Du machst mich zur Schauspielerin

(Ein Text aus Juni 2015)

Deine Anwesenheit, mein Freund, macht mich zur Schauspielerin. Ich kann nichts dagegen tun.

Bist du da, weiß ich nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Wie man sich eigentlich normal verhält. Was man so redet, wenn man sich unterhält, und was man besser nicht sagt. Ich weiß nicht mehr, wohin mit meinen Händen und mit meinen Gedanken und mit meinem Blick. Es ist ganz, ganz komisch.

Ich weiß nicht, ob ich will, dass du merkst, was du mit mir machst. Also schauspielere ich „normal“. Alles ist normal mit mir und alles ist ganz normal zwischen uns. Natürlich ist es das. Was soll auch sein? Du bist ein ganz. normaler. Junge. So wie ich noch viele kennenlernen werde. Und ich kann mich ganz normal verhalten, wenn du da bist. Siehst du, wie normal das alles ist? Ganz unverdächtig.

Aber eigentlich gefällst du mir schon sehr. Ich will, das du mich toll findest. Also schauspielere ich „find-mich-toll“. Was ich glaube, das du magst, versuche ich zu sein. Was ich gut kann und für eine Stärke von mir halte, das sollst du sehen. Sieh her, was für ein tolles Mädchen ich bin, du solltest definitiv mal ein Auge auf mich werfen, was? Und siehe da, zufälligerweise habe ich gerade heute mein Lieblingsshirt an, wo ich wusste, dass wir uns sehen. Sieht das gut aus? Gefalle ich dir eigentlich? Oh, und ganz aus Versehen habe ich dich wohl gerade berührt. Und sitze neben dir. Und lache über deine Witze. Und fange deinen Blick auf.

Eigentlich will ich ja gar nicht schauspielern. Eigentlich wäre ich ganz gern einfach ich. Aber ich vergesse schlichtweg, wie das geht, wenn ich merke: Du bist im Raum. Wie ging das nochmal, das Sina-sein? Die Möglichkeit, dass du mich gerade sehen, beobachten, dir Gedanken über mich machen könntest, vernebelt mein ganzes Gehirn. Und ich hasse das.

Aber irgendwie, zum allerersten Mal in meinem Leben, macht es mich auch gleichzeitig glücklich.

Ich bin eine einsame Schauspielerin. Du bist mein ganzes Publikum. Ich spiele und spiele und hoffe, dass du mich für die Person liebst oder zu lieben beginnst, die ich hinter meinem Schauspiel bin. Es ist zum verzweifeln, dass du das vielleicht nicht tust, nie wirst, und ich das nicht beeinflussen kann. Keine Ahnung, was du denkst. Trotzdem bin ich glücklich. Trotzdem grinse ich immer wieder abgelenkt in mich hinein. Trotzdem mag ich dich wirklich sehr gern.

Deine Anwesenheit, mein Freund, macht mich zur Schauspielerin. Ich kann nichts dagegen tun.

Spinnerin

Ich muss gestehen – ich lüge gerne.

Und das, obwohl ich ein ziemlich ehrlicher Mensch bin. Im Zweifel sogar eher zu ehrlich. Meine Zunge im Zaum zu halten ist schwer. Ich spreche Dinge aus, die ich nicht aussprechen wollte, und rede eigentlich eher zu viel als zu wenig.

Aber ich liebe Geschichten.

Und ich bin so einer von den Menschen, die in Geschichten wirklich eintauchen und irgendwie darin sind. Es fällt schwer, wieder aufzutauchen. Deswegen bin ich vorsichtig mit den Filmen, die ich schaue – in vielen Geschichten möchte ich einfach nicht sein. Deswegen lese ich gern immer wieder dieselben Bücher – das ist ja praktisch wie in Erinnerungen wirklich zurück gehen zu können. Deswegen muss ich mich manchmal in Acht nehmen, von fiktiven Figuren nicht wie von Freunden und Bekannten zu sprechen – ich habe sie doch erlebt, warum sollte es sie nicht geben?

Ich liebe Geschichten, und ich liebe es, sie zu erfinden und zu erzählen. Ein bisschen ist das beides dasselbe. Jeder, der von einem Ereignis erzählt, macht es zu einer Geschichte: Man erzählt ja nicht alles – geht ja auch nicht. Man selektiert. Man wertet. Und heraus kommt eine Geschichte, die man zu einem Teil selbst erfunden hat. Ist das schon gelogen? Ich glaube nicht.

