Ein bisschen mehr Regenjacke

Ein bisschen dickeres Fell, ein bisschen mehr Knautschzone, ein bisschen mehr egal. Dass mir nicht so schnell kalt wird und nicht so schnell heiß, ich nicht so schnell Hunger habe und nicht so schnell Durst, dass mir nicht so schnell alles zu viel ist und nicht so schnell wieder zu wenig.

Dass es mir viel mehr egal ist, wenn du mich ärgern willst und die Schwachstelle triffst. Weiß ja, du meinst es nicht so. Du bräuchtest dann einen viel längeren Stachel, um mich zu verletzen. Müsstest so viel mehr Kraft aufbringen, um mich aus dem Gleichgewicht zu stoßen. Das würde dir dann nicht so schnell aus Versehen passieren.

Ein bisschen mehr Platz zwischen meiner Haut und meinen Gefühlen. Dass ich Platz habe, einen Schritt zurück zu treten, wenn du einen Schritt zu weit gehst. Dass du dann nicht direkt auf mich triffst, sondern erst mal auf mein Achselzucken.

Wenn ich mich umdrehe und weggehe, dann will ich, dass alles, was hinter mir ist, hinter mir bleibt. Würde gerne mein Klettverschlussfell, in dem sich alles verfängt und das zu reinigen immer so mühselig ist, eintauschen gegen eine Regenjacke. Einmal drüberwischen und fertig. Dann müsste ich mich auch nicht so in Acht nehmen vor all dem Dreck und Staub dieser Welt. All dem Dreck und Staub, den Menschen mit sich bringen, den auch Freunde mit sich bringen. Alles nicht so schlimm. „Wir haben ja ne Waschmaschine.“

Und dann fährst du mit deinem sanften Finger federleicht über meinen Arm. Ein vorsichtiger Blick aus braunen Augen und eine Facette Zärtlichkeit mehr in deiner Stimme erzählen ihre eigene Geschichte. Ich weiß, ich spüre dich und diese Geschichte nur so stark, weil in mir nicht ein bisschen mehr egal, ein bisschen mehr Platz, ein bisschen dickeres Fell ist. Ich weiß, ich kann nur deswegen so sanft und einfühlsam antworten, weil meine Haut so dünn ist.

Ich verspreche dir, ich werde weiterüben, bis ich das Unmögliche beherrsche: Dickeres Fell und doch genauso nah. Bis es so weit ist, bist du geduldig mit mir. Liebst mich genauso. Danke dafür.

Draußen ist die Nacht

Ich wusste nicht, dass du da sein würdest. Ich habe es nicht vermutet und nicht darüber nachgedacht. Ich habe einfach nur Jacke und Schuhe angezogen, den Schlüssel genommen und das Haus verlassen. Dort warst du dann. Natürlich warst du da. Als ich dich gesehen habe und auf dich zugegangen bin, hat es sich irgendwie natürlich und richtig angefühlt, dass du da warst. Als hätte es nie eine andere Möglichkeit gegeben. Wir haben uns umarmt. Du hast dich warm und weich angefühlt. Du hast dich angefühlt, wie nur du dich anfühlst, und jede deiner Umarmungen birgt eine kleine Ewigkeit für mich.

Dein Auto und die Nacht. Ich mag es, neben dir zu sitzen, wenn du fährst. Das Gefühl des Autos, die Straße und die vorbeiziehende Welt. Ich darf gucken und muss mich nicht konzentrieren. Ein kleiner Kosmos auf vier Rädern, in dem es nur dich und mich gibt. Draußen ist die Nacht. Ich mag die Dunkelheit. Ich mag ihr Reden und ihr Schweigen. Mag es, wie sie alles verhüllt, uns verhüllt, alles ein wenig sonderbar macht, uns klein werden lässt und uns das Gefühl für uns selbst zurück schenkt.

Ja, hier in unserem kleinen Kosmos fühle ich mich wieder wie ich selbst. Fühle ich mich wieder ganz real. Ganz bei mir.

Und bei dir.

