Denkanstoß

Bist du bereit, deine Bedürfnisse über das Bild zu stellen, was andere von dir haben sollen? Kannst du das, was du brauchst, über das stellen, was andere von dir denken sollen?

Ich gebe zu: Daran muss ich gerade hart arbeiten. Ich muss mir unbedingt die Hilfe holen, die ich brauche, auch wenn das nicht zu dem passt, wie ich auf andere wirken will. Sie durchschauen diese Maske eh, und ich muss aufpassen, dass es mir gut geht und dass ich authentisch bleibe.

Ein kleiner Ausbruch

Ich stehe mit Lea, einem Mädchen aus meiner Stufe, in der Schlange vor den Schulklos. Lea gehört zu den schüchternsten Mädchen, die ich kenne. Wenn man sich mit ihr unterhält, wirkt sie oft befangen. Trotzdem hat sie eine schöne, irgendwie … reine Ausstrahlung. Na ja, jedenfalls stehen wir so da und sehen uns in den Spiegeln gegenüber an.

Eine Weile sagt keiner von uns beiden was. Unsere Spiegelbilder mustern uns kritisch. Dann platzt es plötzlich ganz unvermittelt aus ihr raus.

„Ich will nicht die Pille nehmen wegen meiner Haut.“

Ein bisschen überrumpelt fühle ich mich schon, aber zum Glück schalte ich ausnahmsweise mal ziemlich schnell.

„Das wurde mir auch schon mal empfohlen. Ich machs auch nicht.“

Sie nickt. „Ich meine, ich will doch keine Hormone nehmen wegen meiner Haut oder so. Jeden Tag.“

„Nee. Finde ich auch Quatsch. Und ganz ehrlich: Wir habens beide auch nicht wirklich nötig, oder?“

„Nee.“

Sie lächelt mich zufrieden mit der Unterhaltung an, die Schlange rückt weiter und eine Sekunde später ist der Moment und das Gespräch vorbei.

Ein winzig kleiner, verbaler Ausbruch in der Schlange vor den Schulklos, sonst nichts. Und doch: Es war ihr wichtig, das loszuwerden, das zu teilen, und ich habe ihr zugehört. Dieser Moment hat einen Unterschied gemacht.

Meine Tasche

Ich schaue aus dem Fenster uns sehe eine alte Dame, die – so schnell es eben geht – mit ihrer Einkaufstasche die Straße entlang geht. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich prügel mich mit meiner kleinen Schwester, die leider irgendwie immer stärker wird. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich sitze in der Schule und versuche, einen Lehrer in dem zu verfolgen, was er gerade tut, aber in Wirklichkeit weiß ich gar nicht, was es ist. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich sitze am PC und versuche, Unterlagen für Mitarbeiter zu entwickeln und Formulierungen zu finden, die passen. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Ich liege im Bett mit Regelschmerzen und fühle mich völlig lebensunfähig und elendig. Ich öffne meine Tasche – rein damit.

Und am Ende des Tages gucke ich in meine Tasche:

Ach, wieder ein bisschen Leben gesammelt.

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(Was haltet ihr von der Idee, meinen Blog in „Leben sammeln“ oder so ähnlich umzubenennen? Mit Schach hat er ja im Endeffekt nichts zu tun … oder hat vielleicht irgendwer eine andere gute Idee?)

Und du weinst Tränen aus Blut.

Vorsichtig ziehst du deinen Ärmel hoch. Da kommen sie zum Vorschein, die Zeugen deines gestrigen Abends, ganz dicht, ein Schnitt neben dem anderen, der ganze Unterarm. Mir wird eiskalt. Sonst war es alle paar Wochen mal ein Schnitt, selten zwei, in Ausnahmen sogar vier, aber das hier? Mich durchfährt ein Schmerz, als hättest du nicht nur dich selbst, sondern auch mich geritzt. Die vielen, vielen kleinen Striche, manche mit Blutkruste, andere nur ganz unscheinbare dünne rote Linien. Ein paar kreuzen sich und fallen aus der Reihe, aber sonst sind sie erschreckend regelmäßig und geordnet. Zu systematisch. Viel zu systematisch.

