Zwei Straßenseiten, zwei Welten

Die eine Straßenseite. Meine Schule. Viele, junge Leute. Die meisten haben noch keine Idee von dem, was sie mit ihrem Leben machen sollen. Einige haben noch keine Ahnung vom Leben. Einige andere schon. Die meisten haben Träume, und für ein paar ist die Schule einfach nur Qual. Es ist eine eher zufällige Ansammlung von Kindern und Jugendlichen, die von einem Team von Erwachsenen in das Leben eingeführt werden sollen. Es ist ein Gymnasium, eine Scheinwelt der Vorzeigefamilien, eine Scheinwelt der Normalen, der Bürger, der (oberflächlich gesehen) Problemlosen.

Die andere Straßenseite. Mein Praktikumsplatz. Psychiatrie. Wohnverbund. Viele, erwachsene Leute. Ein Auffangbecken für alle, die die Gesellschaft nicht halten kann. Menschen, die das Leben erfahren haben, denen es geschadet hat oder die nie einen Zugang zur Welt hatten. Jedenfalls nicht zu der Welt, die ich von der Schule her kenne. Es sind die unterschiedlichsten Menschen. Psychisch Kranke. Geistig Behinderte. Manche auf Stationen, andere im Wohnverbund, wieder andere ambulant. Es sind so viele Menschen. Nicht die paar Irren der Stadt, nein. Sie sind ein Teil der Gesellschaft, wie die Schüler.

Ich will nicht dazu aufrufen, mehr Gedanken an die geistig Eingeschränkten zu geben. Ich will nicht beklagen, dass sie zu wenig Aufmerksamkeit hätten. Ich will einfach nur den Unterschied zwischen meinem Praktikumsplatz und der Schule feststellen.

Geographisch sind es zehn Meter von einem zum anderen. Gefühlsmäßig sind es Welten.

Schulgedanken einer Kranken

(Ein Text vom 8. April 2011)

Ich bin krank und würde jetzt gern in der Schule sitzen. So:

Der Unterricht ist zwar doof, aber ich hab ja meine Kumpels um mich herum. Wir reden und reden. Also eigentlich nur wir zwei, von den anderen kommt ab und zu mal ein Kommentar. Wenn ich gerade nichts rede, schreibe ich irgendwas auf meinen Collegeblock. Gedanken, eine Geschichte, einen Brief (der meistens nicht abgeschickt wird), oder ich zeichne. Ich schaue mir meine Freunde an und will so gar nicht zu Hause sein. Wir passen alle nicht auf, wozu auch? Als „Streber-Clique“ werden wir 1) nie dran genommen und 2) nicht so streng behandelt wie alle anderen und 3) verstehen wir alles ziemlich schnell. Neben mir malt eine Freundin, oder sie schreibt Tagebuch. (In der Schule! Na ja, wenn sie will…) Mein Kumpel erzählt was, ich muss lachen.

Doch dann meint meine Tagebuch schreibende Freundin links neben mir: „Boah maaan ey, das ist sooo langweilich. Ich will na Hause! Alles so sinnlos hier.“ Ich verdrehe nur still dir Augen. Dann kommt von rechts: „Oh naaain, gleich haben wir Chemie! Scheiße man.“ Eigentlich will ich das gar nicht hören. Ist doch gerade so schön. Links: „Kann die uns jetzt nicht einfach alle nach Hause gehen lassen?“ Rechts: „Chemie, man, ich kann das nich! Und der kontrolliert heute auch noch die Hefte!“ Von der Tafel: „Seid doch mal bitte still. Ich weiß ja, dass ihr das könnt, aber ihr stört die anderen!“ Von links: „Diese Lehrerin regt mich auf, die regt mich auf, verdammt!“ Von rechts: “ Hm, ja. Ich glaub, ich sterbe mal ein bisschen.“ Ich: „Gute Idee.“ Aber nicht wegen Chemie oder der Lehrerin.

Und dann wünsche ich mir, zu Hause zu sein.

Dies und das mit Musikuntermalung

Ein Instrumentalcover von Trouble (Coldplay) hören und seine Gedanken durch meine Finger auf die Tasten fließen lassen.

