… wenn man ganz viel Anti-Schuppen-Shampoo ins Meer kippen würde, würden dann alle Fische sterben? Weil sie ihre Schuppen verlieren?
(Jaja, Abendessen im Hause Sina war wieder mal sehr unterhaltsam. ;-))
… wenn man ganz viel Anti-Schuppen-Shampoo ins Meer kippen würde, würden dann alle Fische sterben? Weil sie ihre Schuppen verlieren?
(Jaja, Abendessen im Hause Sina war wieder mal sehr unterhaltsam. ;-))
Frauen sind schön und Männer sind stark. Irgendjemand hat das irgendwann mal so festgelegt, und irgendwie hat er damit auch Recht. Die Männer bekommen damit die Lizenz, zu kämpfen und wild zu sein, abzuhaun in die Natur und auf Abenteuersuche zu gehen – halt zu leben. Und Frauen kriegen damit die Lizenz – für Kosmetikkurse und Kleider, Mädchenabende und Männer verführen. Na toll. Ja, jede Frau will schön sein und das ist ein Wunsch in einer Frau, der nicht zu unterschätzen ist, aber mir fehlt da etwas ganz erhebliches.
Ich will auch wild sein, den Puls und den Atem der Natur fühlen, für etwas kämpfen, Abenteuer erleben. Ich will nicht die Prinzessin im Turm sein, die wartet und wartet und dann gerettet wird und dann in ihre neue Burg kommt. Ganz bestimmt nicht. Ich will raus. Ich will die Ronja sein, die selbst in den Wald geht, ihn erforscht und zu ihrem Reich macht. Erst dort lernt sie Birk kennen. Ja, isso. Ich bin es leid, dass Männer denken, sie wären für den Teil mit dem Kämpfen zuständig, und wir sollen sie dann bejubeln. Ich will auch für etwas kämpfen, und am allerliebsten zusammen.
Ich liebe es, mich an unsere Familienurlaube zu erinnern. Das waren Abenteuer. Eine Woche Kanu fahren auf Seen in Mittelschweden, Seewasser trinken und alles nötige in weißen Plastiktonnen, Zivilisation irgendwo hinter wunderschönen Wäldern und Felsen. In den Bergen wandern, ohne Wege durch Geröllfelder und zu Gipfeln hoch, aus eiskalten Bergbächen trinken, und immer weiter, von einer Hütte zur nächsten, Lebensrhythmus nach Wetter. Segeln im Wattenmeer, aus Versehen bei Windstärke acht auf dem Wasser, nass bis auf die Haut, Ruder führen, Seile belegen, Bojen suchen. Windsurfen, nicht gegen, sondern mit dem Wind arbeiten, Balance und voller Körpereinsatz, Wellen und Wetter meistern. Oder nicht die Familienurlaube, sondern das Sommerlager: Eine Nacht im Wald schlafen mit dem Geruch von Laub in der Nase, kochen auf offenem Feuer, alles wichtige in Wanderrucksäcken, die Toilette ist der nächste Busch und Zähneputzen überbewertet. Wer, und vor allem: welche Frau sagt denn zu so etwas nein, wenn nicht aus dem Grund, dass schlechte Erfahrung oder Angst sie lähmt? Ich behaupte mal, das sind nicht besonders viele. Also ich hoffe es.
Und ich will, dass ich das darf. Dass mir das voll und ganz zugestanden wird. Dass ich in der Rolle der Abenteurerin nicht nur toleriert, sondern vollständig akzeptiert, komplett angenommen und durch und durch erwünscht bin. Ich kann auch Feuer machen, und ich kann kämpfen, und ich kann stark sein, also nehmt mich mit, baut mich ein. Ich will dabei sein.
Lasst mich bitte nicht allein in dieser Welt, in der vorbildlich emanzipierte Frauen in ihren Büros Managerrollen einnehmen und junge Mädchen sich jeden Morgen vor der Schule schminken. Nehmt mich mit, lasst mich raus, lasst mich frei.
Ich will Abenteuer.
Die Kassiererin im Drogeriemarkt schiebt routiniert die Artikel der Kunden über den Scanner, das macht 12,43€, danke, 2,57€ zurück, Bon? – okay, tschüss. Sieht jeden Tag so viele Leute. Sie hat wohl versucht, ihre Falten mit Kosmetika zu überdecken, doch ich fürchte, es hatte nicht die erwünschte Wirkung. Ein resignierter und irgendwie toter Blick auf die verbleibende Schlange. Ich will ihr einen schönen Tag wünschen, denke ich. Einfach so. Ich komme dran, das macht 6,89€, danke, 3,11€ zurück, Bon? – okay. „Einen schönen Tag noch!“ Sie schaut nicht hoch, ihre Antwort wie vom Tonband: „Ihnen auch.“ – nächster Kunde. Hat sie mich überhaupt gehört?, frage ich mich. Oder wird das so sehr als Höflichkeitsfloskel wahrgenommen, dass es gar nicht bei ihr angekommen ist?
