Nö, ich bin nicht tolerant

Wisst ihr, Toleranz find ich eigentlich blöd. Und bevor jetzt alle „Nazi!“ schreien, hört mir wenigstens kurz mal zu.

Ich liebe Menschen. Menschen sind ne klasse Erfindung, und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder einzelne Mensch eine klasse Erfindung ist. Klar, einige haben Charaktereigenschaften und Prägungen, die mit meinen nicht besonders gut kompatibel sind, aber das ändert ja nichts an ihrem oder meinem Wert. Nur, weil ich mit jemandem nicht klar komme, ist ja noch nicht der andere das Problem. Und ja, es gibt auch Menschen, in deren Geschichte etwas so gründlich falsch gelaufen ist, dass sie jetzt in schwerwiegender Kriminalität oder in okkulten Sekten gelandet sind. Doch auch das ändert nichts daran, dass der Mensch wertvoll ist. Ich bin sogar so verrückt zu glauben, dass jeder Mensch innerlich heil und neu werden kann, egal was war. (Das liegt an dem Gott, an den ich glaube. Mit Jesus geht sowas nämlich.)

Ich liebe Menschen, und das ist eine Grundlage, die unabhängig von Eigenschaften wie Hautfarbe, Religion oder Ansichten ist. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Das ist mein Ideal. Um ehrlich zu sein, müsste ich sagen: Es ist mein Ziel, alle Menschen unabhängig von irgendwelchen Merkmalen zu lieben. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass sie wertvoll sind, selbst wenn ich sie nicht immer lieben kann.

Was ich nicht liebe, ist jede beliebige Religion oder Ansicht oder Orientierung oder was auch immer. Es gibt Sachen, da bin ich gegen. Ich habe ein Wertesystem, und kein Wert darin lautet „Hinnehmen von schlechten Trends“. Und das ist genau das, was Toleranz so oft ist. Ich glaube zum Beispiel, dass es keine guten Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben wird, wenn „Familie“ weiterhin immer loser definiert wird und Kindern die stabilen Verhältnisse (bestehend aus einem Vater und einer Mutter) genommen werden. Da bin ich überhaupt nicht tolerant. Oder viel kleiner: Wenn eine Freundin beginnt, langsam in die linke Antifa-Szene abzurutschen, dann sage ich völlig intolerant: „Tu das nicht. Das ist nicht gut. Ich will nicht, dass du Schaden nimmst, also bitte bleib da draußen.“

Jap, ich bin intolerant. Ich sage: Find ich blöd. Aber meine Feinde sind nicht Menschen. Meine Feinde sind abstrakter, sind Meinungen und Ideologien, sind Denkweisen und Systeme, Umgangsweisen aus Rache- und Wutgefühlen und Vergangheitstraumata. Meine Feinde sind böse Einflüsse und negative Trends. Ich kämpfe mit meinen Worten, meinen Gebeten, meiner Haltung, meiner Liebe, dem Guten in mir. Ich kämpfe für Menschen und ich kämpfe für das Licht. Und in diesem Zuge bin ich so intolerant, das gibts überhaupt nicht.

Und wisst ihr was? Ich schreibs mir auf die Fahne. Ich schreib mir auf die Fahne, intolerant und voller Liebe zu sein. Das will ich.

1000 kleine Geschichten

Du sagst, du seist uninteressant. Dein Leben sei langweilig. Du hättest keine Geschichten zu erzählen.

Und ich – ich glaube dir nicht. Ich glaube, du hast 1000 Geschichten zu erzählen, große und kleine, von deinem Mut, deiner Angst, deinem Humor, deinen Fragen, deiner Welt, wahre und unwahre, fröhliche und traurige, abgeschlossene und gerade erst begonnene, gern erzählte und tot geschwiegene. Ich glaube, in dir drin, da stecken so viele Farben, Töne, Gedanken, Weisheiten, Erkenntnisse, Pointen und Bilder – manche sind zugänglicher als andere, aber alle sind irgendwie da und für die Menschen um dich herum unentdeckt und neu. Keiner sieht die Welt wie du, keiner durchdenkt die Welt wie du, und keiner kann die selben Geschichten erzählen wie du. Weißt du das?