Regentropfen auf Autoglasscheiben. Du fährst und fährst. Du genießt es, das Autofahren. Ich weiß, dass es dir jetzt gut geht und du ganz entspannt bist. In Gedanken bist du nicht in deinem Alltag und nicht bei mir, sondern einfach nur in dem, was du gerade tust. Du bist einfach nur da. Ich genieße das. Ich genieße dich. Ich genieße, wie du einfach hier bist. Das macht in mir alles weit. Das schenkt mir Raum für alles, was da eben gerade in mir ist. Alle Gefühle, die sonst so zu groß und zu schwer sind und zu dicht beieinander liegen. Alles, was mir Angst macht, verliert sich langsam in der Dunkelheit. Für alle ungeweinten Tränen finde ich in der Nacht und in deiner schlichten Gegenwart Trost.

Weißt du, vielleicht fahren wir einfach noch ein bisschen weiter. Es gibt keinen anderen Ort, zu dem es mich gerade hinzieht. Keinen anderen Trost, den ich gerade bräuchte. Vielleicht fährst du noch ein bisschen weiter und nimmst mich noch ein wenig mit. Lässt aus Minuten Stunden werden, bis die Zeit selbst unwirklich wird. Ich bin so gern bei dir. Ich hab dich so gern.

Ich bin frei.

Manchmal

Für so einige Freunde und für einen ganz besonders

Manchmal kann ich dich nicht leiden, weil du besser bist als ich, dein ganzes Leben so viel besser läuft als meines, und ich immer noch nicht gelernt habe, nicht zu vergleichen. Ein bisschen besser bin ich darin vielleicht schon geworden, ein ganz bisschen, aber nicht viel. In vielem sind wir uns so ähnlich, und manchmal gönne ich dir deine Erfolge nicht. Nicht, weil du sie nicht haben sollst, sondern weil ich sie auch will. Manchmal mag ich dich nicht, weil ich unzufrieden mit meinem eigenen Leben bin.

Manchmal nervst du mich an den Stellen, wo du anders bist als ich, wo ich dich nicht berechnen kann und du Dinge tust, die mir nicht in den Kram passen. Da bin ich eine Strategin. Überlege mir genau, wie alles laufen soll, und dann machst du einfach irgendetwas anders als ich dachte. Und dann nervst du mich, weil ich immer noch nicht gelernt habe, spontan meine gescheiterten Pläne links liegen zu lassen und mich auf das Neue einzulassen. Manchmal mag ich dich nicht, weil ich lieber die Kontrolle über alles behalten würde.

Manchmal hab ich auch einfach Angst vor dir. Weil du mir so nahe stehst und deine Worte mir so wichtig sind, kannst du mich mit ein paar Sätzen sehr verletzen – egal, ob es nur deine Empfindung oder die Wahrheit ist. Ich weiß, dass du sagen wirst, was du denkst, auch wenn es mir nicht passt. Und ich habe immer noch nicht gelernt, Spannungen in Freundschaften auszuhalten. Manchmal mag ich dich nicht, weil ich ständig vergesse, dass ich dir wertvoll bin, selbst wenn ich Fehler mache.

Und dann wieder sehe ich die tausend wundervollen Kleinigkeiten in dem, wie du mit mir und wir miteinander sind. Ich bin ein zerbrochener Mensch und du genauso. Was für ein Schatz, dass wir uns aushalten und so sehr mögen.

Manchmal, da denke ich, dass mich an dir was stört, wo mich in Wirklichkeit etwas an mir selbst stört.
Aber weißt du was? Das ändert nichts daran, dass ich – wie als Grundlage darunter, eine schlichte, gültige Wahrheit –

so unendlich dankbar für dich bin.

Die Brücken hinter mir

Ich streife durch die Heimat, durch heimatliche Orte, Orte voller Bedeutung und Erinnerung.

Irgendwie ist da so ein Loch.

Da ist so ein Loch, wo Heimat hingehört.

Ein bisschen schon immer. So etwas passiert, wenn man seine gesamte Kindheit und Teenagerjahre in einer so genannten „Übergangslösung“ wohnt. Trotzdem war es nun mal immer dasselbe Dorf und es war auch immer dieselbe Stadt, in die ich für Schule, Kirche, alles gefahren bin. Irgendwie ist das trotzdem Heimat. Und durch diese Heimat streife ich

und es tut weh.

