Ich mag dich

„Sina ich mag dich :-)“

Um die viertel Welt herum erreicht mich diese Mail, so kurz, dass sie eigentlich auch komplett in den Betreff gepasst hätte, so zusammenhangslos wie nur irgend möglich und so wohltuend wie Schwimmen gehen und danach von Oma bekocht werden.

Es ist so wichtig. Manchmal ist es einfach so wichtig, zu wissen, sich zu erinnern, gesagt zu bekommen, dass man gemocht wird. All die guten Ratschläge und verständnisvollen Kommentare verblassen daneben.

Ich brauche das, und ich beginne, es mir zuzugestehen.

Ich habe ich lange dafür geschämt, dass Anerkennung von anderen so viel mit mir macht. Dass es mir so wichtig ist, zu hören, was jemand über mich denkt, was er für mich fühlt, ob er mich mag. Alle sagen immer: ‚Hör nicht auf das, was die anderen sagen. Sei nicht abhängig davon. Mach dein eigenes Ding.‘ Ich dachte immer, ich muss das lernen, muss das ändern, dass mir das wichtig ist.

Und jetzt denke ich: Nö. Ich bin dafür gemacht, zu mögen und gemocht zu werden. So, wie ich bin und wie es meine Art ist. Und wenn eine Freundin fürs Leben mir diese Worte quer über ein, zwei Ozeane schickt, dann darf ich mich freuen wie ein kleines Kind – auch wenn ich das eigentlich schon lange weiß und sie mir das so oft gesagt hat. Ich darf mich freuen, weil es immer noch so ist und ich glücklich bin, dass es sie gibt und wir uns haben.

Jetzt, wo ich in einem neuen Land bin, wo ich gerade erst Menschen kennen lerne, merke ich, wie schwierig es ist, jemanden so kennen zu lernen, dass man ihn wirklich mögen kann für wer er ist. Bin ich die, als die ich mich hier benehme? Es ist so anders als in Deutschland. Sind die Leute die, für die ich sie halte? Oder verzerren Kulturunterschiede und Vorurteile meinen Blick? Und was sehen die Menschen hier an mir als wertvoll an? Was in Deutschland von meinen alten Freunden an mir geschätzt wurde, hat hier noch keiner erwähnt. Es ist alles so anders.

Da ist eine, die mag mich. Eine viertel Welt weit weg, aber sie kennt mein Herz. Je besser mich jemand kennt, desto wertvoller seine Wertschätzung, und ihre Worte schützen mein Herz wie ein Mantel.

An die Freundin, die zu Hause geblieben ist

(oder den Freund. Das hier betrifft tatsächlich so einige.)

Meine liebe, liebe Freundin,

die du mir so wichtig geworden bist. Die ich Herz-zu-Herz kennen gelernt habe. Die wir uns Rückhalt gegeben haben, uns ermutigt und gestärkt und so viel geteilt haben.

Meine Freundin, die du zu Hause geblieben bist, während ich in ein fremdes Land gegangen bin. Die du jeden Tag deinen Alltag hast, während ich beständig Neues erlebe. Der es so schwer fällt, sich mein neues Leben vorzustellen, während ich das deine ganz gut kenne.

Hallo du.

Einen Monat bin ich jetzt schon weg, und wahrscheinlich hast du viel zu wenig von mir gehört. Vielleicht hast du mir geschrieben, mir eine wundervolle Mail voller Ermutigungen und Fragen geschickt, und es kam so wenig oder sogar gar nichts zurück. Vielleicht hast du sogar gehört, dass jemand anderes mit mir geskypt hat, und du fragst dich, warum wir beide nicht.

Vielleicht bist du enttäuscht, fragst dich, wie viel du mir überhaupt noch bedeutest oder je bedeutet hast, ob ich dich so schnell vergessen habe. Ob es wirklich sein kann, dass ich nicht mal die Zeit für ein bisschen an dich oder mit dir schreiben finde. Ob du in diesem Jahr wirklich nicht mehr sein solltest als ein weiterer Rundmailempfänger.

Ich möchte so sehr, dass du weißt, dass ich alles gesehen und gelesen habe, was du mir geschrieben hast, und dass ich mich darüber gefreut habe. Ich mag den Gedanken an dich. Unser ganzer gemeinsamer Weg mit all den verschiedenen Momenten ist mir kostbar. Ich möchte, dass du weißt, dass mir viel an dir liegt, und dass ich mich auf dich freue, wenn ich zurück komme.

Jetzt gerade bin ich in einem Land ganz weit weg, und es kostet mich all meine Energie. Ich ringe darum, meinen Fokus hierher zu verschieben und Deutschland erst einmal hinter mir zu lassen. Jeder Kontakt nach Hause tut weh, egal, wie schön es auch ist. Alle Zeit, die ich in Gedanken in Deutschland und bei dir verbringe, bin ich nicht wirklich hier, ist Zeit, die meinem Einleben entgegen wirkt, die mir dieses Land fremder und kälter erscheinen lässt, die Heimweh hervorruft.

Und ich möchte mich doch wohlfühlen in diesem Jahr.

