Hinter der Ziellinie

So.

Ich bin inzwischen quasi fertig mit meinem Bachelor in Psychologie. Es fehlen noch ein paar Kleinigkeiten hier und da, aber das ist ein entspannter Sonntagsspaziergang im Vergleich zu dem Marathon, der hinter mir liegt. Es war hart. Ich musste diesem Studium eine sehr hohe Priorität einräumen, um die Noten zu schreiben, die ich geschrieben habe. Ich brauchte diese Noten, denn im Psychologiebachelor gilt: Kein gutes Abschlusszeugnis – kein Masterplatz. Kein Masterplatz – kaum eine Zukunft im Berufsfeld Psychologie. Ich wollte nicht nur ein ausreichend gutes Zeugnis, um irgendwo in Deutschland einen Masterplatz zu bekommen. Ich wollte hier einen Masterplatz bekommen. Dementsprechend hart habe ich gearbeitet.

Und hey, ich habe es geschafft.

Jetzt liegt ein Jahr Leere vor mir. Der Master steht erst nächstes Jahr an. Das entstand aus ein paar unglücklichen Umständen, auf die ich keinen Einfluss hatte. Oder sind es wirklich unglückliche Umstände? Eigentlich bin ich sehr froh, diese Zeit zu haben.

Am meisten freue ich mich darauf, nichts erreichen zu müssen. Ich kann in diesem Jahr 12 Projekte anfangen, keines beenden, und es ist überhaupt nicht schlimm. Meine Zukunft hängt nicht davon ab, was ich momentan tue. Das ist unglaublich befreiend. Und mir sehr wichtig. Momentan ist Lebensqualität für mich, nicht produktiv sein zu müssen und nicht an meinen Leistungen gemessen zu werden.

Ich lerne mich neu kennen in dieser Zeit. Die erste große Erkenntnis ist, dass die veränderten Umstände gar nicht so große Auswirkungen auf mich haben wie ich erwartet hatte. Lange habe ich viele Treffen mit Freunden nicht entstehen lassen, weil ich keine Zeit hatte und mich auf die Uni fokussiert habe. Und das war auch richtig und ehrlich so. Jetzt stelle ich fest – auch wenn ich die Zeit habe, ich will gar nicht. Ich bin so viel lieber zu Hause und habe meine Ruhe.

In gewisser Hinsicht hat dieses Jahr bereits vor zwei Monaten angefangen, andererseits geht es gerade erst los. Die neuen Masterstudenten haben momentan ihre Ersti-Wochen. Für die geht es jetzt weiter. Ich bleibe jetzt erst mal hier.

Ich freu mich drauf.

Nein, ich will nicht reisen

„Und was machst du jetzt mit deiner freien Zeit? Willst du reisen? Ich würde reisen!“

Der begeisterte, erwartungsvolle Blick in ihren Augen verwirrt mich etwas.

„Nee“, sage ich, unfähig, das gerade auszuführen. Reisen, das war so sehr keine Option für dieses Jahr, dass ich nicht einmal darüber nachgedacht habe.

„Warum nicht?“

Tja. Warum nicht? Weil ich ehrlich gesagt froh bin, wenn ich einfach mal zu Hause sein kann. Weil ich zu Hause liebe. Zu Hause sein und nur zu lernen und zu arbeiten, das ist etwas ganz anderes als zu Hause sein und frei zu haben. Und das hatte ich so lang nicht mehr! Warum sollte ich jetzt wegfahren und das verpassen wollen?

Wieso wird eigentlich von so vielen Menschen davon ausgegangen, dass Reisen für jedermann ist? Wieso ist das momentan so eine unverhältnismäßig populäre Leidenschaft, dass Menschen mir gegenüber davon ausgehen, dass ich sie teile? Dass ich begründen muss, wenn ich sie nicht teile? Das muss bei so ziemlich allen anderen Hobbys doch auch niemand.

Aber hey, ich sag euch, warum ich diese Leidenschaft für´s Reisen nicht teile.

