Malaysia, Herr Doktor

„Aber die Impfung hast du doch schon“, wundert sich mein Arzt und blättert zur Sicherheit noch ein bisschen mehr in meinem Impfpass herum. „Ich hab die schon?“, frage ich wenig intelligent. Der Herr Doktor – so werde ich ihn jetzt nennen, denn er ist irgendwie so ein Arzt, den man gerne „Herr Doktor“ nennen würde – geht auf mein Niveau ein und antwortet: „Ja. Schau, hier.“ Geduldig zeigt er mir, wo was steht und wie oft man das impfen muss und was die kleinen Kleberchen heißen. Ich nicke aufmerksam und frage mich, was ich hier eigentlich tue.

„Wo gehts denn überhaupt hin?“, fragt er mich und richtet seine Augen forschend auf mich. Dieser Blick ist wahrscheinlich berufsbedingt – man fühlt sich direkt beachtet und durchanalysiert. So, als wüsste Herr Doktor über kurz oder lang eh alles.

„Malaysia“, eröffne ich ihm. „Für wie lange?“ „Ein Jahr.“

„Ein Jahr Malaysia“, wiederholt er ungefähr auf dem Intelligenzlevel wie ich vorhin. Wir nehmen uns da wohl beide nichts. Und da wir eigentlich nichts mehr zu tun haben, weil ich ja doch nicht geimpft werden muss, holt Herr Doktor ein dickes Buch mit vielen Bildern aus dem Schrank. Es stellt sich heraus, dass es ein Nachschlagewerk für alle Länder dieser Welt mit deren jeweiligen Krankheiten ist, schön illustriert und mit großer Schrift.

„Malaysia…“, murmelt er und blättert sich durch bis zu der entsprechenden Seite. „Nach Kuala Lumpur?“ Ich verneine und zeige ihm auf der Landeskarte in dem Buch, wo ich sein werde. Herr Doktor nickt. „Ja, Malaysia ist ein tolles Land. Ganz freundliche Menschen… Die Zeit wirst du bestimmt nie vergessen.“ Ach, mal wieder diese Floskeln, denke ich heimlich und antworte mal wieder besonders schlau: „Ja.“

„Sieht auch sogar fast europäisch aus von den Krankheiten. Das ist gut. Kaum Malariavorkommen, auch sonst fast nur die Standartimpfungen …“ Er nickt zufrieden. Mir fällt auf, dass seine Augenbrauen seine Nase herunterwachsen. Ich will da nicht hingucken, aber es ist so ein merkwürdiger Anblick. Ich muss sagen, ich finde zwei Augenbrauen generell hübscher als nur eine, und selbst wenn nur eine, dann lieber keine Y-förmige.

Herr Doktor ist immer noch in den Grafiken, Karten und Bildchen in seinem Buch versunken. Dann schaut er mich wieder an mit diesem aufmerksamen, forschenden Blick, der allerdings durch mein Bewusstsein dieser eigensinnigen Y-Augenbraue irgendwie an Intensität verloren hat. „Da kannst du beruhigt hinfahren. Also von Zentralafrika oder so würde ich Leuten ja immer sofort abraten“ – er schüttelt nachdrücklich den Kopf, ganz versunken in sein Unverständnis über die Leute, die unverantwortlicherweise in solche gefährlichen Gebiete fahren – „aber Malaysia ist gut.“ Sie Feigling, denke ich. Ich würde auch nach Nigeria oder Sambia fahren, wenn sich das statt Malaysia angeboten hätte. Vor so etwas habe ich ja überhaupt keine Angst. Aber das sage ich natürlich nicht.

„Na dann“, leitet er das Ende des Gesprächs ein. „Dann wünsche dir eine gute Zeit in Malaysia, Sina.“ Ich lächel ihn an. „Dankeschön!“ Wir geben uns die Hand. Sein Händedruck – eine weitere berufsbedingt optimierte Geste: Warm, fest, zuversichtlich.

Auf dem Weg nach Hause stelle ich fest, dass ich jetzt eine halbe Stunde im Wartezimmer gesessen habe, um mit Herr Doktor ne Runde über Malaysia zu schwätzen und seine Augenbraue zu betrachten. Aber das ist okay. Hab ja keine Schule mehr. Irgendwie muss man seine Zeit ja verbringen.