Kannst du mich loslassen? Kannst du mich – auch innerlich – wirklich gehen lassen? Gehen lassen in dem Wissen, dass wir später einfach da weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Wir bleiben ja Freunde. Wir laufen uns nicht weg. Und im Fall der Fälle, wenn etwas wirklich krasses passiert, sind wir ja immer noch füreinander da.

Ich bin mir nicht sicher, ob man das wirklich verstehen kann, wenn man noch nicht für längere Zeit ins Ausland gegangen ist. Danke, dass du es versuchst.

Ich schick dir Mut, Kraft, das Beste für dieses Jahr!
Deine Sina

Reflexionen

Oder: Vom Wissen um den Schmerz

Hätte ich das alles schon vorher gewusst, dann wäre ich nie gegangen.

Hätte ich all die Tränen, den Schmerz, die Anstrengung vorher schon gekannt, schon gewusst, was „Heimweh“, „Kulturschock“ und „Überforderung“ wirklich bedeuten, dann wäre ich einfach zu Hause geblieben. Dann hätte ich mir das alles nicht angetan. Ich hätte mir einfach ein normales Leben in Deutschland ausgedacht und das mal gemacht. Ich würde jetzt deutsches Brot mit Nutella essen, statt Smog einen Himmel sehen und bei Bedarf meine Freunde besuchen fahren.

Und doch: So viel Wertvolles ist schon passiert, seit ich hier bin. Momente, in denen ich festgestellt habe, dass ich mir so viel mehr zutrauen kann als ich dachte. Den Abstand nach Zuhause, der mich innerlich aufräumen und leer vor Gott kommen lässt. So viele Beobachtungen über Kultur, Menschen und mich.

Es ist ein altes, wunderbares Prinzip vom Leben: Hätte man all den Schmerz vorher schon gekannt – man weiß nicht, ob man sich aufgemacht hätte. Doch am Ende ist man so froh, durch all das hindurchgegangen zu sein.

Ich bin froh, dass ich gefahren bin. Ich bin froh, jetzt hier angekommen zu sein. Und ich bin froh, dass ich all den Schmerz der nächsten Tage und Wochen und Jahre noch nicht kenne, sodass ich voll Zuversicht weiter gehen kann.

Westler im Bus

„Guckt mal. Westler.“

sagt irgendeine von uns dreien, als wir die Busstation betreten.
„Touristen“, diagnostiziert eine andere routiniert.
Die kleine Reisegruppe sieht verwirrt aus und nicht wirklich, als wüssten sie, was sie tun.
„Sollen wir denen mal erklären, wie man Bus fährt?“, frage ich amüsiert-gleichgültig.
„Nee, erst mal schauen, ob sie alleine zurecht kommen.“ Wir grinsen.

Vorhin erst haben wir zwei westlichen Backpackern beim Fähre fahren geholfen: Zur Insel hin zahlt man, zurück nicht. Am Schalter zahlt man nicht und wechselt auch keine Währungen, sondern wechselt nur Scheine zu alten Münzen. Nein, mit Dollar meinen sie nicht euer amerikanisches Geld, sondern malaysische Ringgit. Die Automaten nehmen nicht alle, sondern nur alte Münzen. Nein, man bekommt kein Ticket, sondern geht dann einfach durch. Ist doch alles völlig selbsterklärend. Wo ist denn das Problem?

Die verwirrte Reisetruppe hat es kurz darauf allerdings tatsächlich alleine in den Bus geschafft und wirkt wie erwartet völlig fehl am Platz. Dem Akzent nach zu urteilen Amerikaner. Wir genießen es, deutsch zu sein: Uns versteht keiner, wenn wir lästern.

„Wie sehr die einfach auffallen.“
„Echt. Aber Westler fallen immer auf.“
„Viel zu groß.“
„Und zu lange Nasen.“
„Guckt mal, die sind fast alle blond.“
„Der da trägt bestimmt auch nur Hollister, um cool zu sein.“
„Und Nikes. Wetten, die sind auch noch echt?“
„In so kurzen Sachen würde auch kein Einheimischer rumlaufen. Typisch Touristen.“

Pause.

„Fallen wir eigentlich auch so auf?“
Wir gucken uns nachdenklich im Bus um und schauen uns die Touristen und Einheimischen an.
„Nee, wir ziehen uns nicht so an wie Touristen.“
„Außerdem ist keine von uns blond.“
‚Aber Sinas Haare sind rot‘, denken alle und keiner sagts. Es würde die Argumentation kaputt machen.

Erneute Pause.

„Ich glaub, für die Einheimischen sehen wir genauso aus wie die Touristen“, spricht dann endlich wer die Wahrheit aus.
„Wahrscheinlich.“ Wir grinsen und eine von uns zieht ihr Tuch fester um den Hals.

Kein Einheimischer würde sich bei den gefühlten 12 Grad im Bus ein Tuch umlegen. Sowas machen nur die komischen Westler, die mit den Klimaanlagen nicht zurecht kommen.
Die Touristen haben keine Tücher. Sie haben keine eingepackt, weil sie dachten: Malaysia ist heiß, da braucht man sowas nicht. Sie erkälten sich. Wir wissen es besser.

