Freistundengespräch

(Anmerkung: Dieses Gespräch hat sich in einer Freistunde vor den Ferien fast genau so zugetragen. „Sie“ ist eine 16-jährige Bekannte von mir, mit der ich einige Kurse habe.)

Sie: „Boah, ich hab letztens meinen Ex-Freund in der Stadt gesehen. Wie der aussieht! Bin ich eigentlich die ganze Beziehung lang besoffen gewesen?!“
Ich: „Wie lange wart ihr denn zusammen?“
Sie: „Acht Monate. Und er hat nach zwei Wochen angefangen, mich zu betrügen! Ich hab ihm anscheinend nicht das gegeben, was er wollte. Hat er halt Pech gehabt.“
Ich: „Krass. Seit wann weißt du, dass er fremdgeht?“
Sie: „Das haben mir alle schon die ganze Zeit gesagt. – Letztens hab ich rausgefunden, dass er schon in unser Beziehung mit Drogen angefangen hat. Der Kerl ist so eine Katastrophe.“

5 Minuten Gespräch über irgendeine Belanglosigkeit später.

Sie: „Und damals hab ich mich dann ja auch mit meiner besten Freundin zerstritten. Weißt du überhaupt, wie das passiert ist?“
Ich: „Nö.“
Sie: „Alex* hatte sich gerade getrennt und meine Ex-beste Freundin hatte es halt voll auf den abgesehen. Die kann aber gar nicht flirten und wollte ihm Zeit lassen. Die ist sowieso die Jungfrau schlechthin, hahaha! Und als ich dann mit ihm geschlafen habe, ist sie voll ausgerastet. Pff. Ich weiß gar nicht, was ich falsch gemacht habe! Er war doch nicht vergeben?! Aber ist mir auch egal. Ich wusste eh, dass sie ne Bitch is. Und ihr Jungengeschmack ist auch voll verirrt.“

Ahhh! Kann mich bitte irgendjemand sofort hier raus holen?

Und vor allem: Kann bitte irgendjemand sie sofort da raus holen?

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*Name geändert

10 Fakten über mich

1) Ich bin nur Rechtshänder, weil ich mir mit vier Jahren das linke Handgelenk gebrochen habe. Vorher habe ich meine Hände gleichberechtigt verwendet.

2) Ich bin ein Mädchen und hasse pink. Jap, und ich bin stolz drauf.

3) Ich kaufe keine Bücher, ich adoptiere sie. Ich habe nicht viele Bücher, aber die, die ich habe, werden mehrfach gelesen und liebevoll gepflegt. Sie werden auch nur sehr ungern verliehen. Ich habe irgendwie Angst, dass einem meiner Schäfchen etwas zustoßen könnte.

4) Das schlimmste, was mir je serviert wurde, ist Linsensuppe. Ich HASSE Linsensuppe. Legendär ist ein Zitat von mir von einer wirklich anstrengenden und ätzenden Fahrradtour: „Das ist schlimmer als drei Teller Linsensuppe.“

5) Meine Referate sind besser, wenn ich mich kaum darauf vorbereite. Erklär mir das mal einer.

6) Ich finde Schuhe irgendwie unnatürlich. Und hohe Schuhe erst recht. Wenn ich nicht so eine Frostbeule wäre, würde ich ständig barfuß rumlaufen.

7) Die Sportart, die mir bis jetzt am meisten zusagt, ist windsurfen. Dafür wohne ich nur leider am falschen Ort.

8) Egal, ob in der Schule, in der Kirche oder sonstwo: Ich bin immer die Jüngste im Freundeskreis. Das ist keine Absicht! Naja, oder ich bin mit Abstand die Älteste, aber das ist ja was anderes.

9) Ich bin immun gegen Motivationsversuche. Entweder bin ich motiviert oder nicht. Daran kann kein Mensch etwas ändern. Versuchs doch!

10) Wenn ich draußen mit jemandem durch die Natur gehe, fange ich manchmal an, einfach so Geschichten zu erzählen über das, was ich sehe. Meine Mama und mein großer Bruder können da ein Lied von singen. Und die sind gar nicht mal so schlecht! Also mein Bruder meinte irgendwann, das wäre Roman-tauglich.

