Gedankenüberschuss

Wenn die innere Zwischenablage überfüllt ist und man mit dem Verarbeiten seines Lebens nicht so recht hinterherkommt

Wenn ich meine Augen schließe und wieder in all den vergangenen Momenten der letzten Tage bin, all die Stimmen höre, die mein Ohr erreicht haben und all das sehe, was vor meinem Auge hergezogen ist, dann möchte ich gerne in einen Zug einsteigen und wegfahren. Das liegt daran, dass man in Zügen gut denken kann, weil man nirgendwo ist und keine Aufgabe hat, außer dass man in materieller Form existent bleibt, bis man irgendwann irgendwo ankommt und da aussteigt. Das liegt auch daran, dass ich von einer bekannten Person, einer Freundin oder Tochter oder Mitarbeiterin oder komischen Vogel zu einem unbekannten, anonymen und sofort wieder vergessenen Gesicht werde. Manchmal ist das gut, weil man dann nämlich auch keine Erwartungen mehr an sich entdeckt, außer eben ein unbekanntes Gesicht zu sein, und das ist nicht so schwer.

Der Vorteil beim Denken im Vergleich zum Schreiben ist es, dass man keinen einzigen Gedanken beenden muss. Beim Schreiben steht am Ende etwas da, schwarz auf weiß, und das fühlt sich irgendwie endgültig und wahr an. Meine Gedanken sind nicht endgültig und wahr, sondern halb angeschaut und doch irgendwie eingeatmet. (Das versteht irgendwie keiner, weil das voll die komische Metapher ist, aber das ist nicht wichtig, weil es nämlich tiefgründig und poetisch klingt.)

Ich als Mensch an und für sich habe eine Haut. Außerhalb meiner Haut befinden sich nur noch Fuß- und Fingernägel und meine Haare, insbesondere meine rote Lockenmähne auf meinem Kopf. Innerhalb dieser Haut ist ein gewisser Raum, der mit Gedanken, Gefühlen und Identität gefüllt sein kann. Es reicht gerade gut für mich selbst und ein kleines bisschen für die Gedanken, Gefühle und Identitäten anderer, aber wehe zu viel. Mit geschlossenen Augen und den vielen, unbeantworteten Eindrücken bekomme ich aber Platzangst, Angst vor zu wenig Platz in mir drin, Angst vorm Platzen, Platzangst. Fluchtreflex. Zugfahren.

Manchmal wünsche ich mir, in bestimmten Momenten einfach nicht antworten zu müssen, nicht reagieren zu müssen, weil ich einfach nicht weiß, wie, und eigentlich auch gar keine Lust habe, mich mit Menschen auseinanderzusetzen. Oder mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Da spricht mich jemand an, sieht mich an – und mein Gehirn, mein Herz schweigt. Schweigt vom Rückzug, vom Verstecken, vom Frieden. Jemand stört diesen Frieden, aber ich will nicht. Lass mich in Ruhe, sage ich, oder sei mit mir ruhig, das wäre mir noch lieber. Bitte setze dich neben mich und lass uns schweigen von der Vergangenheit und ihren Geschichten und Gesichtern, bis wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Ich habe keine Angst vor mir selbst. Mich mit dir selbst zu unterhalten ist eine Disziplin, die ich schon beherrscht habe, bevor ich mich mit anderen unterhalten konnte. Beständig erfahre ich dabei neues. Ich bin ich, das stimmt schon, aber oft bin ich mir genug wer anderes, um mich kennen lernen zu müssen und um für meine Denk- und Fühlweise Erklärungen zu brauchen. Und wie das so ist, wenn man mit jemandem sehr lang intensiv unterwegs ist, habe ich mich trotz all meiner Merkwürdigkeiten und unverständlichen Verdrehungen lieb gewonnen. Ich versteh mich zwar nicht immer, aber ich habe Frieden mit mir, und manchmal lade ich in diesen Frieden Menschen ein.

Hoffnungsbringerin, nannte mich jemand. Wenn du da bist, fühlt sich das immer an, als würde alles gut werden.

Ja, es wird auch alles gut werden. Davon bin ich tiefer überzeugt als irgendeine Sorge Wellen schlagen könnte. Tiefer, als irgendeine Platz-Angst wegen Reizüberflutung mich überfordern könnte. Tiefer als all die plappernden Stimmen in meinem Kopf, die reden von Vorgestern und Gestern und Heute und allem dazwischen und davor und dahinter.

