher auch gedacht. In deinem Alter hab ich das auch noch nicht verstanden.“

Weißt du, es gibt Kinder, die wollen nicht so werden wie ihre Eltern. Ich will vor allem nicht so werden wie anderer Kinder Eltern. Genetisch und psychologisch gesehen habe ich da ganz gute Chancen.

Freihändig

Auf dem Weg vom Arzt im Vorort zum Sportladen in der Stadt kaufe ich mir beim Bäcker eine Käse- und eine Laugenstange. Ich suche mir eine Bank und frühstücke in der Vormittagssonne. Es ist eine schöne Bank – hinter mir eine Weide, vor mir ein Feld und dahinter die Stadt. Hinter der Stadt die zwei Burgen und der Fernsehturm. „Guck mal, die Burgen“, ist ein Satz, den wohl jeder schon gehört hat, der hier mit mir spazieren war. Der Anblick dieser Burgen ist Heimat für mich geworden.

Ich habe Zeit. Endlich, endlich ist da nichts mehr, das ständig an meinen Gedanken und an meinen Gefühlen nagt. Nirgends eine Dringlichkeit, eine Not, ein Konflikt. Stattdessen Frieden. Ich bin frei. Innen drin und außen rum. Meine Seele kann auf Wanderschaft gehen. Sie geht auf Wanderschaft und fängt an zu spielen. Wenn ich frei bin, dann spiele ich. Mit dem Wind und den Bäumen und mit mir. Ich blödel rum und lache über mich selbst. Hoffentlich beobachtet mich keiner, denke ich. Und lache, weil mir das irgendwie auch egal wäre.

Ich fahre freihändig Fahrrad und strecke die Arme so hoch in den Himmel, wie ich kann. Zu Hause tanze ich zu Green Day durch die Küche und backe einen Kuchen, einfach so und nur für mich. Ich mache extra viel Schokolade rein und lecke die Schüssel aus.

Und zwischendurch: Erinnerungen. An diesen Sommer. Hochzeiten feiern mit alten Freunden. Neue Leidenschaft fürs wohlbekannte Sommerlager. Wie wunderbar es ist, versöhnt zu sein. Welcher Friede darin liegt, alles Gott zu geben und sich immer nur den nächsten kleinen Schritt von ihm leiten zu lassen. Wie gut, dass es nicht an mir hängt, alle Probleme zu lösen und Schwierigkeiten zu überwinden. Wie gut, dass mein Versagen kein Problem ist. Wie gut, dass Gott und Menschen mir vergeben. Wie gut, dass Gott alles in seine Hand nimmt.

Gott hat alles im Griff.
Und ich? Ich bin froh, dass ich nicht so viel nachdenken muss. Ich komme ja sowieso ganz schnell an meine Grenzen. Habe ja sowieso nicht richtig den Überblick. Gott kümmert sich. Ich darf spielen. Darf spielen mit dem Wind und den Bäumen, die er gemacht hat.

Ich muss los. Gleich piept der Wecker und dann hole ich einen Kuchen mit Extra-Schokolade aus dem Ofen.

Ein bisschen mehr Regenjacke

Ein bisschen dickeres Fell, ein bisschen mehr Knautschzone, ein bisschen mehr egal. Dass mir nicht so schnell kalt wird und nicht so schnell heiß, ich nicht so schnell Hunger habe und nicht so schnell Durst, dass mir nicht so schnell alles zu viel ist und nicht so schnell wieder zu wenig.

Dass es mir viel mehr egal ist, wenn du mich ärgern willst und die Schwachstelle triffst. Weiß ja, du meinst es nicht so. Du bräuchtest dann einen viel längeren Stachel, um mich zu verletzen. Müsstest so viel mehr Kraft aufbringen, um mich aus dem Gleichgewicht zu stoßen. Das würde dir dann nicht so schnell aus Versehen passieren.

Ein bisschen mehr Platz zwischen meiner Haut und meinen Gefühlen. Dass ich Platz habe, einen Schritt zurück zu treten, wenn du einen Schritt zu weit gehst. Dass du dann nicht direkt auf mich triffst, sondern erst mal auf mein Achselzucken.

Wenn ich mich umdrehe und weggehe, dann will ich, dass alles, was hinter mir ist, hinter mir bleibt. Würde gerne mein Klettverschlussfell, in dem sich alles verfängt und das zu reinigen immer so mühselig ist, eintauschen gegen eine Regenjacke. Einmal drüberwischen und fertig. Dann müsste ich mich auch nicht so in Acht nehmen vor all dem Dreck und Staub dieser Welt. All dem Dreck und Staub, den Menschen mit sich bringen, den auch Freunde mit sich bringen. Alles nicht so schlimm. „Wir haben ja ne Waschmaschine.“

Und dann fährst du mit deinem sanften Finger federleicht über meinen Arm. Ein vorsichtiger Blick aus braunen Augen und eine Facette Zärtlichkeit mehr in deiner Stimme erzählen ihre eigene Geschichte. Ich weiß, ich spüre dich und diese Geschichte nur so stark, weil in mir nicht ein bisschen mehr egal, ein bisschen mehr Platz, ein bisschen dickeres Fell ist. Ich weiß, ich kann nur deswegen so sanft und einfühlsam antworten, weil meine Haut so dünn ist.

