Tage gewogen

Texte vom langsamen Beginn einer ersten Liebe 4/4 – heute: vom Warten auf ein Wiedersehen

Ich sitze hier und zähle Tage an meinen Fingern ab. Linke Hand, rechte Hand. Wieder linke Hand. Wieder rechte Hand. Und so weiter. Immer wieder muss ich von vorne anfangen. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger…

Zeit vergeht nicht schneller und nicht langsamer, als sie es nun mal tut. Man kann nicht daran rütteln. Sie ist, wie sie ist. Das weiß ich. Ich muss das akzeptieren. Irgendwie.

Du – ich vermisse dich. Ich vermisse dich, und wenn man vermisst, dann gibt es kein „nur noch“ und „schon so bald“. Dann ist alles „so lange noch“ und „erst dann“. Weit weg. Wie hält man das aus? Wie erträgt man? Man beginnt bei einem Tag. Dann noch einen, dann noch einen, immer weiter. Händevoll. Immer noch einmal von vorne durchgezählt.

Ich denke an dich, denke an uns, und dann spricht etwas in meinem Kopf – ganz undramatisch, eine ruhige und nüchterne Feststellung: Du bist jeden einzelnen Tag wert, den ich auf dich warte.

Tage gewogen, und wenn Vermissen die Einheit ist, dann wiegen sie schwer, und ich mag nicht mehr. Tage gewogen, und ich wiege sie daran, wie sehr du es wert bist. Leicht. Sie wiegen leicht.

Tage um Tage. Ich vermisse dich und ich weiß: Du bist es wert. Müde. Wieder ein Tag um. Gearbeitet und gelernt, gelacht und gerungen. Gottes Worte in mein Herz. Für ihn leben und auf dich warten. Ich liebe dich. Du bist es wert.

Jason

Aus dem Oktober 2015

Das erste Mal habe ich Jason nur bemerkt, weil er als einziger zwischen all den Chinesen und Indern blonde Haare hat. Nun ja, nicht wirklich blond – eher so ein Gelbton. Wir drei deutsche Freiwillige wurden gerade mit der Mitarbeiterschaft der Kirche vertraut gemacht und versuchten uns gleichzeitig chinesische Namen, die Rollen der Menschen und die ganzen Abläufe zu merken. Da Jason eigentlich nichts gesagt hat, habe ich außer seinen blonden Haaren nicht viel von ihm bemerkt.

Das nächste Mal, als wir ihn sahen, drückte er uns eine Tüte in die Hand und sagte: „For you“ Bevor wir kapierten, was passiert war, war er auch schon wieder weg. Wie es sich herausstellte, waren es Früchte. Einheimische Früchte. Wir kannten sie nicht, und andere anwesende Chinesen erklärten uns, wie man sie isst.

Die Sache mit den Früchten wurde zu Tradition. Jason grüßte uns nur sehr selten, aber so gut wie jedes Mal, wenn er uns sah, gab er uns Früchte. Manchmal erklärte er uns noch, wie die Früchte heißen und was man von ihnen isst. Wir gewöhnten uns sehr daran, dass er sie uns manchmal beim Vorbeigehen einfach unauffällig in die Hand drückte. Während alle anderen verdutzt guckten, gingen wir ganz selbstverständlich weiter unserem Tagesgeschäft nach.

Er war es, der uns befreit hat, als das Vorhängeschloss unserer Haustür kaputt ging. Auf all unser Gerede ging er nicht ein, aber er grinste. Das erste Mal länger reden hörten wir ihn, als er bei der wöchentlichen Mitarbeitervesammlung beten sollte. Wir waren ganz fasziniert von seiner tiefen, langsamen, wohltuenden Stimme. Und er war immer da. Immer, wenn wir in der Kirche waren, war er da. „Der wohnt doch in der Kirche“, witzelte meine Mitbewohnerin irgendwann.

Heute trafen wir ihn auf der Straße. Er wollte was essen. Wir auch. Wir taten uns zusammen.

