Ein Luftballon aus Licht

Frost liegt über der Stadt. Er durchdringt den Boden, lässt die Luft klirren und die Autos glitzern. Viele Fenster sind warm erleuchtet. Ich pflücke mir eins und laufe mit einem Luftballon aus Licht durch die Straßen. Bäume stehen dort wie stille Tänzer in Startposition, scheinen zu warten auf Musik und Wind und Frühling. Ein paar Jugendliche mit lauten Stimmen verschwinden in einer trüben Einfahrt zwischen steif herab geneigten Häusern. Ein Bus rauscht vorbei und es wird wieder still. Auf dem Asphalt schimmern kleine Eiskristalle weiß im Laternenlicht.

Ich fühle mich, als würde ich durch ein Gemälde laufen. Oder durch ein Gedicht. Meine Hand wird kalt und ich nehme die Schnur meines Luftballons aus Licht in die andere Hand.

Es ist still. Diese Stille ist so schön, weil niemand sie füllen muss. Alles, was ist, ist schon genug: Die Fenster, die Bäume, die Straßen, der Frost. Dazwischen laufe ich. Ich muss lächeln, weil ich mich an die Reaktionen anderer Menschen auf solche Gedankenbilder erinnere, wenn ich es doch mal gewagt und sie ausgesprochen habe. „Typisch Sina: Bäume sind auf einmal Tänzer, erleuchtete Fenster kann man pflücken und die Welt ist ein Kunstwerk.“ Aber so ist es nunmal auch! Es ist eben eine stille Freude. Ich erdenke Farben und Stimmung und Worte und umspinne damit die Stadt und die Straßen. Mein Publikum ist mein Herz. Alles hier ist sich selbst genug, und in diesem Moment bin ich mir das auch.

Zuhause, ich komme zu Hause an. Ich lasse meinen Luftballon in den Nachthimmel steigen und sehe ihm nach, bis ich ihn von den Sternen nicht mehr unterscheiden kann.

durch die Schattentage gehen

Wenn ich in letzter Zeit in den Spiegel gucke, dann erschrecke ich mich manchmal. Ich bin so dünn geworden. Mein Gesicht ist schmaler, meine Schultern zeichnen jeden Knochen ab und ich kann meine Rippen zählen. Und ich bin so blass – waren meine Augen schon immer so dunkel? Müde, geschafft. Ich sehe ein bisschen aus wie eine Blume, die zu wenig Wasser bekommen hat.

Ja, es war mal wieder viel, was ich in letzter Zeit mit mir herumzutragen hatte. Viel, mit dem ich gekämpft habe. Das geht jetzt schon einige Jahre so: Ein Kampf folgt dem anderen. Ich warte auf eine Zeit, wo es einfach mal okay ist. Wo ich nicht so stark sein muss. So viel stärker und mutiger, als ich mich fühle.

Manchmal träume ich dunkle Geschichten, in denen ich etwas Schlimmes verhindern muss und nicht weiß, wie. Dann wache ich hilflos und verzweifelt auf und komme kaum wieder im echten Leben an. Gestern war mal wieder so eine Nacht, und heute ist mal wieder so ein Tag: So ein Schattentag. Irgendwie wird es einfach nicht hell in mir. Das war jetzt monatelang normal, aber die letzte Woche war doch endlich mal gut. Warum ist es jetzt wieder dunkel? Ich will nicht zurück. Ich will nach vorne, ich will, dass es hell wird.

Meine Mama sagt, das ist normal. Schattentage gibts auch auf dem Weg der Besserung. Ich glaube ihr.

Immer wieder bin ich dankbar. In den letzten Wochen fällt mir immer wieder auf, wie gut sich Gott doch um mich gekümmert hat in all den Schattenjahren hinter mir. Ich sehe das an einer Freundin, der es jetzt so geht wie mir vor einiger Zeit. Ich sehe, dass ich da auch war, wie ich war, wie ich kaum Hoffnung gefunden habe und wie mich diese Zeit im Rückblick doch stärker, verständiger und liebevoller gemacht hat.

Und ich bin dankbar für all die kleinen Dinge. Jede Nacht, die ich gut schlafe. Jeder Tag, an dem ich mich lebendig fühle. Freue mich über Sonnenstrahlen und den Mond, über Primeln und Grünspechte, über die Vorlesestimme von Gert Heidenreich und über die unzähligen Knuddler meiner geduldigen Freunde. Letzte Woche, da haben wir zusammen Musik gemacht, und ich hab mich mal voll was getraut. Das war gut. Dafür bin ich auch dankbar. Dankbarkeit ist meine Stärke, das weiß ich.