Mal wieder Geburtstagskreativität

Es soll häufiger vorkommen, dass Sina kreative statt teure Geschenke macht – was nicht nur an ihren finanziellen Verhältnissen liegt, sondern auch an ihrem Spaß an allem, wo irgendwie Herzblut und Idee drin steckt. Aufmerksamen Lesern dieses Blogs dürfte in letzter Zeit schon einmal so ein Geschenk untergekommen sein – siehe hier eine Art Geburtstagstorte.

Diesmal musste ein Geschenk her für die Freundin, die schon am allerlängsten von allen an meiner Seite ist – so eine wirklich richtig gute. Hier ein Teil von dem, womit ich sie beschert habe:

Eine Tasche für all das, was Frauen so fürs allgemeine Wunderschön-Fühlen in ihrem Gesicht auftragen

Eine Tasche für all das, was Frauen so fürs allgemeine Wunderschön-Fühlen in ihrem Gesicht auftragen. Schminke und so.

Die Tasche gekauft, gemalt selbst – gut, was?

Und wie auch schon bei der Elektro-Torte schwanke ich im Nachhinein zwischen „Boah, echt genial geworden“ und „Oh man, das war peinlich“. Das ist wahrscheinlich einfach so bei Kreativität. (Oder geht das nur mir so?)

But who cares – Happy Birthday, beste Sarah von der Welt, ich feier dich!!! Es ist ein Traum, dich an meiner Seite zu haben.

Ampeln sind immer rot

Regen fällt auf meine Haut und läuft langsam meinen Arm hinunter. Die Ampel ist rot. Natürlich ist die Ampel rot. Immer sind Ampeln rot, außer sind sind es gerade nicht, aber dann denkt man ja auch nicht über sie nach, also sind sie praktisch immer rot, bis sie eben grün werden, aber das dauert irgendwie generell zu lange. Rote Ampeln guckt man viel länger an als grüne. In meinem Kopf sind Ampeln immer rot.

Ich stehe also an einer roten Ampel und es regnet. Das Wasser rinnt die Straße entlang. Ich habe meine Kapuze nicht aufgesetzt. Ich setze schon lange keine Kapuzen mehr wegen Regen auf. Nur noch wegen Wind. Ich mag es, wenn meine Haare vom Regen nass werden. Falls sie nass werden. Total oft werden sie einfach nur ein bisschen klamm und meine Kopfhaut bleibt trocken. So ist das mit dichten Haaren.

Wie früher als Kind strecke ich meine Hand aus und versuche, Regentropfen in meiner Hand zu sammeln. Und wie früher als Kind fallen überall viel mehr Regentropfen als da, wo meine Hand ist. Das ist wie mit der Ampel. Ampeln sind immer rot und Regen fällt nie genau in meine Hand. Bescheuert, das.

Wo Regentropfen übrigens immer hinfallen, das sind Brillen. Ich nehme meine ab und stecke sie in die Tasche. So dringend brauche ich sie dann auch wieder nicht.

Die Ampel wird grün. Ampeln sind immer rot, und jetzt wird sie grün. Aber ich gehe nicht rüber. Ich habe mich entschieden, dass ich doch gar nicht über die Straße will. Eigentlich will ich nirgendwo hin. Eine Frau mit Hund schaut mich merkwürdig an, als ich nach meiner Wartezeit an der Ampel statt über die Straße einfach wieder zurück gehe.

Ich will wieder nach Hause. Es gibt keine Zukunft. Nie gab es Zukunft. Zukunft war immer nur Schule, und daran denkt man nicht. Ein kleines bisschen Zukunft waren auch die kleinen Inseln namens Ferien. Die waren immer ewig weit weg, selbst wenn sie nah waren. Wenn sie kamen, war es immer toll, aber irgendwie fühlten sie sich immer auch ein bisschen an wie Seifenblasen. Ganz schnell waren sie so weg, als hätte es sie nie gegeben. Es bleiben nur Erinnerungen – Zukunft gab es nie. Nur Schule. Und jetzt erzählt mir irgendjemand, Schule wäre jetzt fertig. Das macht irgendwie Sinn, denn ich war zwölf Jahre da und seit ein paar Wochen nicht mehr, also muss sie wohl fertig sein. Aber dass jetzt etwas anderes kommen soll, das verstehe ich nicht. Wie kann es denn noch mehr Welt geben? Ampeln sind immer rot, Regentropfen fallen immer auf meine Brille und nie auf meine Hand, und es gibt immer nur Schule.