Er erklärte uns eine weitere Art, hier Essen zu bekommen, zahlte Essen und Getränke und quatschte mit uns. Es war wunderbar. Und dann fragte er: „Still got space in your stomach?“

Aus einem einfachen Abendessen wurden vier Gänge. Wir liefen einen Foodcourt weiter und kauften eine Auswahl einheimischer Früchte. Und weil es auf dem Weg lag, auch noch frittierte und teils gefüllte Teigteilchen mit einheimischen Namen. Von jedem eins. „We share“, sagte er, und bezahlte alles selbst.

„I used to live here“, erklärte er uns, als wir gerade die Früchte kauften. Es war eine ziemlich billige Wohngegend mit unglaublich vielen Menschen auf wenig Raum.

„And where do you live now?“, fragte ich.
„In church.“
Wir trauten unseren Ohren nicht.

Früchte und Teigteilchen verspeisten wir genüsslich in der Kirche. So richtig herausgefunden, wo er jetzt lebt, hatten wir immer noch nicht. Gut, das Kirchenhaus bestand neben dem Gottesdienstraum auch noch aus einem Kindergarten und Büros, aber wo sollte da noch Platz für Jason sein?

Und gerade, als wir wirklich dachten, voll zu sein, verschwand er und kam mit Schokoladeneis aus seinem Gefrierfach zurück. Es war ein Fest. Wie sich herausstellte, hatte Jason einen fantastischen Humor und wir lachten viel.

„Can we help you?“, fragten wir nach unserem Menü in der Hoffnung, endlich zu erfahren, wie er lebt. „Yes, come.“

Und dann fanden wir es – hinter einem der Hinterausgänge, sehr geschützt, stand ein blauer Container mit kleinen Fenstern und Pflanzen rundherum, eine Hängeschaukel, ein Metallregal, das Bad gegenüber vom Eingang im Kirchengebäude. Eine kleine Treppe, die zur Tür hinauf führt. Das sah doch genauso aus wie…

„You live like a German childhood hero!“

Unglaublich, unglaublich, wiederholte ich innerlich wieder und wieder. Als Kind hatte ich mir immer vorgestellt, mal so zu leben. In einem Bauwagen oder einem Baumhaus und ganz urig und nah an der Natur und mit ganz vielen schönen Sachen. Jason verstand meine Begeisterung zwar nicht so ganz, grinste mich aber trotzdem aus seinen schmalen Augen an.

„Weißt du, wie ich das heute zusammenfassen würde?“, fragt eine Mitbewohnerin auf dem kurzen Weg nach Hause und brachte es dann auf den Punkt:

„Der chinesische Peter Lustig hat uns zu einem vier Gänge Menü eingeladen.“

Zeiten erkennen

Im Zug saßen ein Mann und eine Frau und lasen schlaue Bücher. Sie hatte ein kurzes, leichtes rosa Röckchen an und eine Strickjacke, die blonden Wellen teils zusammengebunden, teils offen. Er mit Jeans und Hemd, und beide ihre schlauen Bücher mit hochtrabenden Titeln. Er war irgendwie fokussierter als sie. Sie hat ab und zu ihr Buch in den Schoß sinken lassen, aus dem Fenster geschaut und liebevoll ihren Partner an der Schulter berührt. Ob der das wirklich mitbekommen hat, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Er war wirklich versunken.

Auf der anderen Seite des Ganges saß ich. Mein kleiner, grüner Trolly oben auf der Gepäckablage – erst vor einigen Wochen in Malaysia gekauft und ich liebte ihn jetzt schon wie einen alten Kameraden – und meinen schwarzen Rucksack neben mir. Wir fuhren durch einen Tunnel, waren in Bern, wieder raus aus Bern, Industriegebiet – und dann kam das Bergpanorama, das mich gar nicht mehr loslassen wollte. Ich war so lang nicht in der Schweiz gewesen. So kam es mir zumindest vor. Zwei Jahre, rechnete ich nach. Ging eigentlich.