Ich bin wie ein Kind. Wie ein kleines Kind. Ich kann nicht groß planen, weil ich nie weiß, wie es weitergeht. Ich kann nur jeden Tag nehmen, wie er kommt. Und ich weiß von mir, dass ich mich freue, wann immer es geht, und dass ich mit leeren, bedürftigen Händen alles annehme, was mir gegeben wird.

Es wird mich stark machen. Das weiß ich. Jetzt muss ich es nur noch glauben.

Fassadenkultur

Aus dem Malaysia-Archiv

Es ist eine Beziehungskultur, hieß es. All die Schamkulturen – die größten Teile von Afrika, Asien – sind Kulturen, wo Beziehung sehr hoch steht, höher als bei uns. Sind gastfreundlicher. Wärmer.

Mir ist hier kalt.

Ich komme mir vor wie in einer eingespielten Choreographie. Ja, auf den ersten Blick ist da diese Gastfreundschaft, und wir werden eingeladen. Die Menschen reden mit uns, sind neugierig, und es scheint, als wären die Menschen hier bei weitem nicht so fremdenabweisend wie bei uns.

Aber dann fühlt es sich an, als würde der Ruf und die Fassade wichtiger geachtet werden als eine Beziehung. Nicht ehrlich wird dem anderen das Herz und die Gefühle gezeigt, sondern immer nur die Fassade, die Fassade, und man schleicht um die des anderen vorsichtig herum, um sie ja nicht zu zerstören – das ist Respekt – und erwartet auf der anderen Seite dasselbe für sich.

Respekt, das kommt auch aus Hierarchie. Und wir, wir sind ganz unten, denn wir sind neu, sind deutsch, sind anders, kommen als die Freiwilligen. Auf die anderen herabzublicken, das ist hier nicht arrogant. Das ist normal, sobald man höher steht. Ganz unten zu sein, das heißt, sich von allen alles sagen lassen zu müssen. Das heißt, keine Bewegungsfreiheit zugestanden zu bekommen. Das heißt, nicht gesehen und wertgeschätzt zu werden in seinen Stärken oder geschweige denn ihnen entsprechend eingesetzt zu werden – das steht uns noch nicht zu.

Etwas verwirrt haben wir uns am Anfang umgeschaut, als keiner uns für unseren Einsatz wertgeschätzt, respektiert oder uns gedankt hat. So ist Deutschland: Bitte bitte setz dich ein, wir brauchen dich, und tausend Mal danke und du hast das so gut gemacht. Aber hier ist es anders. Hier tut man und tut und das Feedback bleibt aus, aller Einsatz und Arbeit wird für selbstverständlich genommen und gelobt wird nur ganz selten.

Deutschland ist so warm.

Von außen mag es kälter erscheinen – Fremden gegenüber wird mehr auf Distanz gegangen. Distanz ist in Deutschland ein Zeichen von Respekt. Kritisiert wird so viel offener, manchmal ohne Rücksicht auf die Gefühle des anderen.

Aber auch gelobt, ermutigt wird so viel offener. Ehrlichkeit steht so viel höher im Kurs, und die ganze eingespielte Choreographie von Malaysia gibt es bei uns nicht so sehr. Ich habe das Gefühl, so viel schneller nah an Menschen heran zu kommen, denn Ruf und Fassade stehen nicht so sehr im Weg. Und man lässt einen jungen Menschen, der sich einsetzen will, tun. Junge Leute können Leiter werden und kreative Ideen haben einen Platz und werden wertgeschätzt. Kritik dient zum Verbessern der Effektivität.

Deutschland ist ein Land mit einer hohen Arbeitsmoral. Bei uns muss alles effektiv erledigt werden. In seinem Job arbeitet der Deutsche vergleichsweise hart. Dann kommt er nach Hause und ruht sich aus. Der Job ist vorbei. Feierabend. Die Zeit für sich selbst wird von anderen geachtet, und nimmt man sie für irgendwelche Versammlungen in Anspruch, so sorgt man dafür, sie so kurz und effektiv wie möglich zu halten – so respektiert man den anderen.

Hier ist man viel freier, diese Zeit anzurühren. In ihrem Job arbeiten Malaysier nicht so hart. Effektivität ist zwar ein Thema, aber es ist wie eine Fremdsprache, die sie erst erlernen. So tun sie oft Dinge, die nicht so richtig zielführend sind. Malaysier sind länger auf der Arbeit, haben mehr Versammlungen, sind viel mehr unterwegs. Sie wissen nicht, wie man sich ausruht. In ihrem Selbstbild arbeiten sie unglaublich hart. Den ganzen Tag! Mehr als Deutsche. Die wollen sich ja ausruhen.