Wenn ich allerdings etwas erzähle, macht sich die Geschichte manchmal eigenständig. Ich höre mich selbst reden und komme irgendwann auf den Gedanken: „Wäre es nicht fantastisch und witzig, wenn es jetzt soundso weitergehen würde?“ Und dann lasse ich die Geschichte so weitergehen. Nicht, weil es wahr ist, sondern um der guten Geschichte willen. Ist das jetzt gelogen? Definitiv ja.

Ich bin nicht die einzige, die das liebt. Meine ganze Familie ist so drauf, insbesondere mein großer Bruder. Als wir noch ziemlich klein waren, hatte sich unter uns Kindern der Ausdruck eingebürgert: „Das war mit Omanopa!“ Omanopa war unsere Kurzvariante für „Oma und Opa“, und der Satz als ganzes fiel immer dann, wenn wir bei einer unwahren Geschichte ertappt wurden. Was bei Oma und Opa war, weiß ja keiner. Perfekte Lösung, die Geschichte am Leben zu halten. Und nicht sein Gesicht zu verlieren. Nur bei Mondlandungen und Vulkanausbrüchen wurde die Ausrede dann irgendwann etwas zu löchrig.

Mein Leben bestand aus Geschichten. Wenn ich sie nicht gelesen oder gespielt habe, habe ich sie erzählt. Meine kleinen Geschwister kamen immer wieder zu mir: „Sina, erzähl uns ne Geschichte!“ Und ich, gerade mal zwei bis vier Jahre älter als sie, habe Figuren und Handlungen ersponnen. Ich wusste am Anfang selbst nie, wo das hingeht. Als ich ein wenig älter war, habe ich Geschichten erfunden, die mehr wie Legenden waren. Besonders auf Spaziergängen.

Wusstest du, dass in diesem abgestorbenen Baum ein Elfenvolk lebt, das mit den Kobolden aus dem Schilf am See im Krieg steht? Und wusstest du, dass dieser Berg so merkwürdig heißt, weil damals ein Fürst …? Vielleicht sollte ich dir auch die Geschichte erzählen, wie sich der Burgherr und die Burgherrin kennen gelernt haben, die dieses Schloss haben bauen lassen, an dessen Ruinen gerade unsere Wanderroute vorbei führt.

Noch immer erfinde ich Welten und bleibe fast in ihnen stecken. Einmal saß ich bei einem Freund schon eine halbe Stunde auf dem Sofa und war immer noch nicht wirklich in die Realität zurückgekommen von der Geschichte, in die ich mich die ganze Busfahrt lang und den Weg bis zu ihm vertieft hatte. Es ging um ein Mädchen, einen Wald und einen Wolf. Naja. Ich erlebe, was ich mir ausdenke. Es ist für mich irgendwie wahr. Manchmal fällt es mir schwer, nicht von irgendwelchen Erlebnissen zu bloggen, die sich zwar völlig echt anfühlen, aber nie geschehen sind.

Es war natürlich für mich, auch mein eigenes Leben zumindest ein Stück weit selbst zu erfinden. Irgendwann habe ich dann bemerkt, dass das eigentlich nicht normal ist und gar nicht mal so gut kommt, wenn man so viel Erfundenes als wahr verkauft. Nein, gelogen im Sinne von vertuscht oder getäuscht oder betrogen habe ich echt wenig. Aber ausgemalt, überzogen, dazuerdacht und aus der Luft gegriffen, das schon.

Ich musste es mir mühsam abgewöhnen. Ich musste lernen, Geschichten Geschichten sein zu lassen und sie vom echten Leben zu trennen. Das war gar nicht so leicht, und manchmal ist es irgendwie schade, dass ich das musste.

Ich lüge nämlich gerne.

Wobei, eigentlich finde ich, dass „lügen“ das falsche Wort ist.

Ich erspinne gerne. Ich spinne Seemannsgarn. Und auch, wenn es Leute gibt, die das verurteilen, finde ich nichts grundlegend Schlechtes daran. Ja klar, es kommt auf den Rahmen an und so, aber es sollte viel mehr Menschen geben, die die Welt noch ein bisschen bunter ausmalen als sie eh schon ist.

