Ich, meine Angst und der Beginn einer Liebe

Das ist der Punkt, den mir keiner glaubt: Ich bin ängstlich. Nicht in den Momenten, in denen die meisten mich sehen. Ich fürchte mich nicht vor der Bühne, vor Spinnen, vor merkwürdigen Menschen. Alles, wozu ich eine gewisse Distanz bewahren kann, das macht mir keine Angst. Da bin ich mutig. Ich bleibe bei mir und die Leute denken, ich sei so unabhängig, so selbstbewusst, vielleicht sogar unangreifbar. Und es ist ja nicht mal gelogen. In solchen Momenten bin ich das ja oft wirklich.

Aber es gibt ja noch andere Momente. Nahe Momente. Und da sieht das ganz anders aus.

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Und dann ist etwas passiert.

Es sind die besonderen Dinge, die es so schwer machen.

Sie hatten sich darauf vorbereitet, eins zu werden. Ein Ring an ihrem Finger, ein Datum im Kalender, die Karten verteilt. Sie sind das Paar, das alles besonders macht. Ihre Urlaube, der Antrag, die Feier. Sie sind das Paar, von dem man erzählt, weil sie Geschichten schreiben. Weil sie witzig sind und besonders.

Und dann ist etwas passiert. Es ist schwierig zu sagen, was eigentlich. Wenn man sie fragt, können sie lange reden und sind doch sprachlos. Haben tausend Gedanken und Gründe, aber keine Antworten. Manchmal ist es etwas Kleines, und dann sieht man das Fremde im anderen. Das Fremde, das schon die ganze Zeit da war, aber das man nicht gut erkennen konnte. Das Fremde, das einen zurückweichen lässt. Wer bist du? Bist du derselbe? Habe ich mich in dir getäuscht? Manchmal, da ist es zu schwer, sich diesem neuen Teil des anderen vorzustellen, sich mit ihm anzufreunden, es als Teil des anderen anzunehmen, als Teil des eigenen Lebens. Manchmal ist es zu schwer, es zu erfassen. Manchmal fühlt es sich zu sehr nach Täuschung und Lüge an.

Und dann ist es das Besondere, das einem nachgeht und einen verfolgt. Sein ganz besonderer Antrag – hat er denn nichts bedeutet? All diese besonderen Pläne – was ist damit passiert? War es nicht gerade das Besondere, das ihnen so eine Sicherheit gegeben hat, dass es das Richtige ist? Wie könnten so schöne Geschichten lügen? Die Art von Geschichten, über die doch alle staunen und die alle begehren?

Und doch ist es jetzt vorbei. Er fühlt sich, als wäre er aus einem fahrenden, sicheren, warmen Zug gefallen, und jetzt liegt er in der eingeschneiten Einöde, frierend und orientierungslos, unsicher, ob das Ziel, zu dem er ursprünglich wollte, überhaupt noch existiert. Er atmet Schnee ein, der Brustkorb wie zugeschnürt. Warum ist er jetzt allein? Wie ist es möglich, sich so allein zu fühlen?

Das braucht jetzt Zeit. Das braucht jetzt richtig viel Zeit und Energie, all diese Emotionen zu fühlen und all diese Gedanken zu denken und all diese Schritte zu gehen, bis es irgendwann, irgendwann wieder okay ist.

Und dann irgendwann, wenn es schon eine Zeit lang wieder okay ist, wenn er einen neuen Weg gefunden hat, wenn da neue Ziele und neue Menschen sind, dann irgendwann macht es vielleicht Sinn. Aber auch, wenn nicht, ist es dann Vergangenheit.

Ist es nicht manchmal tröstlich, wie diese Gegenwart bald Vergangenheit sein wird?

Offenbar keine sozialen Medien.

Nichts originelles, einfach nur meine Erfahrungen aus den letzten Wochen und Monaten.

Seit einigen Monaten beobachte ich mich dabei, wie ich die sozialen Medien nach und nach verlasse. Es ist faszinierend, zu sehen, wie ich seit Januar kontinuierlich an dem Thema dran bin, ohne mich je bewusst dafür entschieden zu haben. Ich merke, dass ich eigentlich viele Dinge im Leben nicht bewusst angehe, sondern es mich einfach irgendwo hinzieht. Ich fühle mich dann selbst mehr wie ein Beobachter als wie der Protagonist. Das ist gar nicht schlecht. Manchmal weiß mein Gefühl besser Bescheid als mein Kopf.

