Tränenspuren werden schneller kalt

Tränenspuren werden im Winter schneller kalt als der Rest des Gesichts.

Raureif. Als ich heute zum ersten Mal Raureif gesehen habe, musste ich lachen. Ich musste lachen, weil Raureif etwas so Schönes und Wunderbares ist und ich mich freue, dass es ihn gibt. Ich liebe den Winter und ich liebe die Kälte. Ich liebe es, mich dick einzupacken, bevor ich rausgehe, und mich dann mollig warm zu fühlen, während kalte Luft die Wangen streift.

Kalte Luft streift Tränenspuren. Eiskalte Linien. Schnell trockne ich sie ab.

Ich weiß einfach nicht, was ich dir antworten soll, wenn du mich fragst, wie es mir geht.

Die Schönheit der Tränen

Was ich in den letzten Monaten über das Weinen gelernt habe.

Eine Träne löst sich aus einem Auge und läuft eine Wange hinunter. Dann eine weitere. Die Augen gerötet, die Iris leuchtender als sonst. Ein Mädchen weint.

Ihre Tränen sind ein Zeugnis. Sie zeugen davon, dass sie fühlt. In ihr, da ist etwas, das sie spüren kann, ein Schmerz, ein Leid, und sie nimmt es wahr. Sie ist nicht hart geworden. Sie ist nicht stumpf und bitter geworden unter dem Leben. Nein, sie hat etwas weiches in sich, etwas empfindsames, und manchmal tut das weh. Und dann weint sie.

Ihre Tränen sind offen. Sie sind ehrlich. Sie verbergen nichts, sondern sie tragen in aller Einfachheit und kindlicher Wahrhaftigkeit ihr Inneres nach außen. Sie sagen: Schau, so geht es mir gerade. Schau, das bin gerade ich. Etwas tut weh. Darum weine ich.

Darin ist etwas Heilsames verborgen, im Weinen, denn es bringt das Mädchen näher zu sich selbst. Sie kommt mit sich selbst in Kontakt, sie sieht sich, spürt sich, ist ehrlich mit sich. Das öffnet ihr den Weg, Frieden mit sich schließen zu können.

In einer ihrer Tränen kann jemand anders seine ganze Welt gespiegelt sehen. Wer immer sie kennt und so sieht, für den wird es intensiv sein, denn Tränen lassen ein empfindsames Herz nicht unberührt. Ein weiser und sensibler Mensch wird sie nicht verurteilen, ihre Tränen nicht fälschlicherweise mit Versagen gleichsetzen, sondern wird sie ehren für den Mut, dem Leben zu begegnen, und ihr so viel Schutz und Liebe geben, wie er gerade kann und sie gerade braucht. Ihre Tränen bringen sie näher zu anderen.

Sie weint, Träne für Träne, und sie ist schön. Die Schönheit der Tränen liegt in ihrem Bezeugen von Lebendigkeit, Weichheit und Ehrlichkeit, und all das ist ihr Wesen. Tränen sind schön, weil sie tröstlich sind, weil sie reinigen, weil sie verbinden, weil sie Liebe freisetzen.

Tränenflüssigkeit ist sehr salzhaltig. Wir sind das Salz der Welt, und manchmal sind Tränen das Salz der Seele, Perlen aus Wasser, wertvoll und gut.

Tränen lösen sich aus Augen und ein Mädchen findet eine Schulter zum Anlehnen.

Langsame Schritte

Meine Schritte sind langsam. Ich gehe furchtbar gern langsam. Allerdings nur, wenn es schön ist. In Orten und Städten voller Menschen und künstlicher Strukturen gehe ich schnell, aber hier gehe ich langsam.

Um mich herum ist Gras. Ich kann mit meinen Fingern hindurch streichen, ohne mich zu bücken, so hoch ist es. Da sind Blumen und Kräuter und Disteln, und dann ist da noch der Himmel. Und da bin ich, und ich fühle mich, als wäre ich ein junges Tier, ein Fuchs oder ein Fohlen oder ein Reh und noch etwas ganz anderes. Ich bin frei und jung und stark und wild und verspielt und hier und jetzt und glücklich und ach – ich bin Teil von dem allem hier, kein Fremdkörper in der Natur. Ich fühle mich, als wäre ich nach Hause gekommen. Meine Lunge ist voll mit frischer Luft, und es riecht nach Ruhe und nach kleinen Geheimnissen. Es riecht nach Streunen. In bin so herrlich unbeobachtet. Keiner weiß, dass ich hier bin. Keiner sieht, was ich tue, und mein Gehirn ist befreit von Gedanken über mein Auftreten und dem Ich in den Augen anderer.

Ich renne in bisschen, und dann gehe ich wieder ganz langsam. Ich bleibe stehen, um mir eine Blume anzusehen, und wähle meinen Weg nach der Höhe der Gräser. Schließlich komme ich am Waldrand an. Da steht er, mein Hochsitz. Alt und halb kaputt, wenige Meter hinter der Wiese, mit einem wundervollen Ausblick. Ich steige über den umgekippten Stacheldrahtzaun, bahne mir meinen Weg durch Brenneseln und Gestrüpp und kletter die rostige Leiter hoch. Ich klappe das eine Brett um, das noch von der Bodenklappe übrig geblieben ist, und setze mich darauf. Atme durch.

Und dann muss ich weinen. Auf einmal kommen Tränen hoch, immer mehr und immer mehr. Weil ich diese Welt manchmal nicht ertragen kann. Weil sie zu schwer für mich ist. Ich kann gar nicht mehr aufhören, und dabei weiß ich gar nicht so wirklich, was jetzt gerade so schlimm ist. Der Wind streicht durch meine Haare und macht sie durcheinander. Alles in mir tut weh. Ich kann nicht mehr. Auf einmal hab ich vergessen, wo mein Platz ist. Ich fühle mich eingesperrt. Man, ich bin doch wild! Ich will doch raus, ich brauch mehr Zeit, was soll denn das. Ich finde die Wunden nicht, die so wehtun. Ich verstehe mich nicht. Woher kommt das auf einmal? Kann nicht mehr, kann einfach nicht mehr.

Irgendwann, und ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, habe ich mich wieder beruhigt. Ich trockne mein Gesicht ab und warte, bis mein Atem nicht mehr so zittrig ist. Dann mache ich mich wieder auf den Weg zurück – was bleibt mir auch anderes übrig? Ein Fuß vor den anderen. Meine Schritte sind langsam.