Wir Deutsche widersprechen nicht.

Malaysia ist ein Land der Fassade, und so wie der Ruf dazu gehört und mehr angesehen wird als der Mensch als ganzes, so tun sie es auch in der Medizin. Beschwert sich der Körper durch irgendwelche Schmerzen, ist im Körper etwas falsch. Dass der Mensch als ganzes funktioniert und die Seele sich auf den Körper und umgekehrt auswirkt, das wissen sie hier nicht wirklich. Auch, woran man den Wert eines Menschen misst. Hier bringen sich Schüler wegen zu schlechter Zeugnisse um, denn es wird mit viel Druck gearbeitet, und die Eltern, die ja in der Hierarchie viel höher stehen, erwarten gute Noten. Die Noten messen den Menschen.

Es soll eine Beziehungskultur sein, ja, aber es fühlt sich an, als wäre es hier nur von außen warm. Jetzt, wo ich langsam ein bisschen beginne, hineinzukommen, wird es ganz kalt hier. Vielleicht wird es ja wieder warm, wenn man wirklich dazu gehört. Ich weiß es nicht.

Eine Fassadenkultur, und ich stehe nur davor.

wenn es zwischen uns anders wäre

Was wäre, wenn es anders wäre zwischen uns?

Was wäre, wenn du krank werden würdest? Schwer krank. Und dann hättest du nur noch kurze Zeit zu leben. Und du würdest zu mir sagen: „Sina, ich werde sterben.“ Alle Gedanken an die Zukunft wären weg, weil es ja keine gibt. Und du würdest sagen – oder dein bester Freund, weil du dich nicht traust – dass du dir noch einen Kuss wünscht, einen Kuss von mir, einen Kuss bevor du stirbst. Und dann würde ich dich küssen und der Kuss würde einen ganzen langen Abend dauern. Kein Gedanke an Morgen. Nicht mehr rational sein. Loslassen.

Was wäre, wenn ich auf einmal aus irgendeinem Grund blind wäre? Würdest du für mich da sein wollen? Würdest du mir helfen, auch wenn ich deine Lebenswelt zur Hälfte verlassen hätte? Vielleicht würden wir spazieren gehen und ich müsste mich an deinem Arm oder an deiner Hand festhalten, weil ich ja nichts sehe. Das würde ich sehr genießen. Ich würde deine Mimik nicht erkennen können, du aber meine. Du würdest an meiner Mimik sehen, dass ich verliebt in dich bin, und ich würde es daran sehen, dass du dich um mich kümmerst und mit mir spazieren gehst.

Was wäre, wenn wir uns in fünf oder zehn Jahren wiedertreffen würden und alles hätte sich verändert? In der Zwischenzeit Erfolge und Enttäuschungen, und wir beide gereift und immer noch (vielleicht wieder) allein. Und der andere hätte für uns auf einmal ein ganz anderes Gewicht, neue Perspektiven, neue Sehnsüchte, früher so wichtiges ist jetzt egal. Und dann wäre es ganz einfach: Du und ich. Ganz klar. Auf einmal würde es passen. Und dann gäbe es eine Berührung, ein Gespräch, ein Kuss, lang gereift wie guter Wein und jetzt so köstlich wie es früher niemals möglich gewesen wäre.

Was wäre, wenn du einfach ein bisschen anders wärst und ich einfach ein bisschen anders wäre und die Situation einfach ein bisschen anders wäre und „du und ich“ auf einmal ganz echt und ganz richtig wäre?

Was wäre, wenn völlig egal ist, was dann wäre?

Ich sage: Hallo.

Ich sag dir Hallo im hier und jetzt, wo du bist, wie du bist, und ich bin, wie ich bin, und zwischen uns nicht mehr ist als das, was da nun mal ist. Ich sag dir Hallo, weil du ein echter Mensch bist und keine Gedankenspielfigur. Ich sag dir Hallo und freu mich so sehr, dass du da bist. Dass es dich gibt. So wie du bist. Einfach nur du.

Und ich sage Hallo, weil „Hallo“ ein Beginn ist. Der Beginn einer Begegnung. Der Beginn von dem „du und ich“, das real ist.

Du und ich.

Hallo!

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Ein Text aus der Reihe der mittelmäßg wahren Geschichten. Ähnlichkeiten lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Über das Verstanden werden

Teil 1: Ein Selbstgespräch

„Sina, du lügst.“

Ich bin dickköpfig. Ich sage nichts und schaue weiter irgendwohin.

