Fang mich

Fang mich doch, wenn du mich willst.

Und wenn du kannst. Wenn du mit mir Schritt halten kannst. Wenn du wie ich keinen Halt machst vor Herausforderungen. Wenn du dich ohne langes Zögern mit mir zusammen für den harten Weg entscheiden kannst, wenn er der richtige ist. Wenn du schnell lernst und schnell entscheidest und niemals stehen bleibst.

Fang mich, wenn du ein klitzekleines bisschen schneller sein kannst als ich.

Weil ich nicht einsam sein will. Schnell unterwegs zu sein, früh viel zu erleben, das macht manchmal einsam. Dann lebe ich in einer anderen Welt als die um mich herum. Menschen, mit denen ich jetzt noch viel teile, verlasse ich so schnell wieder. Weil ich gehe. Weil ich gehen muss. Weil ich nicht stehen bleiben kann.

Bei den meisten Menschen ist das nicht schlimm. Dann verändert sich die Schnittfläche und wir bleiben doch beieinander, anders.

Aber wenn du mich willst, mich als die Eine an deiner Seite,

dann fang mich.

Ein Mädchen der Nacht

Geschrieben als Mädchen, wiedergefunden als Frau

Das Mädchen, das in jener Nacht im Gras lag und in den Anblick der Sterne versunken war, hatte überhaupt keine Angst vor der Dunkelheit. Nein, vielmehr verstand es sie als Freund, als Schutz, denn nun war es ungesehen. Es hatte ein gutes Gehör, sodass es wusste, was um es herum geschah, ohne es sehen zu müssen. Das Mädchen lag dort so selbstverständlich, wie ein Baum im Wald steht oder eine Oma Socken strickt. Es war einfach so. Das Mädchen lag dort und betrachtete Sterne.

Etwas in ihm löste sich in dieser Nacht schmerzhaft auf. Ich weiß nicht, was es war. Das Mädchen wurde danach nie wieder gesehen. Seine roten Haare und seinen Namen trug von nun an eine Frau, ihm wie aus dem Gesicht geschnitten, ihm von dem Charakter und der Persönlichkeit gleichend wie eine Schwester, doch unmöglich es, denn es war ein Mädchen und sie eine Frau.

Es war ein Mädchen der Nacht gewesen und die Dunkelheit sein Freund – ein Märchen der Vergangenheit.

Pärchenforschung Singapur

Im botanischen Garten in Singapur sitze ich und grinse, weil ich feststelle, dass dieser Ort alle Arten von Pärchen anzuziehen scheint. Voll romantisch und so. Sie schlendern, spazieren und sitzen herum, quatschen und kichern und schweigen, schauen sich an und streichen sich die Haare hinter die Ohren.

Einmal muss ich seufzen, weil ich auch ein Gegenüber haben will, und der Kandidat meiner Wahl ne viertel Welt weiter rumstudentisiert statt mit mir hier einen auf Pärchen zu machen. Aber dann ist das auch irgendwie wieder okay und richtig so und ich beginne, die anderen zu beobachten.

Zwei Chinesen. Sie sehen jung aus, aber bei Chinesen heißt das nichts. Sein breites, weltvergessenes Grinsen verrät einiges über seine Innenwelt. Sie schlendern den Weg hinunter. Irgendwie scheint er auf die Weise, wie er sich um sie bemüht, sie beansprucht, sie schützt, als wäre er um sie herum, als würde er sie umgeben. Sie blüht auf wie eine Blume, ist die schöne Königin, strahlt aus sich heraus und ihn an, so umgeben von ihm. So jung, so frisch wirken die beiden zusammen, sehen nichts als nur sich gegenseitig. Ich hoffe, dass sie eine Grundlage legen lernen und nicht wie viel zu viele vor ihnen fallen, sobald die Hormone zum Tragen nicht mehr ausreichen.

Ich muss langsam aufbrechen und steige in die U-Bahn. Ein Westler-Paar fällt mir auf. Sie steigen eine Station nach mir ein. Sind vielleicht Mitte zwanzig, wahrscheinlich Backpacker. Und gestresst. Ein Sitzplatz ist noch frei, und so hektisch wie ängstlich dirigiert er sie dorthin. Er redet eindringlich irgendwas davon, dass sie jetzt unbedingt sitzen soll, weil sie das jetzt bräuchte, und obwohl es eigentlich etwas fürsorgliches ist, scheint er sie wegzudrücken, so wie er die ganze Welt wegdrückt und sich fast schon panisch hindurch schlägt. Sieht er sie überhaupt? Sie schaut ihn an, seine Augen wandern die Bahn runter und über die Schilder, sie schaut wieder weg, erschöpft und ein bisschen grimmig auf den Boden, allein. Da will ich nie sein, denke ich mir.