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Episode  2  3  4  5

Sowi-Klausur auf Sinaländisch

Tja, das mit der Einleitung in der dritten Aufgabe einer Klausur (meistens Stellungnahme, Erörterung, Bewertung) ist gar nicht so einfach. Die Fragestellung soll wiedergegeben und die Relevanz des Themas herausgestellt werden. Was, wenn einem partout nicht einfallen will, inwiefern ein Thema für irgendwen relevant sein könnte?

Da war wohl jemand froh über ein bisschen Abwechslung ...

Da war wohl jemand froh über ein bisschen Abwechslung …

Mit dem darauf folgenden Text habe ich meine Lehrerin so beeindruckt, dass sie mir 30 von 27 Punkten für die Aufgabe gegeben hat (ja, das sind drei mehr als möglich), und das, obwohl ich keines der Argumente aus ihrem Erwartungshorizont verwendet habe. Vielleicht war die Einleitung nicht ganz unschuldig. ;-) Solltet ihr auch mal ausprobieren.

(Aufs Bild klicken, wenn es zu unscharf oder zu klein ist.)

Mein Beruf

Ich bin seit 10 Jahren in meinem Beruf und es war von Anfang an nicht mein Ding.

In dem Beruf geht es die ganze Zeit nur darum, einem gewissen Schema zu entsprechen. Nach diesem Schema bist du fleißig, aufmerksam und gehorsam. Du darfst nicht zu intelligent sein, weil du dann das System und die Aufgaben hinterfragen könntest. Die Vorgesetzten mögen es gar nicht, wenn sie Fragen nicht beantworten können, wenn du nicht machst, was sie sagen, oder wenn du ihre Methoden in Frage stellst. Deine Vorgesetzten bewerten dich auch – ständig. Sie prüfen dich jeden Tag. Entsprichst du dem Schema? Machst du, was sie dir sagen? Lernst du, was sie für wichtig halten?

In dem Beruf geht es nicht darum, etwas auf die Beine zu stellen oder etwas zu schaffen, jemandem zu helfen oder sonst irgendetwas nützliches zu tun. Nein, es geht darum, sich das Wissen anzueignen, das merkwürdige Anzugmänner in irgendeinem Realitäts-isolierten Kämmerchen für wichtig und relevant halten. Aus diesem Kämmerchen kommen die Anweisungen. Soundso haben wir zu sein. Dasunddas haben wir zu lernen. Die Vorgesetzten mischen das mit ihren eigenen Ansichten und heraus kommt das oben angesprochene Schema: So hast du zu sein, das hast du zu tun. Punkt.

Das führt zum Beispiel dazu, dass wir ständig analysieren müssen. Analysieren ist eine Art Kernqualität, die man für meinen Beruf haben muss. Wir haben eine Reihe Unterbereiche, die wir jeden Tag besuchen, und in ca. 15 der 21 Unterbereiche muss man Analysen schreiben. Dabei geht es hauptsächlich darum, sein Gehirn nicht zu viel und nicht zu wenig anzuschalten. Wenn man es zu wenig verwendet, schafft man es nicht, die vorgegebene Liste an Operationen stumpf an dem vorgegebenen Text abzuarbeiten. Wenn man es zu viel verwendet, fallen einem zu sehr die ganzen Macken an dieser Methodik und dem Text auf.

Außerdem führt dieser absolute Plan dazu, dass wir immer die gleichen Themen behandeln. In acht Unterbereichen haben wir schon (teilweise mehrfach) die jüngste deutsche Geschichte aufarbeitet – als hätten unsere Vorgesetzten Angst, dass die anderen Vorgesetzten diese Thematik falsch behandeln würden. Außerdem sind viele unser Vorgesetzten so alt, dass sie oder ihre Eltern damit noch was zu tun hatten und mit irgendjemandem müssen sie ja über ihre Traumata reden.

