Eine entdramatisierte Liebeserklärung

Eine Antwort auf die melodramatischen Liebesfilme und Liebeslieder und Liebesromane und Liebessonstwasse der Popkultur.

Weißt du, ich glaube, ich brauche dich nicht. Nicht in dem Sinne, dass ich abhängig von dir bin. Wenn du dich jetzt auf der Stelle umdrehen und gehen und mich nie wieder sehen wollen würdest, wäre ich wahrscheinlich ziemlich traurig, enttäuscht, vielleicht auch wütend. Ich müsste vermutlich ein paar Tage (oder auch Wochen) damit zubringen, meinen Selbstwert wieder aus dem Keller zu zerren, aber auch das würde ich überleben. Ja, ich glaube, ich könnte danach sogar ein ganz wunderbares Leben haben. Ich würde andere Männer kennen lernen und vielleicht einen fürs Leben, der nicht du bist.

Und nein, du bist nicht der eine fehlende Teil von mir auf dieser Welt, der mich erst zu einem ganzen Menschen macht. You don’t complete me. Auch als Single zähle ich schon voll, bin ich schon ganz. Ich verspreche mir von dir kein ewiges Glück. Wie unmenschlich, diese Erwartungshaltung an jemanden anzusetzen. Du wirst nicht alles ausfüllen, was in mir manchmal einsam und leer ist, auch wenn sich das vielleicht ein paar verliebte Monate lang so anfühlt. Genauso wenig werde ich es schaffen, dein Leben dauerhaft bunt und leicht zu machen. Das kann ich nicht. Ich bin ja einfach nur ich.

Es ist etwas ganz anderes, von dem ich reden möchte. Nicht das brauchen, verzehren, vervollständigen.

Ich rede davon, dass ich dich liebe.

Ich liebe das Spiel deiner Mimik. Ehrlich, darin kann ich mich verlieren. Vor allem dein Lachen mag ich. Du lachst so gerne, und ich liebe das. Auch, worüber du alles lachen kannst. Das ist wie eine neue Welt, die ich so vorher noch nicht kannte. Und ich lasse sie mir gerne von dir zeigen. Komisch, so etwas über einen Mann zu sagen, aber du bist so … schön. Man, sehen manche Männer verboten gut aus, und du ganz besonders. Wie soll man sich denn da normal benehmen?

Ap­ro­pos normal: Normal bist du sicher nicht. Du faszinierst mich. Du faszinierst mich, weil du so anders bist als ich und doch wieder so ähnlich. Mit dir zu reden, bei dir zu sein, das ist einfach alles andere als langweilig. Ich könnte dir Stunden zuhören, Stunden und Tage, und wenn ich ehrlich bin, würde ich das auch gerne mal machen. So dauerhaft, meine ich. Jeden Tag. Ich wünsche mir, Tag für Tag die Frau an deiner Seite zu sein. Die eine, die du wunderschön und bezaubernd und die deine nennst. Die eine, mit der du auf Abenteuerreisen gehst. Die treu zu dir steht. Mit dir kann ich so viel Spaß haben, und ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn das an Regelmäßigkeit zunimmt.

Auch so Berührungen. Immer nur Zufall und Hallo-Tschüss-Umarmungen – ich finde, das hat Ausbaupotential. Viel Ausbaupotential. Es reicht schon, dass man in Bildergalerien die Schönheit nicht berühren darf, da will ich das doch wenigstens bei dir dürfen. „Wenigstens“ ist gut. Das wäre etwas unfassbar Großes für mich.

Du darfst mich übrigens auch häufiger mal ansehen. So ganz direkt. Ich mag das echt gern, wenn dein Blick auf mir ruht. Ich liebe das, wer ich in deinen Augen bin. Genau die will ich sein. Weißt du, dein Leben und mein Leben, das könnte ruhig ein kleines bisschen mehr unser Leben werden. Ein kleines bisschen viel mehr. Du bist so wundervoll. Mehr von dir bei mir, das wäre ein Traum. Und andersrum wäre es ein Grund für eine unvergleichliche Party in meinem Herzen, wenn du dir auch mehr von mir bei dir wünschst.