Ich steige in keinen Zug ein, denn ich muss nirgendwo hin, und es ist auch keiner da, der sich gerade neben mich setzen und mit mir schweigen wollen würde. Stattdessen sitze ich hier und schreibe, schreibe von zu viel in mir in einem Moment, in dem das zu viel in mir endlich hinaus kann und ein es darf sein wird. Es darf sein. Alles wird gut.

Sprüche-Auseinanderrupf-Kommando in 3 … 2 … 1 …

Ahnungslos klickte ich heute in einem nicht näher definierten sozialen Netzwerk herum, als ich plötzlich frontal angegriffen wurde. Ein Satz zu einem Selfie, so kitschig und möchte-gern-tiefsinnig wie es nur eben geht, und zusätzlich noch von Grund auf falsch.

Es sind die Starken im Leben, die unter Tränen lachen, ihr eigenes Leben verbergen, um andere glücklich zu machen.

Nein, das sind die Dummen.

  1. Du wirst einen anderen niemals wirklich glücklich machen können und es wird auch nie ein anderer dich glücklich machen können. Ich stelle mir manchmal vor, dass Menschen so vielschichtig sind wie Zwiebeln, und dass verschiedene Gefühle und Verletzungen unterschiedlich tief gehen und unterschiedlich viele Schalen betreffen. Das Glück, welches du in anderen erzeugen kannst, betrifft nur auf die äußeren Schichten. Du wirst nie einen Menschen so glücklich machen, dass ihn das durchdringt.
  2. Du wirst nicht alle gleichzeitig glücklich machen können. Selbst wenn du die einen soweit wie möglich glücklich machst, gefällst du den anderen nicht.
  3. Du wirst daran kaputt gehen. Wenn du andere glücklich machen willst, rennst du dein Leben lang deren Erwartungen hinterher, wirst leer, ausgelaugt und bitter. Außerdem verlierst du dein Rückgrat. (Oder du bildest nie eins.)
  4. Du kannst nicht „dein Leben verbergen“ und „andere glücklich machen“ gleichzeitig. Wenn du vom Hinter-Erwartungen-herlaufen leer, ausgelaugt und bitter wirst, kannst du andere nicht mehr glücklich machen, auch wenn du es „verbirgst“ und „unter Tränen lachst“.
    Nur wenn du selbst mit Frieden gefüllt bist, kannst du Frieden weitergeben.
    Nur wenn du selbst mit Freude gefüllt wirst, kannst du Freude weitergeben.
    Nur wenn du selbst mit Glück gefüllt bist, kannst du Glück weitergeben.
    Was du nicht hast, kannst du nicht geben.
    Klingt logisch, oder?
  5. Was ist daran stark, sein Leben zu verbergen und eine lachende Maske aufzusetzen? Viel stärker ist es, sie abzunehmen und sich dem zu stellen, wer man wirklich gerade ist, weder sich selbst noch anderen etwas vorzuspielen, sich zu öffnen, verletzlich zu machen, bewusst Schwäche und Schmerz zu empfinden, und dann vielleicht um Hilfe zu fragen, vielleicht daran weiterarbeiten, und so weiter. Masken sind ein Zeichen von Schwäche, sei es emotional, charakterlich oder sonstwie.
  6. Ich höre aus diesem Satz heraus, das diejenige Person andere nicht mit ihrem Leben belasten will. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Mal angenommen, es stimmt: Das funktioniert nicht. Jedenfalls nicht bei sensiblen Menschen wie beispielsweise mir. Ich spüre so oder so, dass da etwas ist, und mich macht es glücklicher, wenn derjenige sich öffnet und mir alles erzählt und meine Hilfe (und wenn es nur Zuhören ist) annimmt als wenn er sich versteckt, um mir nicht zur Last zu fallen. Das (also das nicht zur Last fallen wollen) ist für mich viel eher eine Last. Es erzeugt im schlimmsten Falle Befremdung, Oberflächlichkeit und sogar Angst. Und ich denke, da geht es nicht nur mir so.
  7. Außerdem klingt für mich der Spruch so, als würde die Person die anderen über sich selbst stellen. Das ist etwas, bei dem man sehr vorsichtig sein muss. Es klingt total vorbildlich, ich weiß. Aber: Bevor du in deiner Identität und deinem Charakter nicht fest bist und bevor du deine emotionalen Grenzen nicht kennst und einhalten kannst, solltest du das nicht tun. Versuche, die anderen mit dir auf eine Stufe zu stellen, und lasse dich bitte bitte nicht von ihnen bestimmen, und in gar keinem Fall so, wie in dem Zitat beschrieben. Dich dazu bringen zu lassen, aufgrund von dem Glück anderer dein eigenes Leben zu verbergen, ist schrecklich.