Ich will wieder nach Hause. Ich will nicht zur Schule, nicht weiter, ich will einfach nur zu Hause sein. Ich will gar nicht woanders hin. Im Sommer bleibt die Zeit eh stehen. Das ist so, weil sie ohne Schule ja schlecht weiterlaufen kann, oder? Eigentlich schwänze ich doch die ganze Zeit, oder?

Ich habe Schule immer gehasst. Man sagt, wenn man erst einmal aus der Schule raus ist, vermisst man sie. Bei mir ist das nicht so. Es gibt wenig auf der Welt, das mich dazu bringen könnte, zurück in die Schule zu gehen, selbst wenn es ginge. Nur irgendwie – irgendwie kenne ich nichts anderes. Ich kenne nur Schule. Zwölf Jahre lang jeden Tag dort gewesen, ein vertrautes Leid, ein bekanntes Ertragen, immer dasselbe, immer der Blick auf das dann, dann wird es besser. Eine Wüste, die mein zu Hause geworden ist. Wüste kenne ich. Mit Wüste kann ich umgehen. Wüste war doch immer schon. Wüste ist mein Leben. In der Wüste hat man Durst, man hat jeden Moment ein bisschen das Gefühl von Sterben, das ist so. Es geht nie weg, aber irgendwann ist es vertraut. Wüste.

Und jetzt stehe ich hier. Die Ampel ist grün. Das „dann“ von früher ist gekommen. Es gibt eine Zukunft.
Aber ich verstehe nicht. Es macht keinen Sinn. Ich weiß nicht, wie man das denkt, was nicht Wüste ist. Ich weiß nicht, wie man das lebt. Ich will nach Hause.
Wo ist zu Hause?

Nö, ich bin nicht tolerant

Wisst ihr, Toleranz find ich eigentlich blöd. Und bevor jetzt alle „Nazi!“ schreien, hört mir wenigstens kurz mal zu.

Ich liebe Menschen. Menschen sind ne klasse Erfindung, und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder einzelne Mensch eine klasse Erfindung ist. Klar, einige haben Charaktereigenschaften und Prägungen, die mit meinen nicht besonders gut kompatibel sind, aber das ändert ja nichts an ihrem oder meinem Wert. Nur, weil ich mit jemandem nicht klar komme, ist ja noch nicht der andere das Problem. Und ja, es gibt auch Menschen, in deren Geschichte etwas so gründlich falsch gelaufen ist, dass sie jetzt in schwerwiegender Kriminalität oder in okkulten Sekten gelandet sind. Doch auch das ändert nichts daran, dass der Mensch wertvoll ist. Ich bin sogar so verrückt zu glauben, dass jeder Mensch innerlich heil und neu werden kann, egal was war. (Das liegt an dem Gott, an den ich glaube. Mit Jesus geht sowas nämlich.)

Ich liebe Menschen, und das ist eine Grundlage, die unabhängig von Eigenschaften wie Hautfarbe, Religion oder Ansichten ist. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Das ist mein Ideal. Um ehrlich zu sein, müsste ich sagen: Es ist mein Ziel, alle Menschen unabhängig von irgendwelchen Merkmalen zu lieben. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass sie wertvoll sind, selbst wenn ich sie nicht immer lieben kann.

Was ich nicht liebe, ist jede beliebige Religion oder Ansicht oder Orientierung oder was auch immer. Es gibt Sachen, da bin ich gegen. Ich habe ein Wertesystem, und kein Wert darin lautet „Hinnehmen von schlechten Trends“. Und das ist genau das, was Toleranz so oft ist. Ich glaube zum Beispiel, dass es keine guten Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben wird, wenn „Familie“ weiterhin immer loser definiert wird und Kindern die stabilen Verhältnisse (bestehend aus einem Vater und einer Mutter) genommen werden. Da bin ich überhaupt nicht tolerant. Oder viel kleiner: Wenn eine Freundin beginnt, langsam in die linke Antifa-Szene abzurutschen, dann sage ich völlig intolerant: „Tu das nicht. Das ist nicht gut. Ich will nicht, dass du Schaden nimmst, also bitte bleib da draußen.“