Weißt du, das ist das, wovon ich rede. Von dir. Ich liebe dich.

Sofern diesbezüglich eine Grundlage der Gegenseitigkeit vorliegt – wäre es für dich denkbar, da einige weiterführende Vereinbarungen zu engerem Zusammenleben zu treffen? Ja?

Man, ich liebe dich, ich liebe dich, Junge. Nein, ich brauche dich nicht. Nein, du wärst nicht meine Erfüllung oder mein ewiges Glück. Doch, ich würde schon über dich hinweg kommen. Und trotzdem. Trotzdem wäre das einfach schön, so mit dir. Ich will das.

Du auch?

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Disclaimer an meine Freunde aus echt: Diesen Text veröffentliche ich ohne konkreten Adressaten. Fühl dich also bloß nicht aus Versehen angesprochen. Nur, dass das hier keine merkwürdigen Situationen ergibt. Will doch keiner.

Die Schönheit der Tränen

Was ich in den letzten Monaten über das Weinen gelernt habe.

Eine Träne löst sich aus einem Auge und läuft eine Wange hinunter. Dann eine weitere. Die Augen gerötet, die Iris leuchtender als sonst. Ein Mädchen weint.

Ihre Tränen sind ein Zeugnis. Sie zeugen davon, dass sie fühlt. In ihr, da ist etwas, das sie spüren kann, ein Schmerz, ein Leid, und sie nimmt es wahr. Sie ist nicht hart geworden. Sie ist nicht stumpf und bitter geworden unter dem Leben. Nein, sie hat etwas weiches in sich, etwas empfindsames, und manchmal tut das weh. Und dann weint sie.

Ihre Tränen sind offen. Sie sind ehrlich. Sie verbergen nichts, sondern sie tragen in aller Einfachheit und kindlicher Wahrhaftigkeit ihr Inneres nach außen. Sie sagen: Schau, so geht es mir gerade. Schau, das bin gerade ich. Etwas tut weh. Darum weine ich.

Darin ist etwas Heilsames verborgen, im Weinen, denn es bringt das Mädchen näher zu sich selbst. Sie kommt mit sich selbst in Kontakt, sie sieht sich, spürt sich, ist ehrlich mit sich. Das öffnet ihr den Weg, Frieden mit sich schließen zu können.

In einer ihrer Tränen kann jemand anders seine ganze Welt gespiegelt sehen. Wer immer sie kennt und so sieht, für den wird es intensiv sein, denn Tränen lassen ein empfindsames Herz nicht unberührt. Ein weiser und sensibler Mensch wird sie nicht verurteilen, ihre Tränen nicht fälschlicherweise mit Versagen gleichsetzen, sondern wird sie ehren für den Mut, dem Leben zu begegnen, und ihr so viel Schutz und Liebe geben, wie er gerade kann und sie gerade braucht. Ihre Tränen bringen sie näher zu anderen.

Sie weint, Träne für Träne, und sie ist schön. Die Schönheit der Tränen liegt in ihrem Bezeugen von Lebendigkeit, Weichheit und Ehrlichkeit, und all das ist ihr Wesen. Tränen sind schön, weil sie tröstlich sind, weil sie reinigen, weil sie verbinden, weil sie Liebe freisetzen.

Tränenflüssigkeit ist sehr salzhaltig. Wir sind das Salz der Welt, und manchmal sind Tränen das Salz der Seele, Perlen aus Wasser, wertvoll und gut.

Tränen lösen sich aus Augen und ein Mädchen findet eine Schulter zum Anlehnen.

Klippenmädchen

Eine liebe Freundin von mir malte mich mal vor einem Jahr oder so. Vielleicht ist es noch länger her. Sie ist ein bisschen jünger als ich, wir quatschen im Bus, und wenn es ihr schlecht geht, umarme ich sie.

Und das war, was im Gedanken an mich aus ihrer Hand hervorging:

Sina - Das Mädchen auf der Klippe

Sina – Das Mädchen auf der Klippe

Und ich liebe es.