Wir verpassen unsere Bushaltestelle, weil zwar alles unterschiedlich, für uns aber völlig gleich aussieht und keiner aufgepasst hat. Kichernd stolpern wir eine Haltestelle zu spät neben einem Stand mit Soja-Shakes aus Plastiktüten auf die Straße.

Die Einheimischen schauen uns aus dem Fenster hinterher.

Barfuß

Es gibt etwas am barfuß laufen, das hat mich immer fasziniert.

Bin ich barfuß, spüre ich den Boden, spüre ich jeden meiner Schritte. Es ist etwas bedachtes darin, etwas nahes, etwas sensibles. Ich überlege, wo ich hintrete, weil ich diesen Ort dann wirklich berühre und nicht den künstlichen Abstand der Schuhe habe.

Barfuß laufen hat etwas ganz ganz einfaches, natürliches, und mir gibt es das Gefühl von Freiheit. Und hier, in einem Land, wo Steinböden 30 Grad warm sind und Flip Flops als angemessene Draußen-Schuhe gelten, laufe ich viel barfuß herum.

Vielleicht lerne ich das ja gerade – zu überlegen, wo ich hintrete, und zu spüren, wo ich gerade bin. Sensibel zu sein und die Freiheit zu genießen. Ganz natürlich.

Gestank und Schönheit

Asien stinkt.

Das ist vielleicht nicht die beste Anfangsfeststellung und wahrscheinlich auch eine völlig unverschämte Pauschalisierung, aber trotzdem. Die viel heißere, feuchtere Luft trägt einem die vielen Gerüche ungefragt auf die Haut auf. Und es riecht nach allem möglichen. Das Essen der vielen Straßenstände, der Müll, die Abgase, das Chlor im Leitungswasser – alles zu intensiv, zu viel davon.

Ständig wechseln die Gerüche und das allermeiste davon kenne ich nicht. Aber ich frage nicht danach. Ich will es gar nicht wissen. Eigentlich will gerade gar nichts wissen. Ich will nicht wissen, warum die Leute sich hier benehmen, wie sie es tun, was diese ganzen Worte und Kleidungsweisen und Schilder bedeuten, wo ich was besorgen kann und was ich welchem Fall tun muss. Ich will gar nichts wissen, sondern mein Gehirn leer bekommen, leer von all dem Wissen und Unwissen und dem ganzen Gestank.

Leer und weit soll es in mir sein, so wie die klare Luft, wenn man von einem Berggipfel zum Horizont schaut. Es liegt eine Schönheit in dieser Weite. In dieser Klarheit. Es fehlt nichts. Ich will Frische atmen, so wie wenn man über einen Gletscher geht oder wenn der Regen im Wald gerade erst aufgehört hat oder wenn es dicke, weiße Schneeflocken schneit.

Ich warte. Ich warte, dass der Gestank normal wird, das Wissen intuitiv, der Schlaf erholsam und mein Gehirn ein bisschen leerer. Warte auf Klarheit, auf Frische, auf Schönheit.

Schönheit.

Ja, in all diesem Dreck, dem Gestank und der Überforderung will ich warten, bis ich die Schönheit erkennen kann.

Komm mit, Sina

Komm mit, Sina. Alles wird neu und alles wird groß.

Ich fühle mich klein. Klein vor all dem, was passiert und was ist. Klein vor einer großen Stadt mit einer fremdem Kultur. Klein vor fremdem Essen, fremdem Klima, fremdem Schlafrhythmus. Klein vor vielen neuen Aufgaben und Erfahrungen. Klein auch vor den Menschen zu Hause und wie ich mit ihnen umgehen soll. Klein vor den Menschen, die irgendwas noch angesprochen, eingefordert oder gestanden haben in den letzten Tagen vor meiner Abreise. Klein vor diesem ganzen großen Leben.

Nachts um drei wache ich auf wegen Jetlag. Die zweite Nacht in Folge. Nicht alleine. Irgendwer trifft sich auf dem Klo immer.

„You need to rest“, sagen sie uns immer wieder, und trotz all den Pausen geht alles so schnell, und der Weg ist noch so weit, so steinig. Ich fühle mich klein vor diesem Weg. Alles wiegt schwer, als müsste ich all das Kommende jetzt schon aushalten.

Ich liege im Bett, nachts um drei, und fühle mich klein, aber mal anders klein. Fühle mich klein, und muss ja auch gar nicht alles können. Sind ja Menschen da, sie sich kümmern, die verstehen. Ist ja ein Gott da, der mein Herz nicht übergeht. Fühle mich klein und geborgen, weil Papa das ja eh macht. Ich muss das ja nicht alles tragen können. Muss ja gar nicht alle Menschen zufrieden stellen. Muss ja gar nicht alles perfekt machen. Bin ja so schon wertvoll und geliebt.

Die Erinnerung daran, dass ich nicht auf dieser Welt bin, um Erwartungen zu erfüllen.

Komm mit, Sina. Alles wird neu und alles wird groß, und du darfst klein sein und darfst wachsen.
Und es wird gut sein.