Reisen, das bedeutet, an einem Ort zu sein, den ich nicht kenne. Das wiederum bedeutet, dass ich mich ständig zurecht finden muss. Die kleinsten Fragen – wie funktioniert hier der öffentliche Nahverkehr, ich brauche eine Apotheke, ist es hier kulturell akzeptabel wenn ich im Restaurant um Salz bitte – benötigen Zeit, Energie, Nerven. Klar, das ist auch das Abenteuer daran, und ganz selten finde ich das auch mal cool.  Aber hungrig zu sein, weil das fremde Essen, dass ich mir entweder aus Neugier oder mangels Alternativen besorgt habe, echt eklig schmeckt, ist beschissen. Und wie schön ist es bitte, genau zu wissen, wo es die beste Pizza gibt, den kürzesten Weg von dort zur nächsten Apotheke zu kennen und nicht mein Handy zu brauchen, um zu wissen, wann der nächste Bus fährt? Für mich bedeutet das ganz viel Freiheit. Diese Freiheit kann ich nutzen für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Ich kann zur Ruhe kommen, malen, schreiben, lange Wandertouren machen… und mich danach in mein eigenes Bett kuscheln.

Und jaja, neue Kulturen kennen lernen und so. Aber wisst ihr eigentlich, dass ihr das auch nicht tut? Als ich acht Monate in Malaysia gewohnt habe, habe ich quasi nur mit Einheimischen zu tun gehabt und deren Alltag und Lebensweise mitbekommen. Und trotzdem würde ich sagen, ich kenne die Kultur dort nicht wirklich. Die vollen acht Monate lang waren ein Kreislauf von „Hä, verstehe ich nicht“ zu „Ah, jetzt hab ich´s!“ und wieder zurück zu „Nee, hab´s doch noch nicht verstanden“. Zudem könnte ich dreißig Jahre dort leben und wüsste immer noch nicht, wie Malaysia ist, wenn man zufällig keine rothaarige, weiße, im Vergleich mit den Asiaten große Frau ist, die die Welt durch ihre deutsche Brille sieht. Also ein Urlaub? Rumreisen? Und dabei Kulturen kennen lernen? Vergiss es. Was du danach kennst, ist eine Disney-Touristen-Version. Das ist wie der eine Malaysier, der zu mir meinte: „Germany? Yeah, I’ve been to Germany! You have Autobahn and Oktoberfest! Your beer is cheaper than water. Your cars are so fast! And it’s like a fridge outside. I love your country!“ Fühlt man sich da als Deutsche nicht komplett in seiner Kultur erfasst und verstanden?

Zugegeben, was mich interessiert, sind die Sportarten, die ich zu Hause nicht so tun kann: Segeln, Tauchen, Surfen, Bergsteigen und so weiter. Aber mich an meinem Maltisch austoben, auf meinem Klavier spielen und in meiner eigenen Küche kochen eben auch. Was mich auch reizt, sind andere Landschaften und Umgebungen. Meine Zeit in Südostasien hat mich jedoch gelehrt, dass ich dafür nicht weit fahren muss. Tropenstrände habe ich kennengelernt als pisswarmes Badewannenwasser mit einem tödlichen Laser als Sonne und mit konstantem Ärger mit respektlosen, hinterhältigen Affen. Dschungel sieht aus wie ein hübscher, alter, deutscher Wald, der irgendwie höher gewachsen ist und auf den dann ein riesiges Monster grünes Dickicht draufgekotzt hat. Und ja, ich konnte das auch wertschätzen und hatte da auch gute Zeiten, aber dafür steige ich nicht mehr in ein Flugzeug. Nordsee, Alpen und Vogelsberg for the win!

Also nein, ich will nicht reisen, nur um zu reisen. Meinen Bruder in Cambodia besuchen, das war cool. Mit meinem Mann einen Roadtrip an die Nordsee machen, immer wieder gerne. Mit Freunden in das Ferienhaus ihrer Familie an die felsige Küste Spaniens fahren und dort wandern gehen – hätte ich gemacht, wäre nicht so ein gewisse Krankheit dazwischen gekommen. Aber dazwischen bin ich leidenschaftlich und von ganzem Herzen gerne zu Hause, ohne, dass es mich irgendwo anders hinzieht. Für mich ist Reisen wie Chilli – ohne schmeckt das Essen gut, mit besser, und wenn es zu viel wird, ist das Essen ungenießbar. Und es ist schnell zu viel.