Nicht ganz so wie geplant

„Alles klar?“
Ich schüttel finster den Kopf. Mein Mathelehrer schaut auf meine Klausur, um zu sehen, was ich so fabriziere. Aber darum gehts gar nicht.
„Ich hab mega Regelschmerzen!“, flüster ich ihm erschöpft und frustriert zu. Nichts kriege ich mehr auf die Reihe. Das macht alles keinen Sinn, was ich auf meine Zettel geschrieben habe. Meine Gedanken sind zugedröhnt mit Schmerzen.
„Ja warum sagst du denn nichts? Brich doch ab!“
„Aber dann brauche ich Attest! Krieg ich ein Attest für Regelschmerzen?“

Er geht nach vorne zu dem Mathelehrer des anderen LKs, um abzusprechen, was sie mit dem aufgelösten Mädchen mit Regelschmerzen da machen sollen, dem gerade ungehindert die Tränen über die Wangen laufen. Der Junge im hellgrauen Pulli und mit der Brille, durch die er immer ein bisschen schief durchblinzelt, schenkt ihr eine Packung Taschentücher. Der Rest bemerkt nichts, viel zu vertieft sind alle in diese nicht gerade leicht zu bewältigende Mathe-Vorabi-Klausur.

Ich beruhige mich langsam wieder. Na toll, jetzt gehöre ich also zu denen, die in einer Klausur geheult haben. Nicht gerade mein Lieblings-Image, aber das ist mir gerade herzlich egal.

Mein Mathelehrer kommt zurück. Auch wenn er sonst leicht sadistisch veranlagt ist, ist er in solchen Situationen souverän und sogar fast fürsorglich. Deswegen mag ich ihn.

„So, du gibst jetzt erst mal ab. Du schreibst die Klausur nach. Das mit dem Attest kriegen wir auch hin.“ Ich nicke gehorsam und stehe auf. Jetzt starren mich doch schon einige ein bisschen komisch an. Bestimmt haben sie fragende Blicke und überlegen, was mit mir wohl los ist, dass ich jetzt schon zusammenpacke, aber ich schaue sie nicht direkt an. Hauptsache, ich halte meine Tränendrüsen unter Kontrolle und weine nicht wieder.

Im Oberstufenbüro übergibt er mich der Stufenleitung, die da sitzt und superwichtige Sachen am Computer macht. Die Sache mit dem Attest ist schnell abgesprochen, und mein Mathelehrer geht zurück in den Klausurraum, um seinen anderen Schäfchen zur Seite zu stehen. Oder ihnen genüsslich beim Leiden zuzusehen. Je nach dem.

Im Unterricht soll meine Stufenleiterin voll streng sein, aber da hab ich sie noch nie erlebt, und so finde ich sie voll lieb. Sie bietet mit Johannisbeerkuchen an, den sie für meine Sportlehrerin gebacken hat, die jetzt aber krank ist. Der ist so lecker. Unglaublich gut. Aus Johannisbeeren aus dem eigenen Garten, erzählt sie. Eingefroren, um das ganze Jahr was von ihnen zu haben. Ich fühle mich innerlich aufgelöst, kann mich aber langsam ein bisschen entspannen. Schnacke mit ihr eine Runde über Stress, Latinum und faule, aber schlaue Schüler, und über Studieren, dann fährt sie mich mit ihrem Auto zum Bus.

Regelschmerzen steigen im Auto und im Bus exponentiell an. Wusste nicht, dass da noch so viel Platz nach oben war. Sterbe ein bisschen stumm wimmernd vor mich hin. Momente, in denen man für Weiblichkeit einen hohen Preis zahlen muss.

Entwickle Galgenhumor. „Sina, wie war deine Klausur?“ – „Blutig, Mama, blutig.“
Grinse verzweifelt in mich hinein.