Um dem Spruch wenigstens ein bisschen seiner Würde zurückzugeben:
Ich finde den Ansatz gut, trotz Schmerz zu lachen.
Und es ist ehrenwert, nicht immer alles um sich drehen zu lassen, sondern einen großen Teil seiner Zeit für andere da zu sein, was in diesem Satz zumindest angedeutet wird.

Merke:
Nicht alles, was tiefsinnig klingt, ist auch tiefsinnig.
Besondere Vorsicht ist bei Kitsch geboten.

Und:
Du kannst keine andere Menschen glücklich machen.
Dein Leben Verbergen erzeugt zudem gar kein Glück.

So. Eine weitere Etappe geschafft im Kampf gegen blöde, pseudo-tiefsinnige Sprüche.

Die Vorgänger:
Never give upSelbstlob stinktSag deiner wütenden Freundin, dass sie süß aussieht

Ich wachse mir selbst hinterher.

„Sina, was glotzt du so in die Luft?“

„Ich wachse. Ich wachse mir selbst hinterher. Meinen Aufgaben, meiner Verantwortung, meinen Gefühlen. Den Situationen, mit denen ich konfrontiert werde. Den ganzen Themen und Fragen, mit denen ich irgendwie umgehen muss. Meinen Entscheidungen. Ich wachse meinen Entscheidungen hinterher, ja. Vor allem aber mir selbst, und dem, was ich zu sein scheine.“

„Ähm … … … jaaa …“

Meine Generation, oder: Jugendlich sein

Gespalten. Alles anders und alles gleich.

Verschiedene Ideale, verschiedene Realitäten.

Ein Ideal: Spaß haben. Feiern gehen. Geile Musik, sexy Kleider, schöne Menschen. Alkohol, Rauchen, Drogen. Alter, ist das Leben geil. Bin ich zu dick? Wie wirke ich aufs andere Geschlecht? Eltern spielen keine große Rolle mehr, das wichtigste sind Freunde. Hobbys haben, viel in sie investieren. Beziehungen kommen und gehen. Liebesfilme. Man streitet sich, man verträgt sich. Man fährt zusammen in den Urlaub. Fotos, viele, viele Fotos. Und Facebook. Natürlich. Schließlich sind wir die erste echte Genetation Internet. Glücklich sein. Spaß haben.

Anderes Ideal: Ehrgeizig sein. Zielstrebig. Gute Noten, unbedingt. Der NC ist nicht gerade gnädig. Dann lerne ich eben. Studium, Berufsschule, Ausbildung? Hm. Erst mal Abi. Gute Klausuren schreiben. Sich ausprobieren. Vielleicht noch irgendeine AG. Vielleicht Nachhilfe geben. Vielleicht noch irgendwo sozial engagieren. Es geht um Zukunft, meine Zukunft.

Weiteres Ideal: Moral. Wir verändern. Atomkraft, Acta, Massentierhaltung, Rassismus – schlimm, schlimm, sowas. Diskutieren, analysieren, protestieren. Wir blicken durch. Wir wissen, wie es läuft und wie es laufen muss. Konfrontieren, argumentieren, demonstrieren. Intellektuelle Ebenen, Fachwörter – oder auch gerade nicht. Sehr überzeugt sein von seiner Sache. Ich verstehe, wovon du keine Ahnung hast, sei besser meiner Meinung.

Noch ein Ideal: Familie. Mamas und Papas Vorstellungen entsprechen. Ihren Idealen nachfolgen. Sie geben mir Wert. In ihre Themen, ihre Hobbys, ihre Kreise reinrutschen. Mama kocht am besten. Verantwortung für Geschwister.