„Und hier an der Seite auch“, sagst du und zeigst darauf. Ich schaue dich an. Es tut mir so weh, dich so zu sehen. Du bestrafst dich für die Fehler anderer. Du fühlst dich so unglaublich wertlos. Du versuchst deinem inneren Schmerz ein äußeres Gegengewicht zu geben. Du weißt nicht, wie du anders damit umgehen sollst. Und so weinst du Tränen aus Blut. Dein Schreien verhallt ungehört. Hilfe kommt nicht, und ich kann dich auch nicht retten. Ich kann dir nur zuhören und versuchen, dein Selbstwertgefühl irgendwie zu heben, aber selbst das funktioniert eigentlich nicht. Ich trage deinen Schmerz mit, ob ich will oder nicht, und ich winde mich innerlich unter jedem neuen Schnitt, den du dir zufügst.

Sprachlos. Ich weiß keine Worte, die ich dir noch geben könnte. Das geht alles viel zu schnell. Vor ein paar Wochen haben wir noch überlegt, wie du da raus kommen könntest, und du hast mir gesagt, dass du das alles nicht mehr willst. Du wolltest aufhören, bevor du so richtig drin landest. Du hast gesagt, dass es echt gut ist, dass dir von deinem eigenen Blut immer schlecht wird, weil das dazu führt, dass du dich so gar nicht öfter als ein, zwei, drei mal schneiden kannst. Und jetzt? Eine ganze Armee von Schnitten, viel zu viele. Erst der Arm, und als da kein Platz mehr war, die Seite. Und ich weiß, dass das immer noch nur ein Schatten von dem ist, was in dir drin vorgeht, was du jeden Tag tragen musst.

Ich bin die einzige, die danach fragt, wie es dir wirklich geht, und die dir wirklich mal zuhört. Ich bin die einzige, die dich nicht entweder mit Ignoranz, Ablehnung oder Sarkasmus behandelt. Wahrscheinlich bin ich auch die einzige, die dir sagt, was für ein toller und wundervoller Mensch du bist, trotz allem. Und das setzt mich irgendwie unter Druck. Ich weiß nicht, wie viel ich mich von dir abgrenzen abgrenzen soll. Wo sind die Grenzen? Wie viel kann ich, darf ich, soll ich, will ich in dich investieren? Wie viel kann ich dir überhaupt helfen? – Und ich bete wieder für dich, segne dich einmal mehr, weil ich weiß, dass es nichts Größeres gibt, was ich für dich tun kann.

Du ziehst deinen Ärmel wieder runter, verbirgst alles ordentlich hinter seiner Maske, die du nur trägst, damit sie endlich durchschaut wird. Du hebst den Kopf und siehst mich an. Deine Augen sind so trüb … Bitte. Ich will nicht bald an deinem Grab stehen müssen.
Du sollst doch leben!

Woher, wohin

(Ein Text vom 03. November 2013, einer Zeit, in der ich seeehr unter der Schule gelitten habe und einfach nicht mehr wollte. Und zu Hause war es da gerade auch nicht leicht. Wäre da gerne schon 18 und mit der Schule fertig gewesen.)

Woher, wohin, woweg.

Immer weiter, mit dem Strom und durch den Sturm, weil ich keinen anderen Weg finde. Die Zeit ist mein Weg, und ich bin in ihr eingespannt, ohne irgendwie Einfluss nehmen zu können. Minute für Minute, Stunde für Stunde, Tag für Tag, bis Wochen, Monate und Jahre daraus werden; so lang, wenn man wartet und zählt, wartet und zählt. So unerreichbar scheint das Zeil, außerhalb meines Blickfeldes für Sinn. Doch wenn man die Wahl nicht hat, bringt die Sinnfrage nichts, und so bleibt mir nur weitergehen. Immer wieder entscheide ich mich neu dazu, einfach irgendwie weiterzugehen und zu hoffen, dass es sich am Ende als nicht ganz so sinnlos heraus stellt, wie es mir momentan erscheint.

