Alibi-Freunde

„Die Frage ist ja, wer von den Freunden noch übrig bleiben würde, wenn man monate- oder jahrelang im Krankenhaus ist und so“, sinniere ich in Anbetracht des Unterrichtgegenstandes Krebs.

Meine Sitznachbarin seufzt leise.

„Bei mir wäre es nur mein Freund und meine Schwester. Ansonsten habe ich nur Alibi-Freunde, um zu verbergen, dass ich keine echten Freunde habe.“

Ehrlich, dieses Mädchen. Staubtrockene Wahrheit. Die Bitterkeit in der Stimme lässt ein wenig auf den Schmerz dahinter schließen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie eine Einzelkämpferin ist.

Und dann merke ich, dass ich auch erstaunlich viele Alibi-Freunde habe. Hab ich nie gemerkt. Wollte ich auch eigentlich nie wissen.

Oh man. Knallhart ehrlich, diese Aussage. Aufrüttelnd ehrlich. So bitter ehrlich und wahr, dass sie sich tief in mein Gedächtnis einbrennt. Alibi-Freunde.

Das Mädchen schaut mich an und lächelt ohne besondere Freude. „Weißt du?“

„Ja“, antworte ich fast ein bisschen grimmig und beginne zu hoffen, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem ich charakterlich so weit bin, dass ich keine Alibi-Freunde mehr nötig habe.

Never give up, bis du schwarz wirst.

(Zur Reihe: „Blöde Sprüche, die gar nicht stimmen“. Zu „Selbstlob stinkt“ hierlang.)

Gib auf!

Ich meins ehrlich. Gib auf! Mach Schluss, lass es sein, gib es auf.

Warum sagst du das, Sina? Was ist denn mit „Never ever ever give up!“ und diesen ganzen Sprüchen?

Diese Sprüche sind fast schon eine Seuche. Sie verallgemeinern, was man nicht verallgemeinern kann.

Die eine Hälfte des Spruches ist wahr. Gib dich niemals auf. Gib niemals auf, deinen Platz und deinen Wert zu finden. Gib niemals auf, wenn du weißt, dass es der richtige Weg ist.

Aber ich kenne Menschen, die depressiv geworden sind und im Burnout gelandet sind, weil sie diesen Spruch falsch angewendet haben. Sie haben auch niemals aufgegeben, und es hat sie ihre Lebensfreude gekostet.

Es ist Stärke, zu wissen, wann ich aufgeben soll. Wer etwas aufgeben kann und sich wie ein Versager fühlen kann, ohne seine Identität davon beeinflussen zu lassen, ist wirklich stark. Sehr, sehr oft müssen wir Sachen einfach aufgeben, um Platz für etwas größeres zu haben. Ich habe Klavier spielen aufgegeben, obwohl ich es wirklich mochte. Ich wusste aber, dass das nicht mein Weg ist. Einiges von dem, was ich heute tue, hätte keinen Platz in meinem Leben, wenn ich noch Klavier spielen würde.

Wir geben zu selten auf. Wir dürfen häufiger sagen: „Hey, ist nicht mein Ding, hat nicht funktioniert, ich lasse es.“ Wenn wir aufhören würden, mit lauten „Never give up!“-Parolen irgendeinen Weg entlang zu rennen, würden wir häufiger den richtigen Weg nehmen. Wenn wir innehalten, nachdenken und umkehren könnten, ohne als Versager zu gelten, wären mehr Leute am richtigen Platz.

„Never give up“? Ja. Deine Identität, dein Leben, deine Visionen.
„Never give up“? Nein. Was du tust, womit du deine Zeit füllst, deine Ziele.

Also, gib mal ein bisschen auf, auch wenns schwer ist. Und wenn du dich weigerst: Du kannst natürlich auch niemals aufgeben, bis du schwarz wirst. Es wird dich nicht glücklicher machen.

Der unbeschreibliche Geruch meines Schlafsackes

Man muss wissen, dass Schlafsäcke in meiner Familie eine besondere Position einnehmen. Wir wissen alle, warum man Schlafsäcke in ihre Hüllen stopft und sie nicht vorher zusammen rollt oder warum man sie nicht über längere Zeit in ihren Hüllen aufbewahren soll. Wir wissen, dass es in guten Schlafsäcken das wärmste ist, möglichst wenig anzuhaben, und dass man für warme Füße den Fußraum verkleinern muss. Bei uns meckert keiner rum, weil er im Schlafsack schlafen soll. Wir haben unsere Schlafsäcke stundenlang in Rücksäcken herumgeschleppt. Sie haben Waldböden, Wiesen, Zelte und Zimmer kennen gelernt. Sie haben uns an verschiedenen Orten der Welt gedient. Und zumindest ich habe zu meinem Schlafsack in all der Zeit fast schon eine persönliche Beziehung aufgebaut.

