Sie sind wieder da.

Ich wollte einfach nur raus gehen, ein bisschen weg kommen. Nur ein bisschen gehen, ein bisschen allein sein, sonst nichts. Das ist alles. Ich bin durch das Wohngebiet gegangen, und das war der Fehler.

Plötzlich waren sie wieder da, sind in einem weißen Auto an mir vorbei gefahren. Hatten das Fenster herunter gekurbelt und haben gehässig gelacht. Sie haben gewendet und sind direkt noch einmal an mir vorbei – ganz knapp. Mit Vollgas. Nur so. Weil sie mich gesehen haben. Weil ich da war. Weil ich es war. Sie haben mich erkannt.

Kein Wort haben sie gesagt – und doch so viele alte Stimmen losgetreten. Alles, was sie zu mir gesagt haben, kam wieder hoch.

Sina, die Komische. Nichts ist gut an dir. Du bist nichts wert. Du bist nur komisch und hässlich und eklig. Und du stinkst. Ihh, da ist Sina, das Opfer. Haha, guckt nur, wie sie aussieht, wie sie sich bewegt, was sie tut und was sie ist. Alles falsch und komisch. Sina, du Außenseiter. Du Nutte. Du Fotze. Du Hexe. Nichts wert. Hast keine Freunde. Hässlich.

Sechs Jahre habe ich sie nicht gesehen, seit der Grundschule. Jetzt tauchen sie ein einziges Mal wieder auf – und zack, werde ich wieder zu diesem einen Mädchen, das ich damals war: voller hilfloser Wut und unbändigem, leider viel zu harmlosem Hass, wehrlos und ausgeliefert, so unglaublich verletzlich. Sie dürfen wieder alles, sind so viel größer, älter, schneller und stärker als ich. Und ich bin wieder alleine – verdammt noch mal total alleine.

Ich dachte, dass das alles vorbei ist. Dass das nichts mehr mit mir zu tun hat. Dass nichts davon übrig ist. Keine Wut, kein Hass, keine Verletzung, kein gar nichts. Ich dachte, ich hätte mich mit allem versöhnt, was damals war. Und doch – eine kurze, harmlose Begegnung reicht aus, und alles ist wieder da. Die Zeit hat beim Wunden Heilen versagt. Ich komme immer noch nicht damit klar.

Werde ich das denn nie los?

Warum stehe ich da immer noch nicht drüber?

Und überhaupt – wo habe ich eigentlich meine Königstochter-Krone gelassen? Und mein Schwert?

Der Mensch hinter deinem Gesicht

Du sitzt da und redest mit mir, erzählst mir irgendetwas von Klischees über Männer und Frauen und die Männlichkeit von gesunder Ernährung. Du redest mit mir, und ich frage mich, wer diese Person eigentlich ist, mit der ich da spreche. Was hinter deinen Worten steckt. Was hinter deinen Bewegungen steckt. Was hinter deiner Mimik steckt. Was hinter deiner Stirn steckt.

Ich kenne dich kaum, verglichen mit dem, was es da alles zu kennen gibt. Wie viele Dinge tut der Mensch an einem Tag? Wie viele Dinge lässt er? Wie viele Gefühle hat der Mensch an einem Tag? Wie viele Gedanken? Wie viele Themen geistern dem Menschen an einem Tag im Kopf herum? Wie viele Ideen? Ängste? Freunden? Fantasien? Aus wie vielen Motiven handelt der Mensch an einem Tag? Aus wie vielen Überzeugungen? An einem einzigen Tag? Heute? Und wie ist das mit einer Woche? Einem Monat? Einem Jahr? Einem Lebensabschnitt?

Ich weiß nichts von dir. Du redest mit mir und ich weiß nichts. Dein Gesicht ist schön, doch ich habe keine Ahnung, wie der Mensch dahinter aussieht.