Natürlich ist das Thema „soziale Medien“ und „Onlineleben“ für mich nichts Neues gewesen, das ist es für keinen von uns. So gut wie jeder hat damit schon gerungen, hat sich Meinungen gebildet, sie verändert, sich Vorsätze gemacht, sie gebrochen, manches vielleicht durchgezogen. Wir sitzen da alle im selben Boot. In der Vergangenheit habe ich immer wieder mal Medien gefastet, hab mal sechs Wochen, mal drei Tage, manchmal auch nur auf eine der Plattformen… Das war immer gut, manchmal aber auch ziemlich unpraktisch.

Im Januar habe ich zu allererst eine Plattform verlassen, auf der ich noch gar nicht lang war.

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Ich habe alles verlernt.

So kommt es mir manchmal vor.

Ich habe alles verlernt, was ich früher konnte, was mir so wichtig war. Ich konnte direkt aus meinem Herz heraus schreiben. Ich konnte direkt aus meinem Herz heraus malen. Ich konnte Menschen berühren, konnte Dinge in Worte fassen, die andere schwer zu greifen fanden. Und jetzt? Jetzt fällt es mir so schwer zu schreiben. Ich weiß nicht, was ich malen soll. Ich kaue nur Worte Fremder wider.

Dafür weiß ich jetzt, wie man politisch korrekt zitiert.

Vielleicht liegt etwas besonderes darin, Teenager zu sein. Ein Schatz, den wir als Gesellschaft völlig übersehen. Denn Teenager – so sehr sie auch zum Pathos neigen, so sehr sie sich auch für was viel Besseres halten – sie lernen so viele Dinge über die Gesellschaft und das Leben zum ersten Mal, und vieles davon lernen sie schnell und lernen sie bewusst. Sie werden vom Kind zum Erwachsenen, gehen von der einen zur anderen Denkart, und haben in diesem Stadium eine beeindruckende Schärfe in ihrem Blick auf alles, was Erwachsene angeht. Als Teenager konnte ich mit großer Klarheit und Tiefgründigkeit über Themen schreiben, über die ich heute gar nicht mehr nachdenke. Über so einfache, grundlegende Themen. Jetzt sehe ich so viel als gegeben an.

Allerdings habe ich auch viel Schrott geschrieben, bei dem sich mir heute die inneren Organe zusammenziehen. Boah, scheine ich mich für etwas unglaublich besonderes gehalten zu haben. Eieiei.

Mir ist schon klar, dass dieses „Ich habe alles verlernt“ ein normales Stadium eines jeden kreativen Menschen ist. Man kriegt gerade nichts zustande, schaut zurück auf vergangene Meisterwerke und fragt sich, ob man jemals wieder sowas Gutes hinkriegt.

Und doch frage ich mich, ob nicht auch eine Wahrheit darin verborgen liegt. Ob es nicht doch ein paar Dinge gibt, die in der Lebensphase Teenager besonders gut gehen, und die ich wirklich ein Stück weit verlernt habe. Und ob wir so als Gesellschaft Teenagern nicht unrecht tun. Ob Teenager nicht eigentlich ziemlich viel zu sagen haben und wir gut daran täten, über Arroganz und Melodramatik hinwegzusehen und

zuzuhören.

Tod durch Herzversagen

Diesen Text habe ich geschrieben, als ich 17 Jahre alt war. Er ist irgendwie von einer ganz anderen Sina, als die, die es heute gibt. Als ich den Text in meinen Entwürfen wiedergefunden habe, fand ich, die Sina von damals hatte etwas zu sagen. Deswegen jetzt, mit sechs Jahren Verspätung, der Text „Tod durch Herzversagen“.

Irgendwann vor Monaten bin ich in irgendeinem medizinischen Kontext auf die Formulierung „Tod durch Herzversagen“ gestoßen und war völlig fasziniert von dem, was da noch alles so drin steht – außer, dass das Organ Herz seine Funktion aufgibt und der zugehörige Mensch infolgedessen auch. Ich habe mir die Formulierung aufgeschrieben und an die Pinnwand gehängt, um später nochmal darüber nachzudenken. Nicht gerade der üblichste Spruch für eine Pinnwand, aber seit wann ist bei mir irgendwas üblich?

Herzversagen.

Ich konnte nicht weinen.

