Ratsch, Hals durch.

(Ein Text von Weihnachten.)

Weihnachtsessen.

Gans.

Was auch sonst.

Da liegt sie nun auf dem Teller. Sechs Schenkel. Für jeden einen. Aus den Schenkeln gucken Knochen raus. Die Beine. Das Fleisch ist rosig, viel röter als Hähnchen oder Schwein. Dazu gibt es Klöße und Rotkohl. Alles auf weißem Porzellan. Mama hat die Gans schon Tage vorher vorbereitet. Sie ist aufwändig hergerichtet. Mama ist stolz auf das Ergebnis.

„Guten Appetit!“

Mama teilt aus. Jeder kriegt einen Schenkel. Papa, Bruder, Schwester…

Und ich sehe währenddessen vor meinem inneren Auge ständig nur sterbende Gänse. Wie diesen weißen oder braunen Vögeln bei vollem Bewusstsein der Hals durchgeschnitten wird. Ich höre nur mit panischer Angst erfülltes, schreiendes Geschnatter. Ich sehe das ganze Blut und höre das hässliche Geräusch, das entsteht, wenn die rotierende Messer in der Schlachterei das Fleisch und die Knochen der Gänse durchtrennen. Ratsch, Hals durch.

Woher habe ich diese Bilder? Aus einem Film in der Schule? Aus dem Fernsehen?

Es ist grausam. Immer wieder diese Bilder, diese Geräusche. Sterbende Gänse. Mir wird übel. Ratsch, Hals durch. Eine nach der anderen. Ratsch. Ratsch. Die Gans auf dem Teller sieht aus, als wäre sie gerade eben noch rumgelaufen. Sie wirkt, als wäre sie vor kurzem noch geflogen, hätte mit anderen Gänsen geschnackt. Sie wirkt, als könnte sie jetzt vom Teller aufstehen und loslaufen und gleichzeitig sieht sie so traurig aus, weil es jetzt zu spät ist. Ratsch, Hals durch.

„Sina, welchen Gänseschenkel willst du?“

„Ne, sorry, ich nehme nur Klöße und Rotkohl…“


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