Das erste, was ich zu Hause mache, ist, meine Schmerztabletten zu suchen und sie mir mit ner halben Flasche Wasser in den Körper zu spülen, um dann noch unendliche 40 Minuten keine Wirkung zu spüren. Finde keine Ruhe. Versuche zu lesen. Versage. Tiegere in der Wohnung rum. Schaue drei Mal in den Kühlschrank. Gehe zwei Mal auf Toilette. Weine und schluchze immer mal wieder ein bisschen vor mich hin. Boah, sind Regelschmerzen ne abartige Angelegenheit.

Und dann – innerhalb von einer halben Minute, vielleicht nicht mal – ist das Medikament endlich da angekommen, wo es hinsoll. Ich spüre richtig, wie meine Schmerzen weggehen, als würde man einen Regler runterdrehen. Meine Stimmung schlägt komplett um. Ich bin zwar erschöpft und meine Augen sind angestrengt vom Weinen, aber sonst fühle ich mich wie ausgewechselt. Richtig gut gehts mir! Oh wie wunderbar wundervoll doch meine Welt ist! Wuhu! Ich hole die Ukulele raus und träller für ne Weile ein Lied nach dem anderen.

Da sind doch Drogen drin gewesen, denke ich, und lese die Packungsbeilage meines Schmerzmittels. Hm. Neben ungefähr tausend Horrorszenarien steht in einem Wort bei gelegentlichen psychiatrischen Nebenwirkungen „Erregung“. Trifft es das? Ist das die medizinische Tarnung für suspekte, fast manische Hochgefühle?

Egal. Ich finds geil. Mir gehts super.

Schreibe das Geschehnis in der Klausur später nem Kumpel. Seine Reaktion: Ein ironisch bemitleidendes „ohhh“. Blödmann. Jungs verstehen so etwas einfach nicht. Einem Mädchen muss man nicht erklären, warum es schon vorkommen kann, dass man in der Klausur wegen Regelschmerzen weint. Die weiß, was man da für Todesqualen erträgt. Jungs gucken da nur naiv-dümmlich-verständnislos und fragen, ob das wirklich so schlimm ist, und manche stempeln einen heimlich als Heulsuse ab.

Am nächsten Tag schaut mein Mathelehrer mich fragend an, als ich in den Kursraum komme. Meinen Rausch hab ich zwischendrin ausgeschlafen, Schmerzen ebenso weg, leichtes Erschöpfungstief, aber sonst hat sich mein Zustand normalisiert.

„Gehts dir wieder gut?“, fragt er, als ich ihm das Attest vorlege. Ich nicke. Während er den Zettel abzeichnet, kommentiert er: „Na das war ja was!“

Ja. Das war was.

Eine Begleiterscheinung

Mit dem älter werden kam eine wundervolle, anstrengende und denkwürdige Begleiterscheinung: Jungs. Männer. Ihr wisst schon, diese Menschen mit Haaren am Kinn und Flausen im Kopf, die lieber über Themen als über Menschen reden und von uns Mädels keine Hilfe annehmen können. (Wobei das natürlich mehr eine pauschalisierte und unzureichende Indiziensammlung als eine auch nur ansatzweise akzeptable Definition von Männern ist.)

Ja, irgendwie gab es die ja auch schon vorher, aber da waren die noch anders: Blöd. Oder so alt, dass sie mehr als Onkel durchgingen. Ich meine, ja, blöd sind die immer noch irgendwie, aber damals waren sie nur blöd. Und heute sind sie so viel mehr. Heute machen sie so viel mehr mit mir.

Heute habe ich Schwierigkeiten, auf meine Gedanken, meine Fantasie und mein Herz aufpassen, wenn da mal jemand ein bisschen zu wundervoll für meine aktuelle Verfassung ist. Heute gibt es diese Momente in Gegenwart gewisser männlicher Gestalten, in denen ich krampfhaft auf mein eigenes Verhalten achte, nichts dagegen tun kann und mich dabei ziemlich dämlich fühle. Heute brauche ich gelegentlich mal eine beste Freundin oder ein vertrauliches Notizbuch, um mein ganzes Gedankenchaos in Bezug auf diese sonderbare Sorte Mensch loszuwerden.

