Herbstlaub

Auf den schmalen, von Wurzeln aufgebrochenen Asphaltwegen des Unigeländes bockt mein gliebtes, geerbtes grünes Fahrrad wie ein unwilliges Pferd, so, als würde es überhaupt nicht wollen, dass ich jetzt zur Uni fahre. Aber ich, ich will. Und bei solchen Dingen habe ich das Sagen. Ich schließe das Fahrrad ab, gehe durch die Drehtür und die zwei Treppen hoch. Zweites Obergeschoss, hinter den Slavisitik-Büchern, in dem kleinen Lesesaal mit den zwei Fensterfronten und den vielen kaputten Steckdosen, da ist mein Platz.

Ich liebe es, hier zu sein, wenn es noch kein anderer ist. Ich liebe die Gegenwart der Bücher, den Blick auf die Herbst-gelben Bäume vor den Fenstern und ich liebe die Ruhe, die selbst dann noch bleibt, wenn der Raum sich langsam füllt.

Es ist manchmal nicht leicht, hier zu sein. Damit meine ich nicht die Unibibliothek. Damit meine ich die Stadt. Die Gegenwart von ständig wechselnden, ständig fremden Menschen. Das ununterbrochene Orientieren in all dem, was neu ist, und das ist beinahe alles. Das ist nicht leicht für mich. Dann weine ich und telefoniere mehr mit meiner Mama, als ich meinem Stolz verraten will.

Gestern war ich im Wald. Das war schön, und die Ronja Räubertochter in mir, der die Bäume und die Tiere und der Wind Freunde sind, konnte ein bisschen Heimat finden. Im Wald sein, das ist gleich, ob man nun ein paar hundert Kilometer weiter hier oder dort ist. Deswegen mag ich das. Deswegen brauche ich das. Solange Blätter im Herbst gelb und rot werden und von den Bäumen fallen und solange sie im Frühjahr wieder neu wachsen, solange geht die Zeit weiter. Solange das vor meinen Augen geschieht, solange werde ich auch weitergehen, immer noch einen Schritt, immer weiter auf diesem Weg, der meiner ist. Das nächste Mal, wenn neue, zarte Blätter aus kleinen Knospen schlüpfen, wird ein Teil meines Schmerzes weg sein, weggefegt wie das trockene, tote Laub vom Herbstwind. Das hoffe ich. Daran klammere ich mich.

Langsam füllt sich der Raum und langsam füllen sich auch meine Gedanken. Die Dinge, die heute auf mich zukommen. Die Menschen, denen ich begegnen werde. Die Stituationen, denen ich lieber aus dem Weg gehen würde, wenn ich könnte. Es ist ein neuer Tag in diesem Neu von Leben, von Welt. Das kommt jetzt einfach auf mich zu. Bei solchen Dingen habe ich nicht das Sagen. Solche Dinge geschehen einfach. Ich versuche, Schritt zu halten. „Weiter“ ist das Wort – immer, immer weiter.

Universitätsbibliothek, der kleine Lesesaal hinter der Slavistik, herbstlaubsatte Bäume vor dem Fenster – eine neue Studentin schreibt.

Heimatlaute

Obwohl ich nie ein Kind der Landeskirche war, habe ich das Leuten der Glocken immer geliebt. Kirchenglocken haben eine wunderbar warme Feierlichkeit. Genauso wie alte Kirchengebäude. Ich habe eine heimliche Lieblingskirche, eine ganz kleine, mehr eine Kapelle. Unscheinbar versteckt sie sich hinter einer viel Mächtigeren. Wenn ich vom Schwimmen zurück gekommen bin, dann habe ich sie oft besucht. Immer gehofft, dass keine Touristen da sind – ab und zu verirren sie sich dorthin. Aber selbst wenn: Sobald klar wird, dass ich öfters dort bin und nicht nur „mal gucke“, werde ich schnell allein gelassen. Dort bin ich dann still geworden. In der machtvollen Kirche nebenan leuten die Glocken.