An alle, die das anders sehen: Was genau ist es am Reisen, das ihr so liebt? Was gibt euch das?

Nicht das Opfer

Vor drei Jahren besuchte mich eine Freundin aus einem fernen Land. Sie hatte lange auf diese Reise gespart und staunte über den ganzen Luxus Deutschlands. Beim Abschied mogelte sie mir unbemerkt 100€ unter – sowohl für mich als auch für sie damals eine riesige Summe Geld. Ich hatte keine Möglichkeit, es ihr zurückzugeben. Ich habe mich furchtbar gefühlt. Ich wollte dieses Geld nicht. Ich brauchte es ja auch nicht. Sie dagegen hätte gut Verwendung dafür gehabt. Sie musste so lang für 100€ arbeiten, viel länger als irgendjemand in Deutschland. Das Geschenk war einfach zu groß.

Als ich mich über diese Situation lang und breit bei meiner Tante beschwerte und sie irgendwann genug hatte, sagte sie zu mir: „Du lässt dich gerade zum Opfer machen. Deine Freundin wollte, dass du das Geld hast. Für sie ist die Welt in Ordnung. Dein einziges Problem ist, dass du mit ihrer Entscheidung über ihr eigenes Geld nicht einverstanden bist.“ Damals hat mich diese Aussage sehr wütend gemacht. Heute rettet sie mir so manchen Tag.

Ich lasse mich nicht mehr zum Opfer der Entscheidungen anderer machen, wenn ich es irgendwie verhindern kann. Natürlich hat das Grenzen. Aber wenn mir heute jemand ein zu großes Geschenk geben will, dann nehme ich es einfach an. Offensichtlich ist diese Person mit ihrer Entscheidung glücklich. Warum sollte sie mit ihrer Entscheidung, was sie weggibt, Macht über meinen inneren Frieden haben?

Als ein betrunkener Freund eine absurde Menge Hautcreme kaufte und mir davon etwas aufdrängte, um sie loszuwerden, schmiss ich sie zu Hause weg. Ich mag diese Creme überhaupt nicht. Warum sollte er in einem betrunkenen Moment darüber entscheiden dürfen, ob ich meine Lieblingscreme verwende oder nicht?

Wenn mir die Verwandte sagt, wie traurig sie es findet, dass ich nicht mit zum Familientreffen in das stets laute, stickige Restaurant komme, das sie so liebt und mir immer nur Bauchschmerzen macht, dann akzeptiere ich ihre Traurigkeit und komme das nächste Mal mit einem Topf Gulasch zu ihr nach Hause. Warum sollten ihre Gefühle entscheiden dürfen, ob ich hingehe und Bauchschmerzen bekomme? Und warum sollten ihre Restaurantvorlieben entscheiden dürfen, wie häufig ich sie sehe?

Und als die großen Diskussionen aufkamen, ob es in diesem Land wirklich mit rechten Dingen zugeht, fragte ich mich, was mir wirklich wichtig ist. Es ist mir wichtig, hier ein Licht zu sein – für meinen Mann, meine Freunde, meine Familie. Es ist mir wichtig, auf meine Gesundheit zu achten, psychisch und physisch. Und es ist mir wichtig, in der Uni voran zu kommen. Ich entschied mich, dass keine Diskussion mit keiner Person, die ich kenne, auf Kosten dieser Dinge gehen wird. Warum sollten die Meinungen anderer oder die großen, komplizierten Fragen mir etwas von der Zeit, Aufmerksamkeit und Energie für die wichtigen Dinge nehmen dürfen? Sie dürfen es nur, wenn ich mich zum Opfer machen lasse und nicht Nein sage.

Aber ich sage Nein. Ich bin nicht das Opfer. Ich weiß, was ich will. Ich treffe die Entscheidungen selbst.

„Ich werde darüber nachdenken. Vielleicht finde ich dadurch mehr Gelassenheit“, schrieb mir heute eine Freundin, als es um dieses Thema ging. Erst da ist es mir aufgefallen: Wie sehr ich dieses „Nicht das Opfer“ inzwischen verinnerlicht habe. Und wie viel Gelassenheit es mir gebracht hat. Erst da ist mir aufgefallen, dass diese Aussage meiner Tante, die mich zunächst so wütend gemacht hat, jetzt so viel Frieden für mich bedeutet.

