Jemand, der mir beim Klavier spielen zuhört

„Darf ich zuhören?“

„Ja“, flüstere ich zurück.

Die Welt zerbricht. Manchmal tut sie das. Dann steht man da und versteht nicht, wie das, was vorher heile war, jetzt kaputt ist. Mit einem Mal zerschlagen. Der Schock kommt, der Schock geht, Tränen und Gedanken und Erinnerungen, ich kann kaum atmen – irgendwie weiter. Und jetzt?, fragt es in mir, fragt es beständig in mir, nach jedem neuen Bruch. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe für all das. Ich sehe nicht, wie ich den Weg schaffen soll, der da vor mir liegt. Gebeutelt, wie ich bin. Verletzt. Zerbrochen.

Sommerlagerluft ist abends kühl, und die Metallringe des Eingangs des großen Veranstaltungszeltes klirren, als die Zeltplane ein wenig zur Seite geschoben wird. Ich habe Klavier gespielt, alleine, wie schon so manches Mal am Abend, wenn beinahe alle anderen beschäftigt sind. Ich habe versucht, Musik zu machen, die macht, dass mein Inneres durch den Schmerz und das Chaos hindurch zu Gott kommen kann. Allein und versunken in dem großen Zelt am Klavier. Jetzt stocke ich, sehe mich um, erkenne, wer da hinein gekommen ist, versuche, mich nicht ganz durcheinander bringen zu lassen. „Darf ich zuhören?“ – beinahe schon zaghaft gefragt.

„Ja.“

Jemanden zu haben, der zuhört, wie man Klavier spielt, wenn die Seele zerbrochen ist – jemanden, der einen Schritt weiter gehen kann als reden und beratschlagen und ablenken, nämlich ganz ruhig da sein und schweigen – so jemanden zu haben, und wenn auch nur für zwanzig Minuten, wenn auch nur ausgeliehen für diesen Moment – das macht den ganzen Unterschied.

Den Unterschied, den ich brauche, um an Mut für den nächsten Tag zu glauben.

Genug

Heute habe ich über mich gedacht:

Bin ich gut genug? Ist das, was ich bringen kann, wer ich bin, gut so? So viel ist da falsch in mir, kaputt in mir, und ich selbst kann das nicht reparieren. Ich weiß nicht, wie das geht.

Heute bin ich unterwegs gewesen. Ich habe einen vertrockneten Bach gesehen, bin zwischen Windrädern spazieren gegangen, war später nachts noch draußen in der Dunkelheit. Worte, Worte mit Menschen, und ich bin nicht mehr einfach nur ich, sondern ein Gegenüber, habe ein Gegenüber, und wer immer ich bin, was immer ich tue, das bleibt nicht bei mir. Das macht etwas mit dem Menschen, mit dem ich unterwegs bin. Das baut auf oder zieht hinunter.

Ich stehe nicht für mich alleine. Ich bin Teil von etwas.

Heute habe ich über mich nachgedacht, und heute wusste ich:

Nein, genug bin ich nicht. Nicht genug, um nicht zu verletzen. Um es alles richtig zu machen. Das kann ich nicht.

Aber ich bin genug. Denn ich weiß, dass ich schwach bin. Ich weiß, dass ich Dinge falsch mache. Ich weiß, wie man um Vergebung fragt und selbst vergibt. Ich kann mein Bestes geben. Ich weiß, wer ich bin und was ich gut kann – so einigermaßen zumindest. Ich kenne den Ort für alle meine Sorgen und alle meine Angst, weiß zu wem ich die Scherben bringen muss, wenn etwas kaputt gegangen ist.

Ich bin genug, denn Jesus hat mir genug gegeben und gibt mir jeden Tag neu genug. Er ist genug. Darum bin ich es.

Unter Flügeln

(Begonnen am 21. November 2015, heute wiedergefunden und vollendet)

Riesige Vögel fliegen vor der Sonne, Scharen von ihnen, und lassen kaum noch Licht hindurch. Es wird dunkel.

Im Dunklen sitze ich. Ich sitze allein. Ich sitze und alles zieht an mir vorbei wie Vögel, wie Vögel, die auf mich zurasen und von mir wegrasen und deren Flügelschlag mich berührt. Noch immer sitze ich. Tage werden zu Wochen und Wochen zu Monaten. Dunkel. Allein.

