Mein Beruf

Ich bin seit 10 Jahren in meinem Beruf und es war von Anfang an nicht mein Ding.

In dem Beruf geht es die ganze Zeit nur darum, einem gewissen Schema zu entsprechen. Nach diesem Schema bist du fleißig, aufmerksam und gehorsam. Du darfst nicht zu intelligent sein, weil du dann das System und die Aufgaben hinterfragen könntest. Die Vorgesetzten mögen es gar nicht, wenn sie Fragen nicht beantworten können, wenn du nicht machst, was sie sagen, oder wenn du ihre Methoden in Frage stellst. Deine Vorgesetzten bewerten dich auch – ständig. Sie prüfen dich jeden Tag. Entsprichst du dem Schema? Machst du, was sie dir sagen? Lernst du, was sie für wichtig halten?

In dem Beruf geht es nicht darum, etwas auf die Beine zu stellen oder etwas zu schaffen, jemandem zu helfen oder sonst irgendetwas nützliches zu tun. Nein, es geht darum, sich das Wissen anzueignen, das merkwürdige Anzugmänner in irgendeinem Realitäts-isolierten Kämmerchen für wichtig und relevant halten. Aus diesem Kämmerchen kommen die Anweisungen. Soundso haben wir zu sein. Dasunddas haben wir zu lernen. Die Vorgesetzten mischen das mit ihren eigenen Ansichten und heraus kommt das oben angesprochene Schema: So hast du zu sein, das hast du zu tun. Punkt.

Das führt zum Beispiel dazu, dass wir ständig analysieren müssen. Analysieren ist eine Art Kernqualität, die man für meinen Beruf haben muss. Wir haben eine Reihe Unterbereiche, die wir jeden Tag besuchen, und in ca. 15 der 21 Unterbereiche muss man Analysen schreiben. Dabei geht es hauptsächlich darum, sein Gehirn nicht zu viel und nicht zu wenig anzuschalten. Wenn man es zu wenig verwendet, schafft man es nicht, die vorgegebene Liste an Operationen stumpf an dem vorgegebenen Text abzuarbeiten. Wenn man es zu viel verwendet, fallen einem zu sehr die ganzen Macken an dieser Methodik und dem Text auf.

Außerdem führt dieser absolute Plan dazu, dass wir immer die gleichen Themen behandeln. In acht Unterbereichen haben wir schon (teilweise mehrfach) die jüngste deutsche Geschichte aufarbeitet – als hätten unsere Vorgesetzten Angst, dass die anderen Vorgesetzten diese Thematik falsch behandeln würden. Außerdem sind viele unser Vorgesetzten so alt, dass sie oder ihre Eltern damit noch was zu tun hatten und mit irgendjemandem müssen sie ja über ihre Traumata reden.

Die Vorgesetzten haben sich untereinander auch nicht immer so gerne. Sie zicken sich oft gegenseitig an und lassen ihre Missgunst gerne an uns aus. Wir müssen eh so einiges von ihnen aushalten. Wir sind ihre Versuchskaninchen. Sie können mit uns machen, was sie möchten. Oder es geht in die genau andere Richtung und wollen unser Vertrauen. Gerade wenn sie ein Thema besonders wichtig finden, werden sie auch mal emotional und persönlich. Das wollen wir aber eigentlich überhaupt nicht.

Und immer weiter dem Schema entsprechen, das darf man auf keinen Fall vergessen.

Ihr sollt selber denken, hören wir regelmäßig. Aber ihr sollt nicht selber handeln, sagen ihre Blicke, Bewertungen und Inhalte. Denkt selber, aber lasst es beim Denken. Seid so, wie ich will. Weigert euch nie. Beschwert euch nie. Ich mache es richtig, ich habe Recht. Und ich werde für die Arbeit mit euch bezahlt.

Seit zehn Jahren arbeite ich in diesem Beruf, und ich habe noch keinen Cent verdient. Ich werde zu diesem Beruf gezwungen.