Ein anderes Geräusch, das ich liebe, ist das Plätschern von Wasser beim Einschenken. Ein ruhiges Zimmer, ein Glas, eine Flasche. So ein schlichtes, unscheinbares Geräusch, doch für mich liegt so viel Heimat und Ruhe darin, so viel Pause und Genuss und Musik. In diesem Geräusch klingt der Küchentisch und der Blick aus dem Fenster mit, das Sitzen auf der Arbeitsplatte und Beobachten der Straße, das Knarren oder eher Scheppern der Küchentür, das Gefühl des weichen und wertvollen Schafwollteppichs unter den Socken, das leicht unregelmäßige Ticken unserer Küchenuhr, deren Zeiger nach unten immer etwas hastet und nach oben hin so kämpft, dass man immer glaubt, er schafft es nicht mehr rechtzeitig. So oft bin ich, wenn ich nach Hause gekommen bin, zuerst in die Küche gegangen und habe ein Glas Wasser getrunken und habe all das gesehen, gespürt, gehört.

Ich vermisse das Brummen meiner kleinen Schwester, wenn man in ihr Zimmer kommt und sie sich gerade in ihrer eigenen inneren Welt verkrochen hat, auf dem Teppich vor dem Fenster, halb verborgen hinter dem Schreibtisch, neben sich den alten CD-Player oder ein Buch, ein paar Papierchen von Süßigkeiten, Kissen. Ich vermisse ihr Brummen, wenn man sie ärgert oder sie müde ist oder nicht zugeben will, dass etwas eigentlich lustig ist. Ich weiß gar nicht, ob Brummern wirklich das richtige Wort ist. Vielleicht eher Knarren. Oder Grummeln. Ein Geräusch, das so liebenswert freundlich wie entnervt müde sein kann.

Weckerpiepen, die effektiven Schritte meines Vaters am Morgen, die mir immer zu schnell für diese Stunde sind. Der Wasserkocher blubbert, das Rauschen des Wassers in den Rohren, jemand duscht. Mama, wie warm wird es? Mama, wo ist mein grünes T-Shirt? Mama, darf ich deine schwarzen Stiefel? Die Schritte meiner Mutter, wenn sie die Treppe hochgeht, das Trampeln meines Bruders, das Knallen der Tür. Die Klingel, und keiner geht hin. Das Telefon, und keiner geht hin, und dann doch wieder Mama. Das Knallen der Tür, und Papa ermahnt, und irgendwer hört nicht wirklich zu. Die Vibration der Haustür, der Schlüssel in der Wohnungstür, Rucksack in die Ecke. Die Kirchengemeinde nebenan, Musik, Absatzschuhe in schnellem Schritt. Mikrowellenpiepen, und keinen stört es außer mich. Klavier spielen, und alle stört es außer mich. Mein Bruder lacht. Teamspeak. Meine Schwester übt Trompete. Toilettenspülung, Dusche, das Knallen der Tür, wieder Papa nicht zugehört. Lichtschalter, Heizungsrauschen. Die Straße vor dem Haus, irgendwelche Männer lachen irgendwo. Immer noch Licht unter der Tür meines Bruders, und ich klopfe so leise, dass er er sowieso nicht hören kann, komme herein und lege mich zwischen all sein Chaos aufs Bett. Lüftest du wieder? Ja, ich lüfte.

Die Stimme meine Heimat – Glockenleuten, Wasser in einem Glas, die Geräusche des Hauses, die Stimmen meiner Familie, meiner Freunde. Alles eine Stimme, eines alles Zusammen. Die Stimme einer Zeit, eines Gefühls, eines Ortes. Zuhause. Eine Stimme, die ich vermisse, wie ein Kind die Stimme seiner Mutter, wenn sie zu lange getrennt sind.

Meine Seele will sie wieder hören, die Stimme. Meine Stimme klingt in der Ferne so fremd. Sie sprechen nicht meine Sprache, kennen die Sprache meiner Heimat nicht. Meine Sprache ist eine andere.