Gedankenüberschuss

Wenn die innere Zwischenablage überfüllt ist und man mit dem Verarbeiten seines Lebens nicht so recht hinterherkommt

Wenn ich meine Augen schließe und wieder in all den vergangenen Momenten der letzten Tage bin, all die Stimmen höre, die mein Ohr erreicht haben und all das sehe, was vor meinem Auge hergezogen ist, dann möchte ich gerne in einen Zug einsteigen und wegfahren. Das liegt daran, dass man in Zügen gut denken kann, weil man nirgendwo ist und keine Aufgabe hat, außer dass man in materieller Form existent bleibt, bis man irgendwann irgendwo ankommt und da aussteigt. Das liegt auch daran, dass ich von einer bekannten Person, einer Freundin oder Tochter oder Mitarbeiterin oder komischen Vogel zu einem unbekannten, anonymen und sofort wieder vergessenen Gesicht werde. Manchmal ist das gut, weil man dann nämlich auch keine Erwartungen mehr an sich entdeckt, außer eben ein unbekanntes Gesicht zu sein, und das ist nicht so schwer.

Der Vorteil beim Denken im Vergleich zum Schreiben ist es, dass man keinen einzigen Gedanken beenden muss. Beim Schreiben steht am Ende etwas da, schwarz auf weiß, und das fühlt sich irgendwie endgültig und wahr an. Meine Gedanken sind nicht endgültig und wahr, sondern halb angeschaut und doch irgendwie eingeatmet. (Das versteht irgendwie keiner, weil das voll die komische Metapher ist, aber das ist nicht wichtig, weil es nämlich tiefgründig und poetisch klingt.)

Ich als Mensch an und für sich habe eine Haut. Außerhalb meiner Haut befinden sich nur noch Fuß- und Fingernägel und meine Haare, insbesondere meine rote Lockenmähne auf meinem Kopf. Innerhalb dieser Haut ist ein gewisser Raum, der mit Gedanken, Gefühlen und Identität gefüllt sein kann. Es reicht gerade gut für mich selbst und ein kleines bisschen für die Gedanken, Gefühle und Identitäten anderer, aber wehe zu viel. Mit geschlossenen Augen und den vielen, unbeantworteten Eindrücken bekomme ich aber Platzangst, Angst vor zu wenig Platz in mir drin, Angst vorm Platzen, Platzangst. Fluchtreflex. Zugfahren.

Manchmal wünsche ich mir, in bestimmten Momenten einfach nicht antworten zu müssen, nicht reagieren zu müssen, weil ich einfach nicht weiß, wie, und eigentlich auch gar keine Lust habe, mich mit Menschen auseinanderzusetzen. Oder mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Da spricht mich jemand an, sieht mich an – und mein Gehirn, mein Herz schweigt. Schweigt vom Rückzug, vom Verstecken, vom Frieden. Jemand stört diesen Frieden, aber ich will nicht. Lass mich in Ruhe, sage ich, oder sei mit mir ruhig, das wäre mir noch lieber. Bitte setze dich neben mich und lass uns schweigen von der Vergangenheit und ihren Geschichten und Gesichtern, bis wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Ich habe keine Angst vor mir selbst. Mich mit dir selbst zu unterhalten ist eine Disziplin, die ich schon beherrscht habe, bevor ich mich mit anderen unterhalten konnte. Beständig erfahre ich dabei neues. Ich bin ich, das stimmt schon, aber oft bin ich mir genug wer anderes, um mich kennen lernen zu müssen und um für meine Denk- und Fühlweise Erklärungen zu brauchen. Und wie das so ist, wenn man mit jemandem sehr lang intensiv unterwegs ist, habe ich mich trotz all meiner Merkwürdigkeiten und unverständlichen Verdrehungen lieb gewonnen. Ich versteh mich zwar nicht immer, aber ich habe Frieden mit mir, und manchmal lade ich in diesen Frieden Menschen ein.

Hoffnungsbringerin, nannte mich jemand. Wenn du da bist, fühlt sich das immer an, als würde alles gut werden.

Ja, es wird auch alles gut werden. Davon bin ich tiefer überzeugt als irgendeine Sorge Wellen schlagen könnte. Tiefer, als irgendeine Platz-Angst wegen Reizüberflutung mich überfordern könnte. Tiefer als all die plappernden Stimmen in meinem Kopf, die reden von Vorgestern und Gestern und Heute und allem dazwischen und davor und dahinter.