Wirklich. Ich habe jahrelang nicht geweint. Warum? Ich war eine von den Harten und ich wollte nicht schwach sein. Wollte mein Herz seinem Leid Ausdruck verleihen und verbündete sich zu diesem Zweck mit den Tränendrüsen, verurteilte ich es, unterdrückte es, schämte mich dafür. Ich konnte sehr rücksichtslos und ungnädig mit mir selbst sein und mauerte mein Herz ein, trainierte es auf Härte und Schweigen und darauf, Schmerz zu ignorieren. Ich wollte nicht einknicken. Mir nichts gefallen lassen. Nicht zimperlich sein. Ich war wild, und zu wild gehört hart.

Versteinerung könnte man es auch nennen. Wo früher ein feinfühliges, empfindsames Organ war, blieb so etwas wie ein Fossil.

Tod durch Herzversagen. Innerlich tot.

Wobei – ganz stimmt das nicht. Unter dem Stein lebte mein Herz natürlich weiter. Sonst könnte ich heute wohl nicht so bloggen, wie ich es tue. Ich war noch lebendig, aber es war eine Form von lebendig, zu der ich nicht zurück will. Eingeengt von einem selbstgebauten Steingefängnis gedeiht ein Herz nicht gut.

Ich habe seitdem viel gelernt.

Zum Beispiel, dass Härte keine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Was ursprünglich als Verteidigungsstrategie gegen Familienmitglieder und Klassenkameraden gedacht war, hat mich mehr zerstört als geschützt. Mit dem langsamen Loslassen dieses Ideals bröckeln die Mauern schon beträchtlich. Die ganze Entwicklung dreht sich in dem Moment dieser inneren Erkenntnis um – jetzt wird der Stein langsam abgebaut.

Ich habe auch gelernt, wie gut Weinen tut. Früher war Weinen für mich ein Zeichen meines Versagens. Jetzt ist es immer ein heimliches Erfolgserlebnis für mich. Ich weine immer noch nicht oft, aber immer wieder mal, und jedes Mal freue ich mich ein klein wenig daran, dass ich das nun wieder kann. Schwäche ist für mich jetzt etwas völlig anderes als Versagen. Warum sollte ich immer stark sein? Ich brauche ja schließlich keinem etwas beweisen. Also gebe ich meiner Seele den Raum, ihren Schmerz herauszuschreien, denn nur an der Oberfläche kann er verheilen. Und wenn dann jemand meine Tränen sieht und mich in den Arm nimmt, ist das wie Balsam.

Da ist ja auch Schönheit drin. Wenn ich in meiner Empfindsamkeit immer wieder bei Tränen ankomme, dann spiegelt das doch auch eine innere Schönheit wieder. Die Ehrlichkeit und die Offenheit, die in Tränen liegt, ist etwas wunderschönes. Kein Schön, dass man absichtlich immer wieder inszeniert, aber ein Schön, durch das man den Mensch dahinter in den Arm nehmen und lieben kann.

Wild bin ich immer noch irgendwie. Aber wild und hart sind völlig unabhängig voneinander. Zu Wildheit gehört gut und gerne auch, mal bitterlich über etwas weinen zu können.

Tod durch Herzversagen – noch lange nicht. Wird auch nicht kommen. Denn ich achte auf mein Herz, und solange ich es spüren kann, ihm Raum zum sprechen gebe und dafür sorge, dass es immer wieder guten Boden zum gedeihen findet, ist es lebendig.

Ode an das langweilige Leben

Dies ist meine Ode, meine Hymne, mein Lobgesang auf all das wunderbar Langweilige im Leben.

Meine Ode daran, nicht frisch verliebt zu sein. Oh, wie kann man es nur genießen, ein vernebeltes Hirn und eine nervöse Seele zu haben? Wie kann man es nur mögen, wenn ein Mensch, dem man doch noch gar nicht so vertraut ist, solche Macht über einen hat? Wie viel schöner ist es doch, im Geist frei und mit der Seele präsent zu sein und die kleinen Dinge im Leben genießen zu können. Es ist schön, sich tagsüber konzentrieren und nachts schlafen zu können. Für all dies gebe ich die knisternde Spannung, die Schmetterlinge im Bauch und die magischen Momente liebend gerne auf. Zu anstrengend, zu unsicher, zu wenig Kontrolle darüber. Zu wenig Energie übrig für alles andere.

Meine Ode daran, zu Hause zu sein und einfach mal nicht zu reisen. Wissen, wo alles ist. Alles da haben, was man braucht. Sich zurechtfinden. Vertraut sein mit seiner Umgebung. Wege parat haben, mit denen man auftretende Probleme lösen kann. Sprache und Umgangsformen beherrschen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Die besten Läden, Restaurants und Spazierwege kennen. Seine Leute in der Nähe haben. In selbst eingerichteten vier Wänden sein. Das Klima kennen. Wissen, was einem schmeckt. Es ist so schön, wenn die Dinge so funktionieren, wie ich es kenne und vorhersehen kann. Das macht es locker, macht es leicht.