Noch ein anderes Ideal: Individualität. Andersartigkeit. Ich bin nicht wie die anderen. An mir ist etwas anders, vielleicht besser. Meine Musik, mein Kleidungsstil, meine Ideale, meine Meinung, mein Lebensstil, meine Freunde, meine Hobbys. Sich irgendwie abheben. Und wenn es nur etwas kleines ist. Sich abgrenzen. So bist du und ich nicht, so bin ich und du nicht. Identität durch Unterschied. Ich entspreche keinem Modell. Gleichgesinnte und Zugehörigkeit im Anders-sein finden. So sind wir und alle anderen nicht, so sind alle anderen und wir nicht.

Die Realität?

Hülsen. Spaß-Hülsen. Freude, Freundschaft, Beziehung, die nur das Innere betäubt, statt es auszufüllen. Sich an anderen orientieren, sich mit ihnen vergleichen, um richtig zu sein. Ehrgeiz, um Sicherheit zu bekommen. Abgrenzen, um vor der Bedeutungslosigkeit zu fliehen. Diskutieren, um alles wegzurationalisieren, was mein Herz sagt und was mir nicht gefällt. Selbst emotional an die Familie gefesselt aus Angst vor Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Unsichtbarkeit. Rasiermesser durch Fleisch: Ich hasse mich. Wer bin ich denn überhaupt? Selbstmordgedanken, Essstörung, Selbstverletzung, Selbsthass, Bedeutungslosigkeit. Allein gelassen. Innerlich verwahrlost. Masken, die bei den inneren Tränen nur schwer aufrechtzuerhalten sind. Wie glücklich ich bin, soviel bin ich wert. Ich habe Spaß. Es geht mir gut. Während das Herz „Nein!“ schreit. Aber wer versteht mich schon wirklich?

Oder darüber stehen. Eigentlich. Den Zugang zu dem, was in mir ist, irgendwie jetzt schon verloren haben. Es ist doch alles okay, oder? Fehlt mir was? Und wenn ja, was? Es wirklich nicht wissen. Alles viel zu kompliziert. Keine Zeit, zu denken. Irgendwas ist immer, zu viel für den Zeitplan und den Kopf, aber nie genug für das Herz. Ja, aber was ist mit dem Herz denn jetzt überhaupt? Sich mit anderen Dingen beschäftigen.

Oder man hat den Zugang zu sich selbst noch. Man versteht. Man weiß das alles, die Ideale, die Realität, wie das bei einem selbst aussieht. Man hat sich analysiert, man hat die Situation analysiert. Es ist klar, was falsch läuft. Es geht mir schlecht, und ich weiß, warum. Aber ich ändere es nicht. Antriebslos. Zurückgestellt. Verharren, wo man ist. Die Veränderung passiert nicht. Irgendwie betäubt und tot, und irgendwie auch überhaupt nicht.

So oder so ähnlich ist das, irgendwie so sieht es aus. Das ist, was mein Blick sieht. Antworten gibt es zu viele, als dass die wahren gesehen würden. Und die meisten wollen auch gar keine Antworten mehr hören. Zu viel Müll, zu viel Lügen, zu viel Selbstbetrug. Die Fragen zu wenig ernst genommen. Vertrauen verloren. Die Jugend ist doch die schönste Zeit im ganzen Leben, ne?

Ganz ehrlich?

„Leben“, sagte Marvin, „erzähl mir bloß nichts vom Leben!“

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* aus: ‚Per Anhalter durch die Galaxis‘ von Douglas Adams

Schrei

Nachts bin ich manchmal brutal ehrlich und sehr krass. Alles sieht schärfer, heftiger, intensiver aus. Auch, was tagsüber noch okay war – oder sich zumindest so angefühlt hat. Ein Ausbruch.

Und ich schreie.

Ich schreie, weil ich mal nichts entscheiden will. Immer zu wählen und abzuwägen – ich werde müde davon. Will immer alles richtig machen. Zwischen zwei Dingen entscheiden – oder habe ich doch Kraft für beide? Ständig muss ich Prioritäten setzten. Abwarten und sehen, ob es richtig war, um irgendwie daraus zu lernen. Anstrengend.

Ich schreie, weil ich keine Zeit dazu finde, mich in einer Ecke zu verkriechen und abzutauchen. Es ist immer irgendetwas zu tun, und mich stört das. Ich kann das nicht leiden, immer etwas tun zu müssen. Wenn ich meine Pausen nicht kriege, bin ich wie betäubt und kann gar nichts mehr machen, egal wie viel Druck da ist. Menschen sagen mir, das sei okay und normal, so zu sein. Aber kaum einer nimmt Rücksicht darauf. Ich kann mit mir selbst nicht umgehen. Ich versteh die Welt nicht und sehne mich nach dunkler, leiser Geborgenheit.