Meiner Tante kann ich das leider nicht mehr erzählen. Deswegen erzähle ich es euch. Vielleicht kann ja jemand diese Worte gebrauchen.

War sein Geld wert

Hallo liebe Menschen,

ich würde gerne mit euch die Produkte teilen, die mein Leben so richtig besser machen. Also nicht alle, sondern nur die, die der ein oder andere vielleicht von allein nicht auf dem Schirm hat. Ich glaube, das wäre ein sehr langweiliger Artikel, wenn ich euch begeistert von Waschmaschinen oder Wärmflaschen erzählen würde. Let’s go! (Keine besondere Sortierung, nicht gesponsert.)

Konzert-Ohrenstöpsel
Und zwar nicht nur bei Konzerten, sondern immer, wenn mir danach ist. Wenn ich länger an großen Straßen entlanglaufen muss, wenn im Hörsaal die Akustik zu schlecht gelöst ist oder wenn ich Zug fahre. Mein Gehör ist empfindlich und ich genieße es, wenns ruhig ist. Trotzdem will ich noch alles wichtige mitbekommen. Konzert-Ohrenstöpsel sind eine sehr einfache und angenehme Lösung. Meine sind Alpine Party Plugs (Pro?). Das Material, das sie nutzen, finde ich am angenehmsten im Ohr.

Thermo-Sitzkissen
Das verwende ich vor allem auf den Holzstühlen in der Uni. Es ist leicht, dünn und kann eigentlich nichts, außer eben den Po warm halten. Und das sehr gut. Macht mir viele Vorlesungen gemütlicher. Meins gabs mal bei Aldi.

Menstruationstasse
Ich staune immer wieder, dass es Frauen in Deutschland gibt, die Menstruationstassen (oder einfach Cups) nicht kennen. Mit einem Cup spart man viel Geld und steckt nicht in Schwierigkeiten, wenn Sonntagmorgens die Tampons oder Binden alle sind. Ich kombiniere meinen an Wasserfall-Tagen noch mit einer Binde oder Slipeinlage, aber da reicht dann auch eine für den ganzen Tag. Einfach, günstig und nachhaltig. Keine Ahnung, von welcher Firma meiner ist. Hab nur noch den Cup, und da stehts nicht drauf.

Trackle
Okay, das braucht jetzt ein paar Sätze Erklärung. Es geht um natürliche Verhütung. Der Vorteil von natürlicher Verhütung ist, dass man seinem Körper nichts zuführt, was unerwünschte Nebenwirkungen produzieren kann. Der Nachteil ist, dass die Zuverlässigkeit von der eigenen Disziplin abhängig ist. Für die Symptothermale Methode (die verbreiteste natürliche Verhütungsmethode) muss man jeden Morgen um die selbe Uhrzeit aufwachen und seine Körpertemperatur messen, ohne sich zu viel zu bewegen. Es sei denn, man hat einen Trackle. Den trägt man nachts wie ein Tampon, und tadaaa – veränderter Schlafrhythmus, keine Disziplin am frühen Morgen, alles egal. Zusammen mit ein bisschen Vaginalschleim beobachten spuckt einem eine App dann sehr genau aus, wann man fruchtbar ist und wann nicht. Damit kann man dann machen, was man will – verhüten, Kinder zeugen, you name it. Es ist fantastisch. Mein Trackle ist von Trackle, denn das Produkt heißt wie die Firma. You’re welcome.

Tageslichtlampe
Im Sommer liegt die bei mir im Keller und im Winter macht sie mich glücklich. Scheint nämlich so zu sein, dass im Winter selbst Mittags bei Sonnenschein die Sonne in unseren Breiten für das Wohlergehen unserer Psyche nicht hell genug ist. Das behauptet zumindest die Tageslichtlampenlobby. Ich hab tatsächlich das Gefühl, dass die Lampe meine Stimmung etwas hebt und stabilisiert. Und selbst wenn das nur Einbildung sein sollte: Ich genieße es einfach, davor zu sitzen. Meine ist von Philips und hat mir schon drei Winter treu gedient.