Um die Ecke, durch die Tür, Lehrer noch nicht da. Meine Sitznachbarin ist schon da, packt ihren Kram aus. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, antwortet sie. Ich lasse mich auf meinen Stuhl fallen, Rucksack untern Tisch, Jacke aus. Ich sehe das Mädchen an. Sehe nur ihr Gesicht. „Wie gehts dir?“ „Gut“, antwortet sie viel zu schnell. Wie ein Reflex. „Was ist 1+1?“ – „2.“ „Wie heißt du?“ – „Sina.“ „Wie geht es dir?“ – „Gut.“ Der wie-geht-es-dir-Reflex. Eine Frage, über die oft nicht mehr nachgedacht wird, obwohl man eigentlich müsste, wenn man ehrlich wäre. Und wenn die Frage immer ehrlich wäre. Meine Sitznachbarin wurde wahrscheinlich schon millionenmal gefragt, wie es ihr geht, ohne dass sich der Fragende wirklich dafür interessiert hätte. Und weil das so ist, kommt meine Frage nicht mehr durch. Sie kommt nicht mehr im Gehirn an, wo man dann darüber nachdenken würde, wie man sich gerade fühlt und wie es so läuft. Nein, der Reflex kommt aus dem Rückenmark, ganz ohne Umschweife: „Gut.“ Eine häufig falsch verwendete Frage, die eine Inflation ihrer Bedeutung verursacht hat. Und meine Worte kommen gar nicht mehr bei ihr an, meine Frage bleibt unbeantwortet.
Diese Gedanken öffnen meine Ohren, und auf einmal höre ich so viele Floskeln, die völlig bedeutungslos geworden sind im bunt-grauen Alltagsgeplapper der Menschen. Sätze, die nicht ernst genommen werden. Werden können. Menschen, die nicht mehr hören, was ich sage. Weil alle das sagen. Weil es alle sagen und es kaum einer meint. Aber ich meine es. Und vielleicht können wir lernen, uns wieder zu hören. Ich dich und du mich.
Als wir im Schulsport Standarttanz hatten, war ich sehr, sehr froh, dass wir mehr Mädchen sind als Jungs und ich so meistens mit einer Freundin tanzen konnte. Ich habe da eine recht große private Zone, in die keiner so leicht rein darf. Ich gehöre nicht zu diesen Kuschelmäuschen, die sich ständig in die Arme nehmen. Klar, ab und zu mach ich das auch gerne, aber so ganz allgemein eher weniger. Mit jemandem zusammen tanzen, den ich nicht besonders mag, ist da irgendwie zu viel.
Zumba war auch nicht so meins. Zwei Doppelstunden lang haben wir das mit unserem Mädchen-Ballsport-Kurs gemacht, und es war eine Qual. Zumba finde ich nicht mal besonders schön, wenn das Leute machen, die das echt können. Es ist so eine Mischung aus der Plumpheit eines fitnesstreibenden Hängebauchschweines und dem Versuch, durch das schnelle Bewegen gewisser Körperteile sexy auszusehen, und das Ganze noch unterlegt mit mittelschlechter, rhythmischer Popmusik. Gut, zugegeben, es kann auch ganz ansehnlich sein. Abgewinnen kann ich Zumba trotzdem nichts.
Ich habe mal in der Grundschule für ein halbes Jahr getanzt. Ich mochte das Bewegen zur Musik, aber die Gruppe war sehr zickig und die beiden Mädels, die das geleitet haben, haben regelmäßig über Jungs und Sex geredet und sich zum Abschied geküsst. Einmal hat mich eine der beiden ziemlich angefahren und ausgelacht, als ich beim Tanzen die Augen zugemacht habe, um mich besser konzentrieren zu können.
Tanzen war also doof, ganz klar. Meine Hemmschwelle war so hoch wie der Himalaya, quasi unüberwindbar. Ich wollte sie auch gar nicht überwinden. Dahinter erhoffte ich mir kein gelobtes Land, sondern nur eine Wüste voller Scham und Pein. Die Ansicht einiger meiner Freunde, dass ich tollpatschig und linkisch sei und mich zittrig und eckig bewegte, bestätigte mich nur darin. Und so verblieb ich, sicher eingesperrt hinter meinen inneren Mauern.