Wenn ich dir in die Augen sehe und über deine Aussagen nachdenke, bin ich fasziniert. Warum? Gut, auf der einen Seite mag ich dich einfach. Auf der anderen Seite bist du ein ganz anderer Mensch als alle anderen, die ich kenne. Ich verstehe dich nicht. Weil ich nicht du bin; kein anderer kann dich wirklich verstehen. Aber ich fühle mit dir, ich lerne dich besser kennen, und mich interessieren deine Geschichten.

Mich interessieren die Geschichten, die dich zu der Person gemacht haben, die du bist. Mich interessieren die Geschichten, die du gerne erleben würdest, erlebt hättest, erleben könntest. Du bist nicht gewöhnlich. Und auch, wenn deine Geschichten vielleicht nicht total spektakulär sind, nicht für einen Roman ausreichen, einen Fremden kaum fesseln könnten, will ich sie hören. Denn sie machen Sinn, weil du sie erzählst.

Du bist interessant, mein Freund. Nicht langweilig – sag sowas nicht über dich. Du hast Geschichten zu erzählen, und ich möchte dir eine gute Zuhörerin sein.

Bin Menschenweltenbummler

Heute: Suche Weltenmenschen und Menschenwelten.

Die Erkenntnis, dass die Welt jeder Randfigur meines Lebens so komplex ist wie meine.
Ich schweige ein paar Minuten über dieser schlichten Feststellung.
Der Gedanke wird breiter, dann tiefer und dann grundlegend. Ja, es ist so.

Also, was tut man? Forschen gehen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist Menschen kennenlernen. Vor allem die Welten dieser Menschen. Die Innenwelt. Die Außenwelt. Gerade sitze ich in einem kleinen Teil der Außenwelt eines Menschen, den ich kaum kenne. Er wohnt in der WG eines Freundes und hat mir spontan für ein paar Stunden sein Zimmer angeboten. Es ist ein kleiner Weltenausschnitt eines Menschen.

Eines Weltenmenschen, denn er lebt in vielen Welten, und ein paar davon sehe ich hier. In einem kleinen Teil seiner Welten komme ich vor, und in einem kleinen Teil meiner Welten kommt er vor. Eine Weltenschnittfläche. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist derselbe Ort für ihn eine andere Welt als für mich. Weltenüberschneidungen, Überlagerungen.  Komplementärwelten. Kontrastwelten. Weltenforschung.

Vorhin saß ich in einer Küche, um mich herum vier Weltenmenschen, die sich gerade in einer Welt getroffen haben, und ich war dabei. Berührungswelten, Weltentreffpunkte. Ich mag das, mit Menschen in einer Welt zu sein. Heimatwelten. Mag es, wenn das „ich bin“ und „ich denke“ und „ich fühle“ mit dem „du bist“ und „du denkst“ und „du fühlst“ zusammen in eine Welt passt. Mag es, wenn es zwischen anderen passt und ich einfach dabei sein darf. Das ist nämlich wie Raum geschenkt bekommen zum Ankommen und Gucken und Sein. Das ist wie in das WG-Zimmer gelassen werden, ganz offen, wo ich jetzt Auszeit haben darf. Das ist wie: Meine Welt, jetzt offen für dich, komm und bleib mal ein bisschen. Du brauchst diesen Ort nicht mehr selbst schaffen, denn er ist schon da, schon vorbereitet für dich, und du brauchst gar nichts mehr tun. Zufluchtswelten. Ich als Weltengast. Weltenfreund. Ich komme ins Asyl, wenn bei mir eine Welt ein bisschen untergeht. Wenn innerlich politische Unruhen sind.

Werde aufgenommen in eine Welt. Und du, Weltenmensch, hast mir eine Welt geliehen, eine weitere Welt zum Sein. Hast mir Raum gegeben, ein äußeren Raum, der nach und nach einen inneren Raum entstehen lässt, eine innere Welt für ganz viel Neues. Weltenausweitung.