Jap, ich bin intolerant. Ich sage: Find ich blöd. Aber meine Feinde sind nicht Menschen. Meine Feinde sind abstrakter, sind Meinungen und Ideologien, sind Denkweisen und Systeme, Umgangsweisen aus Rache- und Wutgefühlen und Vergangheitstraumata. Meine Feinde sind böse Einflüsse und negative Trends. Ich kämpfe mit meinen Worten, meinen Gebeten, meiner Haltung, meiner Liebe, dem Guten in mir. Ich kämpfe für Menschen und ich kämpfe für das Licht. Und in diesem Zuge bin ich so intolerant, das gibts überhaupt nicht.

Und wisst ihr was? Ich schreibs mir auf die Fahne. Ich schreib mir auf die Fahne, intolerant und voller Liebe zu sein. Das will ich.

Spinnerin

Ich muss gestehen – ich lüge gerne.

Und das, obwohl ich ein ziemlich ehrlicher Mensch bin. Im Zweifel sogar eher zu ehrlich. Meine Zunge im Zaum zu halten ist schwer. Ich spreche Dinge aus, die ich nicht aussprechen wollte, und rede eigentlich eher zu viel als zu wenig.

Aber ich liebe Geschichten.

Und ich bin so einer von den Menschen, die in Geschichten wirklich eintauchen und irgendwie darin sind. Es fällt schwer, wieder aufzutauchen. Deswegen bin ich vorsichtig mit den Filmen, die ich schaue – in vielen Geschichten möchte ich einfach nicht sein. Deswegen lese ich gern immer wieder dieselben Bücher – das ist ja praktisch wie in Erinnerungen wirklich zurück gehen zu können. Deswegen muss ich mich manchmal in Acht nehmen, von fiktiven Figuren nicht wie von Freunden und Bekannten zu sprechen – ich habe sie doch erlebt, warum sollte es sie nicht geben?

Ich liebe Geschichten, und ich liebe es, sie zu erfinden und zu erzählen. Ein bisschen ist das beides dasselbe. Jeder, der von einem Ereignis erzählt, macht es zu einer Geschichte: Man erzählt ja nicht alles – geht ja auch nicht. Man selektiert. Man wertet. Und heraus kommt eine Geschichte, die man zu einem Teil selbst erfunden hat. Ist das schon gelogen? Ich glaube nicht.

Wenn ich allerdings etwas erzähle, macht sich die Geschichte manchmal eigenständig. Ich höre mich selbst reden und komme irgendwann auf den Gedanken: „Wäre es nicht fantastisch und witzig, wenn es jetzt soundso weitergehen würde?“ Und dann lasse ich die Geschichte so weitergehen. Nicht, weil es wahr ist, sondern um der guten Geschichte willen. Ist das jetzt gelogen? Definitiv ja.

Ich bin nicht die einzige, die das liebt. Meine ganze Familie ist so drauf, insbesondere mein großer Bruder. Als wir noch ziemlich klein waren, hatte sich unter uns Kindern der Ausdruck eingebürgert: „Das war mit Omanopa!“ Omanopa war unsere Kurzvariante für „Oma und Opa“, und der Satz als ganzes fiel immer dann, wenn wir bei einer unwahren Geschichte ertappt wurden. Was bei Oma und Opa war, weiß ja keiner. Perfekte Lösung, die Geschichte am Leben zu halten. Und nicht sein Gesicht zu verlieren. Nur bei Mondlandungen und Vulkanausbrüchen wurde die Ausrede dann irgendwann etwas zu löchrig.

Mein Leben bestand aus Geschichten. Wenn ich sie nicht gelesen oder gespielt habe, habe ich sie erzählt. Meine kleinen Geschwister kamen immer wieder zu mir: „Sina, erzähl uns ne Geschichte!“ Und ich, gerade mal zwei bis vier Jahre älter als sie, habe Figuren und Handlungen ersponnen. Ich wusste am Anfang selbst nie, wo das hingeht. Als ich ein wenig älter war, habe ich Geschichten erfunden, die mehr wie Legenden waren. Besonders auf Spaziergängen.