Heute muss überlegen, was ich dann mit all dem mache. Ich muss herausfinden, wie nah zu nah ist – emotional. Körperlich. Ich muss mich damit auseinandersetzen, wie das ist, wenn jemand mich auf eine Weise anziehend findet, die ich nicht erwidern kann – oder andersrum. Ich muss einüben, meine Grenzen einzuhalten – die Grenzen, die ich mir gesetzt habe, um mir Zeit zu geben, mich zu schützen, und manchmal auch einfach nur, um mich hinter ihnen zu verstecken, die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als würde ich für die Männerwelt nicht existieren.

Heute darf ich es genießen, schön genannt zu werden, und es einfach mal zu glauben. Ich darf Spaß daran haben, Jungs zu Wortgefechten herauszufordern. Und immer mal wieder vertraut mir einer und lädt mich ein in seine echte, ungeschönte Welt, gibt mir Zugang und erlaubt sich, vor mir verletzlich zu werden, und das sind mir die kostbarsten Momente.

Und ja, ich weiß, dass ich noch keine Ahnung habe. Ja, mir wurde schon gesagt, dass ich da ein bisschen naiv bin. Aber das ist okay! Ich weiß genug für jetzt und da sind Leute an meiner Seite, die auf mich aufpassen.

Also werde ich weiter älter, erwachsen, und lerne umzugehen mit dieser Begleiterscheinung, versuche sie zu verstehen und lerne allmählich dazu.

Ein vorzeitiger Liebesbrief

Hallo du.

Ich bin Sina, und ich warte auf dich. Ich bin nicht ungeduldig. Das darf alles noch Zeit haben – ich bin ja erst sechzehn – und Liebe ist nichts, was verkrampft gut funktioniert. Ich sollte vielleicht erst mal wissen, wer ich überhaupt bin und was ich so will in meinem Leben, bevor das mit uns beiden was wird. Ich warte einfach nur auf dich und denke ein bisschen über dich nach.

Du bist ein Kämpfer, das weiß ich. Das männliche Herz ist kämpferisch. Ich freu mich schon auf die Schlachten, in die wir beide ziehen werden, denn mit mir wirst du eine Kriegerin an deiner Seite haben, weißt du. Wir beide werden geschlossen nebeneinander stehen, machtvoll, eins.

Ich werde definitiv eine Herausforderung für dich sein. Mit meinem Bedürfnis nach Tiefe, meinen manchmal gegensätzlichen Stimmungen und meinen irgendwie feuerwerk-explosionsartigen Impulsen der Kreativität. Ich glaube, du wirst stabil sein müssen, ein Fels in der Brandung, sonst klappt das nicht.

Wir werden verrückte Dinge miteinander machen. Ich weiß zwar noch nicht, wie du bist, aber ich kenne mich selbst gut genug, um das sagen zu können. Vielleicht werden wir uns mitten in der Nacht spontan ins Auto setzen und ans Meer fahren. Vielleicht kannst du ja Longboard fahren und dann bringst du es mir bei. Ich werde dir Lieder auf der Ukulele schreiben und vielleicht kannst du ja singen. Vielleicht werden wir mal paragleiten oder probieren Bungee jumping aus. Und wahrscheinlich werden ganz ungeplant die besten Momente entstehen. Jedenfalls wird es von uns Geschichten zu erzählen geben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Und ja, ich weiß, dass Beziehungen auch hart sind und Arbeit bedeuten, aber ich werde dann bereit dazu sein, gegen Resignation und Bitterkeit zu kämpfen und auch gegen die anderen Schwierigkeiten, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, und ich werde bereit dazu sein, immer wieder neu dich kennenzulernen und zu verstehen und dir zu vergeben. Und du wirst auch bereit dazu sein. Und dann wird das lohnenswert sein.

