Per Schiff den Horizont ergründen

Ich versuche, auf dem offenen Meer mit den Augen den Horizont zu ergründen, doch er ist weit. Der Himmel wirkt höher und das Meer ist da in einer unendlichen, machtvollen Ruhe. Und obwohl es doch nur Wasser ist, können meine Augen sich nicht satt sehen. Das Segelboot schwankt unter mir, vielleicht irgendwie rhythmisch, oder auch nicht. Warmer Wind trocknet die Salzwasserhaare.

Es ist paradox, wie man auf dem Meer so alleine und so zusammen gleichzeitig sein kann. Obwohl da niemand ist, soweit das Auge reicht, sind zehn Menschen auf ein paar Quadratmetern die ganze Zeit beieinander. Das ist intensiv, irgendwie – mal mehr, mal weniger gewollt, von unterschiedlichen Menschen. Es ist ein Ort, wo man Geheimnisse finden kann – in Wahrheits-Worten und Herausforderungs-Bewältigungen und Beobachtungen. Ein Hauch Narnia liegt im Wind, wenn ich Dinge lerne, von denen ich mein Leben lang zehren werde, wenn ich neue Wege und neue Ziele sehe, sich die nächsten Schritte abzeichnen.

Ich werde zeitlos. Ich kaufe mir einen Hut und bekomme Sommersprossen. Ich habe Bauchschmerzen und Deutschland wird Weltmeister. So Sachen eben. Kommt vor.

Wir machen unsere Hände auf und bekommen jeder Dinge hineingelegt. Wie das so ist – jeder etwas anderes, jeder das Beste für sich. Und wir schließen unsere Hände, halten es fest, und werden uns das nicht mehr nehmen lassen.

Es war auch manchmal schwer und ich wollte nicht mehr. Menschen kamen mir zu nahe oder waren zu weit weg, waren zu laut und ließen mich nicht, und tickten so völlig anders als was ich verstehe. So manches Mal verkroch ich mich vor lauter einsamer Hilflosigkeit und Überforderung in mir drin und fand den Weg hinaus nicht mehr.

Und doch war es gut, dass ich da war – das weiß ich ganz sicher – denn der Horizont, den ich eine Woche lang mit den Augen verfolgt habe, ist weiter geworden.
Innen drin.
Und außen rum.

Der unbeschreibliche Geruch meines Schlafsackes

Man muss wissen, dass Schlafsäcke in meiner Familie eine besondere Position einnehmen. Wir wissen alle, warum man Schlafsäcke in ihre Hüllen stopft und sie nicht vorher zusammen rollt oder warum man sie nicht über längere Zeit in ihren Hüllen aufbewahren soll. Wir wissen, dass es in guten Schlafsäcken das wärmste ist, möglichst wenig anzuhaben, und dass man für warme Füße den Fußraum verkleinern muss. Bei uns meckert keiner rum, weil er im Schlafsack schlafen soll. Wir haben unsere Schlafsäcke stundenlang in Rücksäcken herumgeschleppt. Sie haben Waldböden, Wiesen, Zelte und Zimmer kennen gelernt. Sie haben uns an verschiedenen Orten der Welt gedient. Und zumindest ich habe zu meinem Schlafsack in all der Zeit fast schon eine persönliche Beziehung aufgebaut.

Und heute gehe ich auf den Dachboden, um ihn mal wieder in seinen Dienst zu rufen. Ich ziehe die Kiste mit meinem Schlafsack zwischen all den anderen hervor und mache sie auf. Da ist er. Ich fasse mit meiner Hand hinein und rieche diesen Geruch, und mit einem Mal bin ich nicht mehr auf dem Dachboden. Ich bin am Meer und lese nach einer anstrengenden Windsurfeinheit. Ich bin auf dem Segelschiff und versuche, irgendwie aufzuwachen. Ich liege nachts auf dem Waldboden wach und höre dem Wind und den Blättern zu. Ich bin mitten in einer Schlacht Würmercatchen (also Prügeln im Schlafsack) zum Aufwachen auf einer großen Wiese. Ich übernachte bei Freunden, liege in Zelten, bin im Urlaub.