Ich verspreche dir, ich werde weiterüben, bis ich das Unmögliche beherrsche: Dickeres Fell und doch genauso nah. Bis es so weit ist, bist du geduldig mit mir. Liebst mich genauso. Danke dafür.

Draußen ist die Nacht

Ich wusste nicht, dass du da sein würdest. Ich habe es nicht vermutet und nicht darüber nachgedacht. Ich habe einfach nur Jacke und Schuhe angezogen, den Schlüssel genommen und das Haus verlassen. Dort warst du dann. Natürlich warst du da. Als ich dich gesehen habe und auf dich zugegangen bin, hat es sich irgendwie natürlich und richtig angefühlt, dass du da warst. Als hätte es nie eine andere Möglichkeit gegeben. Wir haben uns umarmt. Du hast dich warm und weich angefühlt. Du hast dich angefühlt, wie nur du dich anfühlst, und jede deiner Umarmungen birgt eine kleine Ewigkeit für mich.

Dein Auto und die Nacht. Ich mag es, neben dir zu sitzen, wenn du fährst. Das Gefühl des Autos, die Straße und die vorbeiziehende Welt. Ich darf gucken und muss mich nicht konzentrieren. Ein kleiner Kosmos auf vier Rädern, in dem es nur dich und mich gibt. Draußen ist die Nacht. Ich mag die Dunkelheit. Ich mag ihr Reden und ihr Schweigen. Mag es, wie sie alles verhüllt, uns verhüllt, alles ein wenig sonderbar macht, uns klein werden lässt und uns das Gefühl für uns selbst zurück schenkt.

Ja, hier in unserem kleinen Kosmos fühle ich mich wieder wie ich selbst. Fühle ich mich wieder ganz real. Ganz bei mir.

Und bei dir.

Regentropfen auf Autoglasscheiben. Du fährst und fährst. Du genießt es, das Autofahren. Ich weiß, dass es dir jetzt gut geht und du ganz entspannt bist. In Gedanken bist du nicht in deinem Alltag und nicht bei mir, sondern einfach nur in dem, was du gerade tust. Du bist einfach nur da. Ich genieße das. Ich genieße dich. Ich genieße, wie du einfach hier bist. Das macht in mir alles weit. Das schenkt mir Raum für alles, was da eben gerade in mir ist. Alle Gefühle, die sonst so zu groß und zu schwer sind und zu dicht beieinander liegen. Alles, was mir Angst macht, verliert sich langsam in der Dunkelheit. Für alle ungeweinten Tränen finde ich in der Nacht und in deiner schlichten Gegenwart Trost.

Weißt du, vielleicht fahren wir einfach noch ein bisschen weiter. Es gibt keinen anderen Ort, zu dem es mich gerade hinzieht. Keinen anderen Trost, den ich gerade bräuchte. Vielleicht fährst du noch ein bisschen weiter und nimmst mich noch ein wenig mit. Lässt aus Minuten Stunden werden, bis die Zeit selbst unwirklich wird. Ich bin so gern bei dir. Ich hab dich so gern.

Ich bin frei.

Manchmal

Für so einige Freunde und für einen ganz besonders

Manchmal kann ich dich nicht leiden, weil du besser bist als ich, dein ganzes Leben so viel besser läuft als meines, und ich immer noch nicht gelernt habe, nicht zu vergleichen. Ein bisschen besser bin ich darin vielleicht schon geworden, ein ganz bisschen, aber nicht viel. In vielem sind wir uns so ähnlich, und manchmal gönne ich dir deine Erfolge nicht. Nicht, weil du sie nicht haben sollst, sondern weil ich sie auch will. Manchmal mag ich dich nicht, weil ich unzufrieden mit meinem eigenen Leben bin.

Manchmal nervst du mich an den Stellen, wo du anders bist als ich, wo ich dich nicht berechnen kann und du Dinge tust, die mir nicht in den Kram passen. Da bin ich eine Strategin. Überlege mir genau, wie alles laufen soll, und dann machst du einfach irgendetwas anders als ich dachte. Und dann nervst du mich, weil ich immer noch nicht gelernt habe, spontan meine gescheiterten Pläne links liegen zu lassen und mich auf das Neue einzulassen. Manchmal mag ich dich nicht, weil ich lieber die Kontrolle über alles behalten würde.