Und ich sag dir mal was. Der Zeitgeist sagt manchmal komische Sachen über euch Männer, Hauptsache sensibel und verständnisvoll, effektiv und vorhersehbar und harmlos und bloß nicht aggressiv und solchen Kram. Hör nicht drauf. Richte dich nicht danach, sonst will ich dich nicht. Für mich darfst du ruhig wild und ungezähmt sein, mutig und kämpferisch und stark. Du brauchst einen Zugang zu deinem Herz. Erst dann bist du lebendig und in der Lage, irgendetwas zu lieben, zum Beispiel mich. Lass dir diesen Zugang nicht von falschen Idealen und Erwartungen verstopfen. Und bitte töte ihn nicht ab mit Party, Alkohol und fehlgeleiteter Sexualität. Und pass auf, dass sich dort keine Bitterkeit absetzt wie Kalk in einem Wasserrohr, bis es nichts mehr durchlässt. Das Herz in dir drin darf voller Feuer und Energie sein, bewegt werden und schmerzen und freuen und standhalten. Lebendig sein halt.

Das wird gut mit uns zwei, und ich freu mich drauf. Ich hoffe, dir gehts gerade gut und du hast gerade Spaß an deinem Leben.

Ich überlege mir gerade, ob und wann und wie du das hier lesen wirst. Vielleicht kommen wir zusammen und irgendwann zeige ich es dir, und du wirst dich kaputt lachen, wenn du es ließt. Vielleicht wirst du auch in einem dämlichen Ausnahmezustand von Verliebtsein meinen Blog durchforsten und auf das hier stoßen. Vielleicht ließt du das aber auch jetzt schon, heute. Wenn ja, dann musst du dich unbedingt mal als du erkennbar machen, denn dann will ich dich kennen lernen, so richtig, meine ich.

Aber bis dahin bleibe ich hier und warte und denk ab und zu mal über dich nach und hoffe, dass du in der Zwischenzeit ne ordentliche Lebensgeschichte schreibst. Schreib heute ne gute Lebensgeschichte. Ich versuchs auch.

Ich liebe dich – dann irgendwann jedenfalls.
Sina

Die Schachpartie im Foyer einer Jugendherberge

… und wie das so ist mit den Mädchen und den Jungs und einer Sina, die nicht Mitläuferin sein kann.

Eine Erinnerung, die mich heute einfach so überkam.

Mit 12 Jahren war ich auf einer Kanufreizeit. Es waren insgesamt etwa 8 Mädchen und 20 Jungs da im Alter von 10 bis 14. Ich war mit drei ein wenig älteren Mädchen auf einem Zimmer, die zusammen gekommen waren und ständig über Leute redeten, die ich nicht kannte, oder in Abwesenheit der anderen ihre wundervolle „Freundschaft“ durch fiese Kommentare und Lästern übereinander bewiesen, was zwischendurch manchmal in ausgeprägten Zickenkrieg ausartete. Später fand ich raus, dass sie Hauptschüler waren – was mich irgendwie nicht wunderte.
In dem anderen Zimmer waren die ein bisschen jüngeren untergebracht, die vor allem Süßigkeiten aßen, sich über billige Vorteenie-Liebesromane unterhielten und dem für diese Zeit typischen Gruppenzwang hoffnungs- und ausnahmslos verfallen waren. Infolge dessen wurde ein fieser Kommentar der einen schnell die Meinung aller und Gerüchte entstanden schneller als sie ihre Chips in sich reinstopfen konnten.
Bereits eine halbe Stunde nach meiner Ankunft am Freizeitort beschloss ich, diesmal zurückzuschalten und Mitläuferin zu sein, so gut es ging. Ich befürchtete, dass ich so gar nicht zu den anderen Mädchen passen würde und wollte zumindest Ärger vermeiden. Leider klappte das nicht. Ich bin einfach keine Mitläuferin. Ich glaube, Menschen nehmen das irgendwie wahr. Vielleicht merken sie, dass ich mich nicht voll anpassen kann und oft Widerstand oder andere Überzeugung da ist, wo andere einfach übernehmen. Jedenfalls wurde ich auch so nicht wirklich Teil der Gruppe.

