Jason

Aus dem Oktober 2015

Das erste Mal habe ich Jason nur bemerkt, weil er als einziger zwischen all den Chinesen und Indern blonde Haare hat. Nun ja, nicht wirklich blond – eher so ein Gelbton. Wir drei deutsche Freiwillige wurden gerade mit der Mitarbeiterschaft der Kirche vertraut gemacht und versuchten uns gleichzeitig chinesische Namen, die Rollen der Menschen und die ganzen Abläufe zu merken. Da Jason eigentlich nichts gesagt hat, habe ich außer seinen blonden Haaren nicht viel von ihm bemerkt.

Das nächste Mal, als wir ihn sahen, drückte er uns eine Tüte in die Hand und sagte: „For you“ Bevor wir kapierten, was passiert war, war er auch schon wieder weg. Wie es sich herausstellte, waren es Früchte. Einheimische Früchte. Wir kannten sie nicht, und andere anwesende Chinesen erklärten uns, wie man sie isst.

Die Sache mit den Früchten wurde zu Tradition. Jason grüßte uns nur sehr selten, aber so gut wie jedes Mal, wenn er uns sah, gab er uns Früchte. Manchmal erklärte er uns noch, wie die Früchte heißen und was man von ihnen isst. Wir gewöhnten uns sehr daran, dass er sie uns manchmal beim Vorbeigehen einfach unauffällig in die Hand drückte. Während alle anderen verdutzt guckten, gingen wir ganz selbstverständlich weiter unserem Tagesgeschäft nach.

Er war es, der uns befreit hat, als das Vorhängeschloss unserer Haustür kaputt ging. Auf all unser Gerede ging er nicht ein, aber er grinste. Das erste Mal länger reden hörten wir ihn, als er bei der wöchentlichen Mitarbeitervesammlung beten sollte. Wir waren ganz fasziniert von seiner tiefen, langsamen, wohltuenden Stimme. Und er war immer da. Immer, wenn wir in der Kirche waren, war er da. „Der wohnt doch in der Kirche“, witzelte meine Mitbewohnerin irgendwann.

Heute trafen wir ihn auf der Straße. Er wollte was essen. Wir auch. Wir taten uns zusammen.

Er erklärte uns eine weitere Art, hier Essen zu bekommen, zahlte Essen und Getränke und quatschte mit uns. Es war wunderbar. Und dann fragte er: „Still got space in your stomach?“

Aus einem einfachen Abendessen wurden vier Gänge. Wir liefen einen Foodcourt weiter und kauften eine Auswahl einheimischer Früchte. Und weil es auf dem Weg lag, auch noch frittierte und teils gefüllte Teigteilchen mit einheimischen Namen. Von jedem eins. „We share“, sagte er, und bezahlte alles selbst.

„I used to live here“, erklärte er uns, als wir gerade die Früchte kauften. Es war eine ziemlich billige Wohngegend mit unglaublich vielen Menschen auf wenig Raum.

„And where do you live now?“, fragte ich.
„In church.“
Wir trauten unseren Ohren nicht.

Früchte und Teigteilchen verspeisten wir genüsslich in der Kirche. So richtig herausgefunden, wo er jetzt lebt, hatten wir immer noch nicht. Gut, das Kirchenhaus bestand neben dem Gottesdienstraum auch noch aus einem Kindergarten und Büros, aber wo sollte da noch Platz für Jason sein?

Und gerade, als wir wirklich dachten, voll zu sein, verschwand er und kam mit Schokoladeneis aus seinem Gefrierfach zurück. Es war ein Fest. Wie sich herausstellte, hatte Jason einen fantastischen Humor und wir lachten viel.

„Can we help you?“, fragten wir nach unserem Menü in der Hoffnung, endlich zu erfahren, wie er lebt. „Yes, come.“

Und dann fanden wir es – hinter einem der Hinterausgänge, sehr geschützt, stand ein blauer Container mit kleinen Fenstern und Pflanzen rundherum, eine Hängeschaukel, ein Metallregal, das Bad gegenüber vom Eingang im Kirchengebäude. Eine kleine Treppe, die zur Tür hinauf führt. Das sah doch genauso aus wie…

„You live like a German childhood hero!“

Unglaublich, unglaublich, wiederholte ich innerlich wieder und wieder. Als Kind hatte ich mir immer vorgestellt, mal so zu leben. In einem Bauwagen oder einem Baumhaus und ganz urig und nah an der Natur und mit ganz vielen schönen Sachen. Jason verstand meine Begeisterung zwar nicht so ganz, grinste mich aber trotzdem aus seinen schmalen Augen an.