Woher, wohin, woweg.

Hier weg. Wie verbrate ich meine Energie? Nichts und nichts und nichts ernte ich von der ganzen Arbeit. Ich bin müde von diesen inneren Diskussionen, Kämpfen und Überwindungen. Will mir dessen sicher sein, was ich tue, wohin ich gehe. Stattdessen hänge ich zwischen den Stunden und Tagen, unverstanden, weil dieses Problem kaum ernst genommen wird, unter gleich alten, aber nicht gleichgesinnten Leuten, den ganzen Weg, den man nicht schneller gehen kann, aussitzen, durchhalten, irgendwie weiter.

Woher, wohin, egal, weiter.

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch entspricht keinem Klischee.

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch sagt, diese Sache mit Mann und Frau kann man ja gar nicht so eng sehen. Schwul und lesbisch ist normal. Oder auch bi. Man braucht sich ja nicht festlegen. Auch sein eigenes Geschlecht nicht. Kann man ja mal wechseln. Das ist alles ganz normal und natürlich. Sowieso sind Frauen und Männer eigentlich gleich. „Sexuelle Vielfalt“ nennt der junge, intellektuelle, moderne Mensch das und fühlt sich fortschrittlich, tolerant und abgeklärt.

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch findet so Sachen wie Ehe echt überflüssig. Da geht doch nur Geld an den Staat, sagt er. Das ist nur eine institutionelle Sache. Sowieso: Ein Leben lang mit einer Person, das ist doch Quatsch. Er sagt: „Wir haben uns auseinander gelebt“, als würde das einen Sinn machen. Versprechen? Verbindlichkeit? Treue? Ihh. Lieber sammelt er sich so seine Beziehungen zusammen. Alter und Geschlecht sind keine Grenzen, natürlich nicht. Wer auf so etwas Wert legt, ist konservativ, spießig und prüde.

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch glaubt. Entweder an den Atheismus, oder aber er sammelt sich zusammen, was ihm interessant erscheint. Ein Buddha im Wohnzimmer, ein indianisches Götterzeichen als Kette, vor dem Examen wird gebetet, nach dem Tod wird wiedergeboren. Oder doch ganz anders. Was ihm hilft. Er ist dies und das, und eigentlich haben ja eh alle Religionen denselben Gott, und jeder kommt in den Himmel. Außer Hitler natürlich.

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch findet alle Politiker kollektiv scheiße, obwohl er außer ihrem Gesicht, ihrem Namen und dem durch die Presse verzerrten Bild nichts von ihnen weiß. Er wettert laut gegen NSA und Überwachungsstaat, Telekom und das System. Der junge, intellektuelle, moderne Mensch ist dagegen. Ja, gegen was? Manchmal ist das nicht so ersichtlich. Vor allem, weil das „dagegen“ in der Regel nur bis zu den Stimmbändern und nicht bis zu den Händen reicht.

Der junge, intellektuelle, moderne Mensch bezeichnet sich als tolerant. Er ist weltoffen, international und gebildet. Er kann diskutieren und ist aus Prinzip gesellschaftskritisch. Und irgendwie, merkwürdiger Weise fühlt er sich, als hätte er eine ganz eigene Meinung und wäre mit seinen Ansichten irgendwie etwas besonderes. Er fühlt sich, als gäbe es da noch einen Kampf zu schlagen und als müsste er noch für diese Meinung kämpfen. Ich weiß nicht so genau, wie er darauf kommt. Seine Schimpfwörter sind „homophob“, „FDP“, „konservativ“, „intolerant“, „diskriminierend“ und „Nazi“. Er ist jung, intellektuell und modern, und ehrlich gesagt liegt er ziemlich genau im Trend der Zeit, ohne auch nur ein bisschen davon abzuweichen.

Ich bin auch jung. Mein Intellekt ist eine meiner Stärken. Und irgendwie bin ich auch modern. Aber ich würde diese Gender-Sache und diese sexuellen Kreativitäten wesentlich kritischer betrachten. Ich setze auf die Ehe. Ich habe einen, und nur einen, aber dafür konsequenten Glauben. Ich weigere mich, Politiker oder das System zu beurteilen. Und ich halte „Toleranz“ für einen Mythos.