Ich war einsam. Ich weinte viel heimlich im Außengelände. Irgendwann knüpfte ich doch Kontakt zu einem Mädchen, zu einem der jüngeren, die etwas verwirrt war und ständig irgendwas vergaß. Freundschaft war das allerdings nicht.

Aber es gab ja immer noch die Jungs. Sie ließen sich meiner Meinung nach in drei Gruppen aufteilen: Die, die übertrieben pubertierend, laut und albern waren; die, von denen man einfach fast nichts mitbekam und die, die echt coole Typen waren. Obwohl ich weiter versuchte, mich irgendwie in die Gemeinschaft der Mädchen einzufinden, verbrachte ich immer mehr Zeit mit den Jungs. Wir fuhren jeden Tag Kanu – natürlich, war ja eine Kanufreizeit – und schon bald fand ich mich kaum noch in Mädchenbooten wieder. Entweder paddelte ich in Booten mit, wo ich den Jungs einigermaßen vertraute, oder ich bestand aufs Steuern. Und sie ließen mich. Was vielleicht auch daran lag, dass ich einfach steuern konnte. Aber ich glaube auch, dass ein paar der Jungs ein wenig irritiert und eingeschüchtert von mir waren. Trotzdem ernannten sie mich bei einem Geländespiel geschlossen zu ihrer Teamleiterin.

Nach der halben Woche setzte ich mich spontan beim Abendessen an einen Jungstisch. Das Essen war sehr lustig, glaube ich, aber die Mädchen starrten mich die ganze Zeit bedeutungsvoll an und tuschelten miteinander.
„Warum hast du dich nicht zu uns gesetzt?“, stellten sie mich später vorwurfsvoll zur Rede, als würde ihnen irgendwas daran liegen. Ich verstand sie einfach nicht und begann sie zu ignorieren. Ihre Kommentare erreichten kaum mehr mein Trommelfell. Es war anstrengend, und ich rechnete alle paar Stunden aus, wie lange es noch bis zu meiner Abreise dauerte.

Beim nächsten Abendessen fanden zwei Jungen und ich heraus, dass wir den selben virtuellen Schachtrainer hatten (Fred Fertig, die Kanalratte), und verabredeten uns für eine Partie. Wir sollten an diesem Abend aufräumen, doch für mich war das kein Problem, denn mein Teil des Zimmers war sehr ordentlich, hatte ich doch weder Zeit noch Lust gehabt, meinen Koffer auszuräumen. Die anderen Mädchen in meinem Zimmer hatten es da weit schwerer, doch das war mir egal. Die beiden Jungs hatten sich auch beeilt, und so trafen wir uns im ruhigen, offenen Foyer der Jugendherberge unter der Treppe an einem kleinen Tisch und versenkten uns in das Spiel.
Es war wundervoll. Wir waren konzentriert und gleichzeitig ein bisschen albern, fachsimpelten mit unserem Halbwissen und bauten ständig Insider aus dem PC-Spiel ein. Es war recht still dort unten. Nur aus der Küche kam noch leises Geschirrklappern und Wasserrauschen und ab und zu hörte man Türen. Unsere Stimmen verhallten leise in dem großen Raum. Immer wieder mal kamen Leute vorbei und sahen zu uns rüber, manche schauten uns ein paar Minuten zu, waren aber recht schnell gelangweilt, da sie nichts verstanden. Die schwarze Fensterfront ließ mich ein wenig schaudern. Ich genoss diese Partie zutiefst.

