Reden

Ich schreibe, weil ich nicht reden kann.

Ich kann nicht reden. Wenn ich rede, verhasple ich mich, ich stottere und verdrehe die Sätze, bis ich etwas ganz anderes gesagt habe als ich meine. Ich kann nicht reden, und dennoch rede ich viel. Ich weiß nicht, warum. Es hat gar keinen Sinn, zu reden, wenn es keiner versteht. Und das was ich sage, versteht keiner, was ja auch gar nicht geht, weil ich es ja falsch sage.

Außerdem haben die meisten Menschen falsche Reaktionen. Sie lachen, wenn etwas gar nicht lustig sein sollte und wenn ich witzig bin, schweigen sie mich aus ausdruckslosem bis betroffenem Gesicht an, die Augen weit aufgerissen auf mir ruhend, was mich auch nicht gerade besser reden lässt, wie du dir vorstellen kannst. Solche Blicke verdrehen meine Gedanken noch mehr und dann weiß ich gar nichts mehr. Meine Worte haben dann kein Gewicht mehr. Mehr Gewicht will ich …

Und ich kann nicht reden, aber ich habe immer noch eine Stimme, eine Stimme.
Eine Stimme, die nicht reden kann, yey, aber ich habe sie, und ich nutze sie, und du hörst zu.

Und auch wenn du mich wieder so angucken wirst und sich in meinem Hirn alles verdreht, und auch wenn ich mich viel zu sehr von nicht vorhandenen Reaktionen leiten lasse und auch wenn ich beim Reden über meine eigenen Gedanken wie über Stolperseile holper, werde ich meine Stimme nutzen.

Denn ich habe eine Stimme – und du hörst zu.

Stellt euch einfach mal vor …

… Kate hätte ihr Baby abgetrieben. Wäre das ein Aufschrei! Der Thronfolger, einfach abgetrieben! Tot! Er wäre es gewesen! Kate darf das nicht!

Aber sonst darf man das, oder was? Sonst juckt das keinen? Sonst ist es okay, angehende Menschen umzubringen?

Tze.

Der Mensch hinter deinem Gesicht

Du sitzt da und redest mit mir, erzählst mir irgendetwas von Klischees über Männer und Frauen und die Männlichkeit von gesunder Ernährung. Du redest mit mir, und ich frage mich, wer diese Person eigentlich ist, mit der ich da spreche. Was hinter deinen Worten steckt. Was hinter deinen Bewegungen steckt. Was hinter deiner Mimik steckt. Was hinter deiner Stirn steckt.

Ich kenne dich kaum, verglichen mit dem, was es da alles zu kennen gibt. Wie viele Dinge tut der Mensch an einem Tag? Wie viele Dinge lässt er? Wie viele Gefühle hat der Mensch an einem Tag? Wie viele Gedanken? Wie viele Themen geistern dem Menschen an einem Tag im Kopf herum? Wie viele Ideen? Ängste? Freunden? Fantasien? Aus wie vielen Motiven handelt der Mensch an einem Tag? Aus wie vielen Überzeugungen? An einem einzigen Tag? Heute? Und wie ist das mit einer Woche? Einem Monat? Einem Jahr? Einem Lebensabschnitt?

Ich weiß nichts von dir. Du redest mit mir und ich weiß nichts. Dein Gesicht ist schön, doch ich habe keine Ahnung, wie der Mensch dahinter aussieht.

Von wem weiß ich überhaupt etwas? Wen kenne ich? – Gibt es da überhaupt jemanden? Bei einigen Menschen streife ich einen Bruchteil dessen, was sie sind, doch selbst diejenigen, die ich am besten kenne, sind so viel größer als alles, was ich je sehen könnte.

Wie könnte ein Mensch je behaupten, einen anderen zu verstehen?
Wie könnte es ein Mensch je wagen, einen anderen zu beurteilen?
Wie könnte sich ein Mensch je über einen anderen Menschen stellen?

Du redest mit mir und das alles, was du sagst und was du bist, ist nicht so simpel wie es klingt. Du bist nicht so unscheinbar, wie du immer tust. Du bist so viel mehr als das, was ich weiß. Da gibt es so viel mehr, was man nachvollziehen könnte.

Aber ich verstehe ja nicht mal mich selbst.

Gedanken, an die ich mich noch gewöhnen muss

Ich bin ein Mädchen und ich bin eine Frau. Eine Frau und ein Mädchen. Menschen sehen beides in mir. Menschen sehen eine Frau in mir. Ich kann in mir noch lange keine Frau finden. Da ist nur ein 15-jähriges Mädchen. Mädchen, Frau, Frau, Mädchen. Was ich wirklich bin, weiß ich nicht. Ich bin Sina! Aber sonst…?

Wenn Jungs mit mir reden, könnte es sein, dass sie flirten. Letztens hat ein Lehrer den Spruch „Jetzt hör doch mal zu, du kannst in der Pause mit Sina flirten“ gebracht, und da ist es mir wie Schuppen aus den Haaren aus den Augen von den Augen gefallen. Der Kerl hat ja wirklich mit mir geflirtet. Upps. Wer weiß, wie oft das schon vorgekommen ist, ohne dass ich es mitgekriegt habe. Ich rechne irgendwie überhaupt nicht damit.

Ich kann Menschen berühren. Ich kann Menschen mit dem, was ich sage und bin, zum Weinen oder zum Lachen bringen. Ich kann Menschen ermutigen, inspirieren und beschäftigen. Ich kann Menschen bewegen. Und ich kann erwachsene Menschen bewegen. Ich kann ein Vorbild sein. Was immer das auch heißt.

Gedanken, dich mich immer wieder in stummes Erstaunen bringen. Dabei ist es gar nicht so etwas besonderes. Ich bin es nur einfach nicht gewohnt.