Nach dem Umsteigen, auf dem Weg zum Hostel, beobachte ich zwei Inder, vielleicht 30, vielleicht 40. Er hält sich an einem der Deckengiffe fest, sie sich ganz selbstverständlich an seinem Arm. Er erzählt etwas auf Tamil, macht eine Kunstpause, sieht sie schelmisch grinsend an und spricht weiter. Sie lacht auf, schlägt ihm gespielt fest auf die Schulter und verbirgt ihr breites Grinsen an seinem Arm. Ich schließe die beiden in mein Herz. Er raunt ihr weiter etwas zu. Sie schlägt ihn nochmal. Er lacht in sich hinein, legt seine Hand auf ihren Rücken und führt seine kopfschüttelnd grinsende Frau behutsam aus der U-Bahn. Da will ich sein, denke ich. Das find ich gut.

Pärchen, denke ich. Pärchen in Singapur. Und ich gehe zum Hostel alleine, alleine mit dieser großen, verrückten Stadt und all ihren Menschen, im Kopf bei all diesen Zweisamkeiten, beim Beobachten und Wundern, beim Hoffen und Vorfreuen, alleine fürs Jetzt.

Geh weg

(Habe letztens diesen Text wiedergefunden. Hach ja, das weckt Erinnerungen … )

Geh weg, Junge, denn du störst meine Gedanken.
Geh weg, denn ich habe keine Lust, mich mit dir zu beschäftigen.
Geh weg, denn ich mag dich.
Geh weg, denn bei mir ist kein Platz für deine raumfüllende Person.
Geh weg, denn ich will nicht darüber nachdenken, was du von mir denkst.
Geh weg, denn du bist mir viel zu wichtig.
Geh weg, denn das ist mir alles viel zu kompliziert.
Geh weg, denn ich hab dich nicht eingeladen.
Geh weg, denn –

Komm her, und nimm mich bittebitte in den Arm.

Abenteurerin.

Frauen sind schön und Männer sind stark. Irgendjemand hat das irgendwann mal so festgelegt, und irgendwie hat er damit auch Recht. Die Männer bekommen damit die Lizenz, zu kämpfen und wild zu sein, abzuhaun in die Natur und auf Abenteuersuche zu gehen – halt zu leben. Und Frauen kriegen damit die Lizenz – für Kosmetikkurse und Kleider, Mädchenabende und Männer verführen. Na toll. Ja, jede Frau will schön sein und das ist ein Wunsch in einer Frau, der nicht zu unterschätzen ist, aber mir fehlt da etwas ganz erhebliches.

Ich will auch wild sein, den Puls und den Atem der Natur fühlen, für etwas kämpfen, Abenteuer erleben. Ich will nicht die Prinzessin im Turm sein, die wartet und wartet und dann gerettet wird und dann in ihre neue Burg kommt. Ganz bestimmt nicht. Ich will raus. Ich will die Ronja sein, die selbst in den Wald geht, ihn erforscht und zu ihrem Reich macht. Erst dort lernt sie Birk kennen. Ja, isso. Ich bin es leid, dass Männer denken, sie wären für den Teil mit dem Kämpfen zuständig, und wir sollen sie dann bejubeln. Ich will auch für etwas kämpfen, und am allerliebsten zusammen.

Ich liebe es, mich an unsere Familienurlaube zu erinnern. Das waren Abenteuer. Eine Woche Kanu fahren auf Seen in Mittelschweden, Seewasser trinken und alles nötige in weißen Plastiktonnen, Zivilisation irgendwo hinter wunderschönen Wäldern und Felsen. In den Bergen wandern, ohne Wege durch Geröllfelder und zu Gipfeln hoch, aus eiskalten Bergbächen trinken, und immer weiter, von einer Hütte zur nächsten, Lebensrhythmus nach Wetter. Segeln im Wattenmeer, aus Versehen bei Windstärke acht auf dem Wasser, nass bis auf die Haut, Ruder führen, Seile belegen, Bojen suchen. Windsurfen, nicht gegen, sondern mit dem Wind arbeiten, Balance und voller Körpereinsatz, Wellen und Wetter meistern. Oder nicht die Familienurlaube, sondern das Sommerlager: Eine Nacht im Wald schlafen mit dem Geruch von Laub in der Nase, kochen auf offenem Feuer, alles wichtige in Wanderrucksäcken, die Toilette ist der nächste Busch und Zähneputzen überbewertet. Wer, und vor allem: welche Frau sagt denn zu so etwas nein, wenn nicht aus dem Grund, dass schlechte Erfahrung oder Angst sie lähmt? Ich behaupte mal, das sind nicht besonders viele. Also ich hoffe es.

