Der erste Frühling

Für Mama.

Es ist der erste Frühling, wenn ich singend und freihändig die Straße herunter radle und dabei keine Jacke, sondern nur ein T-Shirt trage. Der erste Frühling, wenn alles grün wird und alles blüht und ich das beobachte, während ich mit Hausschuhen auf meiner Gartenbank vorm Haus sitze und einen Eiskaffee schlürfe. Ich lese zwei, drei vorhersehbare Liebesromane (die ich mag, weil sie so vorhersehbar sind) und wandere stundenlang durch die Stadt auf der Suche nach neuen Ecken, besserer Orientierung und faszinierenden Gedankengängen. Ich bin frei, so frei.

Ich nenne ihn den ersten Frühling, weil mich dieses Jahr nicht ein langer Treppenhausweg vom Frühling trennt, sondern nur eine Haustür. Und weil ich nach diesem Weg dann nicht zwischen einer Straße und einem Spielplatz lande, sondern in einem geschützt liegenden Vorgarten, der zu dem winzigen Häuschen gehört, dass ich nun seit sechs Monaten stolz bewohne – zusammen mit einer anderen rothaarigen, jungen Frau.

Es ist einer der ersten Pulli-Tage gewesen. Ich habe im Vorgarten gestanden und mich daran erinnert, dass laut Mama vor jedes Haus eine Bank gehöre, auf welche sich der Herr oder die Frau des Hauses von Zeit zu Zeit zu setzen habe, um sich des Lebens zu freuen und dabei ein schönes Bild abzugeben. Früher habe ich das nie verstanden. Nun habe ich die Bank zu unserem Haus vermisst – und mich gefragt, ob ich es wirklich bringen kann, im ersten Semester statt in eine Mikrowelle oder einen Staubsauger in eine Gartenbank zu investieren.

Es ist der erste Frühling, wenn ich mir zum Abendessen Brote schmiere und sie nicht in meinem Zimmer, sondern auf meiner Bank vor dem Haus esse. Der erste Frühling, wenn ich dabei den Duft von gemähtem Gras in den Lungen habe, der Sonne beim Untergehen zuschaue und die Straßengeräusche fast nicht mehr stören.

Fußabdrücke auf Wegen des Lebens

Fußabdrücke auf Wegen des Lebens, leuchtend und aus der Ewigkeit, und ich sehe und gehe weiter. Wo Fackeln an Straßenrändern leuchten und sich in der Dunkelheit heimlich weiße Blüten öffnen, da nehme ich meine Kapuze ab und atme die Schönheit ein.

Ich liebe diese geheimen, unberührten Orte, geschaffen nur aus einem Hauch der Wirklichkeit und einem Fluss der Gedanken und Gefühle. Meine Träume finden hier ihren Weg und mein Inneres ein Zuhause.

Fußabdrücke, und ich sehe und folge ihnen, lasse mich leiten in die unbekannten Schatten. Sicherheit ist keine Frage von Kontrolle, sondern von Vertrauen. Es gibt keinen sichereren Ort für mich als hier in dieser Dunkelheit, denn ich weiß, wer bei mir ist. Fackeln trage ich in meinem Herzen und meine Seele blüht, während meine Füße über Steine gehen, die aus Unendlichkeiten stammen.

Ich genieße, genieße das Gefühl eines langen, schwingenden Mantels. Genieße es, mit großen Augen in der Dunkelheit nach Schemen und Formen zu suchen. Genieße das kleine, aufgeregte Kribbeln bei mutigen Schritten auf ungewissem Boden. Genieße die Ruhe in mir.

Fußabdrücke auf Wegen des Lebens, und ich folge ihnen.

Es ist unwirklich und echt zugleich.

Schildkrötenpanzerverlasstext

Manchmal bin ich wie eine Schildkröte. Ich bewege mich immer langsamer, jeder Schritt schwerfällig. Und dann wird mir alles zu viel und ich verkrieche mich in meinem Schildkrötenpanzer.

Verkrieche mich ins Dunkle, Stille. Ich kann die Welt nicht sehen, also kann sie mich auch nicht sehen. Jedenfalls hoffe ich das dann. Will nicht mehr, kann nicht mehr. Versuche, abzuwarten, auszusitzen.

Und dann – kommst du zu mir und weckst in mir wieder Träume. Da kommt dann wieder deine Lebendigkeit, von überall, und ich weiß wieder, warum ich lebe. Ich weiß wieder, dass ich es schaffen kann, bestehen werde.

Manchmal bin ich mehr wie eine Libelle. Ich fliege schnell und mühelos voran in eine Richtung, und dann plötzlich in eine andere, und überall, tanze, verspielt. Gelöst. Befreit.

Kontrollverlust – endlich.

Wenn ich meine Arme ausstrecke und meine Gedanken ganz weit mache, schaffe ich es doch nicht mehr, alles zu überblicken und alles zu kontrollieren. Statt mich an das zu gewöhnen, was so kommt, gewöhne ich mich daran, dass beständig ungewohntes passiert. Und wisst ihr was? – Alles andere wäre eine unnötige Einschränkung.