Wusstest du, dass in diesem abgestorbenen Baum ein Elfenvolk lebt, das mit den Kobolden aus dem Schilf am See im Krieg steht? Und wusstest du, dass dieser Berg so merkwürdig heißt, weil damals ein Fürst …? Vielleicht sollte ich dir auch die Geschichte erzählen, wie sich der Burgherr und die Burgherrin kennen gelernt haben, die dieses Schloss haben bauen lassen, an dessen Ruinen gerade unsere Wanderroute vorbei führt.

Noch immer erfinde ich Welten und bleibe fast in ihnen stecken. Einmal saß ich bei einem Freund schon eine halbe Stunde auf dem Sofa und war immer noch nicht wirklich in die Realität zurückgekommen von der Geschichte, in die ich mich die ganze Busfahrt lang und den Weg bis zu ihm vertieft hatte. Es ging um ein Mädchen, einen Wald und einen Wolf. Naja. Ich erlebe, was ich mir ausdenke. Es ist für mich irgendwie wahr. Manchmal fällt es mir schwer, nicht von irgendwelchen Erlebnissen zu bloggen, die sich zwar völlig echt anfühlen, aber nie geschehen sind.

Es war natürlich für mich, auch mein eigenes Leben zumindest ein Stück weit selbst zu erfinden. Irgendwann habe ich dann bemerkt, dass das eigentlich nicht normal ist und gar nicht mal so gut kommt, wenn man so viel Erfundenes als wahr verkauft. Nein, gelogen im Sinne von vertuscht oder getäuscht oder betrogen habe ich echt wenig. Aber ausgemalt, überzogen, dazuerdacht und aus der Luft gegriffen, das schon.

Ich musste es mir mühsam abgewöhnen. Ich musste lernen, Geschichten Geschichten sein zu lassen und sie vom echten Leben zu trennen. Das war gar nicht so leicht, und manchmal ist es irgendwie schade, dass ich das musste.

Ich lüge nämlich gerne.

Wobei, eigentlich finde ich, dass „lügen“ das falsche Wort ist.

Ich erspinne gerne. Ich spinne Seemannsgarn. Und auch, wenn es Leute gibt, die das verurteilen, finde ich nichts grundlegend Schlechtes daran. Ja klar, es kommt auf den Rahmen an und so, aber es sollte viel mehr Menschen geben, die die Welt noch ein bisschen bunter ausmalen als sie eh schon ist.

Schluss-mach-Brief

Mal ein alter Schinken: Ein Text aus dem Mai 2012. Da war ich vierzehn.

Du schweigst. Jeden Tag neu schweigst du. Nicht, dass du deinen Mund nicht öffnen würdest, nein. Ständig reißt du ihn auf und gibst abertausende Schallwellen von dir, die von dir und deinem Leben und von der Welt in deinem Kopf zeugen. Doch du sagst nichts. Nichts wesentliches, nichts zu mir und vor allem nichts zu der ganzen letzten Zeit und der Art, wie sich alles entwickelt hat.

Siehst du es nicht oder willst du es nur nicht wahrhaben? Quantität gleicht fehlende Qualität nicht aus, mein Freund. Eher im Gegenteil. Wenn du doch nur weniger labern würdest, wenn du schon keine Ahnung hast. Und dass du mein Bett heizt, ist auch keine Entschuldigung dafür. Du bist langweilig; langweilig und nervtötend. Und laut und peinlich. Ich halte dich nicht länger aus. Weißt du, und du pisst mich manchmal an. Und das stinkt dann voll. Deswegen mache ich Schluss mit dir, mein ewig jaulender Kater.

Sina

Eine entdramatisierte Liebeserklärung

Eine Antwort auf die melodramatischen Liebesfilme und Liebeslieder und Liebesromane und Liebessonstwasse der Popkultur.

Weißt du, ich glaube, ich brauche dich nicht. Nicht in dem Sinne, dass ich abhängig von dir bin. Wenn du dich jetzt auf der Stelle umdrehen und gehen und mich nie wieder sehen wollen würdest, wäre ich wahrscheinlich ziemlich traurig, enttäuscht, vielleicht auch wütend. Ich müsste vermutlich ein paar Tage (oder auch Wochen) damit zubringen, meinen Selbstwert wieder aus dem Keller zu zerren, aber auch das würde ich überleben. Ja, ich glaube, ich könnte danach sogar ein ganz wunderbares Leben haben. Ich würde andere Männer kennen lernen und vielleicht einen fürs Leben, der nicht du bist.

