Tod durch Herzversagen

Diesen Text habe ich geschrieben, als ich 17 Jahre alt war. Er ist irgendwie von einer ganz anderen Sina, als die, die es heute gibt. Als ich den Text in meinen Entwürfen wiedergefunden habe, fand ich, die Sina von damals hatte etwas zu sagen. Deswegen jetzt, mit sechs Jahren Verspätung, der Text „Tod durch Herzversagen“.

Irgendwann vor Monaten bin ich in irgendeinem medizinischen Kontext auf die Formulierung „Tod durch Herzversagen“ gestoßen und war völlig fasziniert von dem, was da noch alles so drin steht – außer, dass das Organ Herz seine Funktion aufgibt und der zugehörige Mensch infolgedessen auch. Ich habe mir die Formulierung aufgeschrieben und an die Pinnwand gehängt, um später nochmal darüber nachzudenken. Nicht gerade der üblichste Spruch für eine Pinnwand, aber seit wann ist bei mir irgendwas üblich?

Herzversagen.

Ich konnte nicht weinen.

Wirklich. Ich habe jahrelang nicht geweint. Warum? Ich war eine von den Harten und ich wollte nicht schwach sein. Wollte mein Herz seinem Leid Ausdruck verleihen und verbündete sich zu diesem Zweck mit den Tränendrüsen, verurteilte ich es, unterdrückte es, schämte mich dafür. Ich konnte sehr rücksichtslos und ungnädig mit mir selbst sein und mauerte mein Herz ein, trainierte es auf Härte und Schweigen und darauf, Schmerz zu ignorieren. Ich wollte nicht einknicken. Mir nichts gefallen lassen. Nicht zimperlich sein. Ich war wild, und zu wild gehört hart.

Versteinerung könnte man es auch nennen. Wo früher ein feinfühliges, empfindsames Organ war, blieb so etwas wie ein Fossil.

Tod durch Herzversagen. Innerlich tot.

Wobei – ganz stimmt das nicht. Unter dem Stein lebte mein Herz natürlich weiter. Sonst könnte ich heute wohl nicht so bloggen, wie ich es tue. Ich war noch lebendig, aber es war eine Form von lebendig, zu der ich nicht zurück will. Eingeengt von einem selbstgebauten Steingefängnis gedeiht ein Herz nicht gut.

Ich habe seitdem viel gelernt.

Zum Beispiel, dass Härte keine erstrebenswerte Eigenschaft ist. Was ursprünglich als Verteidigungsstrategie gegen Familienmitglieder und Klassenkameraden gedacht war, hat mich mehr zerstört als geschützt. Mit dem langsamen Loslassen dieses Ideals bröckeln die Mauern schon beträchtlich. Die ganze Entwicklung dreht sich in dem Moment dieser inneren Erkenntnis um – jetzt wird der Stein langsam abgebaut.

Ich habe auch gelernt, wie gut Weinen tut. Früher war Weinen für mich ein Zeichen meines Versagens. Jetzt ist es immer ein heimliches Erfolgserlebnis für mich. Ich weine immer noch nicht oft, aber immer wieder mal, und jedes Mal freue ich mich ein klein wenig daran, dass ich das nun wieder kann. Schwäche ist für mich jetzt etwas völlig anderes als Versagen. Warum sollte ich immer stark sein? Ich brauche ja schließlich keinem etwas beweisen. Also gebe ich meiner Seele den Raum, ihren Schmerz herauszuschreien, denn nur an der Oberfläche kann er verheilen. Und wenn dann jemand meine Tränen sieht und mich in den Arm nimmt, ist das wie Balsam.

Da ist ja auch Schönheit drin. Wenn ich in meiner Empfindsamkeit immer wieder bei Tränen ankomme, dann spiegelt das doch auch eine innere Schönheit wieder. Die Ehrlichkeit und die Offenheit, die in Tränen liegt, ist etwas wunderschönes. Kein Schön, dass man absichtlich immer wieder inszeniert, aber ein Schön, durch das man den Mensch dahinter in den Arm nehmen und lieben kann.

Wild bin ich immer noch irgendwie. Aber wild und hart sind völlig unabhängig voneinander. Zu Wildheit gehört gut und gerne auch, mal bitterlich über etwas weinen zu können.

Tod durch Herzversagen – noch lange nicht. Wird auch nicht kommen. Denn ich achte auf mein Herz, und solange ich es spüren kann, ihm Raum zum sprechen gebe und dafür sorge, dass es immer wieder guten Boden zum gedeihen findet, ist es lebendig.