Und heute gehe ich auf den Dachboden, um ihn mal wieder in seinen Dienst zu rufen. Ich ziehe die Kiste mit meinem Schlafsack zwischen all den anderen hervor und mache sie auf. Da ist er. Ich fasse mit meiner Hand hinein und rieche diesen Geruch, und mit einem Mal bin ich nicht mehr auf dem Dachboden. Ich bin am Meer und lese nach einer anstrengenden Windsurfeinheit. Ich bin auf dem Segelschiff und versuche, irgendwie aufzuwachen. Ich liege nachts auf dem Waldboden wach und höre dem Wind und den Blättern zu. Ich bin mitten in einer Schlacht Würmercatchen (also Prügeln im Schlafsack) zum Aufwachen auf einer großen Wiese. Ich übernachte bei Freunden, liege in Zelten, bin im Urlaub.

Man könnte meinen, mein Schlafsack stinkt nach Käsefüßen, Schweiß, Dreck und Lagerfeuer, doch es ist nicht so. Objektiv gesehen riecht er wahrscheinlich nach gar nichts, höchstens nach Baumwolle und Polyester und vielleicht noch nach Dachboden, aber für mich riecht er nach Urlaub, Abenteuer, frei sein, raus können aus diesem langweiligen, anstrengenden, zivilisierten Alltagsleben, und trotzdem nach Geborgenheit, Wärme, Zuflucht und zu Hause. Ich grinse. Ferien-wegfahr-Gefühl, und das ohne Ferien. Nur ein Wochenende, nicht draußen schlafen und keine großen Abenteuer – trotzdem. Mein Schlafsack kommt mit, und mit ihm der kuschelige, weiche und warme Rückzugsort meiner Feldzüge. Hach, ich fühl mich ganz poetisch und glücklich und fast kitschig, aber nein, kitschig bin ich ja nicht, also nur poetisch und glücklich. Das Geräusch vom Reißverschluss, das vertraute Gefühl, als ich ihn in seine Hülle stopfe –

So, und jetzt wird weitergearbeitet, verdammt. Was soll der Quatsch. Das ist nur ein Schlafsack.

Denkanstoß

Bist du bereit, deine Bedürfnisse über das Bild zu stellen, was andere von dir haben sollen? Kannst du das, was du brauchst, über das stellen, was andere von dir denken sollen?

Ich gebe zu: Daran muss ich gerade hart arbeiten. Ich muss mir unbedingt die Hilfe holen, die ich brauche, auch wenn das nicht zu dem passt, wie ich auf andere wirken will. Sie durchschauen diese Maske eh, und ich muss aufpassen, dass es mir gut geht und dass ich authentisch bleibe.

Ein kleiner Ausbruch

Ich stehe mit Lea, einem Mädchen aus meiner Stufe, in der Schlange vor den Schulklos. Lea gehört zu den schüchternsten Mädchen, die ich kenne. Wenn man sich mit ihr unterhält, wirkt sie oft befangen. Trotzdem hat sie eine schöne, irgendwie … reine Ausstrahlung. Na ja, jedenfalls stehen wir so da und sehen uns in den Spiegeln gegenüber an.

Eine Weile sagt keiner von uns beiden was. Unsere Spiegelbilder mustern uns kritisch. Dann platzt es plötzlich ganz unvermittelt aus ihr raus.

„Ich will nicht die Pille nehmen wegen meiner Haut.“

Ein bisschen überrumpelt fühle ich mich schon, aber zum Glück schalte ich ausnahmsweise mal ziemlich schnell.

„Das wurde mir auch schon mal empfohlen. Ich machs auch nicht.“

Sie nickt. „Ich meine, ich will doch keine Hormone nehmen wegen meiner Haut oder so. Jeden Tag.“

„Nee. Finde ich auch Quatsch. Und ganz ehrlich: Wir habens beide auch nicht wirklich nötig, oder?“

„Nee.“

Sie lächelt mich zufrieden mit der Unterhaltung an, die Schlange rückt weiter und eine Sekunde später ist der Moment und das Gespräch vorbei.

Ein winzig kleiner, verbaler Ausbruch in der Schlange vor den Schulklos, sonst nichts. Und doch: Es war ihr wichtig, das loszuwerden, das zu teilen, und ich habe ihr zugehört. Dieser Moment hat einen Unterschied gemacht.