Die Vorgesetzten haben sich untereinander auch nicht immer so gerne. Sie zicken sich oft gegenseitig an und lassen ihre Missgunst gerne an uns aus. Wir müssen eh so einiges von ihnen aushalten. Wir sind ihre Versuchskaninchen. Sie können mit uns machen, was sie möchten. Oder es geht in die genau andere Richtung und wollen unser Vertrauen. Gerade wenn sie ein Thema besonders wichtig finden, werden sie auch mal emotional und persönlich. Das wollen wir aber eigentlich überhaupt nicht.

Und immer weiter dem Schema entsprechen, das darf man auf keinen Fall vergessen.

Ihr sollt selber denken, hören wir regelmäßig. Aber ihr sollt nicht selber handeln, sagen ihre Blicke, Bewertungen und Inhalte. Denkt selber, aber lasst es beim Denken. Seid so, wie ich will. Weigert euch nie. Beschwert euch nie. Ich mache es richtig, ich habe Recht. Und ich werde für die Arbeit mit euch bezahlt.

Seit zehn Jahren arbeite ich in diesem Beruf, und ich habe noch keinen Cent verdient. Ich werde zu diesem Beruf gezwungen.

Wer glaubt, es sei wenigstens nur einige Stunden am Tag, der hat sich gewaltig getäuscht. Teilweise sind wir von morgens um acht bis abends um sechs Uhr vor Ort. Zusätzlich denken unsere Vorgesetzten (oder sind es die Anzugmänner in ihrer Gummizelle? Das weiß man nie so genau), dass das noch nicht genug ist, und lassen uns unseren Beruf mit nach Hause nehmen. Die selben Aufgaben wie am Tag sollen wir noch einmal machen. Und ich wiederhole es gern – was wir tun, nützt niemandem. Es geht um das Wissen der Anzugmänner.

Seit zehn Jahren bin ich jetzt dort, und ich werde noch zu zwei Jahren gezwungen. Am Ende dieser Berufserfahrung bekommen wir ein bedrucktes DIN A4-Blatt. Das ist unser Lohn, unser Verdienst. Mit diesem Blatt dürfen wir praktisch nichts. Naja, außer von unser aktuellen Käseglocke unter die nächste schlüpfen.

Ja, du hast Recht.

Ich bin Schülerin.

Schul-Metamorphose

Oh Sina, was ist nur mit dir passiert?

Wann hast du dir diese Egal-Mentalität zugelegt? Wann war dieser Moment, seitdem du bei den meisten Fächern vor Klausuren nur noch die Achseln zuckst? Seitdem es dich nicht mal mehr stört, dass du keine Hausaufgaben machst? Seitdem du Klausuren manchmal unfertig abgibst, weil du schlicht keine Lust mehr hast?

Sina, ich find das doof. Ich habe mich immer auf diese letzte Panik am Abend vor der Klausur verlassen, weil ich dann noch schnell gelernt habe und so alles wusste, was nötig war. Mehr musste ich eh nie lernen. Aber jetzt fehlt diese Panik! Was soll ich denn ohne die machen? Du bist so unzuverlässig!

Und morgen schreib ich auch ne Klausur, weißt du. Und dich interessiert das nicht mal. Du erinnerst mich nicht daran. Du findest es nicht wichtig. Es ist dir egal. Es gibt wichtigere Sachen im Leben, behauptest du.

Wobei – eigentlich hast du Recht. Es gibt wirklich viel wichtigere Sachen. Die Zeit ist ja wirklich zu schade zum Lernen …

Hallo Leben!

Menschen beobachten

Im Deutschunterricht.

Ganz ruhig sitzt er da, ganz aufmerksam, nicht steif, aber gerade. Er dreht seinen Kopf zu dem, der gerade redet und sieht die Person direkt an. Ich weiß, dass er unseren Deutschlehrer bewundert, aber das ist auch nichts besonderes, denn das tun viele im Kurs. Wenn der Lehrer etwas sagt, Denkanstöße gibt, dann scheint es, als würde er die Wörter in sich aufsaugen. Überhaupt scheint er alles aufzusaugen, was passiert. Er lächelt in sich hinein, wenn er etwas versteht. Und dann, ganz manchmal, meldet er sich und präsentiert einen wohl überlegten und reflektierten Beitrag.