Ode an das langweilige Leben

Dies ist meine Ode, meine Hymne, mein Lobgesang auf all das wunderbar Langweilige im Leben.

Meine Ode daran, nicht frisch verliebt zu sein. Oh, wie kann man es nur genießen, ein vernebeltes Hirn und eine nervöse Seele zu haben? Wie kann man es nur mögen, wenn ein Mensch, dem man doch noch gar nicht so vertraut ist, solche Macht über einen hat? Wie viel schöner ist es doch, im Geist frei und mit der Seele präsent zu sein und die kleinen Dinge im Leben genießen zu können. Es ist schön, sich tagsüber konzentrieren und nachts schlafen zu können. Für all dies gebe ich die knisternde Spannung, die Schmetterlinge im Bauch und die magischen Momente liebend gerne auf. Zu anstrengend, zu unsicher, zu wenig Kontrolle darüber. Zu wenig Energie übrig für alles andere.

Meine Ode daran, zu Hause zu sein und einfach mal nicht zu reisen. Wissen, wo alles ist. Alles da haben, was man braucht. Sich zurechtfinden. Vertraut sein mit seiner Umgebung. Wege parat haben, mit denen man auftretende Probleme lösen kann. Sprache und Umgangsformen beherrschen, ohne darüber nachdenken zu müssen. Die besten Läden, Restaurants und Spazierwege kennen. Seine Leute in der Nähe haben. In selbst eingerichteten vier Wänden sein. Das Klima kennen. Wissen, was einem schmeckt. Es ist so schön, wenn die Dinge so funktionieren, wie ich es kenne und vorhersehen kann. Das macht es locker, macht es leicht.

Meine Ode an die Routine. Oh, Routine und Alltag ist alles für einen Menschen wie mich. Routine hält mich im Gleichgewicht. Routine sorgt dafür, dass ich genug esse, genug schlafe, mich genug bewege und nicht stinke. Routine macht, dass ich aus Löchern wieder rauskomme und in andere gar nicht erst falle. Routine, das bedeutet, dass ich Pläne machen kann, die funktionieren. Routine und Alltag heißt, dass ich tun kann, ohne allzu viel nachzudenken, und oh, was für eine wundervolle Freiheit gibt das meinen Gedanken! Dann bin ich kreativ, empathisch, bei mir selbst. Dann habe ich Kraft für all die Dinge, für die ich Kraft haben will.

Meine Ode daran, beruflich einen geraden Weg zu gehen. Vielleicht manchmal langsam oder holpernd, aber in eine bestimmte Richtung unterwegs zu sein. Wie wunderbar ist es, dass ich mein Ziel abstecken kann und im Großen und Ganzen weiß, wo ich hinwill! Nein, nichts zieht mich in die Zeit zurück, wo ich mir unsicher war, was es werden soll. Wo gefühlt alles möglich war und umschauen und ausprobieren dran war. Ich will keine tausend Möglichkeiten. Ich will eine einzige, die mir gefällt.

Meine Ode an dieselben fünf Freunde, die ich zu meinen engen Vertrauten zähle, und an die weiteren zehn, mit denen ich ab und zu Kontakt habe. Wie schön, Menschen zu haben, denen ich nicht mehr viel erklären muss, sondern die einfach Bescheid wissen. Bei denen ich weiß, wie sie ticken, und die wissen, wie ich ticke. Mit denen ich schon lange bestimmte Themen habe oder bestimmte Interessen teile. Die vertraut sind. Denen ich nichts beweisen muss. Die ich nicht mehr schocken kann. Die mich bereits so angenommen haben, wie ich bin.

Im Großen und Ganzen ist dies meine Ode an die Vertrautheit. An die Sicherheit. An das Alte.

Und daran, so vieles nicht zu müssen. Mich nicht auf etwas Neues einlassen zu müssen. Keine Veränderung durchmachen zu müssen. Mich mancher Herausforderung nicht stellen zu müssen. Keine Entscheidungen treffen zu müssen. Keine Abenteuer erleben zu müssen.

Oh, es ist so wundervoll, gerade mal keine Abenteuer erleben zu müssen!

Dies ist meine Ode an das langweilige Leben. Wie gut, dass es das langweilige Leben gibt. Es gibt meiner Seele Boden, auf dem sie gedeihen kann. Es verwurzelt mein Sein und gibt mir Halt. Es erdet mich und gibt meinem Inneren Freiheit. Es bringt mich nach all den Abenteuern wieder ins Gleichgewicht. Ich liebe das langweilige Leben. Hoffentlich darf ich hier ein bisschen bleiben.

