Erdacht, hingeträumt und wohlgefühlt

Heute nehme ich mir mal Zeit, schiebe alle Stimmen zur Seite, die mich vor Kitsch und Quatsch warnen, und träume mich an andere Orte, in andere Zeiten.

Ich träume von einem kleinen Holzhaus mit einer Terrasse, die nur noch ein paar Meter von einem Seeufer entfernt ist. Neben dem Holzhaus, in einem kleinen Verschlag, liegt ein Kajak. Wenn es warm genug ist, dann hol ich das Paddel aus dem Keller, zieh das Kajak ins Wasser und fahre mit kräftigen Zügen auf den See hinaus. Da bin ich dann ganz alleine, lasse mich treiben, mit dem Wasser so nah bei mir, und der Himmel und die Ruhe und der Blick auf die Bäume am Ufer.

Ich träume mich auf Bühnen, kleine und große, vor Menschen, die hören wollen, was ich zu sagen habe. Ich habe ein Mikro in der Hand und sage relevantes, weises, schönes, und Menschen klatschen, weil es in ihnen etwas ausgelöst hat, das gut war. Einige kommen nachher zu mir und wir reden, und sie sagen, dass meine Worte etwas verändert haben – aber eigentlich waren es gar nicht meine Worte, sondern etwas, was sie gar nicht erklären können. Und ich lächle, weil ich weiß, was es war.

Ich träume von meinem zu Hause einmal später. Menschen kommen gern, weil es ein heller Ort ist. Ein Ort, wo ich einfach für dich beten kann, wenn du es brauchst, und wo Menschen sich begegnen, ganz echt. Da steht ein Klavier, und da spiele ich manchmal und singe davon, wie gut mein Gott ist. Vielleicht wuseln da ja auch Kinder herum und ein wunderbarer Mann, der seinen Arm um mich legt, wenn die Welt mal zu kalt zu mir scheint. Es könnte sogar sein, dass ich bis dahin kochen gelernt habe und es nach Klößen mit Pilzsoße riecht.

Ich träume von einer Runde Mädels, mit denen ich auf einer großen Wiese auf dem Rücken liege und den Himmel anschaue. Wir treffen uns häufiger, reden über Gott und die Welt und ich teile mit ihnen, was ich schon weiß, und sehe sie wachsen und staune. Diesmal ruhen wir uns aber einfach nur mal aus von der Welt und der Zeit, kitzeln uns gegenseitig heimlich mit Grashalmen und lernen etwas, was man schnell mal vergisst: Einfach nur zu sein.

Ich träume davon, wie ich in einem recht ruhigen ICE-Waggon sitze, meinen Rucksack mit dem Gepäck für ein Wochenende neben mir, auf dem Weg irgendwohin, noch Stunden Zeit. Wie ich aus dem Fenster schaue, nichts tun muss, nichts leisten muss, sondern innerlich so frei bin wie kaum sonstwo. Wo ich anfange zu träumen, von Kajaks, Bühnen und wundervollen Menschen…

und dann an meinem Coffee to go nippe, den ich bis dahin vielleicht ja auch noch mag.


7 Kommentare

  1. Erstens: Was war „es“?
    Zweitens: Ich liebe deine Texte. Manchmal ganz besonders. Gerade zum Beispiel.

  2. Zu erstens: In meiner Vorstellung war es Gott, der mich nutzt, um zu Menschen zu reden.
    Zu zweitens: Danke, Dominik! Freut mich voll :-)

  3. Das sind sehr schöne Zeilen…

    „Es könnte sogar sein, dass ich bis dahin kochen gelernt habe und es nach Klößen mit Pilzsoße riecht.“

    …und ich hab zufälligerweise gerade Pastetchen mit Pilzrahmsauce-Füllung gegessen.

    Kennst du eigentlich den Film „Into the Wild“, beziehungsweise das gleichnamige Buch? Losgelöst zu sein von der Gesellschaft, von der Natur getragen zu werden, und nur mit Menschen Kontakt haben, die erkennen, dass du zu etwas gedrängt bist – und du selbst genauso merkst, dass andere Menschen vor etwas fliehen. Einen Raum benötigen, wo man sich ganz wohl fühlt. Wo man nicht weiterhetzt um dieses und jenes zu erledigen, sondern einander zuhört, bis sich dieses und jenes Unbehagen des anderen aufgelöst hat.