„Du lügst. Dir geht es überhaupt nicht gut. Du hast nur kein Bock auf Erklärungen. Und du willst nicht jemand sein, der meckert. Deswegen redest du dir deine Probleme klein, bis es dir ‚gut‘ geht.“

Ich schweige weiter.

„Außerdem willst du vergessen, wie es dir geht. Abgelenkt werden. Es verdrängen.“

In meinem Kopf ist gleichzeitig Unruhe und absolute Stille. Gleichzeitig Verschluss sowie höchste Aufmerksamkeit. Mein Gesicht eine Maske.

„Vor allem aber hast du es satt, falsch verstanden zu werden.“

Ein Damm bricht und eine Träne fällt.

 

Teil 2: Eine Pfütze Selbstmitleid

Es ist so viel leichter, einfach zu sagen, es gehe mir gut. So viel leichter als der Versuch, zu erklären, was mir gerade so schwer fällt. So viele Schlachten habe ich schon geschlagen, nicht gegen den eigentlichen Gegner, sondern gegen meine Freunde.

Freunde, die nicht zuhören, sondern nach ein paar Momenten denken: „Das kenne ich!“ – und dann von sich reden, die ganze Zeit nur von sich, obwohl ihre Erfahrung überhaupt nicht meine ist.

Freunde, die nicht zuhören, sondern nach ein paar Momenten denken: „Dazu weiß ich was!“ – und mir Ratschläge geben, die ich nie haben wollte. Ratschläge, die ich doch schon lange kenne. Die mir deswegen nicht weiterhelfen, weil sie gar nicht zu meinem Problem passen.

Freunde, die zuhören, aber nicht verstehen können, weil es sie völlig überfordert, dass es mir schlecht geht – Sina, die immer so sicher wirkt, Sina, die doch immer so gut drauf ist. Freunde, die dann total hilflos sind und dann muss ich doch wieder die Starke sein.

Schlachten gegen meine Freunde darum, verstanden zu werden. Darum, mich mitzuteilen. Viel zu anstrengend.

Wie viel leichter ist es, einfach zu sagen, es gehe mir gut.

 

Teil 3: An dich

Ich habe einen Freund, der fragt: „Wie ist das eigentlich momentan so?“ und fragt weiter: „Und wie fühlt sich das an?“ Ich liebe das. Ich liebe das, weil er nicht meint, irgendetwas zu wissen, bevor er wirklich zugehört hat. Und ich liebe das, weil es ihn nicht überfordert. Weil er es ertragen kann, wenn es mir nicht gut geht. Manchmal vermisse ich ihn.

Manchmal wäre ich gerne wie er. Würde selbst gerne aufmerksamer zuhören können. Die Stille besser aushalten können. Mit dir zusammen einfach dein Leben ertragen können, ohne den Schmerz mit Geschichten von mir selbst oder Ratschlägen aus meinem ganz anderen Leben abwehren zu müssen. Aber da bin ich irgendwie noch nicht.

Und dann lügst du mich an, weil du es auch satt bist, falsch verstanden zu werden. Wir schlagen Schlachten gegeneinander und sehen nicht, dass wir auf der selben Seite stehen. Lügen uns an, weil wir so verletzt sind, und ich glaube, was ich eigentlich sagen will, ist:

Nein, ich verstehe dich nicht. Aber dass du verletzt bist und dich unverstanden fühlst, DAS verstehe ich. Bitte erzähl mir von dem Rest. Erzähl es mir wie einer Schülerin, der du beibringen musst, wie man fühlt. Erzähle es mir wie dem Alten, der schon alles gesehen hat, sodass man ihn mit nichts schonen muss. Erzähle es mir wie einem Tagebuch, das nichts weitererzählen und nichts zurückgeben kann als einfach nur deine Geschichte aufzuheben.

Und ich hör dir zu, bis ich verstehe.

Wer ich bin

Aus dem Malaysia-Archiv

Wer bin ich?,

frage ich mich, wenn alle meine Strategien fürs innere Gleichgewicht nicht mehr greifen, weil ich kein Klavier mehr zur Verfügung habe und ich nicht alleine in den Wald darf und ich keine laute Musik mehr anmachen kann und meine vertrauten Freunde ganz weit weg sind.

Wer bin ich?,

frage ich mich, wenn die ganze Annahme und Anerkennung und das Verständnis für mich und wer ich bin nicht mehr da ist, weil die Menschen mich hier nicht kennen oder mich gerade erst kennen lernen – zumindest die, die Interesse daran haben.