Ich lese keine schlauen Bücher. Ich hab nämlich Zeit. Produktivität, das war mal. Vor einigen Wochen noch, Unterricht, Vorbereitungen, tausend To Dos. Das kommt auch wieder. Studium, Wohnung, Sport und all solche Dinge. Aber momentan, momentan erlaube ich mir, nicht jede Minute weise nutzen zu müssen. Ich bin Zug gefahren ohne etwas schlaues zu lesen oder zu schreiben. Ich habe geguckt. Und damit war ich beschäftigt.

Zeiten erkennen, meinte mal jemand zu mir. Man muss lernen, die Zeiten zu erkennen. Ich liebe dieses Konzept – alles hat seine Zeit. Das Leben funktioniert in Phasen, die sich abwechseln. Unterschiedliches wird wichtig. Es kommt. Es geht. Es gibt einen Rhythmus.

Diese Zeit jetzt ist zum Gucken da. Berge angucken. Angucken, was war. Gott angucken. Mich selbst angucken. Die Welt beobachten. Eine Zeit des Sehens, und die Hände dürfen ruhen, müssen nicht mehr schaffen, tun, geschäftig sein.

Das Paar auf der anderen Seite des Ganges laß schlaue Bücher. Ich schaute. Sie wirkten glücklich, und ich wars auch. Zug fahren, und es beginnt eine neue Zeit.

Pisserziehung oder Die wahre chinesische Männlichkeit

Mein Highlight des heutigen Tages war, im chinesischen Kindergarten an der offenen Toilettentür vorbeizugehen und fünf zwei- bis vierjährige Jungs beim einträchtigen Pinkeln zu erblicken. Sie standen mit heruntergelassenen Hosen und ernsten Gesichtern um die Kindertoilette herum und taten, was sie nun mal tun mussten. Freihändig. Ich war schwer beeindruckt.

Innerhalb meiner achtzehn Jahre Lebenserfahrung bin ich zu dem eindeutigen Schluss gekommen, weiblich zu sein. Trotzdem war ich irgendwie häufig genug dabei, wie kleine Jungs in Deutschland Toilettenerziehung bekommen haben. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber ich habe das Gefühl, in Deutschland wird ausführlich immer und immer wieder gepredigt, dass Jungs sich hinzusetzen haben. Es wird nicht nur gepredigt, es steht sogar auf kleinen Klebeschildern an Toilettentüren und in Klodeckeln.

Trotzdem klappt das natürlich nicht. Mir scheint, die Jungs lernen das nicht und wollen es trotzdem und deswegen wird es eklig. Selbst wenn sie irgendwann erwachsen sind.

Hier ist das anders. Hier werden die Jungs dazu erzogen. Hier sind Zweijährige freihändig treffsicher. Da ist nix eklig.

Vielleicht ist das die Rache am Westen. Für Westler wirken chinesische Männer oft recht weiblich. Sie nehmen die kleineren, schwächeren Stupsnasengesichter mit ihrem Kollektivdenken und Fassadengehabe oft nicht so richtig ernst. Vielleicht ist das Pinkeln der Weg der Chinesen, ihre Männlichkeit zu verteidigen und die Nase bzw. ihren… naja vorn zu behalten. Subtil, kaum einer weiß es, aber wenn sich dann mal die wirklich wichtigen Businessbosse der Welt am Pissoir begegnen…

Wie auch immer. Ich habe dann irgendwann beschlossen, endlich weiterzugehen und diese Inkarnation wahrer chinesischer Männlichkeit nicht weiter anzustarren. Wenn die weiße Freiwillige interessiert den kleinen Jungs beim Pinkeln zuschaut, gibt das schnell falsche Assoziationen, auch wenn sie dabei tiefgreifende Erkenntnisse über die Machtverhältnisse auf diesem Globus hat.

