tanzen.

Als wir im Schulsport Standarttanz hatten, war ich sehr, sehr froh, dass wir mehr Mädchen sind als Jungs und ich so meistens mit einer Freundin tanzen konnte. Ich habe da eine recht große private Zone, in die keiner so leicht rein darf. Ich gehöre nicht zu diesen Kuschelmäuschen, die sich ständig in die Arme nehmen. Klar, ab und zu mach ich das auch gerne, aber so ganz allgemein eher weniger. Mit jemandem zusammen tanzen, den ich nicht besonders mag, ist da irgendwie zu viel.

Zumba war auch nicht so meins. Zwei Doppelstunden lang haben wir das mit unserem Mädchen-Ballsport-Kurs gemacht, und es war eine Qual. Zumba finde ich nicht mal besonders schön, wenn das Leute machen, die das echt können. Es ist so eine Mischung aus der Plumpheit eines fitnesstreibenden Hängebauchschweines und dem Versuch, durch das schnelle Bewegen gewisser Körperteile sexy auszusehen, und das Ganze noch unterlegt mit mittelschlechter, rhythmischer Popmusik. Gut, zugegeben, es kann auch ganz ansehnlich sein. Abgewinnen kann ich Zumba trotzdem nichts.

Ich habe mal in der Grundschule für ein halbes Jahr getanzt. Ich mochte das Bewegen zur Musik, aber die Gruppe war sehr zickig und die beiden Mädels, die das geleitet haben, haben regelmäßig über Jungs und Sex geredet und sich zum Abschied geküsst. Einmal hat mich eine der beiden ziemlich angefahren und ausgelacht, als ich beim Tanzen die Augen zugemacht habe, um mich besser konzentrieren zu können.

Tanzen war also doof, ganz klar. Meine Hemmschwelle war so hoch wie der Himalaya, quasi unüberwindbar. Ich wollte sie auch gar nicht überwinden. Dahinter erhoffte ich mir kein gelobtes Land, sondern nur eine Wüste voller Scham und Pein. Die Ansicht einiger meiner Freunde, dass ich tollpatschig und linkisch sei und mich zittrig und eckig bewegte, bestätigte mich nur darin. Und so verblieb ich, sicher eingesperrt hinter meinen inneren Mauern.

Doch der Plan für mich sah anders aus. Gaaanz, ganz langsam, durch wenige, bedacht platzierte Situationen, die von Ausgelassenheit, Freude und dem Gefühl des Nicht-bewertet-Werdens geprägt waren, wurde ich dem Bewegen meines Körpers zu Musik wieder näher gebracht. Die Mauer bröckelten, und der Himalaya wurden langsam angegangen. Die Anonymität einer großen, dunklen Halle, in der der Fokus nicht mehr auf den anderen Menschen, sondern im Himmel lag. Die jugendliche Albernheit auf einer Hochzeit mit eher mittelmäßiger Musik. Kleine Momente nur für mich, mit meiner Musikanlage in meinem Zimmer. Stolz auf die kleinen Etappensiege. Und gleichzeitig immer wieder Skepsis. Nicht nur bei mir. „Sina, du hast getanzt?! Wohl eher gehüpft oder so.“ Als dürfte ich das nicht. Als wäre ich da nicht gut genug für.

Und heute? Eine Entscheidung, die kurz vor Beginn am liebsten rückgängig gemacht hätte. Nach einigem Liebäugeln plus der Überredungskunst toller Freunde habe ich mich bei einem Tanzworkshop angemeldet. Bei einem, bei dem es nicht um richtig oder falsch geht. Bei dem keiner meine persönliche Nur-für-mich-Zone angreift. Bei dem es nicht vorrangig um besonders grazil ausgeführte Tanzschritte geht. Sondern um Tanzen zu Worship. Nur für Frauen.

Ja, ich war ein bisschen nervös. Für mich war das ein bisschen eine Höhle des Löwen. Dieser Löwe, der da lauerte, würde mir zuflüstern, dass ich plump und eckig und hässlich aussehe bei meinen Bewegungen, dass ich das alles falsch mache, dass das komisch und peinlich ist und dass ich aufhören soll. Und ja, ich bin trotzdem hingegangen. Und mit Hilfe zweier wundervoller Frauen habe ich den Löwen aus seiner Höhle verbannt und diese Höhle zu einem Tanzstudio umgebaut. Bäms. Nimm das.

Ich weiß. Das war erst der erste Löwe, und bei der Überwindung des Himalayas fehlen noch ein paar Achttausender, aber ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird, lässt mich weitergehen. Es ist frei, schön und … ach, weiß nicht. Das mag heute von außen vielleicht klein ausgesehen haben, aber mein tief verwurzeltes, feines Gespür sagt mir, dass das irgendwie entscheidend war. Für mich. Jetzt.

Eins ist jedenfalls klar: Jetzt hat keiner mehr das Recht, mir zu sagen, dass ich nicht tanzen soll.


Ein Kommentar

  1. Ich finds super, dass du das gemacht hast! Und mutig! :) Ich kann dich nämlich verstehen. Wenn ich vor anderen Leuten tanzen will, ist da noch nie mehr als von einem Fuß auf den anderen treten bei herausgekommen… ;)


Sag was dazu!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s