Wer bin ich?,

frage ich mich, wenn meine Art, auf Menschen zu und mit ihnen umzugehen, aus der Kultur heraus ganz anders gewertet wird und eine meiner größten Stärken, meine Worte, nicht mehr trägt, weil ich die Sprache nicht gut genug beherrsche.

Das bist du,

sagt mein Gott, der mich in all das hat hineingehen lassen, damit ich lerne, was ich alles nicht bin. Und alles, was nicht mehr funktioniert, nicht mehr trägt, ich nicht mehr bekomme, legt offen, was wirklich ist – schönes und hässliches – und mein Gott sagt: Das bist du, und jetzt gehen wir weiter.

Nicht ganz eine Liebesgeschichte

„Die beiden verdienen sich schon irgendwie gegenseitig, oder?“ – Mein Bruder

Sie:

Powerfrau. Gibt sich immer stark. Weiß immer, was sie will. Sie liebt das Geld und die Wirtschaft und ihren Vorteil daraus. Tiere findet sie viel spannender als Menschen. Andere Menschen versteht sie nicht. Oder nur sehr wenige. Die meisten sind für sie komisch und ein großes Rätsel, das es sich allerdings auch irgendwie nicht zu lösen lohnt. Sie ist ordentlich. Sehr sehr ordentlich. Ist jemand nicht ordentlich, regt sie das auf. Kommunikation? Höflich-distanziert. Manchmal so freundlich, dass es mir unmenschlich vorkommt, weil die Wärme fehlt. Gegenüber ist aus dem Raum? Die Wut kocht hoch. Wenn jemand ihre Regeln nicht einhält. Wenn jemand ihr zu nahe kommt. Wenn sie jemanden nicht versteht. Dann ist sie cholerisch und sagt Dinge viel krasser, als sie sie meint.

Er:

Gutaussehend, sportlich, nur selektiv nahbar. Ihn kennenlernen: Sehr schwierig. Spricht mit den meisten Menschen nicht. Warum, weiß nur er. Nicht so der Powertyp. Weiß nicht immer so ganz genau, was er will. Sich für etwas entscheiden und es durchziehen? Ihre große Stärke ist seine Schwäche. Ein Studium, das andere Studium, Ausbildung, und immer noch unterwegs. Ihre cholerischen Ausraster und Vernarrtheit in Tiere versinken bei ihm in stillen Wassern. Oft versteht er sie nicht. Dann guckt er mich mit einem Fragezeichen im Gesicht an. Wenn sie ihn nicht versteht, guckt sie ihr Handy an und geht ins Bett.

Sie weiß zwar oft nichts mit seinen Gedanken und Stimmungen anzufangen, aber sie hat einen Plan. Einen Plan im Kopf. Davon, wie ihr Leben weiter gehen wird. Wie es später aussehen wird. So, wie sie auch einen Plan davon hat, was wann wie geputzt werden muss und welches Geld wo landet und was ihre Aufgabe ist und wofür andere verantwortlich sind. Und er hat einen Platz in diesem Plan. Einen ganz festen. Sie weiß schon, wie er später in welcher Situation sein wird. Die Kinder, die Katzen. Wenn er in ihrer Nähe ist, ist sie aufgeregt. Das überdeckt sie mit einer Art professioneller Betriebsamkeit. Liebt sie ihn? Keine Ahnung, ob das Liebe ist. Wahrscheinlich ist es das Beste, was sie kann.

Er weiß nicht so genau, ob er das alles wirklich will. Sie. Diesen Plan. Seinen Platz in ihrem Plan. Schon jetzt richtet er sich irgendwie nicht danach. So funktioniert er eben nicht. Er sucht ihre Nähe – manchmal. Und dann auch wieder nicht. Ihre finanzielle Unabhängigkeit, sture Zielstrebigkeit – fühlt sich dem nicht gewachsen. So viel Gefühl verborgen in seinen stillen Wassern. Damit umgehen ist nicht leicht. Eine Entscheidung zu ihr treffen – irgendeine – ist ihm irgendwie unmöglich.

Nein, sie sind nicht zusammen. Keiner weiß so genau, wie das weitergehen wird. Ich habe aufgehört zu fragen. Alle haben aufgehört zu fragen. Sie zieht weg. Ihn sehe ich manchmal beim Inliner fahren. Letztens hat er mich sogar gegrüßt und es sah so aus, als würde er sich freuen, mich zu sehen.

Irgendwann in ein paar Jahren werde ich vielleicht mal nachforschen, wie es dann aussieht. Ob er sich doch für sie entschieden hat und damit vielleicht sogar glücklich ist oder ob beide dieses Kapitel abgeschlossen haben – ein Kapitel, das nicht ganz eine Liebesgeschichte geworden ist.