Von wem weiß ich überhaupt etwas? Wen kenne ich? – Gibt es da überhaupt jemanden? Bei einigen Menschen streife ich einen Bruchteil dessen, was sie sind, doch selbst diejenigen, die ich am besten kenne, sind so viel größer als alles, was ich je sehen könnte.

Wie könnte ein Mensch je behaupten, einen anderen zu verstehen?
Wie könnte es ein Mensch je wagen, einen anderen zu beurteilen?
Wie könnte sich ein Mensch je über einen anderen Menschen stellen?

Du redest mit mir und das alles, was du sagst und was du bist, ist nicht so simpel wie es klingt. Du bist nicht so unscheinbar, wie du immer tust. Du bist so viel mehr als das, was ich weiß. Da gibt es so viel mehr, was man nachvollziehen könnte.

Aber ich verstehe ja nicht mal mich selbst.

Gedanken, an die ich mich noch gewöhnen muss

Ich bin ein Mädchen und ich bin eine Frau. Eine Frau und ein Mädchen. Menschen sehen beides in mir. Menschen sehen eine Frau in mir. Ich kann in mir noch lange keine Frau finden. Da ist nur ein 15-jähriges Mädchen. Mädchen, Frau, Frau, Mädchen. Was ich wirklich bin, weiß ich nicht. Ich bin Sina! Aber sonst…?

Wenn Jungs mit mir reden, könnte es sein, dass sie flirten. Letztens hat ein Lehrer den Spruch „Jetzt hör doch mal zu, du kannst in der Pause mit Sina flirten“ gebracht, und da ist es mir wie Schuppen aus den Haaren aus den Augen von den Augen gefallen. Der Kerl hat ja wirklich mit mir geflirtet. Upps. Wer weiß, wie oft das schon vorgekommen ist, ohne dass ich es mitgekriegt habe. Ich rechne irgendwie überhaupt nicht damit.

Ich kann Menschen berühren. Ich kann Menschen mit dem, was ich sage und bin, zum Weinen oder zum Lachen bringen. Ich kann Menschen ermutigen, inspirieren und beschäftigen. Ich kann Menschen bewegen. Und ich kann erwachsene Menschen bewegen. Ich kann ein Vorbild sein. Was immer das auch heißt.

Gedanken, dich mich immer wieder in stummes Erstaunen bringen. Dabei ist es gar nicht so etwas besonderes. Ich bin es nur einfach nicht gewohnt.

Lauf, Kind, lauf.

(Ein Text vom 14. November 2011. Ich habe ihn am 9. Februar 2012 schon hier gepostet, aber ich habe ihn so lieb gewonnen, dass ich ihn euch noch einmal zeige. Er passt immer wieder. Zum Beispiel jetzt.)

Lauf, Kind, lauf, wohin dich deine Beine auch tragen.

Die Gedanken schweigen dazu. Ich will raus, raus aus meinem Körper, will mich als ein Nichts aus Atemhauch und Illusion wegwehen lassen. Will alle Müdigkeit, alle Erschöpfung fallen lassen. Will mich nicht mehr so schlapp fühlen. Will aufstehen, aufsteigen, entgegen der Blätter, die in der Herbstluft zu Boden fallen, leicht, nicht mehr an meinen Körper oder an Naturgesetze gebunden, einfach so. Will nicht mehr den Kampf kämpfen, den Kampf gegen die Schlaflosigkeit, gegen die Erschöpfung, gegen das, was vielleicht irgendwann in einem Burnout endet. Will fliegen und mir alle Stimmen und Emotionen heraus blasen lassen, bis nur noch dieses eine Gefühl da ist.

Flieg, Vogel, flieg, wohin dich deine Flügel auch tragen.

