Mutig und stark?

Texte aus einer schweren Zeit 1/4

Ich wäre so gern mutig und stark.

Schwach sein, das hat seinen Reiz, wenn eine starke Schulter in der Nähe ist. Aber wenn man merkt, dass da niemand ist, und dass ich jetzt gerade vielleicht nicht ganz alleine, aber doch für mich selbst hier stehe und für mich selbst kämpfen muss, dann mag ich überhaupt gar nicht mehr schwach sein.

Mutig sein, das war leicht, als ich das Ziel gesehen habe. Als ich wusste, wofür, und wohin ich will. Wenn da aber Nebel ist und man gar nicht mehr das Gefühl hat, dass es den Aufwand, den Mut, den Einsatz wert ist – Ich bin nur noch mutig, weil ich keine Wahl habe. Ich gehe nur noch voran, weil das Leben eine Einbahnstraße ist. Ich gehe, weil ich mich weigere, stehenzubleiben.

Ich wäre so gern mutig und stark.

Stattdessen drehe ich mich im Kreis, immer im Kreis: Die Erinnerungen. Wie schwer es mir fällt, dass alles jetzt doch so anders ist. Wie ungerecht das ist. Wieso den Menschen, die mir so weh tun, scheinbar alles gelingt. Wie es gewesen wäre, wenn ich mich in dieser oder jener Situation anders verhalten hätte. Was ich machen würde, wenn ich diesen oder jenen Menschen aus der Vergangenheit nochmal träfe. Was ich ihnen heimzahlen will. Wie ich ihnen demonstrieren kann, was sie mir angetan haben. Falls sie das überhaupt interessiert.

Ich weiß, ich sehe, ich fühle, wie mich das kaputt macht. Und trotzdem höre ich nicht damit auf. Ich weiß nicht wie. Kontrolle über meine Gedanken zu übernehmen ist so schwer.

Ich will akzeptieren, dass es ist, wie es ist. Ich will nicht mehr immer zurückdenken, voller Trotz, Reue, Wut, Ärger, Fassungslosigkeit, Trauer. Ich will im Jetzt ankommen und die ganzen alten Vorstellungen der Zukunft, Wünsche, Träume und Hoffnungen begraben. Ich will vergeben. Ich will vergessen, heil sein, es ungeschehen haben, mich fühlen, als sei das alles nicht passiert – oder als sei der Schmerz nicht passiert.

Ich habe aufgehört, zu träumen. Zu hoffen. Was vorher Licht war, auf das ich zugesteuert habe, sind jetzt Schreckensgeister oder fade Eintönigkeiten, zu den ich eigentlich gar nicht hinwill – gefangen im Festhalten an Zielen, die jetzt unmöglich geworden sind. Wie ich nicht aufhöre, mich zu wehren gegen die Realität und den Zerbruch… als könnte ich etwas ändern. Als könnte ich etwas zurück bekommen.

„Ich kann nicht mehr“ und „Ich will nicht mehr“ – erst vor zwei, drei Wochen habe ich einem Mädchen beigebracht, dass sie diese Denkweisen nicht weiterbringen werden. Und jetzt weiß ich selbst nicht, wie ich weiterkommen soll. Ich sehe nicht, wohin. Wozu überhaupt. Ich fühle mich kraftlos und schwach. Perspektivlos. Mutlos.

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Heimweggedanken

Alles ist gut. Es tut mir leid.

Menschen.

Ich bin überfordert. Ich gehe mitten in der Nacht eine große, leere Straße entlang und bin überfordert. Warum? Menschen. Ich bin überfordert wegen Menschen und froh, gerade alleine zu sein. (Obwohl man als Frau vielleicht nicht froh sein sollte, alleine zu sein, wenn man mitten in der Nacht große Straßen entlang läuft.)

Ich rede mit mir selbst: „Ich will das nicht ich will das nicht ich will das nicht. Es tut mir leid.“

So vieles will ich nicht. Nicht ständig gefragt werden um meine Zeit und meine Kraft, um mein offenes Ohr und meine helfenden Hände und mein Herzblut. Ich will das mal bei mir behalten statt es überall zu verteilen. Ihr kommt mir zu nahe, denke ich. Viel zu nahe. Vielleicht kann ich es einfach nicht geben, was ihr wollt, weil ich es nicht hab: Nicht die Verbindlichkeit. Nicht die Kraft. Nicht die Antwort. Mein offenes Ohr ist zugelagert mit Lärm und Staub.