Man könnte meinen, mein Schlafsack stinkt nach Käsefüßen, Schweiß, Dreck und Lagerfeuer, doch es ist nicht so. Objektiv gesehen riecht er wahrscheinlich nach gar nichts, höchstens nach Baumwolle und Polyester und vielleicht noch nach Dachboden, aber für mich riecht er nach Urlaub, Abenteuer, frei sein, raus können aus diesem langweiligen, anstrengenden, zivilisierten Alltagsleben, und trotzdem nach Geborgenheit, Wärme, Zuflucht und zu Hause. Ich grinse. Ferien-wegfahr-Gefühl, und das ohne Ferien. Nur ein Wochenende, nicht draußen schlafen und keine großen Abenteuer – trotzdem. Mein Schlafsack kommt mit, und mit ihm der kuschelige, weiche und warme Rückzugsort meiner Feldzüge. Hach, ich fühl mich ganz poetisch und glücklich und fast kitschig, aber nein, kitschig bin ich ja nicht, also nur poetisch und glücklich. Das Geräusch vom Reißverschluss, das vertraute Gefühl, als ich ihn in seine Hülle stopfe –

So, und jetzt wird weitergearbeitet, verdammt. Was soll der Quatsch. Das ist nur ein Schlafsack.

Abenteurerin.

Frauen sind schön und Männer sind stark. Irgendjemand hat das irgendwann mal so festgelegt, und irgendwie hat er damit auch Recht. Die Männer bekommen damit die Lizenz, zu kämpfen und wild zu sein, abzuhaun in die Natur und auf Abenteuersuche zu gehen – halt zu leben. Und Frauen kriegen damit die Lizenz – für Kosmetikkurse und Kleider, Mädchenabende und Männer verführen. Na toll. Ja, jede Frau will schön sein und das ist ein Wunsch in einer Frau, der nicht zu unterschätzen ist, aber mir fehlt da etwas ganz erhebliches.

Ich will auch wild sein, den Puls und den Atem der Natur fühlen, für etwas kämpfen, Abenteuer erleben. Ich will nicht die Prinzessin im Turm sein, die wartet und wartet und dann gerettet wird und dann in ihre neue Burg kommt. Ganz bestimmt nicht. Ich will raus. Ich will die Ronja sein, die selbst in den Wald geht, ihn erforscht und zu ihrem Reich macht. Erst dort lernt sie Birk kennen. Ja, isso. Ich bin es leid, dass Männer denken, sie wären für den Teil mit dem Kämpfen zuständig, und wir sollen sie dann bejubeln. Ich will auch für etwas kämpfen, und am allerliebsten zusammen.

Ich liebe es, mich an unsere Familienurlaube zu erinnern. Das waren Abenteuer. Eine Woche Kanu fahren auf Seen in Mittelschweden, Seewasser trinken und alles nötige in weißen Plastiktonnen, Zivilisation irgendwo hinter wunderschönen Wäldern und Felsen. In den Bergen wandern, ohne Wege durch Geröllfelder und zu Gipfeln hoch, aus eiskalten Bergbächen trinken, und immer weiter, von einer Hütte zur nächsten, Lebensrhythmus nach Wetter. Segeln im Wattenmeer, aus Versehen bei Windstärke acht auf dem Wasser, nass bis auf die Haut, Ruder führen, Seile belegen, Bojen suchen. Windsurfen, nicht gegen, sondern mit dem Wind arbeiten, Balance und voller Körpereinsatz, Wellen und Wetter meistern. Oder nicht die Familienurlaube, sondern das Sommerlager: Eine Nacht im Wald schlafen mit dem Geruch von Laub in der Nase, kochen auf offenem Feuer, alles wichtige in Wanderrucksäcken, die Toilette ist der nächste Busch und Zähneputzen überbewertet. Wer, und vor allem: welche Frau sagt denn zu so etwas nein, wenn nicht aus dem Grund, dass schlechte Erfahrung oder Angst sie lähmt? Ich behaupte mal, das sind nicht besonders viele. Also ich hoffe es.

Und ich will, dass ich das darf. Dass mir das voll und ganz zugestanden wird. Dass ich in der Rolle der Abenteurerin nicht nur toleriert, sondern vollständig akzeptiert, komplett angenommen und durch und durch erwünscht bin. Ich kann auch Feuer machen, und ich kann kämpfen, und ich kann stark sein, also nehmt mich mit, baut mich ein. Ich will dabei sein.

Lasst mich bitte nicht allein in dieser Welt, in der vorbildlich emanzipierte Frauen in ihren Büros Managerrollen einnehmen und junge Mädchen sich jeden Morgen vor der Schule schminken. Nehmt mich mit, lasst mich raus, lasst mich frei.

Ich will Abenteuer.