Kleiner Ratgeber zu den Schattenseiten der Hochsensibilität

Du bist also hochsensibel. Und jetzt mal ganz ungeachtet der Frage, ob es Hochsensibilität überhaupt gibt – ich auch! Und mit uns ganz viele andere. Es hat seine Vorteile, so reizoffen zu sein. Wir sind einfühlsam, denken viel mit und wissen, was um uns herum passiert. Ich bin gerne hochsensibel! Es hat aber auch Schattenseiten. Ich will davon erzählen, was ich im Umgang mit diesen Schattenseiten gelernt habe. Könnte sein, dass manches davon für alle Menschen hilfreich ist. Und könnte sein, dass manches davon nur meine eigene Erfahrung ist und vielleicht nicht so allgemein gültig, wie ich das denke. Let me know.

1.) Zum Thema laut und hell und voll.

Ich glaube, das ist das Kernthema. Alles andere folgt daraus: Wir nehmen mehr Reize auf. Filtern weniger. Das führt dazu, dass es uns schneller zu laut ist als anderen. Schneller zu hell. Schneller zu irgendwas. „Abhärten“ bringt da übrigens gar nichts. Das ist wie der Touchscreen eines Smartphones. Den kannst du auch nicht abhärten. Der geht höchstens irgendwann kaputt. Und kaputt gehen willst du ja nicht, oder? – Mein Punkt ist: Strategien entwickeln.

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Laufen also.

Was werde ich tun?, habe ich mich gefragt, als ich im September in dieses Jahr gestartet bin. Womit werde ich meine Zeit verbringen?

Nach vier Jahren im engen Käfig des absurden Leistungsdrucks eines Studiums für ambitionierte Menschen war ich sehr bereit, endlich mal wieder frei entscheiden zu können, was ich mit meiner Zeit anstelle. Der Plan war allem voran, Platz zu schaffen, meine Seele baumeln zu lassen. Nur wie würde das aussehen? Ganz viel malen? Leute besuchen? Ein Buch schreiben? Wohin würde es mich treiben? Ich war sehr gespannt.

Nun, erstmal ist alles anders geworden als gedacht – wie so häufig. Erstmal war Renovieren und Umziehen dran. Aber jetzt, so ganz langsam, kommt das Gefühl von Gestaltungsfreiheit auf. Und was tue ich?

Offensichtlich laufen.

Wie im Autopilot ziehe ich mir immer wieder Schuhe und Jacke an und gehe vor mich hin, durchstreife Wiesen und Felder, sehe Kühe und Panoramen, lande im Wald oder im nächsten Dorf. Ich gehe, gehe, gehe. Und das ist nicht einmal eine bewusste Entscheidung. Ich mache es irgendwie einfach. Als wäre es mein Default-Modus.

Aber irgendwie macht es auch Sinn. Laufen ist schließlich das, worauf der menschliche Körper ausgelegt ist. Unsere Spezies kommt von der Treibjagd. Unsere Vorfahren sind deutlich schnelleren Beutetieren hinterhergelaufen, bis diese vor Erschöpfung umgekippt sind. Die Superkraft des Menschen ist es, lange Strecken zwar langsam, aber stetig zurückzulegen. (Neben Sprache, Daumen und Frontallappen, versteht sich, das sind auch alles Superkräfte des Menschen, aber das ist hier nicht der Punkt.)

Wandern beschäftigt den Körper und macht der Seele Raum. Das passt gerade sehr gut zu mir. Ob es die Erschöpfung nach vier Jahren Leistungsdruck und einem Umzug ist oder ob ich einfach nur mal wieder mit dem Winter kämpfe – ich bin gerade einfach nicht in der Lage, großartige Dinge von bleibendem Wert zu schaffen. Es ist nicht die Zeit der großen Kunststücke. Es ist die Zeit, meine Schuhe anzuziehen und Kreise durch die Landschaft zu ziehen.

Und damit habe ich meine erste Antwort auf die Frage, was ich tun werde. Laufen. Offenbar.

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Dies ist übrigens mein 444ster veröffentlichter Blogpost, yeeey!

Ich habe etwas über Beziehungen gelernt.