Mittendrin

Ich bin kein Roman, kein Film, kein Lied. Bei mir gibt es keine Geschichte, die von einem Anfang und einem Ende gesäumt ist. Bei mir gibt es keine Probleme oder Konflikte, die in einem dramatischen Spannungsbogen aufgebauscht und dann zu einer Lösung gekommen sind.

Bei mir gibt es nur meine vielen kleinen Geschichten, die irgendwie nie zu Ende gehen wollen, ihren Weg immer weiter schreiben, oft in vielen unauffälligen Momenten.

Ich kann nicht sagen – dieses Thema, dieser Konflikt, das ist jetzt Vergangenheit und das war die Lösung. Alles lebt weiter, weiter, und ich würde gerne erzählen, als wäre alles vorbei, doch ich weiß oft nicht einmal, wo der Höhepunkt der Handlung gelegen hat. Oder ob er noch kommt.

Wie oft kommt das immer selbe noch hoch? So leicht geht es in Filmen, dass Mädchen verstehen, dass sie eigentlich wertvoll sind. Dass zwei Menschen zusammen kommen und glücklich sind. Dass Beziehungen zu Eltern geheilt sind. Dass Menschen ihren Platz in der Welt gefunden haben.

Und die Figuren leben glücklich in ihrem Happy End, bis sie tot sind.

Aber ich, ich trage immer neue Schlachten aus, in meinen Gedanken, in neuen Situationen, und die kleinen Siege bleiben beinahe unsichtbar. Es gibt keine großen Taten, die mich zur Heldin machen würden. Keine abgeschlossenen Geschichten. Nichts, nachdem man den Vorhang zuziehen könnte, den Abspann durchrollen, die letzten Töne ausklingen lassen könnte.

Ich habe keine Geschichten zu erzählen. Ich habe nur Geschichten zu leben. Ich bin mittendrin, mittendrin.

Und alles, was ich tun kann, ist weitergehen und dich fragen, ob du meine Hand nehmen und dabei sein willst.

Du machst mich zur Schauspielerin

(Ein Text aus Juni 2015)

Deine Anwesenheit, mein Freund, macht mich zur Schauspielerin. Ich kann nichts dagegen tun.

Bist du da, weiß ich nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Wie man sich eigentlich normal verhält. Was man so redet, wenn man sich unterhält, und was man besser nicht sagt. Ich weiß nicht mehr, wohin mit meinen Händen und mit meinen Gedanken und mit meinem Blick. Es ist ganz, ganz komisch.

Ich weiß nicht, ob ich will, dass du merkst, was du mit mir machst. Also schauspielere ich „normal“. Alles ist normal mit mir und alles ist ganz normal zwischen uns. Natürlich ist es das. Was soll auch sein? Du bist ein ganz. normaler. Junge. So wie ich noch viele kennenlernen werde. Und ich kann mich ganz normal verhalten, wenn du da bist. Siehst du, wie normal das alles ist? Ganz unverdächtig.

Aber eigentlich gefällst du mir schon sehr. Ich will, das du mich toll findest. Also schauspielere ich „find-mich-toll“. Was ich glaube, das du magst, versuche ich zu sein. Was ich gut kann und für eine Stärke von mir halte, das sollst du sehen. Sieh her, was für ein tolles Mädchen ich bin, du solltest definitiv mal ein Auge auf mich werfen, was? Und siehe da, zufälligerweise habe ich gerade heute mein Lieblingsshirt an, wo ich wusste, dass wir uns sehen. Sieht das gut aus? Gefalle ich dir eigentlich? Oh, und ganz aus Versehen habe ich dich wohl gerade berührt. Und sitze neben dir. Und lache über deine Witze. Und fange deinen Blick auf.

Eigentlich will ich ja gar nicht schauspielern. Eigentlich wäre ich ganz gern einfach ich. Aber ich vergesse schlichtweg, wie das geht, wenn ich merke: Du bist im Raum. Wie ging das nochmal, das Sina-sein? Die Möglichkeit, dass du mich gerade sehen, beobachten, dir Gedanken über mich machen könntest, vernebelt mein ganzes Gehirn. Und ich hasse das.