Ich bin nicht altmodisch. Ich frage mich nur, warum der neuste intellektuelle Trend Recht haben sollte, wo doch alle früheren irgendwann durch den nächsten revidiert wurden und dann doch nicht mehr so toll waren. Ich frage mich, ob ich mich in meinem Intellekt wirklich von meiner Zeit steuern lassen will. Ich frage mich, ob ich allem zustimmen muss, was auf den ersten Blick logisch aussieht, aber doch ein mulmiges Bauchgefühl mit sich bringt. Ich frage mich, warum meine Generation auf einmal die Wahrheit mit Löffeln gegessen zu haben meint.

Sie werden irren. Genauso wie alle Generationen zuvor.
Genauso – wie ich auch.

Welt sucht Sina

Suchanfragen, bei denen Leute auf meinem Blog gelandet sind. Alle echt.

kleine schwester so frech mit grosse bruder ist das normal – Jap. Sehr normal.
sie kommt mit komplimenten nicht klar – Die Arme. So Freunde hab ich auch.
ich will mich nicht füttern lassen – Kenn ich, das Gefühl… äh, was?
unkoordinierte handbewegungen und weit aufgerissene augen säugling ursachen – Dass es ein Säugling ist. Die glotzen schon mal und rudern ziellos in der Luft herum.
liederliste zum schützenfest – Nein. Nein. Nein. Nicht hier. Neineineinein!
keiner will schützenkönig werden – Zu Recht.
gute gedanken zum schützenfest – Definitiv Denitiv Infinitiv nicht hier. (Aber schön, dass man die inzwischen googeln muss, um welche zu finden. Hähä.)
wenn ich groß bin möchte ich auch lehrerin werden – Ich nicht.
nehmt euch ein beispiel an mich – Aua. Berliner oder was? ‚Das mir und das mich, das verwechsel ich nich. Haste ma nen Strick bei dich? Die Ziege will nicht mit mit mich.‘ Danke, Oma, für diese Lebensweisheiten.
rentner tragen beige – Ach, echt?
buch da tun sich abgründe auf – So weit bin ich noch nicht. Mein „Da tun sich Abgründe auf“-Artikel ist zwar immer noch sehr erfolgreich und viel geklickt, aber das mit dem Buch…?
krasser scheiß windsurf scheiß – Mhm. Ich maaag windsurfen.
birken zum klettern – Sag mir, wenn du eine gute gefunden hast, ja?
teenagerin zu sensibel – Welt zu unsensibel.
kurz zusammen plötzlich über gefühle unsicher – Es geht nicht um Gefühle. Es geht um eine Entscheidung. Und abgesehen davon: Wann hat man auf solche Fragen im Internet je Antworten gefunden?
dezente komplimente für frauen – Irgendwie rührend. Hoffe, du hast was gefunden und ihr seid jetzt ein Paar. :-)
andere komplimente ausser süß und hübsch – Süß. Ist. Kein. Gutes. Kompliment. Meine Tipps für Alternativen: knorke, gumbo, schnieke, dufte …
wutzen jugendsprache – Schwein!
unterwasserwesen mit kiemen – Fisch!
winterponys – Winterponys!
gestärkt neben dir stehen – Klingt wie ein sehr mittelmäßiger Eheratgeber, geschrieben von einer 50-jährigen Esoterikerin mit braunem Kurzharrschnitt, Cover: Eher unansprechend, Titel in Times New Roman kursiv gedruckt. Wow, was meine Fantasie heute wieder so alles macht …
weil ich mich neben dir wieder so klein fühle – Und dick. Und hässlich. Korrekt.
ich bin nicht so brav wie du denkst – Nee. Du bist voll krass gangstaa.
tolino shine aufgehängt – Mein Beileid an die Angehörigen. Schmeißt eine Blume von mir aufs Grab.

Vielleicht ist ja irgendwer von denen regelmäßiger Leser geworden. Wenn ja: Grüße! :-)