Ich steige in keinen Zug ein, denn ich muss nirgendwo hin, und es ist auch keiner da, der sich gerade neben mich setzen und mit mir schweigen wollen würde. Stattdessen sitze ich hier und schreibe, schreibe von zu viel in mir in einem Moment, in dem das zu viel in mir endlich hinaus kann und ein es darf sein wird. Es darf sein. Alles wird gut.

Lebenshinterfragungen

Heute kam ich von der Schule und mein Leben war unglaublich anstrengend. All meine Aufgaben, die Leute, die Rolle, die ich in allem spiele … Ich grübelte über weitreichende Veränderungen nach. Es würde definitiv eine neue Perspektive in meinem Leben geben, eine neue Orientierung, eine ganz andere Art und Weise des Seins. Es wäre das einzig richtige, die Weiterentwicklung, die schon lange überfällig ist. Egal, wie hart es werden würde, ich würde es tun.

Dann hab ich zwei Stunden geschlafen.

Seitdem gehts mir wieder gut. Habe ne halbe Packung Tomaten gegessen und mit meiner Familie über Erbschaft im informatischen Verständnis diskutiert. Morgen Geburtstag von nem Kumpel feiern. Mein Leben ist schön.

Life Hacks #2 – Beziehungen (aller Art)

Bewährte Strategien zum Überleben oder Besserleben aus erster Hand.

1. What’s in a name?
Oh, mehr als du denkst, mein Freund. Den Namen eines Menschen kennen und ihn damit anzusprechen ist ihn wertschätzen, ihn nicht einfach nur als irgendeinen Menschen wahrzunehmen, sondern als der, der er ist. Es ist so ein feiner rhetorischer Unterschied, der unbewusst so viel ausmacht. Also lerne Namen so schnell du kannst und sprich Menschen damit an! (Mini Life Hack: Nach Namen fragen und ihn innerhalb weniger Minuten direkt verwenden. Erhöht Wahrscheinlichkeit des Erinnerns enorm.)

2. Habs auf der Zunge
Ausgesprochene Wertschätzung ist so viel wertvoller als vermutete Wertschätzung. Manchmal glauben wir, der andere weiß doch eh, dass wir ihn gern mögen. Ist oft aber gar nicht der Fall. Also sprichs aus! Was du an dem anderen magst. Wie sehr du ihn magst. Und so weiter. Ich glaube, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn jeder wüsste, was andere für Wertschätzung für ihn haben. Ach übrigens, dazu auch dieser Artikel, zwar schon eineinhalb Jahre alt, aber immer noch irgendwie nett: Komplimente, Komplimente

3. Verabschiedungsjunkies und Verabschiedungsmaulwürfe
Okay, das kommt jetzt einfach aus Beobachtungen aus so einigen Gesprächen. Es gibt das so zwei Extreme bezüglich Verabschiedungen, zwischen denen sich die Menschen bewegen.
Verabschiedungsjunkies. Ihnen sind Verabschiedungen wichtig. Vergisst du sie, sind sie irritiert und eventuell ein wenig verletzt.
Verabschiedungsmaulwürfe. Wissen nicht, dass einem so etwas wie eine Verabschiedung wichtig sein könnte. Tauchen dementsprechend regelmäßig still und heimlich ab.
Also, zum Wohl aller: Ihr Maulwürfe, verabschiedet euch wenn möglich persönlich von allen, die euch wichtig sind. Ihr Junkies: Seid nicht böse und wisst, dass die Maulwürfe nicht euch weniger wertschätzen, sondern wirklich nur den Brauch vom Verabschieden.
Auf dass viele Missverständnisse so geklärt seien.

4. Klare Verhältnisse
Wenn man Menschen so fragt, ist jeder für klare Verhältnisse. Viele sind aber zu feige, sie zu schaffen. Mein Guide zu klaren Verhältnissen:
1) Werde dir klar, was du willst, was dein Standpunkt ist.
2) Überlege dir, in welcher Gelegenheit du das am besten zur Sprache bringen kannst.
3) Machs.
Gar nicht so schwer, oder? – Und wenn danach alle wissen, woran sie sind und wie sie miteinander umgehen können, dann war es das doch wert. Auch wenn man dafür manchmal durch (sehr, sehr) merkwürdige Situationen gehen muss.