Doch der Plan für mich sah anders aus. Gaaanz, ganz langsam, durch wenige, bedacht platzierte Situationen, die von Ausgelassenheit, Freude und dem Gefühl des Nicht-bewertet-Werdens geprägt waren, wurde ich dem Bewegen meines Körpers zu Musik wieder näher gebracht. Die Mauer bröckelten, und der Himalaya wurden langsam angegangen. Die Anonymität einer großen, dunklen Halle, in der der Fokus nicht mehr auf den anderen Menschen, sondern im Himmel lag. Die jugendliche Albernheit auf einer Hochzeit mit eher mittelmäßiger Musik. Kleine Momente nur für mich, mit meiner Musikanlage in meinem Zimmer. Stolz auf die kleinen Etappensiege. Und gleichzeitig immer wieder Skepsis. Nicht nur bei mir. „Sina, du hast getanzt?! Wohl eher gehüpft oder so.“ Als dürfte ich das nicht. Als wäre ich da nicht gut genug für.
Und heute? Eine Entscheidung, die kurz vor Beginn am liebsten rückgängig gemacht hätte. Nach einigem Liebäugeln plus der Überredungskunst toller Freunde habe ich mich bei einem Tanzworkshop angemeldet. Bei einem, bei dem es nicht um richtig oder falsch geht. Bei dem keiner meine persönliche Nur-für-mich-Zone angreift. Bei dem es nicht vorrangig um besonders grazil ausgeführte Tanzschritte geht. Sondern um Tanzen zu Worship. Nur für Frauen.
Ja, ich war ein bisschen nervös. Für mich war das ein bisschen eine Höhle des Löwen. Dieser Löwe, der da lauerte, würde mir zuflüstern, dass ich plump und eckig und hässlich aussehe bei meinen Bewegungen, dass ich das alles falsch mache, dass das komisch und peinlich ist und dass ich aufhören soll. Und ja, ich bin trotzdem hingegangen. Und mit Hilfe zweier wundervoller Frauen habe ich den Löwen aus seiner Höhle verbannt und diese Höhle zu einem Tanzstudio umgebaut. Bäms. Nimm das.
Ich weiß. Das war erst der erste Löwe, und bei der Überwindung des Himalayas fehlen noch ein paar Achttausender, aber ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird, lässt mich weitergehen. Es ist frei, schön und … ach, weiß nicht. Das mag heute von außen vielleicht klein ausgesehen haben, aber mein tief verwurzeltes, feines Gespür sagt mir, dass das irgendwie entscheidend war. Für mich. Jetzt.
Eins ist jedenfalls klar: Jetzt hat keiner mehr das Recht, mir zu sagen, dass ich nicht tanzen soll.
Dinge auf meinem Schreibtisch, die da definitiv nicht hingehören: 45
Davon leere Flaschen: 19
Dinge auf dem Boden, die da definitiv nicht hingehören: 18
Sonstige Dinge, die definitiv woanders hingehören: 28
Aktueller Inhalt meines Dreckwäschekorbes: 1 Socke
In diesem Augenblick vermisste Dinge: Die andere Socke
Schubladen total: 12
Regalfächer total: 0
Selbstgemalte Bilder an der Wand: 4 Leinwände + 1 DIN A1-Blatt
Chillout-Möglichkeiten: 1 Bett + 1 Sessel + 1 Hängematte + 1 Teppich
Aktuelle Arbeitsatmosphäre in Prozent: 0,1 %
Faulheitsatmosphäre: 60%
Müdigkeit: 20%
Keine Lust auf Schule morgen: 19,9%
Wahrscheinlichkeit, dass ich heute noch aufräumen werde: 1 zu 10000
Wahrscheinlichkeit, dass ich heute noch arbeiten werde: 1 zu 100000
Wahrscheinlichkeit, dass ich stattdessen früh schlafen gehe: 1 zu 10
Wahrscheinlichkeit, dass ich noch ne Weile nichts tun werde: 1 zu 2
Gute Nacht!
Ich schreibe, schreibe, schreibe in mein Leben hinein.
Frieden. Tiefer Frieden im Herzen, der bleibt. Frieden, dessen Definition nicht in „kein Krieg“ liegt, sondern in einer heiligen, übergeordneten Identität und einer unantastbaren Ruhe. Der unabhängig ist, völlig unabhängig ist von dem, was ich schaffe, was ich kann, was ich falsch läuft, was ich sein sollte oder wie ich auf andere wirke. Frieden, der unabhängig von meiner Situation ist. Der in meinem Herzen ruht und in dessen Tiefe ich eintauchen kann. Im dem ich, versöhnt mit mir und der Welt, Kraft finden kann.
