Spinnerin

Ich muss gestehen – ich lüge gerne.

Und das, obwohl ich ein ziemlich ehrlicher Mensch bin. Im Zweifel sogar eher zu ehrlich. Meine Zunge im Zaum zu halten ist schwer. Ich spreche Dinge aus, die ich nicht aussprechen wollte, und rede eigentlich eher zu viel als zu wenig.

Aber ich liebe Geschichten.

Und ich bin so einer von den Menschen, die in Geschichten wirklich eintauchen und irgendwie darin sind. Es fällt schwer, wieder aufzutauchen. Deswegen bin ich vorsichtig mit den Filmen, die ich schaue – in vielen Geschichten möchte ich einfach nicht sein. Deswegen lese ich gern immer wieder dieselben Bücher – das ist ja praktisch wie in Erinnerungen wirklich zurück gehen zu können. Deswegen muss ich mich manchmal in Acht nehmen, von fiktiven Figuren nicht wie von Freunden und Bekannten zu sprechen – ich habe sie doch erlebt, warum sollte es sie nicht geben?

Ich liebe Geschichten, und ich liebe es, sie zu erfinden und zu erzählen. Ein bisschen ist das beides dasselbe. Jeder, der von einem Ereignis erzählt, macht es zu einer Geschichte: Man erzählt ja nicht alles – geht ja auch nicht. Man selektiert. Man wertet. Und heraus kommt eine Geschichte, die man zu einem Teil selbst erfunden hat. Ist das schon gelogen? Ich glaube nicht.

Wenn ich allerdings etwas erzähle, macht sich die Geschichte manchmal eigenständig. Ich höre mich selbst reden und komme irgendwann auf den Gedanken: „Wäre es nicht fantastisch und witzig, wenn es jetzt soundso weitergehen würde?“ Und dann lasse ich die Geschichte so weitergehen. Nicht, weil es wahr ist, sondern um der guten Geschichte willen. Ist das jetzt gelogen? Definitiv ja.

Ich bin nicht die einzige, die das liebt. Meine ganze Familie ist so drauf, insbesondere mein großer Bruder. Als wir noch ziemlich klein waren, hatte sich unter uns Kindern der Ausdruck eingebürgert: „Das war mit Omanopa!“ Omanopa war unsere Kurzvariante für „Oma und Opa“, und der Satz als ganzes fiel immer dann, wenn wir bei einer unwahren Geschichte ertappt wurden. Was bei Oma und Opa war, weiß ja keiner. Perfekte Lösung, die Geschichte am Leben zu halten. Und nicht sein Gesicht zu verlieren. Nur bei Mondlandungen und Vulkanausbrüchen wurde die Ausrede dann irgendwann etwas zu löchrig.

Mein Leben bestand aus Geschichten. Wenn ich sie nicht gelesen oder gespielt habe, habe ich sie erzählt. Meine kleinen Geschwister kamen immer wieder zu mir: „Sina, erzähl uns ne Geschichte!“ Und ich, gerade mal zwei bis vier Jahre älter als sie, habe Figuren und Handlungen ersponnen. Ich wusste am Anfang selbst nie, wo das hingeht. Als ich ein wenig älter war, habe ich Geschichten erfunden, die mehr wie Legenden waren. Besonders auf Spaziergängen.

Wusstest du, dass in diesem abgestorbenen Baum ein Elfenvolk lebt, das mit den Kobolden aus dem Schilf am See im Krieg steht? Und wusstest du, dass dieser Berg so merkwürdig heißt, weil damals ein Fürst …? Vielleicht sollte ich dir auch die Geschichte erzählen, wie sich der Burgherr und die Burgherrin kennen gelernt haben, die dieses Schloss haben bauen lassen, an dessen Ruinen gerade unsere Wanderroute vorbei führt.

Noch immer erfinde ich Welten und bleibe fast in ihnen stecken. Einmal saß ich bei einem Freund schon eine halbe Stunde auf dem Sofa und war immer noch nicht wirklich in die Realität zurückgekommen von der Geschichte, in die ich mich die ganze Busfahrt lang und den Weg bis zu ihm vertieft hatte. Es ging um ein Mädchen, einen Wald und einen Wolf. Naja. Ich erlebe, was ich mir ausdenke. Es ist für mich irgendwie wahr. Manchmal fällt es mir schwer, nicht von irgendwelchen Erlebnissen zu bloggen, die sich zwar völlig echt anfühlen, aber nie geschehen sind.

Es war natürlich für mich, auch mein eigenes Leben zumindest ein Stück weit selbst zu erfinden. Irgendwann habe ich dann bemerkt, dass das eigentlich nicht normal ist und gar nicht mal so gut kommt, wenn man so viel Erfundenes als wahr verkauft. Nein, gelogen im Sinne von vertuscht oder getäuscht oder betrogen habe ich echt wenig. Aber ausgemalt, überzogen, dazuerdacht und aus der Luft gegriffen, das schon.

Ich musste es mir mühsam abgewöhnen. Ich musste lernen, Geschichten Geschichten sein zu lassen und sie vom echten Leben zu trennen. Das war gar nicht so leicht, und manchmal ist es irgendwie schade, dass ich das musste.

Ich lüge nämlich gerne.

Wobei, eigentlich finde ich, dass „lügen“ das falsche Wort ist.

Ich erspinne gerne. Ich spinne Seemannsgarn. Und auch, wenn es Leute gibt, die das verurteilen, finde ich nichts grundlegend Schlechtes daran. Ja klar, es kommt auf den Rahmen an und so, aber es sollte viel mehr Menschen geben, die die Welt noch ein bisschen bunter ausmalen als sie eh schon ist.


2 Kommentare

  1. Prinzipiell bin ich auch ein ehrlicher Mensch und bin echt nicht in der Lage zu Lügen, weil das einfach jeder (wirklich JEDER!) durchschauen kann. :D Und trotzdem stimmt ich dir auch bei dem „überziehen“ und „ausschmücken“ von Erlebnissen zu. Meistens mache ich das unbewusst und einfach nur, um der Story die gewisse Würze zu verleihen.
    Aber dichtet nicht irgendwie jeder irgendwo seinen ganz persönlichen Teil dazu? (na gut, vielleicht mache auch nur ich das immer und denke deshalb, dass es jeder andere auch macht… :D)
    Jedenfalls, lange Rede kurzer Sinn: richtig schön geschrieben und ich stimme dir zu, was das dazudichten angeht :)

    liebe Grüße, Saskia xxx

  2. Ja, ich glaube jeder dichtet was dazu. Und eigentlich erwartet man das ja auch schon, wenn jemand einem von irgendwas erzählt, oder? :P
    Danke für dein Feedback!


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