Aber mich bitte nicht alleine lassen. Dableiben. Bei mir. Es tut mir leid.

Ich glaube, es tut mir deswegen so leid, weil ich Menschen wie mich früher nie verstanden habe und mich von ihnen abgelehnt und allein gelassen gefühlt habe. Ich habe gedacht: ‚Warum schreibt sie nicht? Warum will sie nicht dabei sein? Warum drückt sie sich um die Zusagen herum? Warum übernimmt sie nicht auch eine Aufgabe? Warum ist sie nicht auch Feuer und Flamme für diese Pläne und Ideen?

Sie muss mich wohl nicht so mögen. Steht wohl nicht dahinter.‘

‚Es tut mir so leid, dass ich nicht bin, wen du brauchst‘, denke ich und schaue meinem imaginären, gesichtslosen Gegenüber in die Augen. Irgendwie würde ich so furchtbar gerne alle Erwartungen erfüllen. Auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite breche ich aus, wenn mir jemand zu nahe kommt. Fight or flight. Leicht wärs, wenn Menschen nur von mir wollen würden, was ich auch will.

Aber alles ist gut. Ich bin müde vom Nein-sagen, müde vom Grenzen setzen, müde vom Überlegen, warum mir die einen Menschen zu nahe kommen und die anderen so weit weg bleiben. Alles ist gut. Ich weiß ja, was ich will. Und ich sage ’nein‘, wenn ich muss. Es ist nur so anstrengend.

Ich habe das Gefühl, dass ich mich selbst enttäusche. Mein imaginäres altes Ich, das Menschen, wie ich heute einer bin, gesehen hat, ihre Hilfe brauchte und abgewiesen wurde. Aber ich habs trotzdem geschafft. Und ihr, Menschen, werdet es trotzdem schaffen.

Ich biege von der großen, leeren, nächtlichen Straße ab in unsere Einfahrt und gehe ins Bett.

Gedankenüberschuss

Wenn die innere Zwischenablage überfüllt ist und man mit dem Verarbeiten seines Lebens nicht so recht hinterherkommt

Wenn ich meine Augen schließe und wieder in all den vergangenen Momenten der letzten Tage bin, all die Stimmen höre, die mein Ohr erreicht haben und all das sehe, was vor meinem Auge hergezogen ist, dann möchte ich gerne in einen Zug einsteigen und wegfahren. Das liegt daran, dass man in Zügen gut denken kann, weil man nirgendwo ist und keine Aufgabe hat, außer dass man in materieller Form existent bleibt, bis man irgendwann irgendwo ankommt und da aussteigt. Das liegt auch daran, dass ich von einer bekannten Person, einer Freundin oder Tochter oder Mitarbeiterin oder komischen Vogel zu einem unbekannten, anonymen und sofort wieder vergessenen Gesicht werde. Manchmal ist das gut, weil man dann nämlich auch keine Erwartungen mehr an sich entdeckt, außer eben ein unbekanntes Gesicht zu sein, und das ist nicht so schwer.

Der Vorteil beim Denken im Vergleich zum Schreiben ist es, dass man keinen einzigen Gedanken beenden muss. Beim Schreiben steht am Ende etwas da, schwarz auf weiß, und das fühlt sich irgendwie endgültig und wahr an. Meine Gedanken sind nicht endgültig und wahr, sondern halb angeschaut und doch irgendwie eingeatmet. (Das versteht irgendwie keiner, weil das voll die komische Metapher ist, aber das ist nicht wichtig, weil es nämlich tiefgründig und poetisch klingt.)

Ich als Mensch an und für sich habe eine Haut. Außerhalb meiner Haut befinden sich nur noch Fuß- und Fingernägel und meine Haare, insbesondere meine rote Lockenmähne auf meinem Kopf. Innerhalb dieser Haut ist ein gewisser Raum, der mit Gedanken, Gefühlen und Identität gefüllt sein kann. Es reicht gerade gut für mich selbst und ein kleines bisschen für die Gedanken, Gefühle und Identitäten anderer, aber wehe zu viel. Mit geschlossenen Augen und den vielen, unbeantworteten Eindrücken bekomme ich aber Platzangst, Angst vor zu wenig Platz in mir drin, Angst vorm Platzen, Platzangst. Fluchtreflex. Zugfahren.

