Mein Löwe

Eine laute, volle Pausenhalle. Gedränge, Herumgeschubse. Feuchter Atem in meinem Nacken. Laute Stimmen direkt neben meinem Ohr. Warmer Körperkontakt von allen Seiten, Ellbogen, Tornister, laut, eng, heiß.
Müde. Kaputt.

„Aslan“, sage ich gequält und werfe dem Löwen neben mir einen leidenden Blick zu. Ich kann einfach nicht mehr.
Plötzlich ertönt ein mächtiges, majestätisches Brüllen. Alle Menschen in der Halle fallen sofort auf ihre Knie. Ihre Stimmen sind verstummt, ihre Köpfe gesenkt. Vor mir haben sie einen Gang gebildet.
Der Löwe lächelt mich liebevoll an und neigt leicht seinen Kopf.
„Nach dir, meine Liebe.“

Das Gedränge bewegt sich. Endlich kann ich entkommen.

„Danke“, sage ich innig.

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Wer ist Aslan?

Der ewige Herzschlag

Ich spüre einen Herzschlag in mir, der nicht meiner ist. Er gibt mir einen Rhythmus, er gibt mir Leben. Er sagt mir, was richtig und was falsch ist. Er zeigt mir meinen Weg. Er schlägt immer weiter, egal was passiert. Er ist unbeirrbar, nichts bringt ihn aus der Fassung. Und wenn mein eigenes Herz irgendwann versagt, dieser Puls wird bestehen bleiben, und ich mit ihm.

Wenn ich einsam, wütend, hilflos bin, dann mache ich die Augen zu und spüre nach diesem Herzschlag, konzentriere mich auf ihn. Wenn ich mir alles auf den Kopf fällt und ich nicht weiß, wie ich das alles noch aushalten soll, vertraue ich auf diesen Herzschlag, denn er ist es, der mich wirklich am Leben hält.

Und manchmal, manchmal passiert es, dass mein eigenes Herz mit diesem Herz in Einklang schlägt, sodass da nur noch ein mächtiger Puls ist, und wenn das so ist, dann werde ich die königliche Kriegerin, zu der ich ursprünglich geschaffen wurde. Dann spiegeln meine Taten den Himmel wieder und meine Worte bringen Freiheit. Dann ist da Freude und Liebe und Hoffnung und wie diese schönen Worte noch alle heißen. Dann passiert Unglaubliches.

Gott, du machst mich lebendig.

Ein Einvernehmen

„Oh man, das ist alles so viel, so groß, ich weiß nicht, ob ich das alles hinkriege. Ich fühle mich dem irgendwie nicht ganz gewachsen. Was für eine krasse Herausforderung. Oh man, ich werde so auf die Fresse fliegen. Hilf mir, wenn ich auf die Fresse fliege!“

„Ja, Sina, du wirst auf die Fresse fliegen. Und ich werde dir helfen.“

Und ich bin bei diesem Dialog so seltsam ruhig und gelassen, fühle mich völlig sicher, weil ich die tiefe Gewissheit habe, dass du dein Wort halten wirst. Ich werde Sachen falsch machen und versagen, und du wirst mir helfen, und alles wird gut sein. So funktioniert das.

Kontraste

So viel in Kontrasten habe ich wohl noch nie gelebt.

Auf der einen Seite: So viel einfach nur aushalten, aussitzen, abwarten. Zu Hause, in der Schule. Anstrengung, Schmerz, Stress, verletzende Leute ertragen, halt irgendwie. Situationen, aus denen ich nicht raus kann. Versuchen, nicht bitter zu werden und nicht darunter kaputt zu gehen. Alles gar nicht so leicht. Weiter warten, weiter hoffen, weiter aushalten. Irgendwann wird es Veränderung geben müssen.

Auf der anderen Seite: Wie ein Feuerwerk sein. Menschen, die mich Rollen einnehmen lassen, mit denen ich was anfangen kann, wo ich was geben kann, wo ich einen Unterschied machen kann. Mich investieren, einsetzen, sprühen vor Ideen. Fast mühelos weiterlaufen. Das Gefühl, dass es irgendwie gut und richtig ist, was ich tue.