Eines Tages in einer malaysischen Mall

Nach einiger Wartezeit, Sprachverwirrung und Begriffsstutzigkeit meinerseits bin ich in einer von dunklen, verzierten Vorhängen abgegrenzten Kammer mit einer Liege in der Mitte und einem Spiegel an der Wand angekommen. Die gut gebaute Frau bedeutet mir, mich hinzulegen und schlüpft noch einmal durch die Vorhängen davon, vielleicht, um etwas zu holen. Langsam lege ich mich hin. Mir ist etwas unbehaglich. Was tue ich hier?, frage ich mich. Thai-Massage, seit wann mag ich so etwas?

Massage, das gehörte lange zu der Kategorie: So wie die Leute, die ich kenne und so etwas mögen, will ich nicht sein, deswegen probiere ich es lieber nicht, sonst mag ich es auch noch und bin irgendwie so wie sie. Außerdem ist es irgendwie neu und unsicher, und wenn ich es gar nicht erst probiere, dann brauche ich nicht das Risiko von peinlichem Anfänger-hat-keine-Ahnung-Verhalten eingehen.

Das Problem an der Sache ist, dass ich diese Kategorie schon vor einer ganzen Weile aufgelöst habe, weil sie irgendwie ganz schön dämlich ist. Und eigentlich mag ich ja den Rücken durchgeknetet kriegen. Er tut nämlich weh. Also liege ich jetzt hier und warte darauf, dass die Masseurin zurück kommt.

Sie kommt zurück. Sie befreit mich von der Kleidung obenrum, von der ich nicht wusste, ob ich sie auch ausziehen sollte oder nicht und setzt sich auf mich drauf. Einmal fühlt sie über meinen Rücken und Nacken, dann beginnt sie. Eigentlich ganz angenehm, denke ich. Und dann:

Schmerz. Was auch immer sie mir da in den Nacken drückt – Handballen? Ellbogen? – es tut weh. Richtig weh. Mein Körper spannt sich an und ich zweifel an meiner Entscheidung, mich hier hingelegt haben zu lassen. Dann lässt sie wieder ab, knetet mir woanders etwas durch, angenehm, Entspannung. Und wieder Schmerz.

In so viel Schmerz bin ich schon gewesen, seit ich von zu Hause ausgezogen und in ein Zimmer zwölftausend Kilometer weit weg eingezogen bin. So viel Schmerz, in allen Facetten, von dumpf bis schneidend, von konstant begleitend bis in einer schnellen, hohen Welle. Ich habe mich angespannt darunter, gekämpft und nach Lösungen gesucht, hin und her, hin und her mit meinen Gedanken und meinen Strategien. Ich dachte manchmal, es wird besser, und es wurde besser. Und dann kam wieder Schmerz, ein neuer oder der alte zurück, und ich habe das alles wieder angezweifelt. Ausgeliefert.

Merkwürdige Sachen passieren zwischen den Vorhängen: Plopsende Geräusche macht sie, als sie mir mit irgendwas, ihre Finger oder nicht, auf meine Schulterblätter dutzt. Sie fährt mit ihren Fingern durch meine Haare (mit dem Kommentar: „Oh, many“) und massiert meine Kopfhaut. Sie dreht mich auf den Rücken, streicht fest über mein ganzes Gesicht und zwirbelt meine Augenbrauen. Ich verstehe das nicht, aber irgendwie entspanne ich mich und genieße.

Verstehen tue ich hier so vieles nicht. Dieses ganze Land mit all seiner Kultur und den Menschen ist mir ein großes Rätsel. Ich verstehe auch viel nicht, was ich jetzt wohl bin, wie ich reagiere, was meine Gedanken und Gefühle machen. Tage und Wochen und Monate braucht es für mich, damit ich das trotzdem irgendwie nehmen kann, akzeptieren kann, mich nicht darunter anspanne.