Manchmal wünsche ich mir, in bestimmten Momenten einfach nicht antworten zu müssen, nicht reagieren zu müssen, weil ich einfach nicht weiß, wie, und eigentlich auch gar keine Lust habe, mich mit Menschen auseinanderzusetzen. Oder mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Da spricht mich jemand an, sieht mich an – und mein Gehirn, mein Herz schweigt. Schweigt vom Rückzug, vom Verstecken, vom Frieden. Jemand stört diesen Frieden, aber ich will nicht. Lass mich in Ruhe, sage ich, oder sei mit mir ruhig, das wäre mir noch lieber. Bitte setze dich neben mich und lass uns schweigen von der Vergangenheit und ihren Geschichten und Gesichtern, bis wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Ich habe keine Angst vor mir selbst. Mich mit dir selbst zu unterhalten ist eine Disziplin, die ich schon beherrscht habe, bevor ich mich mit anderen unterhalten konnte. Beständig erfahre ich dabei neues. Ich bin ich, das stimmt schon, aber oft bin ich mir genug wer anderes, um mich kennen lernen zu müssen und um für meine Denk- und Fühlweise Erklärungen zu brauchen. Und wie das so ist, wenn man mit jemandem sehr lang intensiv unterwegs ist, habe ich mich trotz all meiner Merkwürdigkeiten und unverständlichen Verdrehungen lieb gewonnen. Ich versteh mich zwar nicht immer, aber ich habe Frieden mit mir, und manchmal lade ich in diesen Frieden Menschen ein.

Hoffnungsbringerin, nannte mich jemand. Wenn du da bist, fühlt sich das immer an, als würde alles gut werden.

Ja, es wird auch alles gut werden. Davon bin ich tiefer überzeugt als irgendeine Sorge Wellen schlagen könnte. Tiefer, als irgendeine Platz-Angst wegen Reizüberflutung mich überfordern könnte. Tiefer als all die plappernden Stimmen in meinem Kopf, die reden von Vorgestern und Gestern und Heute und allem dazwischen und davor und dahinter.

Ich steige in keinen Zug ein, denn ich muss nirgendwo hin, und es ist auch keiner da, der sich gerade neben mich setzen und mit mir schweigen wollen würde. Stattdessen sitze ich hier und schreibe, schreibe von zu viel in mir in einem Moment, in dem das zu viel in mir endlich hinaus kann und ein es darf sein wird. Es darf sein. Alles wird gut.

Ich atme, atme, und bin.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Kühle Luft in meiner Lunge, kühlt das Herz, die Gedanken. Einatmen – Fokus. Was ist wichtig? Atmosphäre, sein. Einfach sein. Ich bin, hier, bis in die Fingerspitzen, bis in meinen großen Zeh. Ich bin, und ich spüre mich.

Ausatmen.

Den Staub, der sich auf meinem Herz gesammelt hat, als ich mir keine Zeit für es genommen habe. Die Angst, die ich so lange zudecken wollte. Die Unsicherheit. Erhöhter Stickstoffgehalt in der Atemluft, die ich in die Nacht fließen lasse, das lernt man in der Schule. Irgendwas zittert – bin ich das?

Einatmen.

Die Ruhe und die Stärke. Wieder mal Identität, natürlich, das kommt immer wieder. Die Stimmen einatmen, die Menschen, wie sie mir Wert zusprechen. Wahrheit? Ich frage danach.

Ausatmen.

Die Spannungen, die ganzen Konflikte, die Kriege in mir, die ich zu selten gewinne. Unzufriedenheit, Enttäuschung von mir. Lügen, immer wieder Lügen: Ich kanns halt nicht. Mein Anspruch an mich, viel zu hoch – ist das Stolz?

Einatmen.

Macht und Frieden. Der Duft von Regen, und ein paar Moleküle mehr Gewissheit über mich und das Leben. Alles anders, dasselbe, nur anders. Mein Spiegelbild sieht anders aus als vor einem Jahr, einer Woche, einem Tag. Ich bin wertvoll.

Ich atme, atme. Ich bin frei, ich bin wild, und ich bin. Ich atme Dinge ein und atme Dinge aus, nehme auf und gebe ab, ergreife und lasse los. Da ist Luft um mich und in meiner Lunge, und Leben, und Veränderung, und alles, und es ist schnell, so intensiv, und ich atme, ich bin, bin. Einatmen und Ausatmen. Luft und alles, alles. Alles.