Auf der einen Seite: Menschen, die mich klein halten, ständig zurecht weisen, an mir herum meckern, mir wenig Wertschätzung oder Verständnis entgegenbringen. Die mir vermitteln, was ich alles falsch mache, wie schlecht ich bin und was mit mir nicht stimmt. Die mich zu einem kleinen, dummen, nervigen Kind machen wollen. Denen ich irgendwie aus dem Weg gehen will, aber viel zu wenig kann.

Auf der anderen Seite: Menschen, die mich wahrnehmen. Die mich schätzen, ermutigen, stärken. Die hinter mir stehen, mir in Liebe Stärken und Schwächen spiegeln. Die an mich glauben. Wo ich sein darf, wie ich bin, ohne befürchten zu müssen, dass negativ auf mich reagiert wird. Menschen, mit denen ich Gemeinschaft haben will. Wo ich mich ein wenig zu Hause fühle.

Auf der einen Seite: Zweifel an mir, Verwirrung über mich selbst, Unruhe in Bezug auf alles, was ich schwer aushalten kann, egal ob Menschen oder Umstände. Zu wenig Kontrolle über mich, ein zu unklarer Blick auf mich und mein Leben. Stellenweise Unfähigkeit, die Frau zu sein, die ich sein will, und meine Zeit und mein Leben so zu gestalten, wie ich will. Schwächen, die ich nicht benennen kann und mit denen ich nicht umzugehen weiß. Unsicherheit.

Auf der anderen Seite, und ich hoffe, dass das der Kern ist: Ruhe, Nähe zu Gott, Kraft, Mühelosigkeit. Die Stärke, zu ertragen und weiterzulaufen. Leichtigkeit und Friede im Herzen. Freiheit in meinen Gedanken. Zunehmende Kontrolle über mein Handeln. Selbstannahme. Liebe für Menschen. Unberührtheit, Reinheit. Das Auge im Sturm, die Ruhe in all den Kontrasten, der alles umfassende Friede. Manchmal. Immer häufiger. Mein Wunsch.

Egal, was für Kontraste mich umgeben, womit ich alles umgehen muss: Ich will diesen Kern bewahren. Da Klarheit ohne Spaltung, Einheit ohne Kompromisse finden. Gott in mir, ich in Gott, unabhängig von allem, befreit von schwarz und weiß.

Sein sein.

Und ich zeichne Linien

Und ich zeichne Linien in meinem Leben.
Ich habe kein Lineal, und so sind sie nicht gerade.
Meine Hände zittern.
Ganz unsicher, schief sind diese Striche, denn ich kann es nicht besser.
Irgendwas stimmt auch mit dem Bleistift nicht, und es gibt kein Radiergummi in dieser Welt.

Aber ich zeichne Linien in meinem Leben, trotzdem,
und sie laufen alle auf einen Punkt zu.
Es ist der Fluchtpunkt, mein Fluchtpunkt, mein ewiger, bleibender Fluchtpunkt,
zu dem ich laufe und in dem ich Ruhe finde.

Mein Brief an Jeanne

Salut Jeanne,

oder soll ich Jeanette sagen? Oder Johanna? Oder „die Jungfrau von Orleans“? Ich glaube, ich nenne dich erst mal Jeanne, so wie die, mit denen du viel zu tun hast.

Ich bin Sina, ein 15-jähriges Mädchen, und ich würde dich gerne kennen lernen. Du hast Frankreich von den Engländern befreit – beziehungsweise bei der Wende stark mitgewirkt. Und selbst wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum du Frankreich als so heilig ansiehst – schließlich ist es das Franzosenland – bin ich neugierig, wie du so bist. Ich hab jetzt drei Bücher über dich gelesen, ein richtig gutes und zwei richtig schlechte. So ein bisschen was weiß ich also schon über dich. Ich würde gern hören, was du zu dem sagst, was da so über dich steht. Besonders zu den beiden schlechten Schriftstücken – das eine, wo du (weil für Jugendliche angeblich besser geeignet) als naives, dummes und wildes Mädchen beschrieben wirst, und das andere, das dich als katholische Heilige darstellt und (weil sonst nicht heilig genug) ganz bewusst die Hälfte der Informationen weglässt. Ich glaube, du wirst entweder richtig laut lachen oder ausrasten.