Und ich will, dass ich das darf. Dass mir das voll und ganz zugestanden wird. Dass ich in der Rolle der Abenteurerin nicht nur toleriert, sondern vollständig akzeptiert, komplett angenommen und durch und durch erwünscht bin. Ich kann auch Feuer machen, und ich kann kämpfen, und ich kann stark sein, also nehmt mich mit, baut mich ein. Ich will dabei sein.

Lasst mich bitte nicht allein in dieser Welt, in der vorbildlich emanzipierte Frauen in ihren Büros Managerrollen einnehmen und junge Mädchen sich jeden Morgen vor der Schule schminken. Nehmt mich mit, lasst mich raus, lasst mich frei.

Ich will Abenteuer.

Schlicht unverfälscht

Nicht genau so passiert.

„Hast du dich eigentlich schon mal geschminkt? Ich meine – so richtig?“, fragt die eine Frau, in der ich irgendwie immer noch nur eine älter gewordene Teenagerin sehen kann.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. Meine Schminkerfahrungen beschränken sich auf Wimperntusche, Kajal, Concealer und Puder.
„Willst du mal so richtig geschminkt werden?“
„Okay“, antworte ich. Schaun wir mal.

Eine ganze Weile lang trägt sie verschiedene Mittel auf mein Gesicht auf, überlegt und vertuscht und hebt hervor, versucht nachzubessern und zu verändern. Schließlich ist sie so weit, schiebt mich vor den Spiegel. Stolz betrachtet sie ihr Werk.
„Schön“, sage ich. Und fremd, füge ich in Gedanken hinzu. Ganz fremd.

Ich gehe wieder auf mein Zimmer und schaue mich eine Weile im Spiegel an. Versuche, mich daran zu gewöhnen. Dann gehe ich zum Waschbecken und mache alles weg, die aufgetragene Veränderung, das Schönheitsideal, an das ich angepasst wurde, den ganzen Kram, der meine Haut kaputt macht, all das wasche ich ab, wasche ich weg. Mein Spiegelbild sieht wieder aus wie ich, ganz unverzerrt und ehrlich, die Macken und Kanten wieder offen und ungeschliffen, auf dass sich ruhig alle daran stoßen.

Als ich zum Abendessen komme, nimmt sie enttäuscht zu Kenntnis, dass ich ihre ganze Arbeit zerstört habe. „Fandest du es denn nicht schön?“

„Doch, es war schon schön“, antworte ich. „Aber ich mag mich so lieber.“

Gedanken, an die ich mich noch gewöhnen muss

Ich bin ein Mädchen und ich bin eine Frau. Eine Frau und ein Mädchen. Menschen sehen beides in mir. Menschen sehen eine Frau in mir. Ich kann in mir noch lange keine Frau finden. Da ist nur ein 15-jähriges Mädchen. Mädchen, Frau, Frau, Mädchen. Was ich wirklich bin, weiß ich nicht. Ich bin Sina! Aber sonst…?

Wenn Jungs mit mir reden, könnte es sein, dass sie flirten. Letztens hat ein Lehrer den Spruch „Jetzt hör doch mal zu, du kannst in der Pause mit Sina flirten“ gebracht, und da ist es mir wie Schuppen aus den Haaren aus den Augen von den Augen gefallen. Der Kerl hat ja wirklich mit mir geflirtet. Upps. Wer weiß, wie oft das schon vorgekommen ist, ohne dass ich es mitgekriegt habe. Ich rechne irgendwie überhaupt nicht damit.

Ich kann Menschen berühren. Ich kann Menschen mit dem, was ich sage und bin, zum Weinen oder zum Lachen bringen. Ich kann Menschen ermutigen, inspirieren und beschäftigen. Ich kann Menschen bewegen. Und ich kann erwachsene Menschen bewegen. Ich kann ein Vorbild sein. Was immer das auch heißt.

Gedanken, dich mich immer wieder in stummes Erstaunen bringen. Dabei ist es gar nicht so etwas besonderes. Ich bin es nur einfach nicht gewohnt.