„Weißt du, wie ich das heute zusammenfassen würde?“, fragt eine Mitbewohnerin auf dem kurzen Weg nach Hause und brachte es dann auf den Punkt:

„Der chinesische Peter Lustig hat uns zu einem vier Gänge Menü eingeladen.“

Ausgezeichnet

bildschirmfoto-2016-01-21-um-18-30-013Bald zwei Monate schon befindet sich Silbenreich in einer Art Winterstarre (was Sinn machen würde, wenn gerade Winter wäre, aber da es in Malaysia niemals Winter wird, ist das wohl unglaubwürdig). Jedenfalls erreichte mich heute ein Kommentar: Ich wurde einmal mehr für den Liebster-Blog-Award nominiert, eine Art Blogger-Vorstellungs-und-Weiterempfehlungs-Kettenbrief. Normalerweise ignoriere ich diesen Award, aber da es diesmal zuallererst einmal jemand ist, den ich aus dem echten Leben kenne und schätze, und er zum zweiten Mal die Fragen speziell für mich formuliert hat, kann ich nicht anders, als zu antworten. Sagt danke zu Markus, dass er mich aus meiner Bloggen-Starre holt, und besucht seinen Blog Tiefenreich *klick*!

1. Warum bloggst du?

Worte machen Spaß. Worte machen Spaß, wenn ich Wege finde, sie lebendig werden zu lassen und ein ganz bestimmtes Gefühl oder einen ganz besonderen Moment einzufangen. Worte machen Spaß, wenn ich merke, dass sie in anderen etwas bewegen und sie dadurch reicher werden. Worte machen Spaß, wenn ich sie später noch einmal lese und sie die Bedeutung eines alten Briefes bekommen haben.

2. Was sind die Themen, mit denen du dich auf deinem Blog auseinandersetzt?

Mir geht es um alles, was den Menschen innen drin wirklich bewegt. Dabei gehe ich immer von mir aus und hoffe, dass es da draußen Menschen gibt, die sich darin wiederfinden. Welche Themen kommen dabei herum? Menschen, Schönheit, Durcheinander, Liebe, Scheitern und Mut. Lebensmomente und Innereiengemüse.

3. Hast du einen besonderen Lieblingsbeitrag?

An dieser Frage habe ich am längsten gesessen. Entstanden ist eine Top 5 aus meinen über 400 Artikeln:
5. Poesiegedanken, Fliegenmafia und allesistbeknackt – uralt und eine Art Grundstein meines Blogs.
4. Der junge, intellektuelle, moderne Mensch – Gesellschaftskritisch. Hat von allem am meisten Wellen geschlagen.
3. Windräder und verendete Helden – weil dieser Text einfach einen langen Nachklang bei mir hatte.
2. Ampeln sind immer rot – ein Text, der so ganz mein Herz war und den ich einfach lieb gewonnen habe.
1. Eine entdramatisierte Liebeserklärung – meinen Lieblingsjungstext, den ich ehrlich meinte und mit zitternden Händen veröffentlicht habe.

4. Was hat es mit deinen etwas ungewöhnlichen Kategorien auf sich?

Hach ja. Man muss schon ein wenig suchen, um sie überhaupt noch zu sehen. Meine Beiträge sind in Smiley-Kategorien eingeordnet. Der Gedanke dahinter war, die Beiträge auf diese Weise nach ihrem Grundgefühl zu sortieren. Alles, was nicht in einem Smiley zusammengefasst werden konnte, habe ich unter „#“ gepostet. Seit das aber fast alle Beiträge sind, nutze ich mein Kategoriensystem nicht mehr besonders aktiv.

5. Was macht dir am Bloggen am meisten Spaß?

Am meisten Spaß macht es, wenn ich höre, dass Menschen in meinem Blog Worte für sich selbst finden. Und wenn ich merke, dass ich besser im schreiben werde.

6. Was fällt dir am Bloggen am schwersten?

Wahrscheinlich wenig überraschend – dran bleiben. Regelmäßigkeit.
Manchmal ist es auch, dass ich nichts brauchbares zusammengeschrieben bekomme. Entweder ist es mir zu persönlich oder Müll.

7. Welche Bedeutung spielt Gott in deinem Leben?

Gott – oder um es etwas spezifischer zu sagen: Jesus – ist für mich Anfang und Ende von allem. Gäbe es ihn nicht, ich wüsste nicht, woher ich Kraft und Hoffnung nehmen sollte. Ich wüsste nicht, wo ich nach Frieden suchen soll, wie ich das Leben aushalten soll und wer ich überhaupt bin. Ohne Jesus würde ich an mir und dem Leben verzweifeln. Mit ihm habe ich Ziel, Hoffnung und Grund, durchzuhalten. Mit allem, was ich bin und tue, will ich ihm Freude machen.

8. Was ist dein absolutes Lieblingsessen?

Da es mir hier in Malaysia so sehr fehlt: Gutes deutsches Brot mit Bergkäse oder Salami. Dazu Rohkost und unser wunderbares Leitungswasser. Amen!
Wenn ich wieder in Deutschland bin, dann werde ich wohl am allermeisten indisches Curry in irgendeiner guten Variante vermissen – zum Beispiel mit Roti, einer Art Fladenbrot, oder als Nasi Kandar, also mit Reis, verschiedenem Gemüse und Fleisch.

