Schützenfest – Alle Jahre wieder …

Alle Jahre wieder kommen sie mit groß Tamtam und mit stolzgeschwellter Brust mit ihren Gewehren und Schützenkönig und Hofstaat und blabla an unserem Haus vorbei. Einmal Samstag, zwei Mal Sonntag, einmal Montag. Glaube ich. Und spielen dabei alle Jahre wieder die gleichen Lieder. Wir haben zwei verschiedene Kapellen – die sich nicht so ganz abstimmen, und so spielen sie manchmal gleichzeitig.

Alle Jahre wieder will keiner Schützenkönig werden, weils so teuer ist, und das Geschieße dauert ewig, weil alle absichtlich daneben zielen. Es wird gegessen und getrunken (vor allem getrunken). Abends wird zu schlechter Musik (die man bei mir im Zimmer noch hört) noch mehr getrunken und getanzt. Kinder bis sechzehn Jahren versuchen jedes Mal wieder, nicht rausgeschmissen zu werden, und wer sich nicht ganz doof anstellt, schafft das in der Regel auch. Am Folgetag erzählen sie dann stolz im Bus, wie viel Alkohol sie erwischt haben – und beschweren sich über Kopfschmerzen. Na so was aber auch.

Alle Jahre wieder wird der Verkehr blockiert. Die Busse sind viel zu spät, weil sie den Umzug abwarten müssen. Und ich muss deswegen warten und die ganze Zeit diese peinliche Form der Dorfkultur ertragen. Im Bus befinden sich dann andere Flüchtlinge auf ihrem Weg ins Exil, alle genauso genervt wie ich.

Jedes Dorf hat seine Feste, und bei uns in der Gegend ist es halt das Schützenfest. Ist ja auch okay – irgendeinen Vorwand braucht man ja, um sich gemeinsam bei schlechter und lauter Musik diverse Rauschmittel zuzuführen.

Nur – warum müssen die mich da mit reinziehen? Warum muss ich die „Musik“ ertragen und ewig auf meine Busse warten, nur weil die sich zusaufen wollen?

„Sina, das ist eben Dorfkultur. Für die ist das eben wichtig. Das musst du doch verstehen“, sagt meine Mama, die sich noch am meisten von uns bemüht, sich in unser Dorf zu integrieren.

Ne, sorry. Kann ich nicht verstehen.

Das einzige Gute ist, dass ich da immer 10€ kriege.
(Mag kindlich klingen, aber was anderes Gutes ist mir beim besten Willen nicht eingefallen.)


2 Kommentare

  1. Es ist da auffallend, dass es verpönt ist, sich zum Zwecke der Alkoholvernichtung zu treffen. Sobald Jugendliche ein Botellon organisieren – das war vor ein paar Jahren so richtig in – dann fürchtet die Erwachsenenwelt gleich eine Gefahr fürs ganze Abendland.

    Aber wenn man in einem dürftigen Rahmenprogramm Alkohol trinkt (Oktoberfest, Schützenfeste, Turnerfeste, blah, alle möglichen Feste der moralisch angeblich so Festen), dann ists ok.

    Verstand ich auch noch nie.

    „Sina, das ist eben Dorfkultur.“ – damit wirdst du wohl noch sehr lange Mühe haben. Traditionen sind mit der Logik nicht begreifbar. Traditionen gibt es einfach, sie entwickeln sich einfach, und man kann über sie reden, aber auf ein „Warum gehst du an einen Ort, wo sich viele die Birne volllaufen lassen?“ nie eine befriedigende Antwort. Die Erlanger Bergkirchweih? „Da hats die beste Stimmung!“ Darum gehen sogar einige meiner Schweizer Kollegen dorthin.

    Ja, Traditionen mit dem Verstand zu „begreifen“ ist genauso fruchtbar, wie mit jemandem über den richtigen Glauben zu reden. :)

    Tradition bedeutet für sehr viele Leute aber auch Sicherheit. Man stellt sich mehr oder weniger bewusst gegen irgendwelche Wechsel und Verwänderungen. Es ist irgendwie total beruhigend für die Menschen, wenn sie sehen, dass man in der gleichen Tracht aufzieht, die gleiche Musik gespielt wird, dass keine unvorhergesehenen Dinge geschehen.

  2. Naja, ich finde es gibt gute und schlechte Traditionen. Ich mag zum Beispiel Familientraditionen sehr gerne – der Ablauf eines Geburtstages oder von Weihnachten. Das hat dann etwas schönes, feierliches und besonderes, wenn es nur einmal im Jahr stattfindet und dieses eine Mal gleichzeitig besonders und vertraut ist.

    Andererseits gibt es natürlich die Kehrseite – wenn Traditionen zu etwas Unveränderlichem und Unantastbarem werden. Bei uns in der Familie hat keiner Probleme damit, auch mal ne Familientradition aufzugeben. Keiner hängt da dran. Es ist ja auch ne harmlose Ebene. Schützenfest, Oktoberfest und der ganze Kram sind auch noch harmlos. Es nervt zwar, aber wirklich schaden tuts nicht. Es gab (und gibt) aber auch schon wirklich einschränkende Traditionen, die Menschen zerstört und umgebracht haben – katholische Kirche lässt grüßen.

    Somit ist Schützenfest okay. Ich muss Traditionen nicht verstehen oder gar bekämpfen, wenn sie keinem wirklich schaden. Diese Mühe spare ich mir.

    Aber meckern werde ich trotzdem =P


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