Offenbar keine sozialen Medien.

Nichts originelles, einfach nur meine Erfahrungen aus den letzten Wochen und Monaten.

Seit einigen Monaten beobachte ich mich dabei, wie ich die sozialen Medien nach und nach verlasse. Es ist faszinierend, zu sehen, wie ich seit Januar kontinuierlich an dem Thema dran bin, ohne mich je bewusst dafür entschieden zu haben. Ich merke, dass ich eigentlich viele Dinge im Leben nicht bewusst angehe, sondern es mich einfach irgendwo hinzieht. Ich fühle mich dann selbst mehr wie ein Beobachter als wie der Protagonist. Das ist gar nicht schlecht. Manchmal weiß mein Gefühl besser Bescheid als mein Kopf.

Natürlich ist das Thema „soziale Medien“ und „Onlineleben“ für mich nichts Neues gewesen, das ist es für keinen von uns. So gut wie jeder hat damit schon gerungen, hat sich Meinungen gebildet, sie verändert, sich Vorsätze gemacht, sie gebrochen, manches vielleicht durchgezogen. Wir sitzen da alle im selben Boot. In der Vergangenheit habe ich immer wieder mal Medien gefastet, hab mal sechs Wochen, mal drei Tage, manchmal auch nur auf eine der Plattformen… Das war immer gut, manchmal aber auch ziemlich unpraktisch.

Im Januar habe ich zu allererst eine Plattform verlassen, auf der ich noch gar nicht lang war.

Ein YouTube-Kanal, den ich finanziell unterstütze, hat eine eigene Plattform für seine Unterstützer gegründet, von der ich Teil war. Ich wusste nicht, dass ein großer Anteil der Unterstützer evangelikal-christliche Amerikaner sind. Und ich wusste auch nicht, was für eine sonderliche Gruppe Menschen das sind, und wie anstrengend sie für eine nicht so evangelikale Europäerin sein können. „Entweder muss ich entspannter mit unseren gravierenden Unterschieden sein oder ich muss hier weg“, dachte ich irgendwann. Und dann hab ich beschlossen, dass ich keine Lust habe, beinahe täglich die Energie dafür aufzubringen, fremde Amerikaner auszuhalten.

Sie waren auch zu sehr in meinen Gedanken, diese Amerikaner, mit ihren Sonderlichkeiten und ihren problematischen Ansichten. Ich mag es nicht, meine Gedanken so gefangen nehmen zu lassen. Am liebsten habe ich meine Gedanken frei für was auch immer ich gerade tue.

Dann habe ich Instagram gelöscht. Instagram war eine komische Geschichte. Auf Instagram habe ich auch immer wieder Dinge gefunden, die ich gewinnbringend für mich fand. Spannende Geschichten, faszinierende Bilder, Updates von Bekannten, selbst Dinge teilen zu können. Gleichzeitig war es auch ein Zeitfresser und manchmal hat es mich auch genervt. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob es netto mein Leben besser oder schlechter macht. Lange hab ich auf dieser Frage rumgekaut. Und dann hab ich beschlossen, dass es mein Leben so viel besser machen kann, wenn mir diese Frage so schwer fällt.

Instagram zu löschen hat wirklich Zeit und Gehirnkapazität frei gemacht. Der Blick ging weniger nach außen in diese künstliche Internetwelt, sondern blieb mehr hier bei mir, in meinem Leben. Das hat sich gut angefühlt.

Als mein bester Freund dann mit einem datenschutztechnisch weitaus unbedenklicheren Messenger als die Gehabten um die Ecke kam, weitete sich mein Blick auf die Themen Datenschutz und Monopolbildung. Facebook gehört Instagram und Whatsapp – ist das gut so? Wollen wir uns abhängig von einem riesigen Konzern machen, wenn es um unsere Kommunikation übers Internet geht? Das hat sich schon lange nicht mehr gut angefühlt, aber die Praktikabilität hat meist gesiegt. Doch jetzt war etwas anders. Die Gesellschaft wurde merklich aufgerüttelt. Als ich vor Jahren für mein Fasten Leute dazu bewegen wollte, zu anderen Kommunikationswegen zu wechseln, war die Bereitschaft sehr gering. Jetzt haben die meisten ohne Rückfrage einen neuen Messenger installiert. Natürlich hat nicht jeder mitgemacht. Es kam mir ein bisschen immer noch so vor, als würde der, der Whatsapp nicht nutzt, alles kompliziert machen und auf die Rücksichtnahme der anderen hoffen müssen. Aber ist der, der auf den datenschutztechnisch fragwürdigen Messenger besteht, nicht eigentlich der größere Troublemaker? Ich bin jedenfalls zu dem Schluss gekommen, dass beim Tauziehen um den zu nutzenden Messenger logischerweise der sicherere gewinnen soll und dass ich mich nicht mehr für meine Whatsapp-Abneigung zu entschuldigen brauche. Es hat Wochen gebraucht, bis ich mein Leben umorganisiert hatte, aber dann war es so weit: Kein Whatsapp mehr. Und trotzdem alles weiterhin praktisch.

Jetzt nutze ich zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren keinen Dienst des Konzerns facebook mehr. Das fühlt sich unverschämt gut an. Natürlich kann ich die Daten, die sie bereits von mir haben, nicht mehr zurückholen. Aber neue Daten können sie nicht mehr sammeln. Die Zukunft gehört nur mir.

Es verbleibt ein Datenriese. YouTube. Momentan versuche ich, meinen täglichen Konsum auf maximal zwei Videos zu begrenzen. An vielen Tagen fällt mir das sehr leicht und ich schaue nicht mal zwei Videos. An anderen Tagen fällt mir das unglaublich schwer. Manchmal ziehe ich es auch nicht durch. Aber insgesamt verbringe ich weniger Zeit auf YouTube und die Zeit, die ich dort verbringe, verläuft sehr gezielt und auch in gewisser Weise „genussvoll“. Das verbuche ich als Erfolg.

Immer wieder, wenn Leute über ihre Austritte aus den sozialen Medien reden, sagen sie, wie viel glücklicher sie jetzt sind. Mir fällt das schwer zu beurteilen, weil ich so schnell vergesse, wie sich mein Leben zu einem anderen Zeitpunkt angefühlt hat. Aber was ich weiß, ist, dass ich jetzt mehr Zeit im hier und jetzt verbringe und weniger im Außen, im Ganzweitweg, im Woanders. Und das Prokrastinieren ist ein bisschen besser geworden. Immerhin. Ich vergleiche meine Kunst weniger, weil ich weniger zum vergleichen sehe. Ich gewöhne mich langsam daran, wie ruhig und langweilig mein Handy geworden ist. Ich kriege weniger Meinungen, Empörungen, Zynismen mit, was mein Leben echt sehr viel besser macht. Vielleicht bin ich tatsächlich glücklicher. Aber es ist keine Wunderheilung. Die meisten Probleme, die ich vorher hatte, hab ich auch immer noch. Für mich fühlt sich die Veränderung in meinem Leben kleiner an, als man es aufgrund von so vielen so konsequenzreichen Entscheidungen erwarten würde.

But hey, I take it.


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