5. Fragen statt interpretieren
Geht ein bisschen einher mit dem klare-Verhältnisse-Ding. Es ist nämlich so: Egal, wie gut du eine Person zu kennen glaubst und egal, wie sicher du dir bist, dass sie etwas so meint und so denkt – komplett richtig liegst du nie. Also Vorsicht mit Annahmen darüber! Das gilt ganz besonders, wenn es um zwischenmenschliche Themen geht: A kritisiert mich doch nur, B steht auf C, D fühlt sich zu cool für mich, E brauchen wir gar nicht erst fragen, der ist nicht der Typ dafür, F macht das alles doch nur, um mir zu beweisen, wie viel besser sie ist, und für G war das bestimmt wieder nur eine willkommene Ausrede. Sicher? Eine Beobachtung von mir ist, dass negative Vermutungen über die Einstellungen von Menschen sich selbst füttern, dadurch wachsen und immer überzeugender erscheinen, ohne davon wahrer zu werden. Also lasst uns lieber aufhören, uns so sehr auf unsere eigenen Interpretationen zu verlassen, und lasst uns lieber dem Menschen selbst zuhören, was er dazu zu sagen hat.

Ich werde

Lebenslektionen lernt man im Gehen, im in-Bewegung-bleiben, im Sein und Denken und Fühlen und Werden. Und ich werde – werde jemand, die ich vorher noch nicht war. Werde an den Orten entlang des Weges, an den Menschen, die da sind.

Mein Kopf könnte platzen vor lauter Gedanken und Input, doch er tut es nicht, weil meine Schädeldecke zu dick ist. Irgendwie liebe ich das schon, wenn ich mich einfach auf den Boden legen und meinem Kopf beim Arbeiten zuhören kann.

Ganz schnell klopft mein Herz, vor lauter Aufregung und Lebendigkeit, denn da sind so viele Menschen in meiner Welt, die so viel wert sind und die tausend Gedanken und Gefühle in mir auslösen können. Manchmal zieht sich meine Seele aber auch schmerzhaft zusammen, denn unklare Beziehungen, Spannungen mag sie gar nicht, und mit Menschen kommt so etwas manchmal vor.

Und da sind meine Hände, so ungeduldig, etwas zu tun, alles zu tun, die Gedanken arbeiten zu lassen und in der Zeit einen Baum zu fällen oder ein Zimmer mit Farbe voll zu klatschen oder ein Iglu zu bauen, aber dafür ist ja gerade kein Schnee da.

Hier bin ich, und schau, das bin ich, und ich nehme mich wahr.

Und in meinem Herz, da werden kleine Momente manchmal ganz, ganz groß, und weite, ferne Träume greifbar. Und da bin ich jetzt. Mein Kopf denkt, mein Herz klopft, meine Hände wollen loslegen und ich werde, werde am Leben, werde an allem, allem um mich rum.

Und wo mir alles zu viel ist – und das kommt vor, wenn man nur ein einziger Mensch ist, so wie ich – dann tapse ich mal wieder nachts in das Zimmer meines großen Bruders und schaue ihm beim PC-Spielen zu. Und dann betet er für mich, und ich weiß wieder: Alles wird gut.

Jemand sagte mir, ich bin es wert, dass man auf mich wartet, und auch, wenn er das anders meinte, warte ich jetzt auf mich. Ich werde, und ich werde sein.

Zu viel Leben auf zu wenig Zeit?

Sina, in deinem Alter kannte ich das Wort „Effektivität“ noch gar nicht!
– Künstlerfreundin

Okay, Freunde, we’re so guilty of that. Wir haben viel zu viele Termine und Sachen am laufen und fühlen uns manchmal, als würden wir darin untergehen. Wir wollen alles und frustrieren an unseren Grenzen. 7 mal anders denken, um das zu händeln. Lernt aus meinen Fehlern.

1. Ich darf sein.
Ich bin nicht auf dieser Welt, um irgendwas zu leisten. Ich bin nicht hier, um meine Klausuren gut zu schreiben, mich um alle meine Beziehungen gut zu kümmern, in meinen Hobbys gut zu sein und die Erwartungen meiner Eltern zu erfüllen. Ich bin nicht hier, um effektiv zu sein – mit meiner Zeit und meiner Kraft und meinen Ideen und allem. Das ist alles schön und gut, aber unabhängig davon darf ich einfach erst mal nur sein – unperfekt und ohne etwas zu leisten. Ich darf sein, wie ich bin, und es ist gut, dass es mich gibt. Ich darf sein, und das ist an sich schon genug.

