Helden

Jeder will ein Held sein. In Büchern und Filmen sind sie immer so toll, mutig und stark, aber vor allem bewundernswert. Vielleicht wolltest du schon mal einer von ihnen sein. Wahrscheinlich. Und vielleicht warst du, genau wie ich auch, ernüchtert, als du dir daraufhin deine eigene Situation und dein eigenes Leben angeguckt hast. Wo sollen wir denn bitte Helden sein? Warum sieht denn keiner unsere Mühe, heldenhaft zu werden? Warum bemerkt keiner die kleinen Taten, die wir schon getan haben? – Diese Fragen haben wir uns doch gestellt, oder? Und wir haben uns gedacht: Ja, wenn ich in der Situation von einem dieser Filmhelden gewesen wäre, dann hätte ich auch so tolle Heldentaten vollbracht. Aber stattdessen bin ich hier und alles ist irgendwie grau und alltäglich.

Und gerade deshalb bist du ein Held. Weil du in allem Grauen und Alltäglichen weitergehst und weitermachst. Weil du nicht stehen bleibst, trotz aller Zweifel und Fragen. Weil du dich davon, dass du den Weg nicht kennst, von nichts abhalten lässt. Dein Herz befiehlt – und du folgst. Du veränderst, weil alles verändert, was von Herzen kommt. Du stehst auf, auch wenn sich dieses Aufstehen manchmal eher nach Fallen anfühlt. Und du strahlst, bist ein Krieger des Lichts. Es ist schwer zu glauben, dass du es selbst nicht bemerkst. Dass du nicht siehst, wie sehr du doch schon Held bist.

Wenn ich dich beobachte, kann ich dich leuchten sehen.

Crying out – Bettina Martens

Ein Lied, das ist wie der innere Schrei eines Opfers des Menschenhandels.
Ein Video, das die Zerrissenheit der vielen Mädchen und Frauen zum Ausdruck bringt.
Ein Ergebnis, das gesehen werden will, damit Stimmen dagegen laut und lauter werden.

Ein Ergebnis, das trotz des schlimmen Themas wundervoll ist.

Und eine sprachlose Sina, die nichts weiß, was man da noch hinzufügen könnte.

Teilt es! Verbreitet es! Zeigt es der Welt!

Mittel-Mensch

(Nicht unbedingt zum sich-angesprochen-fühlen, aber ganz vielleicht ja doch.)

Bist so ein Mittel-Mensch, so mittel irgendwas. Bewegst dich in der Mitte zwischen Meinungen und Menschen, sammelst dir so zusammen, was dir gerade passt. Ein bisschen dies, ein bisschen das. Hin und her. Gehst nie den letzten Schritt; den Schritt, der es echt und ganz und verbindlich machen würde. Nein, bleibst dazwischen, siehst dich vielleicht sogar als so etwas wie eine Verbindung. Und bist stolz darauf.

Willst es so. Mittel sein. Mittelweg gehen. Mitte ist gut, sagst du. Balance und so.

Was soll das?! Mach ganze Sache! Diese ganze Mittel-Mentalität lässt dich als Person mittel werden. Ist „okay“ dir denn schon genug? – Verändere dich! Wer bist du? Entwickel dich! Du weißt selber nicht, auf welcher Seite du stehst. Deine Meinungen schwanken wie Grashalme im Wind. Die Entscheidungen, die du triffst, haben kein Gewicht. Du kannst das alles ändern! Du kannst dich ändern!

Wofür stehst du? – Stehe für etwas!

Wohin willst du? – Geh los!

klavierlose Klavierstunde mit dem Thema Menschenhandel

„Und macht ihr auch irgendwas aktives? Reden kann ja jeder …“

Soeben habe ich meiner Klavierlehrerin auf die Frage hin, was ich heute noch so mache, von meiner Lifegroup (oder auf Deutsch „Hauskreis“) erzählt. Ihre Frage ist berechtigt, gibt es doch viel zu viele Menschen, die nach den Worten „Das ist ja schrecklich!“ und einem gelungenen Gesichtsausdruck der Betroffenheit das Leid der Welt für erledigt erachten. Ich bin froh, von mir und meiner Kirche sagen zu können, dass wir nicht zu diesen Menschen gehören.

Die Augen meiner Klavierlehrerin werden groß, als ich ihr vom Aktionstag gegen Menschenhandel und Sexsklaverei kommenden Samstag erzähle und von den ganzen anderen sozialen Aktionen der letzten Jahre. Letzte Woche hat sie mir etwas über Tierschutz erzählt, wie Milchkühe gehalten werden und was das Biosiegel alles als „okay“ durchgehen lässt. Ihr Herz schlägt für Tierschutz. Diese Klavierstunde scheine ich dran zu sein, ihr zu erzählen, was mich berührt.

Sie fragt wegen der Sache mit der Sexsklaverei nach und es entspinnt sich ein Gespräch über Menschenhandel. Immer entsetzter, schockierter, wütender wird ihr Blick, als ich ihr erzähle, dass optimistisch geschätzt 27 Millionen Menschen versklavt sind, und dass diese Zahl wächst.
Dass drei Millionen davon wie Baumwolle oder Rindfleisch über alle Grenzen hinweg gehandelt werden und keiner mehr weiß, wo sie sind.
Dass es vor allem junge Frauen und Mädchen sind, die zur Prostitution gezwungen werden, eine Vergewaltigung hoch 20-30 pro Person pro Nacht.
Dass in der halben Stunde, die ich Klavier habe, 60 Personen Opfer von Menschenhandel geworden sind.
Dass der Gewinn pro Sexsklave pro Jahr 22 Tausend Euro beträgt und die Sklaven selbst nicht einmal genug zu essen bekommen.
Dass Deutschland da ganz vorne dabei ist, ein Zentrum, nach Belgien die Nummer zwei, schon „der Puff Europas“ genannt. Und das, weil Prostitution hier legal ist und Menschenhandel so schwer nachweisbar ist.
Dass dem Opfern ihr Pass weg genommen wird, und dass nach dem deutschen Rechtssystem nur Abschiebung auf sie wartet, wenn sie sich über alle Drohungen hinwegsetzten und zur Polizei gehen.
Dass die deutsche Politik nicht einmal die immer noch nicht strengen EU-Richtlinien von 2011 zu dem Thema beachtet, die sie bis zum 6. April diesen Jahres umgesetzt haben sollten, weil sich die CDU und die FDP nicht so ganz einig waren und da haben sie lieber gleich gar nichts gemacht.