Ich versuche, mich nicht anzuspannen. Die Masseurin bedeutet mir, ich soll mich entspannen, auch wenn etwas weh tut. Ich übe das. Mir bleibt nichts als darauf vertrauen, dass sie weiß, was sie tut, und mir das am Ende gut tut. Im Sekundentakt muss ich mich bewusst wieder entspannen, wenn sie ihre Finger fest an schmerzhafte Stellen legt. Konstant.

Und immer wieder loslassen, was mir schwer fällt, immer wieder noch einen Tag angehen, immer wieder mich erinnern an das, was ich schon gelernt habe, was ich genießen kann, dass es vorbei gehen wird. Immer wieder unter dem Schmerz entspannen, ihn nicht verkrampft bekämpfen, sondern vorüber ziehen lassen. Immer wieder. Vertrauen darauf, dass es mir am Ende des Jahres doch irgendwie gut getan hat. Dass Gott weiß, was er tut.

Und wieder und wieder bewegt und drückt die Masseurin ihre Hände auf meiner Haut in einer Weise, die mir so gut tut. Und ich entspanne und genieße und bin so froh, den Spottpreis bezahlt zu haben, den sie hier für die Massage verlangt haben.

Oasen gibt es, ja. Oasen, wo ich ich sein darf und keiner anderes von mir erwartet, von mir verlangt. Oh, gute Momente habe ich hier schon genossen und darf ich immer wieder genießen. Geschenke. So wunderbar schöne Geschenke.

Die Masseurin steht auf, setzt mich hin und nickt. Die Massage ist zu Ende. Ich bekomme meine Klamotten wieder und noch einen Tee und darf ein bisschen ausruhen, bevor ich wieder gehe. Gut wars. So gut. Ich fühle mich gestärkt.

Ich glaube, ich mag Massagen.

Westler im Bus

„Guckt mal. Westler.“

sagt irgendeine von uns dreien, als wir die Busstation betreten.
„Touristen“, diagnostiziert eine andere routiniert.
Die kleine Reisegruppe sieht verwirrt aus und nicht wirklich, als wüssten sie, was sie tun.
„Sollen wir denen mal erklären, wie man Bus fährt?“, frage ich amüsiert-gleichgültig.
„Nee, erst mal schauen, ob sie alleine zurecht kommen.“ Wir grinsen.

Vorhin erst haben wir zwei westlichen Backpackern beim Fähre fahren geholfen: Zur Insel hin zahlt man, zurück nicht. Am Schalter zahlt man nicht und wechselt auch keine Währungen, sondern wechselt nur Scheine zu alten Münzen. Nein, mit Dollar meinen sie nicht euer amerikanisches Geld, sondern malaysische Ringgit. Die Automaten nehmen nicht alle, sondern nur alte Münzen. Nein, man bekommt kein Ticket, sondern geht dann einfach durch. Ist doch alles völlig selbsterklärend. Wo ist denn das Problem?

Die verwirrte Reisetruppe hat es kurz darauf allerdings tatsächlich alleine in den Bus geschafft und wirkt wie erwartet völlig fehl am Platz. Dem Akzent nach zu urteilen Amerikaner. Wir genießen es, deutsch zu sein: Uns versteht keiner, wenn wir lästern.

„Wie sehr die einfach auffallen.“
„Echt. Aber Westler fallen immer auf.“
„Viel zu groß.“
„Und zu lange Nasen.“
„Guckt mal, die sind fast alle blond.“
„Der da trägt bestimmt auch nur Hollister, um cool zu sein.“
„Und Nikes. Wetten, die sind auch noch echt?“
„In so kurzen Sachen würde auch kein Einheimischer rumlaufen. Typisch Touristen.“

Pause.

„Fallen wir eigentlich auch so auf?“
Wir gucken uns nachdenklich im Bus um und schauen uns die Touristen und Einheimischen an.
„Nee, wir ziehen uns nicht so an wie Touristen.“
„Außerdem ist keine von uns blond.“
‚Aber Sinas Haare sind rot‘, denken alle und keiner sagts. Es würde die Argumentation kaputt machen.

