Bäume klettern

Laut meinem großen Bruder wird man nie zu alt, um auf Bäume zu klettern. Gut, er hat das in Bezug auf männliche Wesen gesagt, aber ich finde, das gilt auch für Frauen und Mädchen – zumindest für die wirklich tollen. Und weil das so ist, bin ich heute auf einen Baum geklettert. Der Baum stand in einem Mini-Wäldchen, dass ich bis vorher nicht einmal kannte, obwohl es gerade mal eine halbe Stunde von zu Hause entfernt ist. Vielleicht war es eine Buche, wahrscheinlich aber irgendetwas anderes – schwer zu sagen, wenn keine Blätter an den Bäumen sind. Ja, und da war ich drauf.

Ich saß also in der frühen Abendsonne auf einem sehr soliden Ast und hielt mich an einem eher dünnen Ast fest, als mir der Gedanke kam, mich an dem dünnen Ast festzuhalten und herunterzuspringen, sodass der Ast sich bis zum Boden biegt und mich absetzt. So die Theorie. In der Praxis war der Boden ziemlich weit weg. Außerdem waren der dicke und der dünne Ast fast auf einer Höhe, was das ganze nicht unbedingt erleichtert hat. Aber ich wollte es machen, unbedingt.

Herausforderungen anzunehmen wird schwieriger, wenn man dabei alleine ist, weil die Gedanken dann die ganze Zeit auf einen einquatschen können und keiner sie unterbricht. Meine Gedanken haben mir die ganze Zeit erzählt, wie weit der Boden weg ist. „Und wenn der Ast bricht? Oder biegt sich der Ast fast gar nicht und du hängst in der Luft und musst dich den Rest frei fallen lassen, und das wäre wirklich noch ein ganzes Stück. Lass es einfach. Es sieht dich doch eh keiner, es müsste dir nicht peinlich sein. Und wenn du dich verletzt, kommst du nicht wieder nach Hause.“ „Ich will aber“, habe ich geantwortet.

Und habe es gemacht. Meine Hand ist ein bisschen aufgeschürft, weil – ich habe gar nicht mitgekriegt, warum. Vielleicht war das auch schon vorher. Jedenfalls hat es funktioniert. Der Ast hat mich heruntergelassen und ich bin gut auf der weichen Erde angekommen.

Es war toll. Man, hat das gut getan, sich mal wieder etwas zu trauen, sich zu überwinden und sich zu spüren. Ja, das ist vielleicht das Beste daran gewesen: Zu spüren, dass ich lebe.


6 Kommentare

  1. Sehr mutig von Dir, ich traue mich nicht auf Bäume zu klettern. Wenn ich meine Kindheit auslebe, gehe ich auf den Spielplatz und lasse mich kopfüber an der Stange runterhängen :-)

  2. In der Biografie des Bergsteigers Hans Kammerlander erzählt er davon, wie er und seine Freunde oft auf Weiden (oder Birken, bin nicht sicher) raufgeklettert ist. Bis der Baum sich biegt und den Kletterer sanft auf dem Boden absetzt…

    …ein paar Bäume sind dabei aber auch kaputtgegangen. :)

  3. Hui, Kommentaranschlag auf meinen Blog ;-)

    @ schwarzeelster: Haha, das war nie meine Welt. :D Ich war immer bei denen, die im Wald Hütten gebaut haben, Steinbrüche hochgeklettert sind (das ist wirklich gefährlich) und im Bach Staudämme gebaut haben. Die Stangen fand ich einfach zu langweilig. ;-)

    @ turtle of doom: Es sind Birken. ;-) Robert Frost, ein amerikanischer Dichter, beschreibt das „Birkenschwingen“ in seinem Gedicht „Birches“ oder auf Deutsch „Birken“. Wegen diesem Gedicht ist mir auch die Idee gekommen, ehrlich gesagt. :-)

    @ Patricia: Seeehr gut. Immer schön weitermachen :-)

  4. Auch schön :D
    Wobei mich die Sache mit den Birken wohl weit mehr Überwindung kosten würde, weil man da nicht gesichert ist … Das ist bei mir total der Unterschied ;-)


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