Und mit jeden Atemzug werde ich mehr ein neuer Mensch.

Reden

Ich schreibe, weil ich nicht reden kann.

Ich kann nicht reden. Wenn ich rede, verhasple ich mich, ich stottere und verdrehe die Sätze, bis ich etwas ganz anderes gesagt habe als ich meine. Ich kann nicht reden, und dennoch rede ich viel. Ich weiß nicht, warum. Es hat gar keinen Sinn, zu reden, wenn es keiner versteht. Und das was ich sage, versteht keiner, was ja auch gar nicht geht, weil ich es ja falsch sage.

Außerdem haben die meisten Menschen falsche Reaktionen. Sie lachen, wenn etwas gar nicht lustig sein sollte und wenn ich witzig bin, schweigen sie mich aus ausdruckslosem bis betroffenem Gesicht an, die Augen weit aufgerissen auf mir ruhend, was mich auch nicht gerade besser reden lässt, wie du dir vorstellen kannst. Solche Blicke verdrehen meine Gedanken noch mehr und dann weiß ich gar nichts mehr. Meine Worte haben dann kein Gewicht mehr. Mehr Gewicht will ich …

Und ich kann nicht reden, aber ich habe immer noch eine Stimme, eine Stimme.
Eine Stimme, die nicht reden kann, yey, aber ich habe sie, und ich nutze sie, und du hörst zu.

Und auch wenn du mich wieder so angucken wirst und sich in meinem Hirn alles verdreht, und auch wenn ich mich viel zu sehr von nicht vorhandenen Reaktionen leiten lasse und auch wenn ich beim Reden über meine eigenen Gedanken wie über Stolperseile holper, werde ich meine Stimme nutzen.

Denn ich habe eine Stimme – und du hörst zu.

Stellt euch einfach mal vor …

… Kate hätte ihr Baby abgetrieben. Wäre das ein Aufschrei! Der Thronfolger, einfach abgetrieben! Tot! Er wäre es gewesen! Kate darf das nicht!

Aber sonst darf man das, oder was? Sonst juckt das keinen? Sonst ist es okay, angehende Menschen umzubringen?

Tze.

Der Mensch hinter deinem Gesicht

Du sitzt da und redest mit mir, erzählst mir irgendetwas von Klischees über Männer und Frauen und die Männlichkeit von gesunder Ernährung. Du redest mit mir, und ich frage mich, wer diese Person eigentlich ist, mit der ich da spreche. Was hinter deinen Worten steckt. Was hinter deinen Bewegungen steckt. Was hinter deiner Mimik steckt. Was hinter deiner Stirn steckt.

Ich kenne dich kaum, verglichen mit dem, was es da alles zu kennen gibt. Wie viele Dinge tut der Mensch an einem Tag? Wie viele Dinge lässt er? Wie viele Gefühle hat der Mensch an einem Tag? Wie viele Gedanken? Wie viele Themen geistern dem Menschen an einem Tag im Kopf herum? Wie viele Ideen? Ängste? Freunden? Fantasien? Aus wie vielen Motiven handelt der Mensch an einem Tag? Aus wie vielen Überzeugungen? An einem einzigen Tag? Heute? Und wie ist das mit einer Woche? Einem Monat? Einem Jahr? Einem Lebensabschnitt?

Ich weiß nichts von dir. Du redest mit mir und ich weiß nichts. Dein Gesicht ist schön, doch ich habe keine Ahnung, wie der Mensch dahinter aussieht.

Von wem weiß ich überhaupt etwas? Wen kenne ich? – Gibt es da überhaupt jemanden? Bei einigen Menschen streife ich einen Bruchteil dessen, was sie sind, doch selbst diejenigen, die ich am besten kenne, sind so viel größer als alles, was ich je sehen könnte.

Wie könnte ein Mensch je behaupten, einen anderen zu verstehen?
Wie könnte es ein Mensch je wagen, einen anderen zu beurteilen?
Wie könnte sich ein Mensch je über einen anderen Menschen stellen?

Du redest mit mir und das alles, was du sagst und was du bist, ist nicht so simpel wie es klingt. Du bist nicht so unscheinbar, wie du immer tust. Du bist so viel mehr als das, was ich weiß. Da gibt es so viel mehr, was man nachvollziehen könnte.

Aber ich verstehe ja nicht mal mich selbst.