Irgendwas für dich dabei gewesen? Und gibts vielleicht was, was du nutzt und von dem ich eventuell noch nichts weiß?
Immer her damit!
Eure Sina

Kontraste und der Frühling

Es ist, als würden Wärme und Licht meine Haut durchdringen, mich auffüllen und mich wieder lebendiger machen. Es ist Frühling, jeder kann es fühlen. Die Dunkelheit und die Kälte sind vorbei. Es sind so viele Farben, Düfte und Geräusche, so eine Fülle. In mir ist wieder mehr Tatendrang, mehr Freude.

Und gleichzeitig ist da ein Kontrast. Ich wohne da, wo ich nie hinwollte: In einem engen Teil einer Stadt. Zwar wird der Baum vor unserem Haus langsam grün und verdeckt viele Fenster und Dächer, aber dennoch fühle ich mich nie so sehr in meiner Wohnung eingesperrt wie im Frühling. Ich träume davon und sehne mich so sehr danach: Eines Tages werde ich eine Terrasse oder einen Vorgarten haben, eine ebenerdige Tür nach draußen.

Ich bemerke gerade auch zum ersten Mal, wie viele Menschen hier eigentlich wohnen. Vor wenigen Monaten noch sind hier nur wenige Menschen auf meinen üblichen Spazierstrecken unterwegs gewesen. In den Jahren, die ich hier wohne, waren es eigentlich noch nie wirklich viele Menschen. Aber jetzt, vielleicht wegen des Wetters, aber sicherlich wegen der mangelnden Alternativen, sind die Menschen draußen und gehen spazieren, fahren Inliner, Fahrrad, oder, hier in der Gegend irgendwie beliebt – e-Roller. Die Wege sind voll, und auch, wenn ich mich für die Menschen freue, die endlich den Weg nach draußen gefunden haben – ich mag es nicht. Ich will wieder meine Ruhe haben, mein klein wenig Ruhe in dieser Stadt.

Neben der neuen Kraft, die kommt, der neuen Lebendigkeit, fühle ich mich gleichzeitig auch erschöpft. Das ist ein Überbleibsel des Winters, das ist die Uni mit ihren vielen Aufgaben parallel, das ist die Veränderung in meinem Leben, die mir noch immer in den Knochen steckt. Bald beginnt wieder etwas Neues: das siebte Jahr. Das siebte Jahr ist das ruhige Jahr, in dem ich ankommen und ausruhen darf. In dem ich den Anforderungen der Uni entfliehe. In dem ich loslasse. Nur noch fünf Monate. Bis es soweit ist, versuche durchzuhalten und im Jetzt zu leben.

Es sind die Kontraste. Die Hoffnung und die Trauer, die Freude und die Sehnsucht, die Kraft und die Erschöpfung. Ich lebe alles, fühle alles, bin alles.

Gestatten, Teilzeit-Einsiedler.

Vielleicht ist dieser Text schon zwei Jahre alt. Vielleicht ist er aber auch einfach zeitlos. Und vielleicht sollte man ihn nicht auf die Ehe anwenden.

Wie schön wäre das, einfach mal so richtig ersetzbar zu sein. Niemand, der nach mir fragt. Niemand, dem ich fehle, wenn ich gerade gar keinen Bock auf Menschen habe. Niemand, der irgendetwas von mir will, zum Beispiel einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Bin ich gut darin, Menschen eine Freundin zu sein? Manchmal glaube ich das, denn es gibt ganz schön viele Menschen, für die ich eine ganz besondere Freundin bin. Eine besonders wichtige Freundin. Dabei wäre ich oft viel lieber einfach nur irgendeine Freundin. Irgendeine Freundin, die man hat, obwohl man schon genug Freunde hat, einfach nur deshalb, weil man sie mag – die wäre ich gerne.

Das klingt jetzt erst einmal komisch. Ich meine – ist nicht jeder gerne anderen Menschen wichtig? Hat nicht jeder gerne gute Freunde? Freut sich nicht jeder, wenn er merkt, dass er vermisst wird, wenn er nicht da ist?