Kann es nicht ertragen. Diese Schwäche. Dass ich es tun will, dass andere es von mir fordern, aber ich nicht kann, weil es nicht geht. Weil da eine Grenze ist. Weil da etwas im Weg ist. Zuviel Aufregung, zu viele Menschen, zu viele Stimmen, zu viele Dinge. Sie liegen auf mir, hindern mich daran, zu tanzen. Ich will sie abschütteln. Ich will keine schmerzenden Schultern mehr haben. Ich will wieder aufrecht stehen, nicht krumm. Ich will wieder Kraft haben, stark sein. Oder mich treiben lassen. Treiben lassen, den Fluss des Lebens, wo alles Böse und alles Schlechte am Ufer zurück bleibt und das Wasser mich durchspült und sauber macht, reinigt, von allem, was nicht wichtig ist.

Schwimm, Fisch, schwimm, wohin dich deine Flossen auch tragen.

Komplimente, Komplimente

Eine Frau ist im Stande, zwei Tage lang von nichts anderem zu leben als von einem hübschen Kompliment.

– Michèle Morgan

Und weil das so ist und ein bisschen (wie viel eigentlich? Sagt mal!) auch für Männer gilt: Know-How zu Komplimenten.

Teil 1: Komplimente machen

Ich höre Menschen gerne zu, und dabei sind mir so ein paar Sachen aufgefallen, die man einfach vermeiden sollte, wenn man Komplimente macht. Und es sind mir Sachen aufgefallen, die total gut kommen. Also.

  1. Machen! Einfach machen. Alles, was nach diesem Punkt kommt, sind Tipps, aber dieser Punkt ist eine Regel.
  2. Nicht relativieren! Wörter wie „eigentlich“, „ziemlich“, „ganz“, „schon“, „recht“, „manchmal“ und „meistens“ haben in Komplimenten (außer in Ausnahmefällen) nichts zu suchen! „Du bist hübsch!“ kommt ganz anders an als „Eigentlich bist du schon meistens recht hübsch.“ Das nette Wort „meistens“ ist dabei eine ganz besondere Falle. Vergleiche mal folgende Sätze: „Ich fühl mich wohl bei dir“ und „Ich fühl mich meistens wohl bei dir“. Hinter dem zweiten Satz lauert unmittelbar das „ABER manchmal …“
  3. Menschen Komplimente ins Gesicht sagen. Ich saß im Bus, er und sie haben sich verabschiedet, sie setzt sich neben mich und bekommt die SMS mit Komplimenten, die er ihr auch schon vorher hätte sagen können. Klar, Komplimente sind auch über SMS gut, vor allem, weil man sie dann tausendmal lesen kann, aber es ist auch wichtig, so etwas ab und zu einfach mal auszusprechen.
  4. Seid ehrlich. Nicht schleimen! Und mach keine Komplimente, um Komplimente zu bekommen. Das geht gaaar nicht.
  5. Es gibt Menschen, die behaupten, dass man für Äußerlichkeiten keine Komplimente machen soll. Ich finde, das ist genau umgekehrt! Gerade Frauen müssen manchmal einfach wissen, dass sie schön sind. Manchmal? Oft. Allerdings sollte man unbedingt vermeiden, einer Frau Komplimente für ihre Brüste oder ihren Po zu machen, wenn man nicht ihr fester Freund oder ihr Mann ist. ;-)

Teil 2: Komplimente bekommen

Eine Kunst für sich.

  1. Annehmen! Genieße sie. Nicht widersprechen, nicht diskutieren, nicht herunterspielen, nicht abnicken, nicht vergessen. Als wirklich, wirklich wahr annehmen und in deinem Herzen aufbewahren (und eventuell auch aufschreiben.) Wenn du das noch nicht kannst, dann merk dir als Zwischenstufe wenigstens, dass andere dich so sehen. Und dann lerne, Wahrheit zu erkennen in den Komplimenten, die du bekommst. Du bist die Komplimente so wert und es tut dir so gut, welche zu bekommen. Es gibt dir Freude und Dankbarkeit und im übrigen noch eine tolle Ausstrahlung. ;-)
  2. Nicht jedes Kompliment muss mit einem Kompliment beantwortet werden. Klar ist es schön, aber da muss man aufpassen, dass man ehrlich bleibt und dass es nicht in eine Art „Komplimentehandel“ übergeht. Und es hat auch nicht die selbe Wirkung wie ein Kompliment, dass einfach so kommt. Ein einfaches „Danke“ reicht oft aus.
  3. Nimm Komplimente an.
  4. Nimm sie an!
  5. Im Ernst jetzt! NIMM SIE AN!!!

