Dann boote es doch.

„Ich brauche bald mal ein neues Handy, weil -“

„Brauchst du nicht.“

Ich schaue meine Sitznachbarin irritiert an und weiß nicht, was ich sagen soll. Was allerdings kein Problem ist, denn sie weiß genau, was sie sagen will:

„Es dauert 4,2 Millionen Jahre, bis sich das Ding zerlegt.“

Ach ja, ich vergaß: Ich studiere ja Psychologie, einen Studiengang mit hoher Ökohipsterquote aus veganer, unverpackter Freilandhaltung. Eine Gruppe Menschen, die mich aus zwei Gründen sehr beeindruckt.

Der erste Grund ist, weil sie das alles hinkriegen. Ich bin froh, wenn ich es hinkriege, Klamotten in etwa so schnell nachzukaufen, wie sie kaputt gehen. Und wenn ich daran denke, Brot zu kaufen. Solche Sachen müssen die auch hinkriegen – und dann ja zusätzlich noch alles fair, regional, second hand, nachhaltig und „ohne Chemie“. Und Regenwälder und Pandas retten, auf Demos gehen und meditieren. Studieren und duschen und schlafen müssen sie vermutlich auch noch. Das können die alles. Und sehen dabei überflüssigerweise auch noch stylischer aus als ich.

Der zweite Grund: Der ermüdend unermüdliche Bekehrungswille.

Hat sie mir gerade als Gegenargument dafür, dass ich ein neues Handy kaufe, die Verfallszeit seiner Einzelteile genannt?

„Das hilft mir nichts, wenn das Betriebssystem von niemandem mehr unterstützt wird.“

„Dann boote das Handy doch.“

„Auch das hilft mir nichts, wenn das Betriebssystem von niemandem mehr unterstützt wird.“*

Manchmal will ich wirklich meine Informatiker-Freunde zurück.

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* Es sei denn, sie meint „rooten“ statt „booten“. Und es sei denn, ich wäre so ein Crack, dass ich es hinkriege, irgendwas sinnvolles auf ein altes Windows Phone zu spielen. Spoiler Alert: Bin ich nicht. Daran sind schon Größere gescheitert.

Juhuuu, mein Blogger-Ich wird acht!

Puh, Leute. Heute vor acht Jahren habe ich mit dem Bloggen begonnen. Da war ich 12. Jetzt bin ich 20 und denke darüber nach, was mich 8 Jahre Bloggen gelehrt haben.

  1. Ich werde nie den perfekten Text schreiben.
    Wenn ich nicht Texte veröffentliche, die Mängel haben, veröffentliche ich gar nichts. Es gehört Mut und Überwindung dazu, der Welt meine unperfekten Sachen zu zeigen. Ich mache mich damit verletzlich.
  2. Ich wiederhole mich.
    So schwer es auch ist, sich das einzugestehen – mich beschäftigen nunmal immer wieder dieselben Themen. Es sind immer wieder dieselben Stimmungen, die mich sagen lassen: Jetzt will ich schreiben. Und das führt dazu, dass sich die Texte ähneln. Ich denke, das ist okay, aber mein Ideal ist eigentlich ein anderes – was wieder zu Punkt eins führt.
  3. Ich werde nie wissen, wer alles meinen Blog liest – und wer nicht.
    Besonders im echten Leben geht es mir immer wieder so. Manchmal nehmen Freunde Bezug auf meinen Blog, bei denen ich nicht erwartet hätte, dass sie den verfolgen. Und auf einmal kommt die Erkenntnis: Diese Person hat viel mehr Einblick in mein Leben, als ich bisher angenommen habe. Das fühlt sich dann meistens etwas verrückt an. Aber meistens auch schön – welch eine Ehre, dass sie sich für mein Geschreibsel interessieren!
    Andersrum gibt es auch Leute, bei denen ich aus irgendeinem Grund dachte, dass sie meinen Blog sicherlich verfolgen, und stelle dann irgendwann fest, dass sie keine Ahnung haben. Auch das fühlt sich meistens irgendwie witzig an. Auf einmal bin ich anonymer und habe mehr Freiheit.
  4. Meine Leserschaft ist so aktiv wie ich.
    Wenn ich wenig schreibe, wenig veröffentliche, dann sinken die Klickzahlen und kein Mensch kommentiert. Wenn ich es mal schaffe, ne Regelmäßigkeit in mein Schreiben hineinzubekommen, dann wird auch alles andere mehr. Manchmal ärgere ich mich, wenn gerade wenig Interaktion passiert auf meinem Blog. Und dann fällt mir wieder ein, dass jede Interaktion mit mir anfangen muss.
    Übrigens: Merkwürdigerweise sind meine Freunde aus dem echten Leben auf meinem Blog am stillsten. Hey, Freunde: Was da los? Eure Kommentare bedeuten mir doch am meisten! :-)
  5. Es tut gut.
    Schreiben an sich tut schon so gut. Und dann ist es ein wunderbares Gefühl, einen Text zu veröffentlichen, mit dem ich zufrieden bin. Ich liebe es, Reaktionen auf Geschriebenes zu bekommen. Und mein Blog ist eine Schatztruhe an Erinnerungen. Wenn ich durch alte Texte scrolle, tauche ich ab in vergangene Zeiten.