Meine Tasche

Ich schaue aus dem Fenster uns sehe eine alte Dame, die – so schnell es eben geht – mit ihrer Einkaufstasche die Straße entlang geht. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich prügel mich mit meiner kleinen Schwester, die leider irgendwie immer stärker wird. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich sitze in der Schule und versuche, einen Lehrer in dem zu verfolgen, was er gerade tut, aber in Wirklichkeit weiß ich gar nicht, was es ist. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich sitze am PC und versuche, Unterlagen für Mitarbeiter zu entwickeln und Formulierungen zu finden, die passen. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich liege im Bett mit Regelschmerzen und fühle mich völlig lebensunfähig und elendig. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Und am Ende des Tages gucke ich in meine Tasche:

Ach, wieder ein bisschen Leben gesammelt.

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(Was haltet ihr von der Idee, meinen Blog in „Leben sammeln“ oder so ähnlich umzubenennen? Mit Schach hat er ja im Endeffekt nichts zu tun … oder hat vielleicht irgendwer eine andere gute Idee?)

Und du weinst Tränen aus Blut.

Vorsichtig ziehst du deinen Ärmel hoch. Da kommen sie zum Vorschein, die Zeugen deines gestrigen Abends, ganz dicht, ein Schnitt neben dem anderen, der ganze Unterarm. Mir wird eiskalt. Sonst war es alle paar Wochen mal ein Schnitt, selten zwei, in Ausnahmen sogar vier, aber das hier? Mich durchfährt ein Schmerz, als hättest du nicht nur dich selbst, sondern auch mich geritzt. Die vielen, vielen kleinen Striche, manche mit Blutkruste, andere nur ganz unscheinbare dünne rote Linien. Ein paar kreuzen sich und fallen aus der Reihe, aber sonst sind sie erschreckend regelmäßig und geordnet. Zu systematisch. Viel zu systematisch.

„Und hier an der Seite auch“, sagst du und zeigst darauf. Ich schaue dich an. Es tut mir so weh, dich so zu sehen. Du bestrafst dich für die Fehler anderer. Du fühlst dich so unglaublich wertlos. Du versuchst deinem inneren Schmerz ein äußeres Gegengewicht zu geben. Du weißt nicht, wie du anders damit umgehen sollst. Und so weinst du Tränen aus Blut. Dein Schreien verhallt ungehört. Hilfe kommt nicht, und ich kann dich auch nicht retten. Ich kann dir nur zuhören und versuchen, dein Selbstwertgefühl irgendwie zu heben, aber selbst das funktioniert eigentlich nicht. Ich trage deinen Schmerz mit, ob ich will oder nicht, und ich winde mich innerlich unter jedem neuen Schnitt, den du dir zufügst.

Sprachlos. Ich weiß keine Worte, die ich dir noch geben könnte. Das geht alles viel zu schnell. Vor ein paar Wochen haben wir noch überlegt, wie du da raus kommen könntest, und du hast mir gesagt, dass du das alles nicht mehr willst. Du wolltest aufhören, bevor du so richtig drin landest. Du hast gesagt, dass es echt gut ist, dass dir von deinem eigenen Blut immer schlecht wird, weil das dazu führt, dass du dich so gar nicht öfter als ein, zwei, drei mal schneiden kannst. Und jetzt? Eine ganze Armee von Schnitten, viel zu viele. Erst der Arm, und als da kein Platz mehr war, die Seite. Und ich weiß, dass das immer noch nur ein Schatten von dem ist, was in dir drin vorgeht, was du jeden Tag tragen musst.

Ich bin die einzige, die danach fragt, wie es dir wirklich geht, und die dir wirklich mal zuhört. Ich bin die einzige, die dich nicht entweder mit Ignoranz, Ablehnung oder Sarkasmus behandelt. Wahrscheinlich bin ich auch die einzige, die dir sagt, was für ein toller und wundervoller Mensch du bist, trotz allem. Und das setzt mich irgendwie unter Druck. Ich weiß nicht, wie viel ich mich von dir abgrenzen abgrenzen soll. Wo sind die Grenzen? Wie viel kann ich, darf ich, soll ich, will ich in dich investieren? Wie viel kann ich dir überhaupt helfen? – Und ich bete wieder für dich, segne dich einmal mehr, weil ich weiß, dass es nichts Größeres gibt, was ich für dich tun kann.

Du ziehst deinen Ärmel wieder runter, verbirgst alles ordentlich hinter seiner Maske, die du nur trägst, damit sie endlich durchschaut wird. Du hebst den Kopf und siehst mich an. Deine Augen sind so trüb … Bitte. Ich will nicht bald an deinem Grab stehen müssen.
Du sollst doch leben!