Leichtigkeit. Unbeugsame Leichtigkeit im Herzen, die bleibt. Die von nichts unterdrückt werden kann. Die über allen Emotionen steht, nicht von ihnen bedingt ist. Eine Leichtigkeit, die von meinem Herzen in meine Gedanken, in meine Wörter, in mein Handeln, in mein Leben, in mein Umfeld fließt und mich prägt. Leichtfüßigkeit. Leichtigkeit, die mit Adrenalin und Kick nichts zu tun hat, sondern die auch in der Ruhe liegt.
Liebe. Unzerstörbare Liebe im Herzen, die bleibt. Die fest gegründet ist. Die Gewissheit des bedingungslosen Geliebt-seins. Liebe, die keine Stimmung ist, sondern eine tiefe, unergründliche Wahrheit. Liebe, aus der Annahme, Wertschätzung und Freiheit erwächst. Eine Liebe im Herzen, die es möglich macht, selbst zu lieben. Frei, ohne Angst, ohne Bedingungen, ohne Zweifel, einfach lieben. Kein bewerten, verurteilen, kategorisieren. Menschen so, wie sie sind, ganz und gar annehmen. Und das, ohne sich selbst aufzugeben oder zu verlieren. Es ist eine Grundhaltung der Liebe und der Annahme, die nicht zu erschüttern oder zu zerstören ist.
Ein Herz voller Frieden, Leichtigkeit, Liebe, Geduld, Gnade, Freiheit, Präsens, Wahrheit und Weisheit. Ein Herz, das nahe am Herzen Gottes ist. Ein Herz, das sein Herz ist. Das wünsche ich mir.
I-den-ti-tät.
Nachts bin ich manchmal brutal ehrlich und sehr krass. Alles sieht schärfer, heftiger, intensiver aus. Auch, was tagsüber noch okay war – oder sich zumindest so angefühlt hat. Ein Ausbruch.
Und ich schreie.
Ich schreie, weil ich mal nichts entscheiden will. Immer zu wählen und abzuwägen – ich werde müde davon. Will immer alles richtig machen. Zwischen zwei Dingen entscheiden – oder habe ich doch Kraft für beide? Ständig muss ich Prioritäten setzten. Abwarten und sehen, ob es richtig war, um irgendwie daraus zu lernen. Anstrengend.
Ich schreie, weil ich keine Zeit dazu finde, mich in einer Ecke zu verkriechen und abzutauchen. Es ist immer irgendetwas zu tun, und mich stört das. Ich kann das nicht leiden, immer etwas tun zu müssen. Wenn ich meine Pausen nicht kriege, bin ich wie betäubt und kann gar nichts mehr machen, egal wie viel Druck da ist. Menschen sagen mir, das sei okay und normal, so zu sein. Aber kaum einer nimmt Rücksicht darauf. Ich kann mit mir selbst nicht umgehen. Ich versteh die Welt nicht und sehne mich nach dunkler, leiser Geborgenheit.
Ich schreie, weil ich mich manchmal selbst kein bisschen mag. Weil ich Gnade für die ganze Welt habe, nur für mich selber nicht. Weil ich mich in Selbstkritik auffresse und mein Spiegelbild hässlich, mein Verhalten peinlich und meine Ziele lächerlich finde. Ich beginne, denen zu glauben, die mich kritisieren und beleidigen, und die Meinung derer abzutun, die mich loben und mögen. Manchmal hasse ich mich so sehr, dass es fast nicht mehr aushalte und mir weh tun will, mich richtig verletzen will – wie als Strafe. Und dann hasse ich mich dafür, dass ich so abstoßend denke, und so negativ bin – und finde den Weg zur Selbstannahme und zum Frieden nicht mehr.
Ich schreie, weil ich mich in vielen Situationen so fühle, als würde man mich emotional foltern. Wenn über jemanden gelästert wird und ich stehe daneben. Wenn Menschen mir ihre Frustration und ihren Schmerz erklären – obwohl das kein bisschen meine Baustelle ist und wir uns nicht mal nahe stehen. Wenn jemand sagt, er will wegziehen, und dann keine sichtbaren Anstalten macht, es umzusetzen. Wenn meine Gabe des Analysierens und Interpretierens zu weit geht und bösartige Motive, Konflikte und Kritik findet, wo keine ist. Mein Herz ist bewusstlos und spürt trotzdem Schmerzen. Meine Mimik und meine Stimme wollen nicht mehr meinen Befehlen gehorchen, sondern sterben ab. Du fragst, wie es mir geht, und
Ich schreie, weil Worte zu still sind. Weil sie zu harmlos sind, zu schüchtern, zu glatt. Ich schreie, weil ich wissen will, dass es mich noch gibt.
Aber eigentlich schreie ich nicht. Eigentlich bin ich still. Der Schrei hallt nur in meinem Inneren, und ich warte, dass ihn irgendjemand hört.