Heute: Bin Weltenmensch, Weltenbummler in Menschenweltengalaxien.

Fußballfieber Edition 60+

„Ich habe in letzter Zeit Fußball für mich entdeckt“, vertraut mir Oma mit wichtiger Stimme an.
„Fußball?“, wiederhole ich zum Amüsement interessiert.
„Ja, Fußball. Ich finde, es ist gut zur Unterhaltung. Da quatscht mir keiner son Blödsinn ins Ohr.“
„Naja, da quatscht schon einer Blödsinn, und zwar nicht zu wenig…“, gebe ich zu bedenken.
„Na, aber den kann man ja ausschalten!“, triumphiert sie.
Ausgefuchst, meine Oma.

„Nein, und schon wieder daneben! Ohh“, höre ich kurz darauf eine mitgerissene Stimme aus dem Wohnzimmer, während ich in der Küche noch das Geschirr vom Abendessen abtrockne. Mir das Lachen verkneifend linse ich aus der Küchentür. Gerade tritt mein Opa hinzu und fragt meine Oma: „Wer denn? Der HSV?“

„Na die Roten!“ Pause. Leiser: „Wer war das jetzt nochmal?“ Pause. Dann wieder voll drin: „Aber sie hatten drei gute Chancen und alle vorbei!“

Komm mit mir in die Tiefe

An meine Freunde.

Bitte komm mit mir unter die Oberfläche.

Bitte komm mit mir dorthin, wo man in die menschlichen Tiefen blicken kann, und sei mit mir dort. Ich will nicht allein sein an diesem Ort, wo ich nichts mehr verbergen kann. Ich habe keine Lust mehr, mich für mich zu schämen, nicht vor mir und nicht vor dir. Ich habe keine Lust mehr, das Gefühl zu haben, alle meine Gedanken und Gefühle und Ideen gründlich filtern und kontrollieren zu müssen, bevor ich sie dir mitteile, weil du mich sonst auf einmal ablehnen könntest. Immer mit der Lüge im Hinterkopf – wenn du mich nur wirklich kennen würdest, würdest du nichts mit mir zu tun haben wollen. Ich hab keine Lust mehr auf das Schauspielern einer idealisierten Version von mir selbst. Die bin ich nicht. Die gibt es nicht. Es gibt nur mich.

Bitte komm mit mir hinter die Fassade, dorthin wo es bröckelt und krumm und schief ist. Ich will in deine Augen sehen und mir dann ganz sicher sein können, dass du mich nicht verurteilst. Dass du nicht auf Abstand gehst, sobald es hässlich wird. Mein Kopf weiß schon lange von dir, dass du Gnade für mich hast, aber mein Herz muss noch nachziehen.

Ich will bei dir sein können ohne den verkrampften Versuch von Selbstbeherrschung. Ich will ganz frei sein können, ohne Angst, dass etwas Verborgenes, Hässliches seinen Weg an die Oberfläche findet. Ich will ganz entspannt sein können, weil ich weiß: Selbst wenn da etwas hochkommt, magst du mich immer noch, willst du mich immer noch zu deinen Freunden zählen.

Bitte komm mit mir, lerne mich mehr und ganz kennen, und bitte sei mit mir da wo ich bin.

Was kannst du eigentlich? (Finds raus!)

Letztens sagte ein Freund zu mir: „Ich bin in gar nichts gut.“ Schockiert, dass so ein wundervoller Mensch sich für so untalentiert und unbesonders hält, habe ich angefangen, Indizien für die eigenen Stärken zu sammeln. Habt ihr Ergänzungen? – Ab in die Kommentare damit!

Für alle Stärken

  • Es bereitet dir keine besonders große Anstrengung.
  • Leute spiegeln dir, dass du das gut kannst.
  • Wenn andere in deiner Anwesenheit für diese Fähigkeit oder Eigenschaft gelobt werden, ärgert dich das insgeheim, weil du das doch auch kannst.