Dunkel und allein klingt schlimm. Ist es aber gar nicht. Ich habe es immer geliebt, nachts draußen zu sein, besonders mit nur wenigen Leuten oder alleine. Nicht gesehen werden birgt eine ganz besondere Geborgenheit, und allein sein eine ganz besondere Freiheit.

Dunkel und allein ist nicht schlimm, aber es konfrontiert einen mit sich selbst. Im Dunklen, wo man nicht viel sieht, ist man auf einmal mehr bei sich. Alleine, wo kein anderer einen definieren kann, man nicht Teil der Welt eines anderen ist, da sieht man seine eigene Welt. Das ist manchmal schwer.

Vögel fliegen vor der Sonne, große, in Scharen, und sie sind gekommen und werden wieder gehen. Ich sitze da, sitze allein im Dunklen. Mich selbst werde ich immer bei mir haben. Meinen Blick nach innen gerichtet entdecke ich, was ich nie kannte. Im Schatten entdecke ich Schönheit.

Vielleicht ist es auch gar nicht der böse Schatten etwas Bedrohlichen, in dem ich gerade bin, sondern der behutsame Schatten schützender, weicher Schwingen eines so viel größeren Gottes. Und vielleicht ist die geheimnisvolle Schönheit, die meine Augen da erkennen lernen, seine.

Ausgezeichnet

bildschirmfoto-2016-01-21-um-18-30-013Bald zwei Monate schon befindet sich Silbenreich in einer Art Winterstarre (was Sinn machen würde, wenn gerade Winter wäre, aber da es in Malaysia niemals Winter wird, ist das wohl unglaubwürdig). Jedenfalls erreichte mich heute ein Kommentar: Ich wurde einmal mehr für den Liebster-Blog-Award nominiert, eine Art Blogger-Vorstellungs-und-Weiterempfehlungs-Kettenbrief. Normalerweise ignoriere ich diesen Award, aber da es diesmal zuallererst einmal jemand ist, den ich aus dem echten Leben kenne und schätze, und er zum zweiten Mal die Fragen speziell für mich formuliert hat, kann ich nicht anders, als zu antworten. Sagt danke zu Markus, dass er mich aus meiner Bloggen-Starre holt, und besucht seinen Blog Tiefenreich *klick*!

1. Warum bloggst du?

Worte machen Spaß. Worte machen Spaß, wenn ich Wege finde, sie lebendig werden zu lassen und ein ganz bestimmtes Gefühl oder einen ganz besonderen Moment einzufangen. Worte machen Spaß, wenn ich merke, dass sie in anderen etwas bewegen und sie dadurch reicher werden. Worte machen Spaß, wenn ich sie später noch einmal lese und sie die Bedeutung eines alten Briefes bekommen haben.

2. Was sind die Themen, mit denen du dich auf deinem Blog auseinandersetzt?

Mir geht es um alles, was den Menschen innen drin wirklich bewegt. Dabei gehe ich immer von mir aus und hoffe, dass es da draußen Menschen gibt, die sich darin wiederfinden. Welche Themen kommen dabei herum? Menschen, Schönheit, Durcheinander, Liebe, Scheitern und Mut. Lebensmomente und Innereiengemüse.

3. Hast du einen besonderen Lieblingsbeitrag?

An dieser Frage habe ich am längsten gesessen. Entstanden ist eine Top 5 aus meinen über 400 Artikeln:
5. Poesiegedanken, Fliegenmafia und allesistbeknackt – uralt und eine Art Grundstein meines Blogs.
4. Der junge, intellektuelle, moderne Mensch – Gesellschaftskritisch. Hat von allem am meisten Wellen geschlagen.
3. Windräder und verendete Helden – weil dieser Text einfach einen langen Nachklang bei mir hatte.
2. Ampeln sind immer rot – ein Text, der so ganz mein Herz war und den ich einfach lieb gewonnen habe.
1. Eine entdramatisierte Liebeserklärung – meinen Lieblingsjungstext, den ich ehrlich meinte und mit zitternden Händen veröffentlicht habe.

4. Was hat es mit deinen etwas ungewöhnlichen Kategorien auf sich?

Hach ja. Man muss schon ein wenig suchen, um sie überhaupt noch zu sehen. Meine Beiträge sind in Smiley-Kategorien eingeordnet. Der Gedanke dahinter war, die Beiträge auf diese Weise nach ihrem Grundgefühl zu sortieren. Alles, was nicht in einem Smiley zusammengefasst werden konnte, habe ich unter „#“ gepostet. Seit das aber fast alle Beiträge sind, nutze ich mein Kategoriensystem nicht mehr besonders aktiv.