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie genau das in der normalen Welt ist, aber in der christlichen Blase werden sehr gerne Regeln darüber aufgestellt, wie der ganze Prozess von „zwei Menschen treffen sich“ zu „und dann lebten sie glücklich bis an das Ende ihrer Tage“ auszusehen hat. Je nach dem, in welcher christlichen Blase man genau herumblubbert, variieren die Regeln etwas. Wie viel Körperkontakt ist wann okay, wie lange sollte man vor dem heiraten mindestens und höchstens zusammen sein, wie alt sollte man sein… von all diesen Dingen gibt es klare Vorstellungen. Was die normale Welt angeht – ich weiß, dass es auch da Gurus gibt, die Regeln aufstellen. Ich weiß nur nicht, wie viele Leute das interessiert.

Jedenfalls. Ich habe etwas gelernt.

Mein bester Freund ist Schuld. Der hat nämlich jetzt eine Freundin, und ich verwette 20 € und einen Apfelkuchen darauf, dass die beiden sich in diesem Leben nicht mehr trennen werden. Ich muss zugeben, dass ich das nicht habe kommen sehen. Ehrlich gesagt habe ich sogar mit dem Gegenteil gerechnet. Die beiden kannten sich schon ewig und hatten immer mal mehr und mal weniger miteinander zu tun. Jedes dreiviertel Jahr hat er mal darüber nachgedacht, ob er sich da mehr vorstellen könnte, war sich aber nie so sicher. Ich dachte: Wenn sie wirklich so gut zusammen passen würden, dass das eine gute Beziehung ergäbe, wäre es doch schon lange passiert. Dann würde er nicht schon vor Beginn so sehr daran zweifeln. Dann würde sie mehr Interesse zeigen. Ich habe damit gerechnet, dass – falls sie irgendwann zusammen kommen – dieses „meh, weiß nicht“-Gefühl bleibt und die Beziehung einfach alles in allem nicht das Wahre ist.

Meine Einschätzung wäre vollkommen richtig gewesen, wäre mein bester Freund genauso wie ich. Ich weiß in der Regel sehr schnell, was ich will, und es fällt mir leicht, mich dafür zu entscheiden und dabei zu bleiben. Deswegen wusste ich nach ein paar freundschaftlichen Treffen und ein paar Dates, dass ich mit meinem Ehemann mein Leben verbringen würde, wenn er mich lässt. Wenn ich mir auf der anderen Seite bei etwas von Anfang an unsicher bin, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieses Gefühl für immer bleiben wird. Bist du wie ich, dann filtere jeden Mann, der dich nicht von Anfang an überzeugt, aus der Liste deiner potentiellen Partner heraus und verschwende nicht deine Zeit damit, „aber was wäre wenn“ zu spielen.

Aber es ist nicht jeder wie ich. Mein bester Freund ist nicht wie ich. Mein bester Freund nähert sich den meisten Dingen in seinem Leben ganz, ganz langsam an, denkt viel darüber nach, prüft die Dinge immer lieber noch einmal mehr, und trifft erst dann eine Entscheidung. Es wäre komisch gewesen, hätte er seine Beziehung angegangen, wie ich das damals getan habe. Es hätte nicht zu ihm gepasst, es wäre fremd für ihn gewesen, er hätte sich dafür verbiegen müssen. Sich an die Geschichte in Zeitlupe heranzupandern, das passte genau zu ihm. Es ist seine Herangehensweise, und weil es am Ende auch seine Beziehung ist, ist das fantastisch und genau richtig.

Jeder sollte sein Dating-Leben so gestalten, wie es zu ihm passt. Diese „Beziehungs-Regelwerke“ beachten nicht, dass Menschen verschieden sind. Sie entsprechen bestimmt genau dem Urheber dieser Regeln und noch ein paar weiteren Menschen, aber beim Rest sind sie wie schlecht sitzende Klamotten. Tadaa! Das hab ich gelernt.

Nachdem ich das jetzt festgestellt habe und ihr alle zustimmend nickt, lasst mich noch kurz zwei Dinge klarstellen.
Erstens. Dass deine Art, Beziehung zu gestalten, zu dir passen soll, ist keine Ausrede für destruktives Verhalten. „Ich bin halt so“ gilt nicht, sobald es dir oder anderen schadet. Dann wäre es besser, neue, konstruktivere Herangehensweisen einzuüben.
Zweitens. Trotz meinem neu entdeckten Beef mit Dating-Regeln glaube ich, dass es Weisheiten gibt, die allgemeingültig sind. Zum Beispiel, dass es gut ist, Erwartungen zu besprechen. Oder dass „aber sonst wäre ich alleine“ ein beschissener Grund ist, um in einer Beziehung zu bleiben. Und so ein paar andere Sachen. Selbsterklärend.