Manchmal hab ich auch einfach Angst vor dir. Weil du mir so nahe stehst und deine Worte mir so wichtig sind, kannst du mich mit ein paar Sätzen sehr verletzen – egal, ob es nur deine Empfindung oder die Wahrheit ist. Ich weiß, dass du sagen wirst, was du denkst, auch wenn es mir nicht passt. Und ich habe immer noch nicht gelernt, Spannungen in Freundschaften auszuhalten. Manchmal mag ich dich nicht, weil ich ständig vergesse, dass ich dir wertvoll bin, selbst wenn ich Fehler mache.

Und dann wieder sehe ich die tausend wundervollen Kleinigkeiten in dem, wie du mit mir und wir miteinander sind. Ich bin ein zerbrochener Mensch und du genauso. Was für ein Schatz, dass wir uns aushalten und so sehr mögen.

Manchmal, da denke ich, dass mich an dir was stört, wo mich in Wirklichkeit etwas an mir selbst stört.
Aber weißt du was? Das ändert nichts daran, dass ich – wie als Grundlage darunter, eine schlichte, gültige Wahrheit –

so unendlich dankbar für dich bin.

Die Brücken hinter mir

Ich streife durch die Heimat, durch heimatliche Orte, Orte voller Bedeutung und Erinnerung.

Irgendwie ist da so ein Loch.

Da ist so ein Loch, wo Heimat hingehört.

Ein bisschen schon immer. So etwas passiert, wenn man seine gesamte Kindheit und Teenagerjahre in einer so genannten „Übergangslösung“ wohnt. Trotzdem war es nun mal immer dasselbe Dorf und es war auch immer dieselbe Stadt, in die ich für Schule, Kirche, alles gefahren bin. Irgendwie ist das trotzdem Heimat. Und durch diese Heimat streife ich

und es tut weh.

All das, was kaputt gegangen ist, tut weh.

So viele Freunde, die nun weg sind, ob Kontaktabbruch, weggezogen oder tot. Die Kirche, die ebenfalls ein Zuhause war und nun zerrüttet ist und nichts übrig ist als etwas, zu dem ich kaum noch Bezug finden kann. Meine Familie, in der sich so viel verändert hat, manches gut, manches schlecht, vieles herausfordernd. Große Bauunternehmen verändern das äußere Erscheinungsbild stetig. Meine Heimat wird mehr und mehr etwas, was – wenn überhaupt – nur noch in meiner Erinnerung existieren kann.

Ich gehe durch die Straßen und nehme Abschied, Ort für Ort, von allem, was dort passiert ist, was ich damit verbinde, wer dort einmal war oder vielleicht noch ist. Ich nehme Abschied und bin traurig. Traurig sein ist wichtig. Ich bin oft zu wenig traurig. Aber jetzt bin ich traurig. Jetzt ist okay, ganz in Ruhe zu spüren, wie sehr es weh tut.

Ich werde noch ein wenig hier bleiben. Hier, wo es weh tut. Es ist gut, hier zu sein. Und dann, bald schon,

geht es weiter.

Da ist ein Junge

Kleine Gedanken eines Abends, an dem ich spät nach Hause gekommen bin und mich ganz friedlich gefühlt habe.

Da ist ein Junge.

Er und ich haben letztens zusammen eine Übung gemacht. Wir sollten etwas ausprobieren. Es war ziemlich lustig und wir haben beide etwas erkannt. Es war ein klitzekleines Erlebnis, das wir nun teilen. Vorher war da eine Aufgabenstellung, nachher war da ein „Er und Ich“.

Da ist ein Junge,

und heute hat er mich angelächelt und auf mich gewartet. Er hat gewartet, bis ich mir meine Jacke und meinen Schal und meine Mütze angezogen hatte, bis ich meine Mappe und meine Flasche in meinen Rucksack gepackt hatte, bis ich den Rucksack aufgesetzt hatte und fertig gewesen war. Dann sind wir beinahe schweigend die halbe Minute bis zu meinem Fahrrad gegangen. Ich hab mich gefragt, ob er auf mich gewartet hat, um mir noch etwas zu sagen. Aber er hat mir nur eine gute Heimfahrt gewünscht. Dann war er weg.

Da ist ein Junge,

und ich bin ein Mädchen. Mit einem Mädchenherz. Ein Mädchenherz, das ein bisschen wärmer und größer wird, einfach nur, weil da ein Junge ist, der mich anlächelt und auf mich wartet.

Ich weiß nicht, ob er etwas sagen wollte und sich nur nicht getraut hat.
Ich finde es gut, dass er nichts gesagt hat. Es gab nichts, was ich hören wollte. Es gab nichts, auf das ich antworten wollte.

Da ist ein Junge, und er hat heute mein Herz warm gemacht und wahrscheinlich keine Ahnung davon. Das ist auch gut so. Ich bin ein Mädchen, und ich bin leicht zu beeindrucken. Aber das braucht ja keiner wissen. Ich lasse mich gerne beeindrucken, und dann behalte ich es für mich.

Ich bin ein Mädchen, und jetzt gehe ich schlafen. Morgen ist ein neuer Tag.