Ich schreie, weil ich mich manchmal selbst kein bisschen mag. Weil ich Gnade für die ganze Welt habe, nur für mich selber nicht. Weil ich mich in Selbstkritik auffresse und mein Spiegelbild hässlich, mein Verhalten peinlich und meine Ziele lächerlich finde. Ich beginne, denen zu glauben, die mich kritisieren und beleidigen, und die Meinung derer abzutun, die mich loben und mögen. Manchmal hasse ich mich so sehr, dass es fast nicht mehr aushalte und mir weh tun will, mich richtig verletzen will – wie als Strafe. Und dann hasse ich mich dafür, dass ich so abstoßend denke, und so negativ bin – und finde den Weg zur Selbstannahme und zum Frieden nicht mehr.

Ich schreie, weil ich mich in vielen Situationen so fühle, als würde man mich emotional foltern. Wenn über jemanden gelästert wird und ich stehe daneben. Wenn Menschen mir ihre Frustration und ihren Schmerz erklären – obwohl das kein bisschen meine Baustelle ist und wir uns nicht mal nahe stehen. Wenn jemand sagt, er will wegziehen, und dann keine sichtbaren Anstalten macht, es umzusetzen. Wenn meine Gabe des Analysierens und Interpretierens zu weit geht und bösartige Motive, Konflikte und Kritik findet, wo keine ist. Mein Herz ist bewusstlos und spürt trotzdem Schmerzen. Meine Mimik und meine Stimme wollen nicht mehr meinen Befehlen gehorchen, sondern sterben ab. Du fragst, wie es mir geht, und

Ich schreie, weil Worte zu still sind. Weil sie zu harmlos sind, zu schüchtern, zu glatt. Ich schreie, weil ich wissen will, dass es mich noch gibt.

Aber eigentlich schreie ich nicht. Eigentlich bin ich still. Der Schrei hallt nur in meinem Inneren, und ich warte, dass ihn irgendjemand hört.

Angst und Anfang

Wann hat meine Angst jemals gelogen?

Mir scheint, ich habe ein sehr feines Gespür für Dinge. Ich habe Vorahnungen, die sich sehr, sehr oft so oder so ähnlich bestätigt haben. Ich weiß, wann Briefe für mich kommen, wer auf dem Camp mit mir in eine Gruppe kommt und wer mir was erzählen wird, ohne es wirklich zu wissen. Ich ahne es einfach, und wenn es dann eintrifft, denk ich mir nur: Wusste ich. Vielleicht bilde ich mir das nur ein und habe einfach nur sehr viele Vorahnungen, sodass immer irgendwelche eintreffen und mir die anderen nur nicht auffallen, aber das glaube ich nicht. Dafür sind sie manchmal zu speziell und zu konkret und wie aus dem Nichts heraus. Also, ich hab da ja so eine Idee, wo diese Vorahnungen herkommen … Manchmal glaube ich diesen Vorahnungen nicht. Ach, Quatsch, denke ich. Und besonders dann bestätigen sie sich.

Was ganz anderes als Vorahnungen sind Befürchtungen und Ängste. Das Spiel mit den Vorahnungen ist unterhaltsam, aber Angst überhaupt nicht. Wenn ich es mir so überlege, habe ich kaum Angst. Ich habe keine Angst vor Menschen, auch vor denen nicht, vor denen viele andere Angst haben. Psychisch Kranke, sehr dominant auftretende Lehrer, schlechte Kommunikatoren – alles kein größeres Problem. Ich habe keine Angst vor Spinnen (nur je nach Art und Größe manchmal Ekel). Ich habe keine Angst vor Höhe oder Platzmangel und liebe es, neue Sachen auszuprobieren. Ich habe keine Angst vor neuen Situationen – okay, manchmal schon. Das kommt so ein bisschen darauf an. Manchmal ist das total easy und manchmal echt schwer, ohne dass ich sagen könnte, warum. Ich habe keine Angst vor meiner Zukunft, weil ich weiß, dass am Ende einfach alles gut sein wird. Ich habe nicht mal Angst vor dem Tod – hatte ich nie. Nur vor den eventuell mit dem Sterben verbundenen Schmerzen.