Für Fertigkeiten, Tätigkeiten – was du machst

  • Es macht dir Spaß.
  • Während du es tust, kannst du die Zeit vergessen.
  • Es ausgelebt zu haben, fühlt sich erfolgreich an und befriedigt dich. Es geht dir nachher tendenziell besser als vorher.
  • Es nervt dich, wenn andere da mit weniger Aufwand viel besser drin sind. Solche Menschen ziehen dich an und stoßen dich ab gleichermaßen: Dich fasziniert ihr Können und du willst von ihnen lernen, und gleichzeitig hast du bei ihnen ständig vor Augen, wie „schlecht“ du bist. Besonders schlimm, wenn sie dir nahe stehen. (Es sei denn natürlich, du bist über dieses Vergleichen-Problem schon komplett hinweg. Was ich für unwahrscheinlich halte.)
  • Du würdest es sooo gern wirklich können! … bist aber eventuell der Meinung, du kannst es nicht. (Was übrigens von einem hohen Maßstab zeugt, der wiederum von einem guten Verständnis der Sache zeugt, welcher wiederum von Potenzial in diesem Bereich zeugt – nur mal so.)
  • In diesem Bereich zu versagen bedeutet für dich eine Frustration ohnegleichen. Kratzt eventuell auch an Identität und Selbstwert, auch wenn du das nicht zugeben würdest.
  • Anerkennung dafür zu bekommen ist zwar schön, dir aber gar nicht so wichtig. Du würdest es auch ohne Anerkennung tun / tust es auch ohne Anerkennung.
  • Utensilien, die du für diese Tätigkeit brauchst, faszinieren dich.

Für Eigenschaften, Denkweisen – wie du denkst und fühlst und tickst

  • Es ist für dich schwer verständlich und nervt dich manchmal sogar, wenn Leute das nicht beherrschen. Warum sie das nicht kapieren, sich nicht in Person X reinfühlen können, ihre Verantwortung nicht übernehmen können, ihr Problem nicht offen ansprechen können …
  • Du nimmst das gar nicht als so etwas besonderes wahr. Erst wenn Leute dich dafür loben, fängst du an, darüber nachzudenken, dass es gar nicht selbstverständlich ist.
  • Wenn du anderen erzählst, dass du so tickst, und du ihnen danach leid tust, nervt dich das, weil du innen drin weißt, dass es eigentlich was Gutes ist. Der andere verstehts nur nicht.
  • Du wurdest oft für die Kehrseite dieser Stärke kritisiert, was dich immer ziemlich aufgeregt hat, weil die positiven Auswirkungen dieser Eigenschaft allzu oft unbemerkt blieben. Oder du bist dir gar nicht bewusst, dass auf der anderen Seite dieser Schwäche eine großes Potenzial liegt, weil diese Kritik deinen Blick auf dich verzerrt hat.

Und nur mal so ganz allgemein: Lieber Leser, du hast eine einzigartige und auf ihre Weise geniale Kombination von Stärken. Wenn du sie noch nicht kennst, dann darfst du jetzt voller Vorfreude auf Schatzsuche gehen, weil du wissen kannst, dass es da noch viel zu entdecken gibt!

Wirklich, ich kenne viele Menschen und mir ist noch nie einer untergekommen, bei dem der Schöpfer die Stärken vergessen hat. Falls du das also von dir glaubst, lass dir gesagt sein: So besonders bist du dann auch wieder nicht.

(Aber schon ziemlich.)

Wie du da saßt

(Wenn ich jetzt sage, dass ich das in meiner Deutsch-Vorabiklausur auf ein Löschblatt gekritzelt habe, kommt das dann komisch? – Egal. Die eineinhalb Minuten wars mir wert.)

Wie du da saßt
und geredet hast
von irgendwas

Und ja, spannend war das auch
und ich mag deine Themen
meistens

Aber eigentlich
wollte ich nur wissen
es hören

wie sehr du mich magst.