So. Und jetzt: Viel Spaß beim Komplimente machen! :-)

Liebe Technik,

Ich weiß, du hast den Hang dazu, dich rasant immer weiter zu entwickeln und das ist ja erst mal auch gut so. Ich habe allerdings ein paar Bitten an dich.

Bitte bleibe so zuverlässig wie früher. Die Programme werden schöner und toller und immer mehr Schnickschnack, aber die Zuverlässigkeit leidet. Sachen stürzen ab, verschwinden, lassen sich nicht bearbeiten. Ich habe lieber ein Programm, das weniger kann, wenn ich mich auf das, was es kann, verlassen kann.

Bleibe so unkompliziert wie früher. Nur weil du jetzt mehr kannst, liebe Technik, darfst du jetzt nicht von uns erwarten, dass wir auch mehr können. Und nur weil du jetzt mehr Funktionen hast, darfst du nicht erwarten, dass wir jetzt mehr Zeit in dich und deine Unübersichtlichkeit stecken. Lass die Benutzeroberfläche einfach und übersichtlich.

Und werde endlich kompatibel zu anderen Anbietern und Vorgängermodellen und Dateiformaten und so weiter. Besonders du, Sorgenkind Apple. Du hast schon genug Dreck am Stecken. Mach wenigstens diese eine Sache gut.

Wenn du das beachtest, darfst du dich gerne weiterhin schön rum entwickeln, aber so, wie du dich jetzt durch die Welt buggst, bist du eher ätzend.

Liebe Grüße,
eine genervte Sina

Schreib selbst!

Schreibst du auch? Oder würdest es gerne mal ausprobieren?

In diesem Blog gibt es ein kleines „Special“: Die Möglichkeit, einen Gastartikel zu verfassen. Zwei gibts davon schon. Einmal den Text „Berührt“ von der wundervollen Smilla, die etwas über meine Taufe und meine Kirche geschrieben hat, und zum anderen den Text „Von Samichläusen, Discos und Gewalt unter Jugendlichen“ von der lieben Schildi, die sich im netten Schweizerdeutsch ganz herrlich über europäische Weihnachtskultur lustig macht. (Schildi? Gibts dich noch? Ich vermisse dich, Spartaschwesterherz!)

Und du darfst auch! Egal, ob du mich gar nicht, ein bisschen, ein bisschen mehr, ganz gut oder sehr gut kennst. Es gibt auch thematisch keine großen Einschränkungen. Schreib, worüber du willst! Wenn es mir gefällt, landet es hier im Blog. Und du hast gute Chancen, dass es mir gefällt!

Und eine Ermutigung für alle, die damit liebäugeln, was persönliches zu schreiben: Sobald etwas aus dir selbst heraus kommt, entzieht es sich jeder Bewertungsfähigkeit. Da gibt es kein „gut“ und „schlecht“ mehr. Es kann berührend, lustig, nachdenklich oder sonstwie sein, aber nicht richtig oder falsch. Okay?

Wenn ihr was habt, könnt ihr mich kontaktieren, wie ihr wollt, zum Beispiel über sina.schachmatt(at)gmx.de

Also – ran an die Stifte bzw. die Tastatur! Vielleicht schreibt ja wirklich jemand was und es kommt ein bisschen personelle Abwechslung in den Blog. Ich würde mich freuen! :-)