So viel passiert, so viel geschieht, und so manches davon ist … krass. Ein Beispiel? Ich habe auf einem Sommerlager einen Text vorgetragen und das, was ich an Resonanz bekommen habe, so viel Lob und Ermutigung und die Momente, wo ich drauf angesprochen wurde und Menschen sich geöffnet haben und mir Sachen erzählt haben, also – ich kann das alles nicht wirklich greifen. Und das war halt nicht das einzige, was meinen Kopf noch so auf Trab hält.

Ich will immer alles greifen. Das bin ich. Alles durchdenken und erfassen und einsortieren wollen. Es so lange im Kopf bewegen, bis ich mich daran gewöhnt habe und es fertig als Erinnerungs- & Erfahrungsbox einlagern kann.

Aber das geht nicht mehr. So viel Zeit habe ich nicht mehr. Wenn ich sie mir nehmen würde, würde ich so viel verpassen.

Ich würde so gern alles kontrollieren – zumindest in Gedanken überblicken – und wenn das nicht mehr geht, bin ich ein bisschen wie betäubt, überwältigt.

Und deswegen muss ich jetzt loslassen. Es ist das einzige, was Sinn macht. Loslassen. Es muss nicht mehr alles in meine gedankliche Reichweite passen, was passiert. Es darf ruhig krass werden, denn ich gehe da rein und komme wieder daraus hervor und es geht weiter. Wenn sich alles in meinem Horizont abspielen soll, dann halte ich mich selbst klein.

Und ich mache das einfach. Ich lasse diese ganzen Situationen, Momente, meine eigenen Gaben und die tausend Eindrücke frei. Sie sollen und dürfen da draußen machen, was eben passieren wird, denn es gibt einen, der das alles für mich steuern und kontrollieren wird, und dessen Hand das deutlich besser kann als meine. Er ist größer als mein Verstand, und deswegen darf das, was er durch mich tut, auch größer sein als mein Verstand.

Mein Verstand ist nicht meine Grenze, und die Reichweite meiner Gedanken nicht die meiner Taten. Die Welt ist so weit im Vergleich zu dem, was sich in meinem Kopf abspielt, und da draußen geht so viel mehr als was ich mir ausmalen kann, denn Gott hat viel mehr Farbe zur Verfügung als ich.

Also los, los, worauf warten wir? Kontrolle loslassen, denn sie ist nur Stress, und rein in dieses Tosen da, was man wohl Leben nennt, und was da wartet und mehr und mehr kommt.

Los.

Die Sina wächst nicht schneller, wenn man an ihr zieht.

Ach, wisst ihr was?

Ihr könnt mich alle mal mit eurem Erwachsenen-Scheiß und euren Erwartungen.

Ich spreche zu euch und noch viel mehr zu mir selbst.

Ich bin 16, verdammt noch mal, 16. Das ist doppelt so alt wie 8 und halb so alt wie 32. Die 18 ist noch weit weg. Ich bin jugendlich, zwischen Kind und erwachsen und davon frei. Ich will das zelebrieren, feiern, genießen.

Ich werde nicht vernünftig sein, denn das ist doch auch nur ein Synonym für „unschädlich“. Ich werde meine Fehler zelebrieren, denn sie sind Teil meines Wachstums und Zeichen meines Mutes. Ich werde mich nicht in eure Absicherungsstrategien und Zukunftsplanereien verstricken lassen, denn das hab ich nicht nötig.

Auch wenn ihr noch so sehr meine Reife lobt, macht mich das doch keinen Tag älter als ich bin. Ich bleibe 16, denn sowohl das Gras als auch die Sina wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Ich passe mit meiner Mischung aus Reife und Jugend, aus Weisheit und Leichtsinn nicht in euer Schema – na und?

Mich gibts nur so, wie ich jetzt bin, Pech gehabt!
Mich gibts nur mit 16 Jahren, leichtsinnig und wild, mit Fehlern und Fehlern und stur, unvernünftig und frei. Und vollkommen richtig so. Hier bin ich, und ich tanze euch auf der Nase herum.

Es macht keinen Sinn, das nicht zu akzeptieren. Ihr braucht mich nicht wie eine ältere Person behandeln. Ihr werdet mich nicht dazu kriegen, so zu denken wie ihr. Ihr könnt mich nicht verändern.

Es ist nicht einmal das Ziel, erwachsen zu werden.

Ich streife die Ketten eurer Erwartungen und meines Selbstbildes ab und bin frei.
Ich habe die Macht, gnädig mit mir zu sein.
Ich habe den Mut, jung und wild zu sein.
Ich habe das Recht, die bedrückenden Lasten der Verantwortung zurückzuweisen und nur zu tragen, was mich nicht beschwert.

Ob es gefällt oder nicht, ob verstanden oder nicht.

Hier bin ich – guten Tag.