Aber irgendwie, zum allerersten Mal in meinem Leben, macht es mich auch gleichzeitig glücklich.

Ich bin eine einsame Schauspielerin. Du bist mein ganzes Publikum. Ich spiele und spiele und hoffe, dass du mich für die Person liebst oder zu lieben beginnst, die ich hinter meinem Schauspiel bin. Es ist zum verzweifeln, dass du das vielleicht nicht tust, nie wirst, und ich das nicht beeinflussen kann. Keine Ahnung, was du denkst. Trotzdem bin ich glücklich. Trotzdem grinse ich immer wieder abgelenkt in mich hinein. Trotzdem mag ich dich wirklich sehr gern.

Deine Anwesenheit, mein Freund, macht mich zur Schauspielerin. Ich kann nichts dagegen tun.

Spinnerin

Ich muss gestehen – ich lüge gerne.

Und das, obwohl ich ein ziemlich ehrlicher Mensch bin. Im Zweifel sogar eher zu ehrlich. Meine Zunge im Zaum zu halten ist schwer. Ich spreche Dinge aus, die ich nicht aussprechen wollte, und rede eigentlich eher zu viel als zu wenig.

Aber ich liebe Geschichten.

Und ich bin so einer von den Menschen, die in Geschichten wirklich eintauchen und irgendwie darin sind. Es fällt schwer, wieder aufzutauchen. Deswegen bin ich vorsichtig mit den Filmen, die ich schaue – in vielen Geschichten möchte ich einfach nicht sein. Deswegen lese ich gern immer wieder dieselben Bücher – das ist ja praktisch wie in Erinnerungen wirklich zurück gehen zu können. Deswegen muss ich mich manchmal in Acht nehmen, von fiktiven Figuren nicht wie von Freunden und Bekannten zu sprechen – ich habe sie doch erlebt, warum sollte es sie nicht geben?

Ich liebe Geschichten, und ich liebe es, sie zu erfinden und zu erzählen. Ein bisschen ist das beides dasselbe. Jeder, der von einem Ereignis erzählt, macht es zu einer Geschichte: Man erzählt ja nicht alles – geht ja auch nicht. Man selektiert. Man wertet. Und heraus kommt eine Geschichte, die man zu einem Teil selbst erfunden hat. Ist das schon gelogen? Ich glaube nicht.

Wenn ich allerdings etwas erzähle, macht sich die Geschichte manchmal eigenständig. Ich höre mich selbst reden und komme irgendwann auf den Gedanken: „Wäre es nicht fantastisch und witzig, wenn es jetzt soundso weitergehen würde?“ Und dann lasse ich die Geschichte so weitergehen. Nicht, weil es wahr ist, sondern um der guten Geschichte willen. Ist das jetzt gelogen? Definitiv ja.

Ich bin nicht die einzige, die das liebt. Meine ganze Familie ist so drauf, insbesondere mein großer Bruder. Als wir noch ziemlich klein waren, hatte sich unter uns Kindern der Ausdruck eingebürgert: „Das war mit Omanopa!“ Omanopa war unsere Kurzvariante für „Oma und Opa“, und der Satz als ganzes fiel immer dann, wenn wir bei einer unwahren Geschichte ertappt wurden. Was bei Oma und Opa war, weiß ja keiner. Perfekte Lösung, die Geschichte am Leben zu halten. Und nicht sein Gesicht zu verlieren. Nur bei Mondlandungen und Vulkanausbrüchen wurde die Ausrede dann irgendwann etwas zu löchrig.

Mein Leben bestand aus Geschichten. Wenn ich sie nicht gelesen oder gespielt habe, habe ich sie erzählt. Meine kleinen Geschwister kamen immer wieder zu mir: „Sina, erzähl uns ne Geschichte!“ Und ich, gerade mal zwei bis vier Jahre älter als sie, habe Figuren und Handlungen ersponnen. Ich wusste am Anfang selbst nie, wo das hingeht. Als ich ein wenig älter war, habe ich Geschichten erfunden, die mehr wie Legenden waren. Besonders auf Spaziergängen.