Mein Blog bringt Freude in mein Leben. Ich hab ihn echt gern. Ich freu mich, dass ihr auch mit dabei seid!

Wo wir gerade dabei sind – wer seid ihr eigentlich? Wer bist du? Und seit wann ließt du hier mit? Sag mir doch mal hallo in den Kommentaren – ich würd mich freuen! :-)

Ganz liebe Grüße und besten Dank für (bis zu) acht Jahre mit euch!

Eure Sina

Du weißt, wo ich bin.

Ein Text, der langsam gelesen am schönsten ist.

Offene Hände sind leere Hände.

Meine Hände sind leer.

So viel, was sie nicht mehr halten können. Was mir entglitten ist. Was ich loslassen musste.

Jetzt bin ich allein.

Jetzt, wo ich so richtig allein bin, spüre ich beides: Die Leere, die alles hinterlassen hat. Und, dass du, Gott, noch da bist.
Dir strecke ich meine Hände hin. Von dir habe ich es genommen. Zu dir gebe ich es wieder zurück. Auch meine Trauer, meinen Schmerz. Du bekommst auch die verbrannte Erde. Wer bin ich, zu beurteilen, was richtig und was falsch war? Ob diese Zeit gut war oder schlecht? Wie es jetzt am besten weiter geht?

Ich habe offene, leere, blutende Hände.

Alles empfange ich von dir. Wer ich bin. Meine Vergangenheit. Meine Zukunft. Alles gut und schlecht, fruchtbar und trocken, allein und gemeinsam empfange ich von dir. Ich bin nicht die, die sagt, wer ich bin. Ich finde mich nicht selbst. Ich finde dich.

Und du weißt schon, wo ich bin.

Über eine unbeabsichtigte, wunderschöne Ermutigung

Letztens, da habe ich einen Menschen von früher wiedergetroffen und ihn ein wenig erlebt. Ich habe gestaunt. Ich habe gestaunt darüber, wie er sich entwickelt hat, wie er sowohl stärker als auch sanfter geworden ist und wie souverän er heute mit Situationen umgeht, die früher ein Problem gewesen wären. Ein Mensch, den ich früher schon mochte, und der jetzt noch schöner und attraktiver geworden ist. Ich habe gestaunt und mich gefragt:

Bin ich auch so?

Sehen andere mich und staunen auch?

Ist da etwas, auf das ich stolz sein kann? Gefällt es mir, wie die letzten Jahre mich verändert haben?

Es gibt Fragen, die sind wertvoller als ihre Antworten. Das hier sind solche Fragen für mich. Ich stelle sie nicht, um sie zu beantworten. Ich stelle sie, um aufmerksam zu bleiben. Damit ich so lebe, dass es sich gut anfühlt, zu zeigen, wer ich geworden bin.

Lieber Mensch, den ich wiedergetroffen habe: Danke. Danke dafür, dass du so wächst und immer schöner wirst. Ich weiß, das klingt komisch, aber damit machst du mir Mut. Damit spornst du mich an.

Anderer Kinder Eltern

„Was machst du eigentlich hier? Hast du nicht frei? Warum bist du nicht bei deiner Mama?“

Ich stelle vor: Die Art von Fragen, die mich sprachlos macht.

Hier gestellt von einer Frau in Mamas Alter mit Kindern in meinem Alter. Ich weiß, dass ihre Kinder in den Semesterferien auch nicht die ganze Zeit bei Mama auf dem Schoß sitzen, sondern lieber in der Weltgeschichte unterwegs sind.

„Warum sollte ich bei meiner Mama sein?“, frage ich also. Schön rein in die Wunde.

„Ach, wenn du in meinem Alter bist, wirst du mich verstehen.“

„Meine Mama ist da genauso entspannt wie ich.“ – Wenn nicht, sogar entspannter, füge ich in Gedanken hinzu. Sie ist nicht gerade die Kategorie Mutter, die ihre Küken am Nest fesselt. Eher die Kategorie, die ihre Küken hinaus schubst, sobald sie mit den Flügeln schlagen können. Und dann hinterher sieht, ob das mit dem Fliegen schon klappt. Hinterherspringen kann man immer noch.

„Ja, so hab ich früher auch gedacht. In deinem Alter hab ich das auch noch nicht verstanden.“

Weißt du, es gibt Kinder, die wollen nicht so werden wie ihre Eltern. Ich will vor allem nicht so werden wie anderer Kinder Eltern. Genetisch und psychologisch gesehen habe ich da ganz gute Chancen.