Jetzt, wo ich das alles aufgeschrieben habe, erscheint es mir so trivial. Als wäre das alles völlig selbstverständlich. Ich komme mir etwas komisch vor, so einen No-Brainer als meine neuste Erleuchtung zu teilen. Aber hey, für mich wars irgendwie neu, vielleicht ist es das ja für irgendwen anderes auch.

Hinter der Ziellinie

So.

Ich bin inzwischen quasi fertig mit meinem Bachelor in Psychologie. Es fehlen noch ein paar Kleinigkeiten hier und da, aber das ist ein entspannter Sonntagsspaziergang im Vergleich zu dem Marathon, der hinter mir liegt. Es war hart. Ich musste diesem Studium eine sehr hohe Priorität einräumen, um die Noten zu schreiben, die ich geschrieben habe. Ich brauchte diese Noten, denn im Psychologiebachelor gilt: Kein gutes Abschlusszeugnis – kein Masterplatz. Kein Masterplatz – kaum eine Zukunft im Berufsfeld Psychologie. Ich wollte nicht nur ein ausreichend gutes Zeugnis, um irgendwo in Deutschland einen Masterplatz zu bekommen. Ich wollte hier einen Masterplatz bekommen. Dementsprechend hart habe ich gearbeitet.

Und hey, ich habe es geschafft.

Jetzt liegt ein Jahr Leere vor mir. Der Master steht erst nächstes Jahr an. Das entstand aus ein paar unglücklichen Umständen, auf die ich keinen Einfluss hatte. Oder sind es wirklich unglückliche Umstände? Eigentlich bin ich sehr froh, diese Zeit zu haben.

Am meisten freue ich mich darauf, nichts erreichen zu müssen. Ich kann in diesem Jahr 12 Projekte anfangen, keines beenden, und es ist überhaupt nicht schlimm. Meine Zukunft hängt nicht davon ab, was ich momentan tue. Das ist unglaublich befreiend. Und mir sehr wichtig. Momentan ist Lebensqualität für mich, nicht produktiv sein zu müssen und nicht an meinen Leistungen gemessen zu werden.

Ich lerne mich neu kennen in dieser Zeit. Die erste große Erkenntnis ist, dass die veränderten Umstände gar nicht so große Auswirkungen auf mich haben wie ich erwartet hatte. Lange habe ich viele Treffen mit Freunden nicht entstehen lassen, weil ich keine Zeit hatte und mich auf die Uni fokussiert habe. Und das war auch richtig und ehrlich so. Jetzt stelle ich fest – auch wenn ich die Zeit habe, ich will gar nicht. Ich bin so viel lieber zu Hause und habe meine Ruhe.

In gewisser Hinsicht hat dieses Jahr bereits vor zwei Monaten angefangen, andererseits geht es gerade erst los. Die neuen Masterstudenten haben momentan ihre Ersti-Wochen. Für die geht es jetzt weiter. Ich bleibe jetzt erst mal hier.

Ich freu mich drauf.

Nein, ich will nicht reisen

„Und was machst du jetzt mit deiner freien Zeit? Willst du reisen? Ich würde reisen!“

Der begeisterte, erwartungsvolle Blick in ihren Augen verwirrt mich etwas.

„Nee“, sage ich, unfähig, das gerade auszuführen. Reisen, das war so sehr keine Option für dieses Jahr, dass ich nicht einmal darüber nachgedacht habe.

„Warum nicht?“

Tja. Warum nicht? Weil ich ehrlich gesagt froh bin, wenn ich einfach mal zu Hause sein kann. Weil ich zu Hause liebe. Zu Hause sein und nur zu lernen und zu arbeiten, das ist etwas ganz anderes als zu Hause sein und frei zu haben. Und das hatte ich so lang nicht mehr! Warum sollte ich jetzt wegfahren und das verpassen wollen?

Wieso wird eigentlich von so vielen Menschen davon ausgegangen, dass Reisen für jedermann ist? Wieso ist das momentan so eine unverhältnismäßig populäre Leidenschaft, dass Menschen mir gegenüber davon ausgehen, dass ich sie teile? Dass ich begründen muss, wenn ich sie nicht teile? Das muss bei so ziemlich allen anderen Hobbys doch auch niemand.

Aber hey, ich sag euch, warum ich diese Leidenschaft für´s Reisen nicht teile.