Aber manchmal habe ich auch Angst. Und damit meine ich nicht diese Nervosität vor einer neuen Situation, sondern böse Vorahnungen und echte Angst. Sie schwillt untergründig an und an und an, bis sie sich entweder bestätigt oder sie irgendein Ventil zum Entweichen findet. Wobei das dann auch nicht dauerhaft ist …

Und wenn sich die Angst dann bestätigt – Tja. Dann habe ich wenigstens Klarheit. Dann habe ich etwas, was ist. Dann wird die Angst gegen Schmerz und Wahrheit eingetauscht, und damit kann ich wesentlich besser umgehen. Und wenn es noch so schlimm ist. Die Wahrheit ist stabil, existent, greifbar, erklärbar, sichtbar. Angst dagegen ist wankelmütig, nicht greifbar, schwer erklärbar, unsichtbar und manchmal weiß ich gar nicht, ob sie real ist. Aber die Angst ist jetzt weg. Die Frage ist, was ich jetzt mit der Wahrheit anfange. Wo ich anfange. Wie ich anfange.

Was ich anfange.

Langsame Schritte

Meine Schritte sind langsam. Ich gehe furchtbar gern langsam. Allerdings nur, wenn es schön ist. In Orten und Städten voller Menschen und künstlicher Strukturen gehe ich schnell, aber hier gehe ich langsam.

Um mich herum ist Gras. Ich kann mit meinen Fingern hindurch streichen, ohne mich zu bücken, so hoch ist es. Da sind Blumen und Kräuter und Disteln, und dann ist da noch der Himmel. Und da bin ich, und ich fühle mich, als wäre ich ein junges Tier, ein Fuchs oder ein Fohlen oder ein Reh und noch etwas ganz anderes. Ich bin frei und jung und stark und wild und verspielt und hier und jetzt und glücklich und ach – ich bin Teil von dem allem hier, kein Fremdkörper in der Natur. Ich fühle mich, als wäre ich nach Hause gekommen. Meine Lunge ist voll mit frischer Luft, und es riecht nach Ruhe und nach kleinen Geheimnissen. Es riecht nach Streunen. In bin so herrlich unbeobachtet. Keiner weiß, dass ich hier bin. Keiner sieht, was ich tue, und mein Gehirn ist befreit von Gedanken über mein Auftreten und dem Ich in den Augen anderer.

Ich renne in bisschen, und dann gehe ich wieder ganz langsam. Ich bleibe stehen, um mir eine Blume anzusehen, und wähle meinen Weg nach der Höhe der Gräser. Schließlich komme ich am Waldrand an. Da steht er, mein Hochsitz. Alt und halb kaputt, wenige Meter hinter der Wiese, mit einem wundervollen Ausblick. Ich steige über den umgekippten Stacheldrahtzaun, bahne mir meinen Weg durch Brenneseln und Gestrüpp und kletter die rostige Leiter hoch. Ich klappe das eine Brett um, das noch von der Bodenklappe übrig geblieben ist, und setze mich darauf. Atme durch.

Und dann muss ich weinen. Auf einmal kommen Tränen hoch, immer mehr und immer mehr. Weil ich diese Welt manchmal nicht ertragen kann. Weil sie zu schwer für mich ist. Ich kann gar nicht mehr aufhören, und dabei weiß ich gar nicht so wirklich, was jetzt gerade so schlimm ist. Der Wind streicht durch meine Haare und macht sie durcheinander. Alles in mir tut weh. Ich kann nicht mehr. Auf einmal hab ich vergessen, wo mein Platz ist. Ich fühle mich eingesperrt. Man, ich bin doch wild! Ich will doch raus, ich brauch mehr Zeit, was soll denn das. Ich finde die Wunden nicht, die so wehtun. Ich verstehe mich nicht. Woher kommt das auf einmal? Kann nicht mehr, kann einfach nicht mehr.

Irgendwann, und ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, habe ich mich wieder beruhigt. Ich trockne mein Gesicht ab und warte, bis mein Atem nicht mehr so zittrig ist. Dann mache ich mich wieder auf den Weg zurück – was bleibt mir auch anderes übrig? Ein Fuß vor den anderen. Meine Schritte sind langsam.