Freihändig

Auf dem Weg vom Arzt im Vorort zum Sportladen in der Stadt kaufe ich mir beim Bäcker eine Käse- und eine Laugenstange. Ich suche mir eine Bank und frühstücke in der Vormittagssonne. Es ist eine schöne Bank – hinter mir eine Weide, vor mir ein Feld und dahinter die Stadt. Hinter der Stadt die zwei Burgen und der Fernsehturm. „Guck mal, die Burgen“, ist ein Satz, den wohl jeder schon gehört hat, der hier mit mir spazieren war. Der Anblick dieser Burgen ist Heimat für mich geworden.

Ich habe Zeit. Endlich, endlich ist da nichts mehr, das ständig an meinen Gedanken und an meinen Gefühlen nagt. Nirgends eine Dringlichkeit, eine Not, ein Konflikt. Stattdessen Frieden. Ich bin frei. Innen drin und außen rum. Meine Seele kann auf Wanderschaft gehen. Sie geht auf Wanderschaft und fängt an zu spielen. Wenn ich frei bin, dann spiele ich. Mit dem Wind und den Bäumen und mit mir. Ich blödel rum und lache über mich selbst. Hoffentlich beobachtet mich keiner, denke ich. Und lache, weil mir das irgendwie auch egal wäre.

Ich fahre freihändig Fahrrad und strecke die Arme so hoch in den Himmel, wie ich kann. Zu Hause tanze ich zu Green Day durch die Küche und backe einen Kuchen, einfach so und nur für mich. Ich mache extra viel Schokolade rein und lecke die Schüssel aus.

Und zwischendurch: Erinnerungen. An diesen Sommer. Hochzeiten feiern mit alten Freunden. Neue Leidenschaft fürs wohlbekannte Sommerlager. Wie wunderbar es ist, versöhnt zu sein. Welcher Friede darin liegt, alles Gott zu geben und sich immer nur den nächsten kleinen Schritt von ihm leiten zu lassen. Wie gut, dass es nicht an mir hängt, alle Probleme zu lösen und Schwierigkeiten zu überwinden. Wie gut, dass mein Versagen kein Problem ist. Wie gut, dass Gott und Menschen mir vergeben. Wie gut, dass Gott alles in seine Hand nimmt.

Gott hat alles im Griff.
Und ich? Ich bin froh, dass ich nicht so viel nachdenken muss. Ich komme ja sowieso ganz schnell an meine Grenzen. Habe ja sowieso nicht richtig den Überblick. Gott kümmert sich. Ich darf spielen. Darf spielen mit dem Wind und den Bäumen, die er gemacht hat.

Ich muss los. Gleich piept der Wecker und dann hole ich einen Kuchen mit Extra-Schokolade aus dem Ofen.

Ein bisschen mehr Regenjacke

Ein bisschen dickeres Fell, ein bisschen mehr Knautschzone, ein bisschen mehr egal. Dass mir nicht so schnell kalt wird und nicht so schnell heiß, ich nicht so schnell Hunger habe und nicht so schnell Durst, dass mir nicht so schnell alles zu viel ist und nicht so schnell wieder zu wenig.

Dass es mir viel mehr egal ist, wenn du mich ärgern willst und die Schwachstelle triffst. Weiß ja, du meinst es nicht so. Du bräuchtest dann einen viel längeren Stachel, um mich zu verletzen. Müsstest so viel mehr Kraft aufbringen, um mich aus dem Gleichgewicht zu stoßen. Das würde dir dann nicht so schnell aus Versehen passieren.

Ein bisschen mehr Platz zwischen meiner Haut und meinen Gefühlen. Dass ich Platz habe, einen Schritt zurück zu treten, wenn du einen Schritt zu weit gehst. Dass du dann nicht direkt auf mich triffst, sondern erst mal auf mein Achselzucken.

Wenn ich mich umdrehe und weggehe, dann will ich, dass alles, was hinter mir ist, hinter mir bleibt. Würde gerne mein Klettverschlussfell, in dem sich alles verfängt und das zu reinigen immer so mühselig ist, eintauschen gegen eine Regenjacke. Einmal drüberwischen und fertig. Dann müsste ich mich auch nicht so in Acht nehmen vor all dem Dreck und Staub dieser Welt. All dem Dreck und Staub, den Menschen mit sich bringen, den auch Freunde mit sich bringen. Alles nicht so schlimm. „Wir haben ja ne Waschmaschine.“

Und dann fährst du mit deinem sanften Finger federleicht über meinen Arm. Ein vorsichtiger Blick aus braunen Augen und eine Facette Zärtlichkeit mehr in deiner Stimme erzählen ihre eigene Geschichte. Ich weiß, ich spüre dich und diese Geschichte nur so stark, weil in mir nicht ein bisschen mehr egal, ein bisschen mehr Platz, ein bisschen dickeres Fell ist. Ich weiß, ich kann nur deswegen so sanft und einfühlsam antworten, weil meine Haut so dünn ist.

Ich verspreche dir, ich werde weiterüben, bis ich das Unmögliche beherrsche: Dickeres Fell und doch genauso nah. Bis es so weit ist, bist du geduldig mit mir. Liebst mich genauso. Danke dafür.