    An dieses Buch bzw. den Film denke ich gerade. (Auch wenn der arme Typ schliesslich in Alaska verhungert ist – sich in einem Wald zu ernähren ist für Menschen nicht wirklich ein Zuckerschlecken. Auch wenns lecker Ahornsirupbäume gibt.)

  4. Tja. Ich habe das erste Mal von dem Film gehört, als sich eine Runde Freunde über den bzw. seine Fans aufgeregt hat. Man erzählte mir, aufgrund dieses Film sind reihenweise Leute in die Wildnis in Alaska gereist und da – manche mehr, manche weniger freiwillig – verhungert. Zusätzlich dazu ziemlich unnötig – meine Freunde zogen darüber her, was es für eine Leistung ist, dort zu verhungern, und wie einfach und mit welchen Methoden man das hätte verhindern können. Damit wurde der Name für mich unwiderruflich mit Naturromantikmelodrama und seltene Dämlichkeit von Menschen verknüpft.

    Tja, diesen ersten Eindruck bin ich irgendwie nicht mehr los geworden. :D Bin danach nicht mehr über den Trailer hinaus gekommen.

    Aber das Gefühl, dass du beschreibst, das mag ich. Und ich glaube, es sogar ein bisschen zu kennen. :-)

  5. So wie deine Freunde dir den Film schilderten, hatten sie irgendwie nur die Hälfte davon gesehen. :o)

    Das Buch ist recht schonungslos, und zerstört die Idylle des ach so schönen Lebens alleine in der Natur ziemlich effizient. Es erzählt auch von Jon Krakauers eigenen Bergsteige-Abenteuern, die manchmal von beklemmendem Leichtsinn bzw. Mut zeugen.

    Auch der Film kitscht nicht. Wenn der Film die Wildnis beschreibt, zeigen die Aufnahmen, dass sämtliche Tiere, von der Eule bis zum Bär, schon seit viel länger wissen, wie man dort lebt – während der naturverliebte Mensch ein Astronaut ist, der den Raumanzug zu Hause vergessen hat.

    Er handelt eher davon, dass der Sohn eine väterliche Lebenslüge erkennt, und daraufhin seine Familie verlässt und nur noch Menschen vertrauen kann, die er auf seiner Reise kennenlernt. Für ihn ist die Ordnung, in die er hereinwächst, bedrohlich und unmenschlich geworden. Sie lässt ihm keine Freiheit mehr. Er kann nur noch Menschen akzeptieren, verstehen und lieben, die ihm das Schicksal irgendwo, an irgendeinem Tag, zuspielt.

    Hör mal „Guaranteed“, den Song, der den Film während dem Abspann abschliesst. Der Text fasst den Film hervorragend zusammen.

  6. Okay, das machts irgendwie sympatischer :-)
    Wobei irgendein Freund noch meinte, für ihn liegt ein entscheidender Punkt darin, dass der Protagonist erkennt, dass sein Glück ungeteilt kaum etwas wert ist (weswegen er auch zurückkehren will oder so?).
    Vielleicht sollte ich mir ihn doch mal ansehen.

  7. Zunächst sagt Christopher McCandless: „You don’t need human relationships to be happy, God has placed it all around us.“

    Aber dann kritzelt er am Schluss „Happiness only real when shared“ in ein Buch.

    Deswegen möchte er dann zurückkehren, verhungert dann aber, weil er mangels Landkarte nicht weiss, wo man den reissenden Fluss überqueren kann.

    Ja, tu das – seh ihn dir an! Als ich ihn vor sieben Jahren im Kino gesehen habe, war ich nachher noch eine halbe Stunde lang wie in Trance. Das ist ein echter Liebesfilm. Er sucht Liebe – auf dem langen Weg bis nach Alaska hinauf. In seiner Naturverliebtheit übersieht er, dass er doch immer wieder auf Menschen trifft, die ihn lieben.


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