Und nein, du bist nicht der eine fehlende Teil von mir auf dieser Welt, der mich erst zu einem ganzen Menschen macht. You don’t complete me. Auch als Single zähle ich schon voll, bin ich schon ganz. Ich verspreche mir von dir kein ewiges Glück. Wie unmenschlich, diese Erwartungshaltung an jemanden anzusetzen. Du wirst nicht alles ausfüllen, was in mir manchmal einsam und leer ist, auch wenn sich das vielleicht ein paar verliebte Monate lang so anfühlt. Genauso wenig werde ich es schaffen, dein Leben dauerhaft bunt und leicht zu machen. Das kann ich nicht. Ich bin ja einfach nur ich.

Es ist etwas ganz anderes, von dem ich reden möchte. Nicht das brauchen, verzehren, vervollständigen.

Ich rede davon, dass ich dich liebe.

Ich liebe das Spiel deiner Mimik. Ehrlich, darin kann ich mich verlieren. Vor allem dein Lachen mag ich. Du lachst so gerne, und ich liebe das. Auch, worüber du alles lachen kannst. Das ist wie eine neue Welt, die ich so vorher noch nicht kannte. Und ich lasse sie mir gerne von dir zeigen. Komisch, so etwas über einen Mann zu sagen, aber du bist so … schön. Man, sehen manche Männer verboten gut aus, und du ganz besonders. Wie soll man sich denn da normal benehmen?

Ap­ro­pos normal: Normal bist du sicher nicht. Du faszinierst mich. Du faszinierst mich, weil du so anders bist als ich und doch wieder so ähnlich. Mit dir zu reden, bei dir zu sein, das ist einfach alles andere als langweilig. Ich könnte dir Stunden zuhören, Stunden und Tage, und wenn ich ehrlich bin, würde ich das auch gerne mal machen. So dauerhaft, meine ich. Jeden Tag. Ich wünsche mir, Tag für Tag die Frau an deiner Seite zu sein. Die eine, die du wunderschön und bezaubernd und die deine nennst. Die eine, mit der du auf Abenteuerreisen gehst. Die treu zu dir steht. Mit dir kann ich so viel Spaß haben, und ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn das an Regelmäßigkeit zunimmt.

Auch so Berührungen. Immer nur Zufall und Hallo-Tschüss-Umarmungen – ich finde, das hat Ausbaupotential. Viel Ausbaupotential. Es reicht schon, dass man in Bildergalerien die Schönheit nicht berühren darf, da will ich das doch wenigstens bei dir dürfen. „Wenigstens“ ist gut. Das wäre etwas unfassbar Großes für mich.

Du darfst mich übrigens auch häufiger mal ansehen. So ganz direkt. Ich mag das echt gern, wenn dein Blick auf mir ruht. Ich liebe das, wer ich in deinen Augen bin. Genau die will ich sein. Weißt du, dein Leben und mein Leben, das könnte ruhig ein kleines bisschen mehr unser Leben werden. Ein kleines bisschen viel mehr. Du bist so wundervoll. Mehr von dir bei mir, das wäre ein Traum. Und andersrum wäre es ein Grund für eine unvergleichliche Party in meinem Herzen, wenn du dir auch mehr von mir bei dir wünschst.

Weißt du, das ist das, wovon ich rede. Von dir. Ich liebe dich.

Sofern diesbezüglich eine Grundlage der Gegenseitigkeit vorliegt – wäre es für dich denkbar, da einige weiterführende Vereinbarungen zu engerem Zusammenleben zu treffen? Ja?

Man, ich liebe dich, ich liebe dich, Junge. Nein, ich brauche dich nicht. Nein, du wärst nicht meine Erfüllung oder mein ewiges Glück. Doch, ich würde schon über dich hinweg kommen. Und trotzdem. Trotzdem wäre das einfach schön, so mit dir. Ich will das.

Du auch?

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Disclaimer an meine Freunde aus echt: Diesen Text veröffentliche ich ohne konkreten Adressaten. Fühl dich also bloß nicht aus Versehen angesprochen. Nur, dass das hier keine merkwürdigen Situationen ergibt. Will doch keiner.