All das, was kaputt gegangen ist, tut weh.

So viele Freunde, die nun weg sind, ob Kontaktabbruch, weggezogen oder tot. Die Kirche, die ebenfalls ein Zuhause war und nun zerrüttet ist und nichts übrig ist als etwas, zu dem ich kaum noch Bezug finden kann. Meine Familie, in der sich so viel verändert hat, manches gut, manches schlecht, vieles herausfordernd. Große Bauunternehmen verändern das äußere Erscheinungsbild stetig. Meine Heimat wird mehr und mehr etwas, was – wenn überhaupt – nur noch in meiner Erinnerung existieren kann.

Ich gehe durch die Straßen und nehme Abschied, Ort für Ort, von allem, was dort passiert ist, was ich damit verbinde, wer dort einmal war oder vielleicht noch ist. Ich nehme Abschied und bin traurig. Traurig sein ist wichtig. Ich bin oft zu wenig traurig. Aber jetzt bin ich traurig. Jetzt ist okay, ganz in Ruhe zu spüren, wie sehr es weh tut.

Ich werde noch ein wenig hier bleiben. Hier, wo es weh tut. Es ist gut, hier zu sein. Und dann, bald schon,

geht es weiter.

Da ist ein Junge

Kleine Gedanken eines Abends, an dem ich spät nach Hause gekommen bin und mich ganz friedlich gefühlt habe.

Da ist ein Junge.

Er und ich haben letztens zusammen eine Übung gemacht. Wir sollten etwas ausprobieren. Es war ziemlich lustig und wir haben beide etwas erkannt. Es war ein klitzekleines Erlebnis, das wir nun teilen. Vorher war da eine Aufgabenstellung, nachher war da ein „Er und Ich“.

Da ist ein Junge,

und heute hat er mich angelächelt und auf mich gewartet. Er hat gewartet, bis ich mir meine Jacke und meinen Schal und meine Mütze angezogen hatte, bis ich meine Mappe und meine Flasche in meinen Rucksack gepackt hatte, bis ich den Rucksack aufgesetzt hatte und fertig gewesen war. Dann sind wir beinahe schweigend die halbe Minute bis zu meinem Fahrrad gegangen. Ich hab mich gefragt, ob er auf mich gewartet hat, um mir noch etwas zu sagen. Aber er hat mir nur eine gute Heimfahrt gewünscht. Dann war er weg.

Da ist ein Junge,

und ich bin ein Mädchen. Mit einem Mädchenherz. Ein Mädchenherz, das ein bisschen wärmer und größer wird, einfach nur, weil da ein Junge ist, der mich anlächelt und auf mich wartet.

Ich weiß nicht, ob er etwas sagen wollte und sich nur nicht getraut hat.
Ich finde es gut, dass er nichts gesagt hat. Es gab nichts, was ich hören wollte. Es gab nichts, auf das ich antworten wollte.

Da ist ein Junge, und er hat heute mein Herz warm gemacht und wahrscheinlich keine Ahnung davon. Das ist auch gut so. Ich bin ein Mädchen, und ich bin leicht zu beeindrucken. Aber das braucht ja keiner wissen. Ich lasse mich gerne beeindrucken, und dann behalte ich es für mich.

Ich bin ein Mädchen, und jetzt gehe ich schlafen. Morgen ist ein neuer Tag.

Ein Luftballon aus Licht

Frost liegt über der Stadt. Er durchdringt den Boden, lässt die Luft klirren und die Autos glitzern. Viele Fenster sind warm erleuchtet. Ich pflücke mir eins und laufe mit einem Luftballon aus Licht durch die Straßen. Bäume stehen dort wie stille Tänzer in Startposition, scheinen zu warten auf Musik und Wind und Frühling. Ein paar Jugendliche mit lauten Stimmen verschwinden in einer trüben Einfahrt zwischen steif herab geneigten Häusern. Ein Bus rauscht vorbei und es wird wieder still. Auf dem Asphalt schimmern kleine Eiskristalle weiß im Laternenlicht.

Ich fühle mich, als würde ich durch ein Gemälde laufen. Oder durch ein Gedicht. Meine Hand wird kalt und ich nehme die Schnur meines Luftballons aus Licht in die andere Hand.