5. Was macht dir am Bloggen am meisten Spaß?

Am meisten Spaß macht es, wenn ich höre, dass Menschen in meinem Blog Worte für sich selbst finden. Und wenn ich merke, dass ich besser im schreiben werde.

6. Was fällt dir am Bloggen am schwersten?

Wahrscheinlich wenig überraschend – dran bleiben. Regelmäßigkeit.
Manchmal ist es auch, dass ich nichts brauchbares zusammengeschrieben bekomme. Entweder ist es mir zu persönlich oder Müll.

7. Welche Bedeutung spielt Gott in deinem Leben?

Gott – oder um es etwas spezifischer zu sagen: Jesus – ist für mich Anfang und Ende von allem. Gäbe es ihn nicht, ich wüsste nicht, woher ich Kraft und Hoffnung nehmen sollte. Ich wüsste nicht, wo ich nach Frieden suchen soll, wie ich das Leben aushalten soll und wer ich überhaupt bin. Ohne Jesus würde ich an mir und dem Leben verzweifeln. Mit ihm habe ich Ziel, Hoffnung und Grund, durchzuhalten. Mit allem, was ich bin und tue, will ich ihm Freude machen.

8. Was ist dein absolutes Lieblingsessen?

Da es mir hier in Malaysia so sehr fehlt: Gutes deutsches Brot mit Bergkäse oder Salami. Dazu Rohkost und unser wunderbares Leitungswasser. Amen!
Wenn ich wieder in Deutschland bin, dann werde ich wohl am allermeisten indisches Curry in irgendeiner guten Variante vermissen – zum Beispiel mit Roti, einer Art Fladenbrot, oder als Nasi Kandar, also mit Reis, verschiedenem Gemüse und Fleisch.

9. Was ist deine absolute Lieblingsfarbe und warum?

Seit Jahren schon grün. Weil grün Natur und Leben widerspiegelt. Weil das menschliche Auge grün in unglaublich vielen Facetten wahrnehmen kann. Und weil die Farbe mir gut steht. Wenn es irgendetwas in vielen Farben gibt, nehme ich fast immer grün. Alle grinsen schon darüber. Vielleicht heirate ich mal einen Marsmenschen, wer weiß.

10. Was war bisher der beste Tag in deinem Leben?

Ich liebe Anfänge.

Der eine Tag war der voller Zugfahren, Regenspaziergang und Grillen, der damit aufgehört hat, dass ich meinem Bruder im Auto erzählt habe, dass ich jetzt eine beste Freundin habe.

Der andere Tag war der voller Feiern und geliebter Menschen, der damit aufgehört hat, dass ich spät nachts im Sommerkleid an der verbliebenen Glut eines Lagerfeuers saß, die restlichen Marshmallows gegessen habe und voller Frieden und Hoffnung in eine spannende, ungewisse Zukunft geblickt habe.

Und dann gab es noch den Tag, an dem ich im Sommerlagersonnenuntergang meine lachende und weinende kleine Schwester im Arm hatte, die das erste Mal eine Ahnung davon bekommen hat, wer eigentlich Gott ist.

11. Was würdest du mit einer Millionen Euro machen?

Ich wäre so überfordert damit, dass ich meine besten Freunde und Mentoren zusammentrommeln und sie um Rat fragen würde, und danach – immer noch völlig überfordert – alles machen würde, was sie mir sagen. Das würde wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass ich einmal fett alle zum Essen einlade, ein bisschen was für Urlaub spare und mit dem Rest irgendwelche tollen Projekte und Organisationen und Ideen unterstütze. Oder so ähnlich.

Fertig! Ich nominiere niemanden und stelle keine Fragen. Ich sage nur danke an Markus für die Auszeichnung und an alle meine Leser: Hallo, hier bin ich wieder, jetzt gehts wieder los! :-)

Komm mit, Sina

Komm mit, Sina. Alles wird neu und alles wird groß.

Ich fühle mich klein. Klein vor all dem, was passiert und was ist. Klein vor einer großen Stadt mit einer fremdem Kultur. Klein vor fremdem Essen, fremdem Klima, fremdem Schlafrhythmus. Klein vor vielen neuen Aufgaben und Erfahrungen. Klein auch vor den Menschen zu Hause und wie ich mit ihnen umgehen soll. Klein vor den Menschen, die irgendwas noch angesprochen, eingefordert oder gestanden haben in den letzten Tagen vor meiner Abreise. Klein vor diesem ganzen großen Leben.