Möglich, dass das so ist. Bei mir oft auch. Aber ich finde es eben auch erdrückend. Zuneigung kann ganz schön erdrückend sein, wenn man sie gerade nicht will. Und Freundschaften werden schnell zum Stressfaktor, wenn man gerade lieber alleine wäre.

Bin ich denn die einzige, die die Frage „Wie geht es dir?“ manchmal ganz schön fordernd findet? Mit dem richtigen Tonfall, dem richtigen Blick – als wäre es das gute Recht des anderen, zu erfahren, was mich bewegt. Ist es aber nicht. Niemand hat das Recht, das zu erfahren. Wenn ich überhaupt über etwas reden will, dann reicht es mir in der Regel, darüber mit ein oder zwei Menschen zu reden. Und zwar egal, wie wichtig ich der dritten oder vierten oder achten Person jetzt noch bin.

Es ist schwierig. Jedes „Du bist eine meiner engsten Freundinnen“ erfordert eine Antwort. Aber es ist nicht die Entscheidung des anderen, welche Stellung ich ihm gebe. Das ist meine Entscheidung. Manchmal muss ich Menschen ganz schön vor den Kopf stoßen. Ich mach das nicht gerne. Ich hasse das. Und besonders weh tut es, wenn ich weiß, dass der andere das Gefühl hat, mich zu brauchen.

Aber niemand braucht mich. Das ist die Wahrheit. Es geht auch ohne mich. Geh ich weg, findest du jemand anderen. So, wie man eine neue Fachkraft einstellt. So wie man einen neuen Partner findet, wenn eine Beziehung beendet ist.

Mich entspannt das, zu wissen, dass ich ersetzbar bin. Ich wünschte mir nur, das würden mehr Menschen so sehen.

Es liegt eine Freiheit darin, ein bisschen überflüssig zu sein. Und diese Freiheit fehlt mir gerade. Ich fange an, hart zu werden, um mir diese Freiheit zurückzuholen. Ich bin nicht so Menschen-orientiert, wie ich immer aussehe. Ich bin nicht so eine tolle Freundin, wie alle immer sagen. Ich bin auch nicht so offen, wie es anderen häufig scheint.

Nein, vielleicht bin ich eher Teilzeit-Einsiedler. Rühre am Liebsten ganz alleine in meiner Gedankensuppe, gehe nur an Sonntagen mehr unter Menschen, als ich mir selbst als „so viel tut dir eigentlich gut, also mach das auch“ verschrieben habe.

Das schwankt. Das schwankt, und das finden viele sehr schwer zu verstehen. Warum ich manchmal drei Wochen niemanden sehen möchte und danach nicht genug bekomme. Aber ist das so kompliziert? Du hast das Recht, kein Bock auf mich zu haben, jederzeit. Und ich hätte dieses Recht gerne auch.

Teilzeit-Einsiedler, und jetzt im Moment Vollzeit. Wer mir jetzt zu vertrauensselig ist, zu nahe tritt, zu viel von meinem Herz oder meinem Leben abhaben will, dem haue ich eins mit der Schippe über. Freundin sein? Gerade ausverkauft. Kommt auch nicht so schnell wieder rein. Schauen Sie lieber mal bei den anderen Menschen die Straße hinunter, da haben Sie bessere Chancen. Auf Wiedersehen, und übrigens haben Sie Hausverbot!

Ein bester Freund

Ein Text aus November 2018.

Ich hatte einmal einen besten Freund. Er war der erste Junge, der mir so richtig nahe stand. Er war ein wenig älter als ich, aber das macht in der Pubertät nichts aus, weil Mädchen sich da ja ein bisschen früher entwickeln. Wir haben uns gegenseitig die Mädchen- und die Jungenwelt erklärt und uns geprägt, was den Umgang mit dem anderen Geschlecht anging. Wir waren Vertraute.

Wenn es mir schlecht ging, bin ich zu ihm gegangen. Er konnte genau das, was ich damals am meisten brauchte: Der Fels in der Brandung sein, eine unerschütterliche Zuversicht vermitteln und bedingungslos loyal sein. Damals dachte ich, alle Männer könnten das. Später habe ich schmerzhaft gelernt, dass ich damit gravierend falsch liege. Mein bester Freund war da etwas ganz besonderes.