Das neue Meerschweinchen, Sprotte. Meine kleine Schwester nennt es einfach nur Stups. Kein Wunder – es hat ja auch einen braunen Stups auf der Nase, der es besonders bedöppelt aussehen lässt. Es hat rote Augen, was auch der Grund dafür ist, dass ich es schon „Feuerauge“ genannt hab. Ansonsten ist es weiß. Es versteht sich ganz gut mit Milki, der Schwester von Kleo. Den ersten Tag haben sie sich einfach eiskalt ignoriert. Sprotte hat die ersten fünf Stunden in Schreckstarre verbracht. Milki hat manchmal misstrauisch geschnüffelt. Irgendwann hat Sprotte sich bewegt. Soweit wir es mitgekriegt haben, sind sie sich erst mal nicht weiter begegnet. Die nächsten zwei Tage gabs die Rivalenkämpfe – Wer ist die Bestimmerin? Dann, schließlich, haben sie sich vertragen. Wer jetzt zum Chef erkoren wurde, weiß ich nicht. Sie benehmen sich beide so, als wären sies. Auf jeden Fall sind sie friedlich.

Mein Klavier spielen. Wieder mal so eine Phase, wo alles andere wichtiger zu sein scheint. Was ich alles könnte, wenn ich denn mal regelmäßig üben würde. Und dann hatte ich auch noch so ein tolles Stück, und ich habs mir damit versaut, es zu wenig zu spielen, was dazu führt, dass es nervt, weil ich nicht voran komme. Ich muss echt mal wieder mehr machen.

Meine Schule macht einen auf Stress. Aber ich lass mich nicht stressen. Diesmal nicht. Oft genug hab ich auf sie gehört und mir Gedanken gemacht um das, was ich kann und was ich nicht kann. Nee, diesmal nicht. Ich werde in Gottes Rhythmus chillen, genau, wie ich es mir vorgenommen habe. Am Ende passt es ja doch immer irgendwie. (Bei mir jedenfalls.) Schule wird überbewertet. Lernen wird überbewertet. Leben wird unterbewertet. Wenn nicht jetzt nichts tun, obwohl ich was tun müsste, wann dann? (Was der Satz verständlich? Komisches Gebilde.) Jetzt kann ich es mir leisten. Jetzt hat es noch keine Konsequenzen. Also – Come on, let’s relax. (Das sage ich jetzt. Am Ende mache ich es ja doch nicht.)

Mein Schlaf. Ja, er ist besser als vor einem Monat, aber gut ist was anderes. Er ist kurz und nicht erholsam. Wer sagt mir den Kniff, wie man erholsam schläft? Ich will es doch unbedingt. Jaja, ich weiß, Sport wär mal ne ganz gute Strategie… Aber WANN, bitte?

Jetzt gibts erst mal Abendessen. Bin zwischendurch übrigens auf Reggae umgestiegen – weil der so entspannend ist. *summ*

Kein Raum für mich

Klausur. Klausur. Klausur. Projekt. Test. Heft. Klausur.

Dazwischen: Ich. In letzter Zeit erstaunlich kreativ. Ich habe so viele Ideen. Ich habe Ideen für Bilder, die ich auf Leinwand malen könnte. Ich habe Ideen für Geschichten, die ich schreiben könnte. Ich habe Ideen für Fotomotive. Ich habe so viel Lust auf Klavier spielen, stricken, Radio hören und lesen. Ich will die Ideen in meinem Kopf verwirklichen, will machen, was aus mir kommt. Will mein Inneres nach außen kehren, ob in Geschichten oder Bildern.

Aber dafür ist keine Zeit. Die Schule („Du lernst fürs Leben, es ist wichtig, das brauchst du später noch“) lässt dafür keinen Raum. Sie füllt alles aus. Füllt es aus mit ihrer ekligen, dickflüssigen, beißenden Suppe. Und ich kriege sie einfach nicht raus. Ich schaffe es nicht. Sie erstickt mich. Sie erstickt meine Ideen. Ich habe gerade noch Zeit, in kurzen Texten Luft zu holen. Die Schule.

Sie lässt keinen Raum für mich. Ich komme nicht gegen sie an.