2. Ich muss gar nichts.
Ich muss nicht zu diesem Treffen, diese Aufgaben erledigen, mich dafür vorbereiten und diesen Erwartungen entsprechen. Im Endeffekt muss ich gar nichts, außer mit den Konsequenzen leben. Das Argument: „Ich muss das aber machen / da aber hin / …“ zieht also nicht. Ich will, und mein Wille ist flexibel.

3. Ich verpasse gar nichts.
Also eigentlich schon. Wenn ich irgendwo nicht hingehe, verpasse ich es faktisch, in dem Sinne, dass ich nicht anwesend bin. Aber verpasse ich dann auch etwas in dem Sinne, dass mir etwas Relevantes entgeht? Ich habe mich von der zerstörerischen Denkweise von „nichts verpassen wollen“ gelöst, denn die Welt funktioniert nun mal parallel: Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, seine Zeit zu verbringen, und man lebt immer nur eine. Ich „verpasse“ gar nichts mehr. Ich bin halt nur nicht da und mach was anderes gutes. Und wenns zu Hause rumsitzen ist.

4. Eher Nein als Ja.
Nein sagen, wenn andere etwas von einem wollen, kann man ja noch ganz gut lernen. Nein sagen, wenn man selber etwas will, ist was ganz anderes. Normalerweise checken wir vor eine Zusage blitzschnell im Kopf ab: Will ich? Hab ich Zeit? Zwei weitere wichtige Fragen lassen wir zu oft außen vor: Hab ich Energie? Und brauche ich die Zeit und Energie nicht eigentlich als Puffer-Zone? Dabei sind diese Fragen wichtig. Mein Tipp: Im Zweifel oder bei Bedenken Nein. Es ist so viel leichter, spontan noch etwas zu machen, falls einem langweilig wird, als etwas länger geplantes abzusagen oder etwas, was eigentlich zu viel ist, notfalls mit Gewalt durchzuziehen.

5. Schau hierhin.
Neigst du auch dazu, ununterbrochen die ganze(n) nächste(n) Woche(n) im Kopf zu haben? Keine gute Idee. Bringt nichts und stresst. Ich schaue hierhin, ins jetzt, die nächsten paar Stunden: Was ist JETZT wichtig? Die ganze nächste Zeit brauche ich nicht im Hinterkopf zu haben. Es reicht, wenn sie im Terminkalender steht.
Und an meine christlichen Freunde: Zwei Zeitpunkte sind für das Reich Gottes wichtig: Das Jetzt und die Ewigkeit. Im Jetzt und in der Ewigkeit erlebe ich Gott. Die Zukunft ist nicht besonders vieler Gedanken würdig. Gott kümmert sich schon drum.

6. Atme.
Plan dir Zeit zum Atmen ein und verteidige sie. Was meine ich mit „atmen“? Ich könnte auch sagen: „Zeit, der Seele Raum zu lassen“, aber das klingt so esoterisch und schäbig. Was ich meine, ist, dass ich Freiräume brauche, in denen ich nicht effektiv sein muss und nichts zustande bringen muss und das „Ich darf sein“ ausleben kann. Und ich erlaube mir auch solche Zeiten. Ich muss gar nichts, also auch nicht immer effektiv was tun. Ich brauche mich also auch nicht schuldig oder schlecht fühlen, wenn ich alle To dos mal für ne bestimmte Zeit ignoriere und sie vielleicht deswegen auch nicht schaffe.
Und wieder an meine christlichen Freunde: Gebetszeit kürzen ist so ziemlich das dämlichste, was wir bei Stress und vielen Terminen tun können, weil sie uns ja Ruhe und Kraft gibt. Das wissen wir eigentlich alle. Lass das mal umsetzen.

7. No Multitasking.
Fördert innere Unruhe. Können Menschen eh nicht wirklich (ist nachgewiesen! Man bildet sich ein, man macht Dinge gleichzeitig, aber im Endeffekt macht man doch immer nur eins auf einmal.) Also einfach bleiben lassen. Wozu auch Multitasking? Wir sind ja schließlich nicht auf der Welt, um effektiv zu sein.

Frohes Lernen und viel Spaß beim Scheitern! ;-) Keine Angst, irgendwann wird das besser. Man braucht nur ne ganze Weile. Aber der Weg lohnt sich. Du machst das schon. Erlaub dir die Fehler.
Willkommen auf der Reise!