Wir waren zusammen unterwegs. Sind viele Schritte gleichzeitig gegangen und haben uns darüber ausgetauscht. Ich bin gerne vorgerannt, mit dem Kopf durch die Wand. Er kam dann irgendwann in langsamem, gleichmäßigen Tempo hinterher und hat mich aufgesammelt, wenn ich erschöpft irgendwo liegen geblieben bin. Und dann haben wir es zusammen zu Ende gebracht.

Dieser beste Freund war mein Bruder.

Alles veränderte sich, als eine andere Frau in seinem Leben auftauchte. Eine andere beste Freundin, und es wurde seine feste Freundin und seine Verlobte und seine Frau. Niemand hat mich darauf vorbereitet, was das für mich bedeuten würde, wenn das einmal passiert. Ich hatte keinen Plan, kein Konzept für diese Situation.

Seine Loyalität und seine Aufmerksamkeit galt nun einer anderen. Jetzt fragte er nicht mehr nach mir, sondern nach ihr. Ich kam nicht mehr vor. Ich versuchte, irgendetwas aufrecht zu erhalten, weiterhin jemand für ihn zu sein, aber ich schien vor eine Wand zu laufen. Ich verlor meinen besten Freund.

Das machte mich wütend und bitter und kostete mich zu viel Schlaf. Wenn man darüber nachdenkt, wie gemein und scheiße eine Situation ist, dann kann man nicht gut schlafen. Sie nahm ich in dem ganzen Prozess gar nicht so wirklich wahr. Ich sah nur, wie sich mein Bruder veränderte und wie ich kaum noch Teil von seinem Leben war.

Aber hier ist das Ding: Er ist mein Bruder. Viel kann sich ändern im Leben, aber nicht, wer deine Geschwister sind. Nicht deine Vergangenheit. Wir sind zusammen aufgewachsen und wir sind Vertraute gewesen. Das ist etwas, das uns immer verbinden wird. Mir bedeutet das was.

Und ich weiß, ihm bedeutet das auch etwas.

Und sie bedeutet ihm etwas, bedeutet ihm unendlich viel, und ich beginne mehr wahrzunehmen, wer diese neue Frau an seiner Seite ist. Ich sehe an manchen Ecken, wie sehr sie mir ähnelt. Dieser Fels und diese Loyalität, das, was ich so brauchte, und was er mit mir eingeübt hat, ist genau das, was sie braucht. Ihr Humor ist ein wenig anders, aber wenn sie sich aufregt, klingt sie wie ich. Und wenn mein Bruder sie erdet, klingt er so, wie er immer mit mir geredet hat.

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich dadurch vielleicht ein kleiner Teil von dem bin, woraus ihre Ehe besteht. Vielleicht in dem Sinne, dass ich ein wenig mitgeprägt habe, wer er nun als Ehemann ist. Ich stelle mir vor, dass da irgendwo ein Punkt ist, an dem ich wichtig bin.

So lange habe ich darum gekämpft, irgendwie möglichst wichtig zu bleiben. Ich war so traurig, dass diese Freundschaft zu meinem Bruder so viel Nähe, Zuverlässigkeit und Vertrautheit verloren hat. Dass er mich nicht mehr brauchte und nicht mehr auf mich aufpasste wie früher.

Aber immer mehr habe ich gelernt, dass ich für immer seine Schwester bleiben werde. In seinem Herz wird ein besonderer Platz für mich bleiben. Auch wenn dieser Platz sich verändert. Auch wenn er kleiner geworden ist. Der Platz ist da. Er ist immer noch mein Bruder.

Ein Bruder, der nun ein Ehemann ist. Irgendwann kommt der nächste Schritt und aus Ehemann wird Familienvater. Ich will ihn dabei anfeuern. Ihn und seine Frau, die nun seine beste Freundin sein darf. Da ist nun ein Ihr, denn meistens habe ich nun mit ihnen beiden zu tun. Sie gehören zusammen. Und da ist ein Wir, wo wir drei die Welt dann doch erstaunlich ähnlich sehen.

Ein Wir und ein Ihr und ein Ich. Ein Ich.

Ich habe einen Bruder, und er ist noch immer mein Freund.