Wusstest du, dass in diesem abgestorbenen Baum ein Elfenvolk lebt, das mit den Kobolden aus dem Schilf am See im Krieg steht? Und wusstest du, dass dieser Berg so merkwürdig heißt, weil damals ein Fürst …? Vielleicht sollte ich dir auch die Geschichte erzählen, wie sich der Burgherr und die Burgherrin kennen gelernt haben, die dieses Schloss haben bauen lassen, an dessen Ruinen gerade unsere Wanderroute vorbei führt.

Noch immer erfinde ich Welten und bleibe fast in ihnen stecken. Einmal saß ich bei einem Freund schon eine halbe Stunde auf dem Sofa und war immer noch nicht wirklich in die Realität zurückgekommen von der Geschichte, in die ich mich die ganze Busfahrt lang und den Weg bis zu ihm vertieft hatte. Es ging um ein Mädchen, einen Wald und einen Wolf. Naja. Ich erlebe, was ich mir ausdenke. Es ist für mich irgendwie wahr. Manchmal fällt es mir schwer, nicht von irgendwelchen Erlebnissen zu bloggen, die sich zwar völlig echt anfühlen, aber nie geschehen sind.

Es war natürlich für mich, auch mein eigenes Leben zumindest ein Stück weit selbst zu erfinden. Irgendwann habe ich dann bemerkt, dass das eigentlich nicht normal ist und gar nicht mal so gut kommt, wenn man so viel Erfundenes als wahr verkauft. Nein, gelogen im Sinne von vertuscht oder getäuscht oder betrogen habe ich echt wenig. Aber ausgemalt, überzogen, dazuerdacht und aus der Luft gegriffen, das schon.

Ich musste es mir mühsam abgewöhnen. Ich musste lernen, Geschichten Geschichten sein zu lassen und sie vom echten Leben zu trennen. Das war gar nicht so leicht, und manchmal ist es irgendwie schade, dass ich das musste.

Ich lüge nämlich gerne.

Wobei, eigentlich finde ich, dass „lügen“ das falsche Wort ist.

Ich erspinne gerne. Ich spinne Seemannsgarn. Und auch, wenn es Leute gibt, die das verurteilen, finde ich nichts grundlegend Schlechtes daran. Ja klar, es kommt auf den Rahmen an und so, aber es sollte viel mehr Menschen geben, die die Welt noch ein bisschen bunter ausmalen als sie eh schon ist.

Gedankenüberschuss

Wenn die innere Zwischenablage überfüllt ist und man mit dem Verarbeiten seines Lebens nicht so recht hinterherkommt

Wenn ich meine Augen schließe und wieder in all den vergangenen Momenten der letzten Tage bin, all die Stimmen höre, die mein Ohr erreicht haben und all das sehe, was vor meinem Auge hergezogen ist, dann möchte ich gerne in einen Zug einsteigen und wegfahren. Das liegt daran, dass man in Zügen gut denken kann, weil man nirgendwo ist und keine Aufgabe hat, außer dass man in materieller Form existent bleibt, bis man irgendwann irgendwo ankommt und da aussteigt. Das liegt auch daran, dass ich von einer bekannten Person, einer Freundin oder Tochter oder Mitarbeiterin oder komischen Vogel zu einem unbekannten, anonymen und sofort wieder vergessenen Gesicht werde. Manchmal ist das gut, weil man dann nämlich auch keine Erwartungen mehr an sich entdeckt, außer eben ein unbekanntes Gesicht zu sein, und das ist nicht so schwer.

Der Vorteil beim Denken im Vergleich zum Schreiben ist es, dass man keinen einzigen Gedanken beenden muss. Beim Schreiben steht am Ende etwas da, schwarz auf weiß, und das fühlt sich irgendwie endgültig und wahr an. Meine Gedanken sind nicht endgültig und wahr, sondern halb angeschaut und doch irgendwie eingeatmet. (Das versteht irgendwie keiner, weil das voll die komische Metapher ist, aber das ist nicht wichtig, weil es nämlich tiefgründig und poetisch klingt.)