Bis … ja, bis die Mädchen aus meinem Zimmer kamen.
„Sina, wir haben dich überall gesucht. Wir sind noch nicht fertig mit aufräumen.“
„Ich schon.“
„Dann kannst du uns ja helfen. Ich finde, wir sollten das gemeinsam machen.“
Die Jungs und ich blickten uns genervt an.
„Was soll ich denn bitte machen? Ich hab vorhin geguckt, ob ich euch helfen kann, aber da gabs nicht viel. Soll ich eure BHs zusammen legen oder was?!“
Sie schnaubten und verschwanden unter irgendwelchen Beleidigungen, die mich vermutlich kränken sollten. Wir vergaßen sie sofort wieder und landeten wieder in unser eigenen Welt. Ich glaube, es war wirklich ein gutes Match.
Fünf Minuten später kamen sie wieder. Diesmal waren fast alle Mädchen dabei. Geschlossen bauten sie sich vor unserem Tisch auf.
„Sina, du stehst jetzt auf und hilfst uns aufräumen.“
„Nein. Ich habe meinen Teil getan und spiele jetzt dieses Spiel zu Ende.“
„Du kannst fegen und den Müll raus bringen. Jedenfalls spielst du jetzt hier nicht, während wir arbeiten. Du bist total asozial. Komm jetzt.“
„Nach diesem Spiel.“
„Nein, jetzt, Sina. Sofort.“
Ich seufzte. Sie würden nicht weggehen, bis ich kam, und die Aussicht auf ein paar weitere Tage mit ihnen auf einem Zimmer ließ meine sonst so mächtige und unerschütterliche Sturheit in den Hintergrund treten. Ich sah die Jungs an.
„Tut mir echt leid.“
Sie nickten mitleidsvoll. Sie gaben mich nicht gerne raus. Wir gaben uns die Hand, wie das zu einem guten Schachspiel gehört, selbst wenn es nicht zu Ende gespielt wird, und dann wurde ich von meinen Richterinnen abgeführt.
Ich fegte und brachte den Müll raus.

„Warum hängst du überhaupt so viel mit den Jungs rum?!“, motzten sie mich an.

Bis heute verstehe ich sie nicht richtig. Einerseits wollten sie mich nicht wirklich aufnehmen und schlossen mich immer wieder aus, aber andererseits hatten sie was dagegen, wenn ich mich von ihnen distanzierte und meine Zeit lieber bei den Jungs verbrachte. Waren sie neidisch? Ich weiß es nicht.

Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich mich selbst am Anfang nicht verleugnet hätte und nicht einen auf Mitläuferin gemacht hätte. Vielleicht hätte sich die Gruppendynamik bei den Mädchen ganz anders entwickelt. Was wäre gewesen, wenn ich mich den Aufforderungen der anderen Mädchen einfach widersetzt hätte und das Spiel zu Ende geführt hätte? Hätte ich gewonnen?

Als die Freizeit endete, saß ich mit einigen Jungs auf der Mauer zur Straße hin. Wir beobachteten die Autos und Eltern, die kamen, und unsere Gruppe schrumpfte langsam. Irgendwann kam der Vater, der die drei Mädchen abholte, mit denen ich ein Zimmer geteilt hatte. Er unterhielt sich einige Minuten mit mir, und ich war erstaunt, wie ein so netter und offener Vater so hinterhältige und fiese Kinder haben konnte. Ich witzelte mit ihm über die Freizeit und erzählte ihm ein bisschen was von dem, was so passiert war. Nichts schlimmes, nur Kleinigkeiten. Die Töchter hörten zu und zischten mir vor der Abfahrt noch zu: „Sowas kannst du doch nicht meinem Vater erzählen! Du spinnst.“ Ich glaube, da waren noch ein paar Beleidigungen drin. Ich wusste nicht, worauf sie sich bezog. Nichts von dem, was ich gesagt hatte, wäre gegen sie interpretierbar gewesen, und ich war mir ziemlich sicher, dass ihr Vater nichts gehört hatte, was ihn verärgert hatte.
Dann waren sie weg, und ich unterhielt mich in den letzten zehn Minuten, bevor ich los zum Bahnhof musste, noch mit einem Junge über mein vielgeliebtes Sommerlager, weil wir herausfanden, dass wir beide Freikirchler waren und er da eigentlich schon immer mal hinwollte. Ich begeisterte ihn dafür, und er versprach, zu kommen.

Dann ging ich zum Zug und ließ zickige Mädchen, Einsamkeit und eine frustriert abgebrochene Schachpartie mit tollen Jungs hinter mir.

Und als ich zu Hause ankam, war ich wenig erwachsener geworden.