Langsame Schritte

Meine Schritte sind langsam. Ich gehe furchtbar gern langsam. Allerdings nur, wenn es schön ist. In Orten und Städten voller Menschen und künstlicher Strukturen gehe ich schnell, aber hier gehe ich langsam.

Um mich herum ist Gras. Ich kann mit meinen Fingern hindurch streichen, ohne mich zu bücken, so hoch ist es. Da sind Blumen und Kräuter und Disteln, und dann ist da noch der Himmel. Und da bin ich, und ich fühle mich, als wäre ich ein junges Tier, ein Fuchs oder ein Fohlen oder ein Reh und noch etwas ganz anderes. Ich bin frei und jung und stark und wild und verspielt und hier und jetzt und glücklich und ach – ich bin Teil von dem allem hier, kein Fremdkörper in der Natur. Ich fühle mich, als wäre ich nach Hause gekommen. Meine Lunge ist voll mit frischer Luft, und es riecht nach Ruhe und nach kleinen Geheimnissen. Es riecht nach Streunen. In bin so herrlich unbeobachtet. Keiner weiß, dass ich hier bin. Keiner sieht, was ich tue, und mein Gehirn ist befreit von Gedanken über mein Auftreten und dem Ich in den Augen anderer.

Ich renne in bisschen, und dann gehe ich wieder ganz langsam. Ich bleibe stehen, um mir eine Blume anzusehen, und wähle meinen Weg nach der Höhe der Gräser. Schließlich komme ich am Waldrand an. Da steht er, mein Hochsitz. Alt und halb kaputt, wenige Meter hinter der Wiese, mit einem wundervollen Ausblick. Ich steige über den umgekippten Stacheldrahtzaun, bahne mir meinen Weg durch Brenneseln und Gestrüpp und kletter die rostige Leiter hoch. Ich klappe das eine Brett um, das noch von der Bodenklappe übrig geblieben ist, und setze mich darauf. Atme durch.

Und dann muss ich weinen. Auf einmal kommen Tränen hoch, immer mehr und immer mehr. Weil ich diese Welt manchmal nicht ertragen kann. Weil sie zu schwer für mich ist. Ich kann gar nicht mehr aufhören, und dabei weiß ich gar nicht so wirklich, was jetzt gerade so schlimm ist. Der Wind streicht durch meine Haare und macht sie durcheinander. Alles in mir tut weh. Ich kann nicht mehr. Auf einmal hab ich vergessen, wo mein Platz ist. Ich fühle mich eingesperrt. Man, ich bin doch wild! Ich will doch raus, ich brauch mehr Zeit, was soll denn das. Ich finde die Wunden nicht, die so wehtun. Ich verstehe mich nicht. Woher kommt das auf einmal? Kann nicht mehr, kann einfach nicht mehr.

Irgendwann, und ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, habe ich mich wieder beruhigt. Ich trockne mein Gesicht ab und warte, bis mein Atem nicht mehr so zittrig ist. Dann mache ich mich wieder auf den Weg zurück – was bleibt mir auch anderes übrig? Ein Fuß vor den anderen. Meine Schritte sind langsam.


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