Ich bewundere deine Geradlinigkeit, Jeanne. Dein entschlossenes Losgehen und Durchpowern. Du hast eine Entscheidung in aller Konsequenz getroffen. Du hast dich nicht abhalten lassen, sondern hast gekämpft und viele, viele Menschen mitgezogen. Und trotzdem bist du in Kontakt mit Gott geblieben. Deine Überzeugungen sind unerschütterlich. Du stehst unerschrocken zu dem, was du glaubst, und bietest damit allen die Stirn. Ich glaube, ich kann sehr viel von dir lernen. Du zeigst mir irgendwie, was es heißt, ausgesandt zu werden.

In deiner Art, mit Menschen umzugehen, bist du ganz besonders ein Vorbild für mich. Du bist nicht scheu oder schüchtern. Du hast keine Angst vor Leuten. Du vergötterst niemanden. Du lässt dich nicht einschüchtern oder manipulieren. Keiner ist dir zu hoch oder zu niedrig; es ist eher so eine Ebene, oder? Du bist einfach respektvoll und freundschaftlich, du ermutigst, begeisterst und weist zurecht. Du bist in der Lage, in anderen Selbstvertrauen und Mut zu wecken.

Und trotzdem bist du verletzlich. Du weinst. Und das macht mir auch Mut. Du bist ein Mädchen wie ich. Du hast auch Schwächen – zum Beispiel für schöne Rüstungen. Verstehe ich. Welches Mädchen will nicht schön sein? Weißt du, ich habe dieses Jahr auf einem Feriencamp ein Kettenhemd angehabt – das war auch toll. Wie muss dann erst eine Rüstung sein? – Und ich glaube, ich verstehe auch deine Enttäuschung und deine Verbitterung, als auf einmal nur noch Desinteresse für dich da war, sobald du in Feindeshand gelandet bist. Menschen sind irgendwie immer noch nur Menschen, daran hat sich noch nie etwas geändert.

Ach Jeanne, ich mag auch einfach deine Art. Deine Schlagfertigkeit, deine Klugheit, deine Wildheit, all das. Ich würde dich gern mal einladen. Wir könnten zusammen was essen und dann nen langen Spaziergang machen, bei dem du mir alles erzählst, wie es wirklich war. Ich will von dir lernen und ich will deine Meinung zu meiner Situation hören. Wenn es dann spät ist, kannst du auch bei mir übernachten. Wie haben ein Gästebett, da kannst du schlafen.

Ich schreib dir einfach mal, wann ich so Zeit hab, und du kommst vorbei, wann es dir passt, okay?

Ich freu mich auf dich!

Sina

Kontaktanzeige

15-jähriges Mädchen sucht Christen im Alter von 14 bis 19 Jahren aus meiner Gegend zum regelmäßig treffen, Quatsch machen, Freundschaften aufbauen und zusammen Gott begegnen. Fähigkeit zu intensiven Gesprächen sowie der Hang zu rustikalen Sommerlagern erwünscht.

Ich will mit euch Schlittschuh fahren und Schwimmen gehen, Picknicken und Klettern. Ich will mit euch kreative Ideen entwickeln und einfach alles mal ausprobieren. Ich will mit euch rumalbern oder nur mal labern. Ich will mit euch Jugendgottesdienste machen, bei denen wir mal richtig für Gott tanzen können, weil ab 25 kann man das ja nicht mehr, hab ich erfahren. Ich will mit euch Worshipabende machen, beten, die Welt verändern. Ich will mit euch zusammen wachsen. Ich will euch, damit wir auf einer Stufe, einer Ebene einfach zusammen leben können.

Damit ich jemanden habe, der so manches versteht, was man später nicht mehr verstehen kann. Damit ich jemanden habe, der da drin steckt, wo ich auch gerade bin. Damit ich Leute habe, die sich nicht mehr groß in meine Welt hineindenken müssen, weil es auch ihre ist. Damit ich Leute habe, mit denen ich Träume teilen kann. Damit ich Leute habe, denen ich nicht „so jung“ vorkomme. Damit ich endlich mal Leute habe, die wirklich Freundschaft mit mir aufbauen wollen. Weil das dann alles einfach mehr bringt. Weil wir dann mehr Spaß haben. Weil mir diese Form von Freundschaft, Gruppengemeinschaft und Zusammengehörigkeit einfach fehlt.

Man, mir fehlt echt ne Jugend.