Der unbeschreibliche Geruch meines Schlafsackes

Man muss wissen, dass Schlafsäcke in meiner Familie eine besondere Position einnehmen. Wir wissen alle, warum man Schlafsäcke in ihre Hüllen stopft und sie nicht vorher zusammen rollt oder warum man sie nicht über längere Zeit in ihren Hüllen aufbewahren soll. Wir wissen, dass es in guten Schlafsäcken das wärmste ist, möglichst wenig anzuhaben, und dass man für warme Füße den Fußraum verkleinern muss. Bei uns meckert keiner rum, weil er im Schlafsack schlafen soll. Wir haben unsere Schlafsäcke stundenlang in Rücksäcken herumgeschleppt. Sie haben Waldböden, Wiesen, Zelte und Zimmer kennen gelernt. Sie haben uns an verschiedenen Orten der Welt gedient. Und zumindest ich habe zu meinem Schlafsack in all der Zeit fast schon eine persönliche Beziehung aufgebaut.

Und heute gehe ich auf den Dachboden, um ihn mal wieder in seinen Dienst zu rufen. Ich ziehe die Kiste mit meinem Schlafsack zwischen all den anderen hervor und mache sie auf. Da ist er. Ich fasse mit meiner Hand hinein und rieche diesen Geruch, und mit einem Mal bin ich nicht mehr auf dem Dachboden. Ich bin am Meer und lese nach einer anstrengenden Windsurfeinheit. Ich bin auf dem Segelschiff und versuche, irgendwie aufzuwachen. Ich liege nachts auf dem Waldboden wach und höre dem Wind und den Blättern zu. Ich bin mitten in einer Schlacht Würmercatchen (also Prügeln im Schlafsack) zum Aufwachen auf einer großen Wiese. Ich übernachte bei Freunden, liege in Zelten, bin im Urlaub.

Man könnte meinen, mein Schlafsack stinkt nach Käsefüßen, Schweiß, Dreck und Lagerfeuer, doch es ist nicht so. Objektiv gesehen riecht er wahrscheinlich nach gar nichts, höchstens nach Baumwolle und Polyester und vielleicht noch nach Dachboden, aber für mich riecht er nach Urlaub, Abenteuer, frei sein, raus können aus diesem langweiligen, anstrengenden, zivilisierten Alltagsleben, und trotzdem nach Geborgenheit, Wärme, Zuflucht und zu Hause. Ich grinse. Ferien-wegfahr-Gefühl, und das ohne Ferien. Nur ein Wochenende, nicht draußen schlafen und keine großen Abenteuer – trotzdem. Mein Schlafsack kommt mit, und mit ihm der kuschelige, weiche und warme Rückzugsort meiner Feldzüge. Hach, ich fühl mich ganz poetisch und glücklich und fast kitschig, aber nein, kitschig bin ich ja nicht, also nur poetisch und glücklich. Das Geräusch vom Reißverschluss, das vertraute Gefühl, als ich ihn in seine Hülle stopfe –

So, und jetzt wird weitergearbeitet, verdammt. Was soll der Quatsch. Das ist nur ein Schlafsack.

Lauf, Kind, lauf.

(Ein Text vom 14. November 2011. Ich habe ihn am 9. Februar 2012 schon hier gepostet, aber ich habe ihn so lieb gewonnen, dass ich ihn euch noch einmal zeige. Er passt immer wieder. Zum Beispiel jetzt.)

Lauf, Kind, lauf, wohin dich deine Beine auch tragen.

Die Gedanken schweigen dazu. Ich will raus, raus aus meinem Körper, will mich als ein Nichts aus Atemhauch und Illusion wegwehen lassen. Will alle Müdigkeit, alle Erschöpfung fallen lassen. Will mich nicht mehr so schlapp fühlen. Will aufstehen, aufsteigen, entgegen der Blätter, die in der Herbstluft zu Boden fallen, leicht, nicht mehr an meinen Körper oder an Naturgesetze gebunden, einfach so. Will nicht mehr den Kampf kämpfen, den Kampf gegen die Schlaflosigkeit, gegen die Erschöpfung, gegen das, was vielleicht irgendwann in einem Burnout endet. Will fliegen und mir alle Stimmen und Emotionen heraus blasen lassen, bis nur noch dieses eine Gefühl da ist.

Flieg, Vogel, flieg, wohin dich deine Flügel auch tragen.

Kann es nicht ertragen. Diese Schwäche. Dass ich es tun will, dass andere es von mir fordern, aber ich nicht kann, weil es nicht geht. Weil da eine Grenze ist. Weil da etwas im Weg ist. Zuviel Aufregung, zu viele Menschen, zu viele Stimmen, zu viele Dinge. Sie liegen auf mir, hindern mich daran, zu tanzen. Ich will sie abschütteln. Ich will keine schmerzenden Schultern mehr haben. Ich will wieder aufrecht stehen, nicht krumm. Ich will wieder Kraft haben, stark sein. Oder mich treiben lassen. Treiben lassen, den Fluss des Lebens, wo alles Böse und alles Schlechte am Ufer zurück bleibt und das Wasser mich durchspült und sauber macht, reinigt, von allem, was nicht wichtig ist.

Schwimm, Fisch, schwimm, wohin dich deine Flossen auch tragen.