Wer glaubt, es sei wenigstens nur einige Stunden am Tag, der hat sich gewaltig getäuscht. Teilweise sind wir von morgens um acht bis abends um sechs Uhr vor Ort. Zusätzlich denken unsere Vorgesetzten (oder sind es die Anzugmänner in ihrer Gummizelle? Das weiß man nie so genau), dass das noch nicht genug ist, und lassen uns unseren Beruf mit nach Hause nehmen. Die selben Aufgaben wie am Tag sollen wir noch einmal machen. Und ich wiederhole es gern – was wir tun, nützt niemandem. Es geht um das Wissen der Anzugmänner.

Seit zehn Jahren bin ich jetzt dort, und ich werde noch zu zwei Jahren gezwungen. Am Ende dieser Berufserfahrung bekommen wir ein bedrucktes DIN A4-Blatt. Das ist unser Lohn, unser Verdienst. Mit diesem Blatt dürfen wir praktisch nichts. Naja, außer von unser aktuellen Käseglocke unter die nächste schlüpfen.

Ja, du hast Recht.

Ich bin Schülerin.


4 Kommentare

  1. Beim Allermeisten, was du hier beschreibst, hast du sicherlich Recht. Ich denke in der Schule lernt man wirklich viel Unnötiges bis zum Abitur, allerdings geht es glaube ich häufig beim Verrichten der Aufgaben nicht so sehr um das Wissen als vielmehr um die Methoden und die Art und Weise, wie man mit Schwierigkeiten beseitigt. Wenn jemand also das Abitur hat, weiß man über denjenigen dadurch noch gar nichts, allerdings weiß man immerhin, dass er nicht direkt bei den ersten Schwierigkeiten das Weite sucht und immerhin ein Minimum an Durchsetzungsvermögen und Selbstorganisation gezeigt hast,
    Das Ganze soll ja nun halbwegs fair sein (oder zumindest so aussehen), deshalb muss es natürlich auch einen Lehrplan geben, der dann eben auch von vielen Leuten gestaltet wurde und da die Lehrer (wie viele anderen Menschen auch) es häufig nicht so mit Veränderungen haben, bleiben die Lehrpläne dann eben wie sie sind oder waren. Wozu das führt siehst du ja.
    Ein Gedanke, der es vielen Schülern glaube ich viel leichter machen würde, ist zu wissen, dass viele Lehrer eben Menschen wie du und ich sind und damit eben auch Fehler machen und wenn man dann noch weiß, dass man als Lehrer gerne etwas erzählt und gerne Recht hat, dann kann man sich denken, warum es die Leute da vorne nicht so gern haben, wenn ihnen widersprochen wird.
    In der Uni ist Vieles davon ähnlich, insbesondere gibt es auch hier viele unsinnige Aufgaben, allerdings weiß man da ein wenig mehr, wofür man sich das Ganze zumutet und man hat natürlich viel mehr Freiheiten. Allerdings nur in der Zeitplanung, denn die Aufgaben möchten ja genauso erledigt werden :D

  2. Das ist mir alles bewusst. Es ist allen Schülern bewusst, dass Lehrer auch nur Menschen sind und dass Lehrpläne durchaus so ihren Sinn haben. Mein Ziel mit dem Artikel war auch nicht, ein umfassendes, ausgewogenes und komplettes Bild von Schule zu malen. Es war ein Gedankenspiel: Was passiert, wenn ich die Schule beschreibe, ohne die Worte „Schüler“, „Lehrer“ und „Schule“ zu verwenden? Ein irgendwie schockierendes Ergebnis, dass zum Nachdenken anregen soll, ein bisschen provozieren und herausfordern soll. Was immer wieder gut klappt, wie ich bemerkt habe. :-)

  3. Oh ja, das hat es. Erinnert mich in der Hinsicht ein bisschen an den zuletzt durch die Online-Welt geisterternden Clip mit einer Stellenausschreibung des Berufs „Mutter“…


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