Die ganze Zeit hibbelt sie mit ihrem Bein. Dadurch wackelt der uralte Holzboden und durch den Boden auch mein Stuhl. Alle paar Wackler mit dem Beim schaut sie auf ihr Handy, und alle paar Blicke auf ihr Handy schreibt sie jemandem etwas. Ab und zu wendet sie sich mir zu, um mich etwas zu fragen, weil sie es verpasst hat, oder um mir mitzuteilen, a) dass ihr langweilig ist, b) dass sie Hunger hat oder c) dass sie müde ist. Der ganze Inhalt der Stunde zieht ziemlich spurlos an ihr vorbei. Nur ganz manchmal streift er sie, und wenn das mal so ist, dann erklärt sie ihren Gedankengang kurz mir – zur Sicherheit – und dann dem Lehrer. Wenn er das gut aufnimmt, wendet sie sich zufrieden wieder ihrem Handy zu. Alle paar Unterrichtsstunden erzählt sie mir ein bisschen was aus ihrem Leben – einem sehr kaputten Leben mit ihr als gebrochene Protagonistin. Aber sie wird nicht emotional, sie zuckt mit den Achseln. Das ist halt so, sagt sie – hibbelt, schaut auf ihr Handy und schreibt irgendwem zurück.

Manchmal erinnert er mich an ein Maschinengewehr. Tatatata – alles raus, hintereinander weg geschossen. Seine Ideen, seine Gedanken, seine Fragen, seine Antworten – alles wirft er erst mal in den Raum. Dabei ist es für ihn kein Kriterium, ob es peinlich sein könnte oder ob es komisch klingen mag. Dabei kommen ganz unterschiedliche Beiträge hervor – von totalem Müll bis zu genialen Ideen ist alles dabei. Manchmal knackt er nachdenklich mit seinen Fingern oder kaut auf seiner Unterlippe herum. Er liebt es, Aussagen mit Mimik, Gestik und Tonfall zu unterstreichen. Er ist ein Schauspieler, der sich selbst spielt, und der auch keine Angst davor hat, sich selbst auf die Schippe zu nehmen.

Wenn mein Deutschlehrer ein Tier wäre, dann wäre er zweifellos ein Wolf. Nicht der böse Legendenwolf, sondern der weise, alte Denkerwolf. Oder auch ein Leitwolf. Er bildet Referendare aus, und wenn man ihn dann mit seiner Horde von drei bis zehn jungen Refs über den Schulhof ziehen sieht, ist er wirklich wie ein Wolf mit seinem Rudel. Er ist so durch und durch Lehrer, wie es nur geht. Wie er es liebt, uns etwas beizubringen, uns Zusammenhänge zu erklären und uns manchmal auch in unser Weltanschauung herausfordern! Er scheint gegen allen Stress immun. Seine Stimme wird kein bisschen aggressiver, wenn etwas nicht klappt oder er angegriffen wird. Manchmal wirkt er ein bisschen wie ein Philosoph, der die Gesetze der Welt durchschaut hat. Und wenn er uns ein Gedicht vorstellt oder uns einer Lektüre näher bringt, erinnert er mich manchmal an einen kleinen Jungen mit seinem Lieblingsspielzeug. Der Lehrer.

Das alles beobachte ich im Unterricht. Alles Menschen, hinter denen eine Geschichte steht. Spannend. Wie würde ich wohl beschrieben werden?

Das Leiden des letzten Ferientages

Ich würde mich am liebsten mit dem Rücken gegen die Zeit drücken, um sie zu stoppen, damit sie mich nicht morgen wieder in die Schulzeit rein schiebt.

Es ist so schwer, jetzt wieder los zu müssen, und den ganzen Kram wieder zu ertragen.

Wenn ich in den Ferien aufgeblüht bin, muss ich dann jetzt wieder den Kopf einziehen? Kann das nicht einfach alles so entspannt bleiben?

Geht das?