Meine Ode an die Routine. Oh, Routine und Alltag ist alles für einen Menschen wie mich. Routine hält mich im Gleichgewicht. Routine sorgt dafür, dass ich genug esse, genug schlafe, mich genug bewege und nicht stinke. Routine macht, dass ich aus Löchern wieder rauskomme und in andere gar nicht erst falle. Routine, das bedeutet, dass ich Pläne machen kann, die funktionieren. Routine und Alltag heißt, dass ich tun kann, ohne allzu viel nachzudenken, und oh, was für eine wundervolle Freiheit gibt das meinen Gedanken! Dann bin ich kreativ, empathisch, bei mir selbst. Dann habe ich Kraft für all die Dinge, für die ich Kraft haben will.

Meine Ode daran, beruflich einen geraden Weg zu gehen. Vielleicht manchmal langsam oder holpernd, aber in eine bestimmte Richtung unterwegs zu sein. Wie wunderbar ist es, dass ich mein Ziel abstecken kann und im Großen und Ganzen weiß, wo ich hinwill! Nein, nichts zieht mich in die Zeit zurück, wo ich mir unsicher war, was es werden soll. Wo gefühlt alles möglich war und umschauen und ausprobieren dran war. Ich will keine tausend Möglichkeiten. Ich will eine einzige, die mir gefällt.

Meine Ode an dieselben fünf Freunde, die ich zu meinen engen Vertrauten zähle, und an die weiteren zehn, mit denen ich ab und zu Kontakt habe. Wie schön, Menschen zu haben, denen ich nicht mehr viel erklären muss, sondern die einfach Bescheid wissen. Bei denen ich weiß, wie sie ticken, und die wissen, wie ich ticke. Mit denen ich schon lange bestimmte Themen habe oder bestimmte Interessen teile. Die vertraut sind. Denen ich nichts beweisen muss. Die ich nicht mehr schocken kann. Die mich bereits so angenommen haben, wie ich bin.

Im Großen und Ganzen ist dies meine Ode an die Vertrautheit. An die Sicherheit. An das Alte.

Und daran, so vieles nicht zu müssen. Mich nicht auf etwas Neues einlassen zu müssen. Keine Veränderung durchmachen zu müssen. Mich mancher Herausforderung nicht stellen zu müssen. Keine Entscheidungen treffen zu müssen. Keine Abenteuer erleben zu müssen.

Oh, es ist so wundervoll, gerade mal keine Abenteuer erleben zu müssen!

Dies ist meine Ode an das langweilige Leben. Wie gut, dass es das langweilige Leben gibt. Es gibt meiner Seele Boden, auf dem sie gedeihen kann. Es verwurzelt mein Sein und gibt mir Halt. Es erdet mich und gibt meinem Inneren Freiheit. Es bringt mich nach all den Abenteuern wieder ins Gleichgewicht. Ich liebe das langweilige Leben. Hoffentlich darf ich hier ein bisschen bleiben.

Kleiner Ratgeber zu den Schattenseiten der Hochsensibilität

Du bist also hochsensibel. Und jetzt mal ganz ungeachtet der Frage, ob es Hochsensibilität überhaupt gibt – ich auch! Und mit uns ganz viele andere. Es hat seine Vorteile, so reizoffen zu sein. Wir sind einfühlsam, denken viel mit und wissen, was um uns herum passiert. Ich bin gerne hochsensibel! Es hat aber auch Schattenseiten. Ich will davon erzählen, was ich im Umgang mit diesen Schattenseiten gelernt habe. Könnte sein, dass manches davon für alle Menschen hilfreich ist. Und könnte sein, dass manches davon nur meine eigene Erfahrung ist und vielleicht nicht so allgemein gültig, wie ich das denke. Let me know.

1.) Zum Thema laut und hell und voll.

Ich glaube, das ist das Kernthema. Alles andere folgt daraus: Wir nehmen mehr Reize auf. Filtern weniger. Das führt dazu, dass es uns schneller zu laut ist als anderen. Schneller zu hell. Schneller zu irgendwas. „Abhärten“ bringt da übrigens gar nichts. Das ist wie der Touchscreen eines Smartphones. Den kannst du auch nicht abhärten. Der geht höchstens irgendwann kaputt. Und kaputt gehen willst du ja nicht, oder? – Mein Punkt ist: Strategien entwickeln.

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