Frei sein

(Ein Text vom 8. Januar 2013)

Mir geht dieses eine Lied durch den Kopf, Stardust von Lena: „No one can catch us, nothing can change this …“ Ich mag es. Es ist Freundschaft und frei sein.

Frei sein.

Das, was nicht ist. Frei sein, das heißt: Glücklich, unbeschwert. Zusammen.

Frei sein, das ist so eine Sache, die alle versprechen, weil es keiner halten kann. Wenn es viele Rezepte für etwas gibt, ist das ein Indiz dafür, das keins so richtig überzeugend ist. Alle wollen es, alle kennen es; keiner, der es ganz hat, ganz kann.

Frei sein, das ist wie eine Blume in einem Blumentopf, die gegossen und gepflegt werden will. Sie ist nicht einfach so, bleibt nicht einfach so. Und sie hat ihre Grenzen. Irgendwie. Paradoxerweise.

Die Frage ist ja eigentlich, ob es das wert ist. Was man dafür tun muss und was man davon hat. Das Verhältnis davon.

Das tun-müssen ist ja die Frage. Lauter Versprechen, lauter Anleitungen, um es zu bekommen. Das Glück, die Freiheit, das volle Leben. Und wir fallen darauf rein, wieder, wieder, wieder und immer, immer wieder. Weil die Sehnsucht danach so groß ist. Weil es weiter gehen soll, was wir kurz erleben. Dass unendlich wird, was nur ein paar Momente sind. Wir folgen irgendwelchen Anleitungen, Regeln oder gerade den Nicht-Regeln. Und, weil das schöner ist, sagen wir uns danach gerne: Es ist jetzt besser. Naja. Es ist jetzt zumindest nicht viel schlimmer …

Und was man davon hat? Naja, halt das Glück und so. Nicht. Oder doch? Irgendwie ziemlich viele Reinfälle und sinnlose Aktionen. Frust.

Doch dann kommt der Moment, wo es egal ist. Alles. Ob ich glücklich bin oder nicht. Ob ich frei bin oder nicht. Ob ich unbeschwert bin oder nicht. Wo das alles keine Rolle spielt.

Der Moment, indem alles egal wird und nur noch eins zählt – da bin ich glücklich.

Und kaum versuche ich es festzuhalten, wird es zu wichtig, zu utopisch, und löst sich in Luft auf. Es lässt sich nicht ins Fadenkreuz nehmen. Der Fokus Freiheit ist ein Fokus ins Nichts. Seinen Kompass danach zu stellen, führt in die Irre. Dein Norden liegt woanders …

Glück, Freiheit – was für ein Schlamassel.

Bäume klettern

Laut meinem großen Bruder wird man nie zu alt, um auf Bäume zu klettern. Gut, er hat das in Bezug auf männliche Wesen gesagt, aber ich finde, das gilt auch für Frauen und Mädchen – zumindest für die wirklich tollen. Und weil das so ist, bin ich heute auf einen Baum geklettert. Der Baum stand in einem Mini-Wäldchen, dass ich bis vorher nicht einmal kannte, obwohl es gerade mal eine halbe Stunde von zu Hause entfernt ist. Vielleicht war es eine Buche, wahrscheinlich aber irgendetwas anderes – schwer zu sagen, wenn keine Blätter an den Bäumen sind. Ja, und da war ich drauf.

Ich saß also in der frühen Abendsonne auf einem sehr soliden Ast und hielt mich an einem eher dünnen Ast fest, als mir der Gedanke kam, mich an dem dünnen Ast festzuhalten und herunterzuspringen, sodass der Ast sich bis zum Boden biegt und mich absetzt. So die Theorie. In der Praxis war der Boden ziemlich weit weg. Außerdem waren der dicke und der dünne Ast fast auf einer Höhe, was das ganze nicht unbedingt erleichtert hat. Aber ich wollte es machen, unbedingt.

Herausforderungen anzunehmen wird schwieriger, wenn man dabei alleine ist, weil die Gedanken dann die ganze Zeit auf einen einquatschen können und keiner sie unterbricht. Meine Gedanken haben mir die ganze Zeit erzählt, wie weit der Boden weg ist. „Und wenn der Ast bricht? Oder biegt sich der Ast fast gar nicht und du hängst in der Luft und musst dich den Rest frei fallen lassen, und das wäre wirklich noch ein ganzes Stück. Lass es einfach. Es sieht dich doch eh keiner, es müsste dir nicht peinlich sein. Und wenn du dich verletzt, kommst du nicht wieder nach Hause.“ „Ich will aber“, habe ich geantwortet.

Und habe es gemacht. Meine Hand ist ein bisschen aufgeschürft, weil – ich habe gar nicht mitgekriegt, warum. Vielleicht war das auch schon vorher. Jedenfalls hat es funktioniert. Der Ast hat mich heruntergelassen und ich bin gut auf der weichen Erde angekommen.

Es war toll. Man, hat das gut getan, sich mal wieder etwas zu trauen, sich zu überwinden und sich zu spüren. Ja, das ist vielleicht das Beste daran gewesen: Zu spüren, dass ich lebe.

Tausche Hirn gegen Stroh!

Letztens hat eine Freundin zu mir gesagt:

Manchmal würde ich mein Gehirn gerne gegen Stroh austauschen. Geht das? Nur mal so für ein paar Stunden? Damit ich nicht mehr denken muss?

Oh, ich weiß, was du meinst! Aber ich hätte dann lieber gerne Zuckerwatte statt Stroh. Stroh pickst so.

(Ps: Ich kann das Wort „Stoh“ (ähäm) einfach nicht tippen. Ich musste in diesen paar Sätzen jedes einzelne „Stro“ (genau) korrigieren, und jedes auf eine andere Weise.)