Ich als Mensch an und für sich habe eine Haut. Außerhalb meiner Haut befinden sich nur noch Fuß- und Fingernägel und meine Haare, insbesondere meine rote Lockenmähne auf meinem Kopf. Innerhalb dieser Haut ist ein gewisser Raum, der mit Gedanken, Gefühlen und Identität gefüllt sein kann. Es reicht gerade gut für mich selbst und ein kleines bisschen für die Gedanken, Gefühle und Identitäten anderer, aber wehe zu viel. Mit geschlossenen Augen und den vielen, unbeantworteten Eindrücken bekomme ich aber Platzangst, Angst vor zu wenig Platz in mir drin, Angst vorm Platzen, Platzangst. Fluchtreflex. Zugfahren.

Manchmal wünsche ich mir, in bestimmten Momenten einfach nicht antworten zu müssen, nicht reagieren zu müssen, weil ich einfach nicht weiß, wie, und eigentlich auch gar keine Lust habe, mich mit Menschen auseinanderzusetzen. Oder mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Da spricht mich jemand an, sieht mich an – und mein Gehirn, mein Herz schweigt. Schweigt vom Rückzug, vom Verstecken, vom Frieden. Jemand stört diesen Frieden, aber ich will nicht. Lass mich in Ruhe, sage ich, oder sei mit mir ruhig, das wäre mir noch lieber. Bitte setze dich neben mich und lass uns schweigen von der Vergangenheit und ihren Geschichten und Gesichtern, bis wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Ich habe keine Angst vor mir selbst. Mich mit dir selbst zu unterhalten ist eine Disziplin, die ich schon beherrscht habe, bevor ich mich mit anderen unterhalten konnte. Beständig erfahre ich dabei neues. Ich bin ich, das stimmt schon, aber oft bin ich mir genug wer anderes, um mich kennen lernen zu müssen und um für meine Denk- und Fühlweise Erklärungen zu brauchen. Und wie das so ist, wenn man mit jemandem sehr lang intensiv unterwegs ist, habe ich mich trotz all meiner Merkwürdigkeiten und unverständlichen Verdrehungen lieb gewonnen. Ich versteh mich zwar nicht immer, aber ich habe Frieden mit mir, und manchmal lade ich in diesen Frieden Menschen ein.

Hoffnungsbringerin, nannte mich jemand. Wenn du da bist, fühlt sich das immer an, als würde alles gut werden.

Ja, es wird auch alles gut werden. Davon bin ich tiefer überzeugt als irgendeine Sorge Wellen schlagen könnte. Tiefer, als irgendeine Platz-Angst wegen Reizüberflutung mich überfordern könnte. Tiefer als all die plappernden Stimmen in meinem Kopf, die reden von Vorgestern und Gestern und Heute und allem dazwischen und davor und dahinter.

Ich steige in keinen Zug ein, denn ich muss nirgendwo hin, und es ist auch keiner da, der sich gerade neben mich setzen und mit mir schweigen wollen würde. Stattdessen sitze ich hier und schreibe, schreibe von zu viel in mir in einem Moment, in dem das zu viel in mir endlich hinaus kann und ein es darf sein wird. Es darf sein. Alles wird gut.

Lebenshinterfragungen

Heute kam ich von der Schule und mein Leben war unglaublich anstrengend. All meine Aufgaben, die Leute, die Rolle, die ich in allem spiele … Ich grübelte über weitreichende Veränderungen nach. Es würde definitiv eine neue Perspektive in meinem Leben geben, eine neue Orientierung, eine ganz andere Art und Weise des Seins. Es wäre das einzig richtige, die Weiterentwicklung, die schon lange überfällig ist. Egal, wie hart es werden würde, ich würde es tun.

Dann hab ich zwei Stunden geschlafen.

Seitdem gehts mir wieder gut. Habe ne halbe Packung Tomaten gegessen und mit meiner Familie über Erbschaft im informatischen Verständnis diskutiert. Morgen Geburtstag von nem Kumpel feiern. Mein Leben ist schön.