Erneute Pause.

„Ich glaub, für die Einheimischen sehen wir genauso aus wie die Touristen“, spricht dann endlich wer die Wahrheit aus.
„Wahrscheinlich.“ Wir grinsen und eine von uns zieht ihr Tuch fester um den Hals.

Kein Einheimischer würde sich bei den gefühlten 12 Grad im Bus ein Tuch umlegen. Sowas machen nur die komischen Westler, die mit den Klimaanlagen nicht zurecht kommen.
Die Touristen haben keine Tücher. Sie haben keine eingepackt, weil sie dachten: Malaysia ist heiß, da braucht man sowas nicht. Sie erkälten sich. Wir wissen es besser.

Wir verpassen unsere Bushaltestelle, weil zwar alles unterschiedlich, für uns aber völlig gleich aussieht und keiner aufgepasst hat. Kichernd stolpern wir eine Haltestelle zu spät neben einem Stand mit Soja-Shakes aus Plastiktüten auf die Straße.

Die Einheimischen schauen uns aus dem Fenster hinterher.

Hinterfragt und aufgewacht

„Aber warum wollen Sie sich denn verändern?“,

fragt mich mein ehemaliger Deutschlehrer auf der Abiturentlassungsfeier. Was diesen Menschen unter anderem ausmacht, ist sein Hinterfragen von Dingen, die sonst irgendwie keiner hinterfragt. Ich habe ihm gerade von meinem Auslandsjahr erzählt und nebenbei erwähnt, dass ich verändert zurück kommen will. Und dann stellt er mir diese Frage.

Und ich bin sprachlos.

Irgendwie war das immer einfach so klar. Auslandsjahr heißt sich entwickeln. Alle sagen immer, so etwas ist total die prägende Zeit und so. Ich wollte das einfach auch.

Ich merke, wie unzufrieden ich mit mir bin. Die Art und Weise, wie ich mich benehme, wie ich wirke, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, was für eine Freundin oder Schwester ich bin, mein Egoismus, mein Trotz, mein Selbstwert… Das ist alles noch nicht so, wie ich das will. Ich bin das oft nicht gerne. Ich will mich entwickeln, um zufriedener mit mir zu sein. Außerdem kann man mit einem Auslandsjahr gut angeben und dann kriege ich Anerkennung. Auch das macht dann, dass ich zufriedener mit mir bin.

Irgendwo in mir zieht etwas ziemlich skeptisch die metaphorische Augenbraue hoch.

‚Warum wollen Sie sich denn verändern?‘, klingt es nach in meinem Herz. So viel, was in dieser Frage mitschwingt.

So viel Wertschätzung. So viel: ‚So, wie du bist, ist es doch gut.‘ Und auch, wenn mir das nicht zwingend gefällt, macht diese Wertschätzung sehr viel mit mir. Aber da ist noch mehr. Diese schlichte Frage malt ein großes Fragezeichen hinter mein immer weiter kommen wollen, immer reifer werden wollen. Hinter meine rastlose Jagd nach dem, wer ich gerne wäre, aber einfach nicht bin. Hinter meine Selbstkritik.

Ich seufze. Kaum hat man mal was, was ausnahmsweise mal alle toll finden, und schon taucht ein fast vergessener Mensch auf, stellt alles in Frage und hat damit auch noch Recht.

Natürlich werde ich gehen. Ich glaube, ich muss nur vorher noch mal gründlich bei meinen Motiven aufräumen.

Als ich mich später von meinem Lehrer verabschiede, sagt er zu mir: „Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und verändern Sie sich nicht zu sehr!“ Ich grinse. „Ich werd mich bemühen!“ Und dann ist er weg, der weise alte Denker mit seinen Fragen, lässt mich zurück mit einer gesunden inneren Unruhe – einer Unruhe, die weiß, dass Selbstannahme nicht auf Veränderung beruhen kann.