Das alles.

Am Ende des Klavierunterrichts hat meine Klavierlehrerin Tränen in den Augen. Sie schnappt sich ihre Jacke und sagt mit bebender Lippe, aber viel Nachdruck:

„Diese Welt braucht mehr Jugendliche wie dich, Sina. Und weißt du was? Du setzt dich für die Menschen ein, ich setzte mich für die Tiere ein und zusammen machen wir die Welt ein bisschen besser.“

Ja. Ja, das machen wir.

Bäume klettern

Laut meinem großen Bruder wird man nie zu alt, um auf Bäume zu klettern. Gut, er hat das in Bezug auf männliche Wesen gesagt, aber ich finde, das gilt auch für Frauen und Mädchen – zumindest für die wirklich tollen. Und weil das so ist, bin ich heute auf einen Baum geklettert. Der Baum stand in einem Mini-Wäldchen, dass ich bis vorher nicht einmal kannte, obwohl es gerade mal eine halbe Stunde von zu Hause entfernt ist. Vielleicht war es eine Buche, wahrscheinlich aber irgendetwas anderes – schwer zu sagen, wenn keine Blätter an den Bäumen sind. Ja, und da war ich drauf.

Ich saß also in der frühen Abendsonne auf einem sehr soliden Ast und hielt mich an einem eher dünnen Ast fest, als mir der Gedanke kam, mich an dem dünnen Ast festzuhalten und herunterzuspringen, sodass der Ast sich bis zum Boden biegt und mich absetzt. So die Theorie. In der Praxis war der Boden ziemlich weit weg. Außerdem waren der dicke und der dünne Ast fast auf einer Höhe, was das ganze nicht unbedingt erleichtert hat. Aber ich wollte es machen, unbedingt.

Herausforderungen anzunehmen wird schwieriger, wenn man dabei alleine ist, weil die Gedanken dann die ganze Zeit auf einen einquatschen können und keiner sie unterbricht. Meine Gedanken haben mir die ganze Zeit erzählt, wie weit der Boden weg ist. „Und wenn der Ast bricht? Oder biegt sich der Ast fast gar nicht und du hängst in der Luft und musst dich den Rest frei fallen lassen, und das wäre wirklich noch ein ganzes Stück. Lass es einfach. Es sieht dich doch eh keiner, es müsste dir nicht peinlich sein. Und wenn du dich verletzt, kommst du nicht wieder nach Hause.“ „Ich will aber“, habe ich geantwortet.

Und habe es gemacht. Meine Hand ist ein bisschen aufgeschürft, weil – ich habe gar nicht mitgekriegt, warum. Vielleicht war das auch schon vorher. Jedenfalls hat es funktioniert. Der Ast hat mich heruntergelassen und ich bin gut auf der weichen Erde angekommen.

Es war toll. Man, hat das gut getan, sich mal wieder etwas zu trauen, sich zu überwinden und sich zu spüren. Ja, das ist vielleicht das Beste daran gewesen: Zu spüren, dass ich lebe.

Das Kleingedruckte

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Oder andersrum

Musik drückt aus, worüber besser geschwiegen worden wäre.

– Clara Schumann

So herum gedreht gefällt mir dieser Satz noch viel besser.

Kennt eigentlich irgendwer von euch ihre Geschichte?

Mit zehn Jahren begann sie ihre Karriere als Pianistin und wurde recht erfolgreich. Irgendwann heiratete sie den Musiker Robert Schumann, mit dem sie eine Reihe Kinder bekam. Er war neidisch auf ihre Erfolge als Musikerin und schränkte sie stark in ihrer Musikalität ein, doch sie liebte ihn. Nach einigen Jahren wurde er in eine Irrenanstalt eingewiesen – nach einem versuchten Selbstmordversuch, immer schlechter werdendem Gehör, Syphilis und einer eventuellen psychischen Erkrankung. Fakt ist: Wer in diesen Zeiten einmal in einer Irrenanstalt drin war, kam nie wieder heraus. Die Ärzte verweigerten Clara jeden Kontakt mit ihrem Mann, obwohl sie hartnäckig darauf bestand. Und so musste sie ihre Kinder alleine durchschlagen – als Musikerin. Als Frau in 19. Jahrhundert. Sozusagen als Witwe, später wirklich als Witwe. Viele Jahre. Sie gab Konzerte und Unterricht und komponierte. Sie hat sich in einer Welt durchgesetzt, wo sie ständig beweisen musste, dass sie als Frau auch etwas zu sagen hat und dass bei ihr die Musik spielt. Sie schaffte es und wurde alt damit.

Wenn ihr mich fragt: Diese Frau ist einfach bewundernswert. Und um auf das Zitat zurück zu kommen: Bei der Lebensgeschichte kann ich einfach verstehen, warum sie das gesagt hat.