9. Was ist deine absolute Lieblingsfarbe und warum?

Seit Jahren schon grün. Weil grün Natur und Leben widerspiegelt. Weil das menschliche Auge grün in unglaublich vielen Facetten wahrnehmen kann. Und weil die Farbe mir gut steht. Wenn es irgendetwas in vielen Farben gibt, nehme ich fast immer grün. Alle grinsen schon darüber. Vielleicht heirate ich mal einen Marsmenschen, wer weiß.

10. Was war bisher der beste Tag in deinem Leben?

Ich liebe Anfänge.

Der eine Tag war der voller Zugfahren, Regenspaziergang und Grillen, der damit aufgehört hat, dass ich meinem Bruder im Auto erzählt habe, dass ich jetzt eine beste Freundin habe.

Der andere Tag war der voller Feiern und geliebter Menschen, der damit aufgehört hat, dass ich spät nachts im Sommerkleid an der verbliebenen Glut eines Lagerfeuers saß, die restlichen Marshmallows gegessen habe und voller Frieden und Hoffnung in eine spannende, ungewisse Zukunft geblickt habe.

Und dann gab es noch den Tag, an dem ich im Sommerlagersonnenuntergang meine lachende und weinende kleine Schwester im Arm hatte, die das erste Mal eine Ahnung davon bekommen hat, wer eigentlich Gott ist.

11. Was würdest du mit einer Millionen Euro machen?

Ich wäre so überfordert damit, dass ich meine besten Freunde und Mentoren zusammentrommeln und sie um Rat fragen würde, und danach – immer noch völlig überfordert – alles machen würde, was sie mir sagen. Das würde wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass ich einmal fett alle zum Essen einlade, ein bisschen was für Urlaub spare und mit dem Rest irgendwelche tollen Projekte und Organisationen und Ideen unterstütze. Oder so ähnlich.

Fertig! Ich nominiere niemanden und stelle keine Fragen. Ich sage nur danke an Markus für die Auszeichnung und an alle meine Leser: Hallo, hier bin ich wieder, jetzt gehts wieder los! :-)

Chili con Carne im Staubzimmer

Bei Jugendleiterin im soeben (von starken Männern) leergeräumten Wohnzimmer auf dem trotz einiger Putzbemühungen noch staubigen Laminatboden sitzen, Chili con Carne mit Fladenbrot von Plastiktellern essen und den Gesprächen der vom Umzug etwas geschafften Erwachsenen zuhören, die so gar keine Erwachsenengespräche sind.

Ganz ehrlich: So mag ich das.

Ratsch, Hals durch.

(Ein Text von Weihnachten.)

Weihnachtsessen.

Gans.

Was auch sonst.

Da liegt sie nun auf dem Teller. Sechs Schenkel. Für jeden einen. Aus den Schenkeln gucken Knochen raus. Die Beine. Das Fleisch ist rosig, viel röter als Hähnchen oder Schwein. Dazu gibt es Klöße und Rotkohl. Alles auf weißem Porzellan. Mama hat die Gans schon Tage vorher vorbereitet. Sie ist aufwändig hergerichtet. Mama ist stolz auf das Ergebnis.

„Guten Appetit!“

Mama teilt aus. Jeder kriegt einen Schenkel. Papa, Bruder, Schwester…

Und ich sehe währenddessen vor meinem inneren Auge ständig nur sterbende Gänse. Wie diesen weißen oder braunen Vögeln bei vollem Bewusstsein der Hals durchgeschnitten wird. Ich höre nur mit panischer Angst erfülltes, schreiendes Geschnatter. Ich sehe das ganze Blut und höre das hässliche Geräusch, das entsteht, wenn die rotierende Messer in der Schlachterei das Fleisch und die Knochen der Gänse durchtrennen. Ratsch, Hals durch.

Woher habe ich diese Bilder? Aus einem Film in der Schule? Aus dem Fernsehen?

Es ist grausam. Immer wieder diese Bilder, diese Geräusche. Sterbende Gänse. Mir wird übel. Ratsch, Hals durch. Eine nach der anderen. Ratsch. Ratsch. Die Gans auf dem Teller sieht aus, als wäre sie gerade eben noch rumgelaufen. Sie wirkt, als wäre sie vor kurzem noch geflogen, hätte mit anderen Gänsen geschnackt. Sie wirkt, als könnte sie jetzt vom Teller aufstehen und loslaufen und gleichzeitig sieht sie so traurig aus, weil es jetzt zu spät ist. Ratsch, Hals durch.

„Sina, welchen Gänseschenkel willst du?“

„Ne, sorry, ich nehme nur Klöße und Rotkohl…“