Reisen, das bedeutet, an einem Ort zu sein, den ich nicht kenne. Das wiederum bedeutet, dass ich mich ständig zurecht finden muss. Die kleinsten Fragen – wie funktioniert hier der öffentliche Nahverkehr, ich brauche eine Apotheke, ist es hier kulturell akzeptabel wenn ich im Restaurant um Salz bitte – benötigen Zeit, Energie, Nerven. Klar, das ist auch das Abenteuer daran, und ganz selten finde ich das auch mal cool.  Aber hungrig zu sein, weil das fremde Essen, dass ich mir entweder aus Neugier oder mangels Alternativen besorgt habe, echt eklig schmeckt, ist beschissen. Und wie schön ist es bitte, genau zu wissen, wo es die beste Pizza gibt, den kürzesten Weg von dort zur nächsten Apotheke zu kennen und nicht mein Handy zu brauchen, um zu wissen, wann der nächste Bus fährt? Für mich bedeutet das ganz viel Freiheit. Diese Freiheit kann ich nutzen für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind. Ich kann zur Ruhe kommen, malen, schreiben, lange Wandertouren machen… und mich danach in mein eigenes Bett kuscheln.

Und jaja, neue Kulturen kennen lernen und so. Aber wisst ihr eigentlich, dass ihr das auch nicht tut? Als ich acht Monate in Malaysia gewohnt habe, habe ich quasi nur mit Einheimischen zu tun gehabt und deren Alltag und Lebensweise mitbekommen. Und trotzdem würde ich sagen, ich kenne die Kultur dort nicht wirklich. Die vollen acht Monate lang waren ein Kreislauf von „Hä, verstehe ich nicht“ zu „Ah, jetzt hab ich´s!“ und wieder zurück zu „Nee, hab´s doch noch nicht verstanden“. Zudem könnte ich dreißig Jahre dort leben und wüsste immer noch nicht, wie Malaysia ist, wenn man zufällig keine rothaarige, weiße, im Vergleich mit den Asiaten große Frau ist, die die Welt durch ihre deutsche Brille sieht. Also ein Urlaub? Rumreisen? Und dabei Kulturen kennen lernen? Vergiss es. Was du danach kennst, ist eine Disney-Touristen-Version. Das ist wie der eine Malaysier, der zu mir meinte: „Germany? Yeah, I’ve been to Germany! You have Autobahn and Oktoberfest! Your beer is cheaper than water. Your cars are so fast! And it’s like a fridge outside. I love your country!“ Fühlt man sich da als Deutsche nicht komplett in seiner Kultur erfasst und verstanden?

Zugegeben, was mich interessiert, sind die Sportarten, die ich zu Hause nicht so tun kann: Segeln, Tauchen, Surfen, Bergsteigen und so weiter. Aber mich an meinem Maltisch austoben, auf meinem Klavier spielen und in meiner eigenen Küche kochen eben auch. Was mich auch reizt, sind andere Landschaften und Umgebungen. Meine Zeit in Südostasien hat mich jedoch gelehrt, dass ich dafür nicht weit fahren muss. Tropenstrände habe ich kennengelernt als pisswarmes Badewannenwasser mit einem tödlichen Laser als Sonne und mit konstantem Ärger mit respektlosen, hinterhältigen Affen. Dschungel sieht aus wie ein hübscher, alter, deutscher Wald, der irgendwie höher gewachsen ist und auf den dann ein riesiges Monster grünes Dickicht draufgekotzt hat. Und ja, ich konnte das auch wertschätzen und hatte da auch gute Zeiten, aber dafür steige ich nicht mehr in ein Flugzeug. Nordsee, Alpen und Vogelsberg for the win!

Also nein, ich will nicht reisen, nur um zu reisen. Meinen Bruder in Cambodia besuchen, das war cool. Mit meinem Mann einen Roadtrip an die Nordsee machen, immer wieder gerne. Mit Freunden in das Ferienhaus ihrer Familie an die felsige Küste Spaniens fahren und dort wandern gehen – hätte ich gemacht, wäre nicht so ein gewisse Krankheit dazwischen gekommen. Aber dazwischen bin ich leidenschaftlich und von ganzem Herzen gerne zu Hause, ohne, dass es mich irgendwo anders hinzieht. Für mich ist Reisen wie Chilli – ohne schmeckt das Essen gut, mit besser, und wenn es zu viel wird, ist das Essen ungenießbar. Und es ist schnell zu viel.

An alle, die das anders sehen: Was genau ist es am Reisen, das ihr so liebt? Was gibt euch das?