Nachts um drei wache ich auf wegen Jetlag. Die zweite Nacht in Folge. Nicht alleine. Irgendwer trifft sich auf dem Klo immer.

„You need to rest“, sagen sie uns immer wieder, und trotz all den Pausen geht alles so schnell, und der Weg ist noch so weit, so steinig. Ich fühle mich klein vor diesem Weg. Alles wiegt schwer, als müsste ich all das Kommende jetzt schon aushalten.

Ich liege im Bett, nachts um drei, und fühle mich klein, aber mal anders klein. Fühle mich klein, und muss ja auch gar nicht alles können. Sind ja Menschen da, sie sich kümmern, die verstehen. Ist ja ein Gott da, der mein Herz nicht übergeht. Fühle mich klein und geborgen, weil Papa das ja eh macht. Ich muss das ja nicht alles tragen können. Muss ja gar nicht alle Menschen zufrieden stellen. Muss ja gar nicht alles perfekt machen. Bin ja so schon wertvoll und geliebt.

Die Erinnerung daran, dass ich nicht auf dieser Welt bin, um Erwartungen zu erfüllen.

Komm mit, Sina. Alles wird neu und alles wird groß, und du darfst klein sein und darfst wachsen.
Und es wird gut sein.

Die eigentliche Frage

(So, jetzt mal an den Kern der Dinge.)

Die Frage ist, was mit deinem Herz ist.

Die Frage ist nicht, warum die Kirche so viel Mist baut. Die Frage ist auch nicht, warum es Leid gibt auf der Welt. Die Frage ist nicht, warum manche Christen kontroverse Meinungen zu Homosexualität haben oder ob Gott die Welt gemacht hat. Oder ob sich Wissenschaft und Gott ausschließen. Wie das mit den Strafen Gottes und seine Liebe bitte mal funktionieren soll.

Das sind gar nicht die entscheidenden Fragen. Darüber kann man diskutieren, sich einig sein oder auch nicht, und auch ich habe zu all dem eine Meinung, aber im Endeffekt ist es nicht das wesentliche.

Entscheidend ist, was dein Herz dazu sagt.

Du kannst dein Herz verschließen, und sagen: „Das kann nicht sein und ich werde das nicht für mich akzeptieren, solange es noch andere Wege gibt.“ Kannst du machen. Dann wird dich nie eine Diskussion überzeugen und dich schwerlich irgendwas bewegen. Du wirst immer eine unbeantwortete Frage finden und einen Grund, den Glauben abzulehnen. Wenn du dein Herz verschließt, wird das so sein.

Du kannst dein Herz aber auch öffnen. Du kannst trotz allen Fragen und Unklarheiten sagen: „Gott, wenn ich dich gibt, und das nehme ich für jetzt gerade einfach mal an, dann zeig dich mir bitte so, dass ich dich verstehe, und erklär mir alle diese Sachen. Ich suche jetzt nach dir.“ Und dann kannst du mit dieser Einstellung weiterfragen, nach Gott Ausschau halten. Kann gut sein, dass du dann bewegt wirst, Gott auf einmal die unablehnbare Wahrheit wird. Dann kann dich keine Diskussion mehr verunsichern und du entdeckst neue Welten.

Die Frage ist nicht, warum etwas so ist oder ob oder wie, sondern ob du dein Herz öffnest.

Jap, es ist ein Risiko, und es gibt Stimmen, die sagen, du seist bekloppt.

Die Frage ist nur, ob du dich von diesen Stimmen leiten lässt.

Wie steht es um dein Herz?
Und wann ist die Zeit, es (wieder neu) zu öffnen, wenn nicht jetzt?

Wenn ich gehe

(Ein kurzer Gedanke vom 12. Januar 2014.)

Wenn ich gehe, hältst du mich im Gleichgewicht. Du balancierst mich aus, bereitest den Weg vor. Ich brauche mich vor nichts zu fürchten, denn du gehst vor mir her und bereitest alles für mich vor. Egal, was passiert, ich kann dir vertrauen, denn du meinst es uneingeschränkt gut mit mir. Furchtlos und sicher gehe ich voran, denn ich habe Autorität.