Es ist still. Diese Stille ist so schön, weil niemand sie füllen muss. Alles, was ist, ist schon genug: Die Fenster, die Bäume, die Straßen, der Frost. Dazwischen laufe ich. Ich muss lächeln, weil ich mich an die Reaktionen anderer Menschen auf solche Gedankenbilder erinnere, wenn ich es doch mal gewagt und sie ausgesprochen habe. „Typisch Sina: Bäume sind auf einmal Tänzer, erleuchtete Fenster kann man pflücken und die Welt ist ein Kunstwerk.“ Aber so ist es nunmal auch! Es ist eben eine stille Freude. Ich erdenke Farben und Stimmung und Worte und umspinne damit die Stadt und die Straßen. Mein Publikum ist mein Herz. Alles hier ist sich selbst genug, und in diesem Moment bin ich mir das auch.

Zuhause, ich komme zu Hause an. Ich lasse meinen Luftballon in den Nachthimmel steigen und sehe ihm nach, bis ich ihn von den Sternen nicht mehr unterscheiden kann.

durch die Schattentage gehen

Wenn ich in letzter Zeit in den Spiegel gucke, dann erschrecke ich mich manchmal. Ich bin so dünn geworden. Mein Gesicht ist schmaler, meine Schultern zeichnen jeden Knochen ab und ich kann meine Rippen zählen. Und ich bin so blass – waren meine Augen schon immer so dunkel? Müde, geschafft. Ich sehe ein bisschen aus wie eine Blume, die zu wenig Wasser bekommen hat.

Ja, es war mal wieder viel, was ich in letzter Zeit mit mir herumzutragen hatte. Viel, mit dem ich gekämpft habe. Das geht jetzt schon einige Jahre so: Ein Kampf folgt dem anderen. Ich warte auf eine Zeit, wo es einfach mal okay ist. Wo ich nicht so stark sein muss. So viel stärker und mutiger, als ich mich fühle.

Manchmal träume ich dunkle Geschichten, in denen ich etwas Schlimmes verhindern muss und nicht weiß, wie. Dann wache ich hilflos und verzweifelt auf und komme kaum wieder im echten Leben an. Gestern war mal wieder so eine Nacht, und heute ist mal wieder so ein Tag: So ein Schattentag. Irgendwie wird es einfach nicht hell in mir. Das war jetzt monatelang normal, aber die letzte Woche war doch endlich mal gut. Warum ist es jetzt wieder dunkel? Ich will nicht zurück. Ich will nach vorne, ich will, dass es hell wird.

Meine Mama sagt, das ist normal. Schattentage gibts auch auf dem Weg der Besserung. Ich glaube ihr.

Immer wieder bin ich dankbar. In den letzten Wochen fällt mir immer wieder auf, wie gut sich Gott doch um mich gekümmert hat in all den Schattenjahren hinter mir. Ich sehe das an einer Freundin, der es jetzt so geht wie mir vor einiger Zeit. Ich sehe, dass ich da auch war, wie ich war, wie ich kaum Hoffnung gefunden habe und wie mich diese Zeit im Rückblick doch stärker, verständiger und liebevoller gemacht hat.

Und ich bin dankbar für all die kleinen Dinge. Jede Nacht, die ich gut schlafe. Jeder Tag, an dem ich mich lebendig fühle. Freue mich über Sonnenstrahlen und den Mond, über Primeln und Grünspechte, über die Vorlesestimme von Gert Heidenreich und über die unzähligen Knuddler meiner geduldigen Freunde. Letzte Woche, da haben wir zusammen Musik gemacht, und ich hab mich mal voll was getraut. Das war gut. Dafür bin ich auch dankbar. Dankbarkeit ist meine Stärke, das weiß ich.

Ich bin wie ein Kind. Wie ein kleines Kind. Ich kann nicht groß planen, weil ich nie weiß, wie es weitergeht. Ich kann nur jeden Tag nehmen, wie er kommt. Und ich weiß von mir, dass ich mich freue, wann immer es geht, und dass ich mit leeren, bedürftigen Händen alles annehme, was mir gegeben wird.

Es wird mich stark machen. Das weiß ich. Jetzt muss ich es nur noch glauben.