Ich bin kein Testergebnis.

Eine Reflexion zu Stärkentests und dem, was ich über meine Persönlichkeit weiß. Lest es oder lasst es bleiben.

Ich habe jetzt drei mal in zweieinhalb Jahren ein und denselben Persönlichkeitstest gemacht und es ist jedes Mal etwas ganz anderes bei meinen Top 5 Stärken herausgekommen. Nur eine Eigenschaft zieht sich durch alle drei Ergebnisse. Drei Eigenschaften tauchen zwei von drei Malen auf, der Rest ist jedes Mal anders. Das sind immerhin sechs Eigenschaften. Und diese Unregelmäßigkeit bezieht sich nicht nur auf die weniger ausgeprägten Stärken, sondern auch auf die jeweils angebliche Nummer eins.

Was sich mir da natürlich für eine Frage stellt: Bin ich nicht in der Lage, Fragen über mich wahrheitsgemäß zu beantworten, oder verändere ich mich wirklich so extrem? Ich dachte, man verändert sich im Charakter und in der Persönlichkeit, aber nicht unbedingt in seinen Stärken. Vielleicht hab ich da falsch gedacht.

Andererseits kann es wirklich gut sein, dass ich Fragen über mich nicht gut beantworten kann. Ich denke zu verwurschtelt für so etwas. Ich deute Fragen immer anders. Viele Aussagen treffen auf mich manchmal sehr und manchmal gar nicht zu, und je nach Situation, Stimmung und was so passiert ist antworte ich ganz anders. Es ist mir schon oft passiert, dass ich Dinge über mich gesagt habe, und als ich nach einer Woche noch einmal darauf angesprochen wurde, empfand ich sie als gar nicht mehr zutreffend. Nur wenige Eigenschaften scheinen bei mir beständig zu sein. Oder vielleicht sind die Eigenschaften auch beständig, nur mein Blick darauf sehr schwankend. Wahrscheinlich eher so.

Vor etwa zwei Wochen habe ich noch einen anderen Persönlichkeitstest gemacht, der wirklich sehr viel von sich hält. Auch er spuckt meine angeblich fünf größten Persönlichkeitsstärken aus, wenn auch nach einem völlig anderen Raster. Jedenfalls könnte es sein, nein, ich wette, dass es so ist, dass etwas ganz anderes herauskommen würde, wenn ich ihn jetzt oder in ein paar Monaten noch mal machen würde. Ich finde das ganz logisch. Wenn mir zwei Stunden vorher jemand seine Sorgen erzählt hat und ich noch voll am Mitleiden bin, dann denke ich doch eher, dass ich ein Herz für solche Leute habe, als wenn ich mich länger nicht mehr mit den Sorgen und Nöten von jemandem beschäftigt habe, oder? Und wenn ich gerade gemalt habe, fühle ich mich kreativer, als wenn ich drei Monate nicht dazu gekommen bin, oder?

Ich erschwere sämtlichen Stärkentests ein zutreffendes Ergebnis auch dadurch, dass ich kein sehr ausgeprägtes Stärkenprofil habe. Zwischen Stärke und Schwäche liegt bei mir nicht allzu viel. Alles irgendwie mittel. In meinen Schulnoten zeichnen sich praktisch keine Veranlagungen ab, weder sprachlich noch naturwissenschaftlich noch gesellschaftswissenschaftlich noch künstlerisch-musisch. Ich bin nicht außergewöhnlich sportlich oder musikalisch oder kreativ oder intellektuell. Keine markanten Ausprägungen in die eine oder andere Richtung. Alles Einheitsbrei. Ich kann alles ein bisschen, und nichts richtig. Allrounderin. Mädchen für alles. Klar, dass Stärkentests da gerne dran scheitern.

Auch meinen Freunden fällt es schwer, mir zu sagen, wo ich gut bin. Heraus kommt, was sowieso schon in meiner Hochsensibilität inbegriffen ist. Zusätzlich gerne auch mal Schreiben. Manchmal noch irgendwas mit Anleiten oder so. Aber dann… Dann kommt das Stottern. Tja.

Um genau zu sein, weiß ich nach vier ernsthaften, eher ausgereiften Stärkentests (dreimal den einen, einmal den anderen) und vielen, vielen Amateurversionen (Zeitschriften, Internet) immer noch nicht, wo meine Stärken liegen und was ich gut kann. Ich weiß auch nicht über meine Schwächen Bescheid. Irgendwie ärgerlich. Ich weigere mich zu glauben, dass meine Persönlichkeit wirklich so ein formloser Klumpen ist, wie es mir gerade vorkommt. Ich würde mich gerne besser kennen, mit meinen Schwächen, Stärken, Fähigkeiten und Leidenschaften.

Leidenschaften … Noch so ein Punkt. Ich habe keine. Oder zumindest bin ich mir ihrer nicht bewusst. Was ist das, was ich an der Welt oder in den Menschen wirklich wirklich ändern will? Wofür ich meine Kraft einsetzten möchte? Ich weiß es nicht.

Man, man, man. Ich fühle mich orientierungslos.

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PS: Zu weiterführenden Gedanken lohnt sich ein Blick in die Kommentare.

„süß“ aussehen – okay, aber …

Kennt ihr diese übertrieben kitschigen, pseudo-tiefgründigen und mit Rechtschreibfehlern durchsetzten Texte oder Sprüche, die vor allem von träumerischen Mädchen im Vor-Teenie-Alter auf Facebook verlinkt, geteilt und gelikt werden? Letztens bin ich mal wieder auf so einen gestoßen. Es war eine Liste mit Anweisungen, wie eine Freund seine Freundin zu behandeln habe, und ein Punkt auf der Liste war, er solle ihr sagen, dass sie süß aussehe, wenn sie wütend sei.

Moment mal – WAS?!! Mein lieber zukünftiger Freund, wenn du das auch nur ein einziges Mal machst, bist du tot. Ich will doch nicht süß aussehen, wenn ich wütend bin! Wenn ich wütend bin, dann will ich einen Blick drauf haben, der allen das Gefühl gibt, winzig kleine, schutzlose Kellerasseln zu sein. Wenn ich wütend bin, dann will ich so eine unbändige Kraft haben, dass alle sich selbst und alles, was ihnen lieb ist, in Deckung bringen, weil klar erkennbar ist, zu was ich dann in der Lage bin. Wenn ich wütend bin, soll allen klar sein, dass ich die Welt verändern kann und mehr. Dann soll mich keiner, aber wirklich auch keiner, als „süß“ etikettieren, selbst wenn es mein Freund ist. Wer will denn süß aussehen beim wütend sein? Wer wünscht sich denn sowas? Hä?! Ich verstehs nicht.

Also, nur damit das klar ist: DU nennst mich NICHT süß, wenn ich wütend bin!

Freistundengespräch

(Anmerkung: Dieses Gespräch hat sich in einer Freistunde vor den Ferien fast genau so zugetragen. „Sie“ ist eine 16-jährige Bekannte von mir, mit der ich einige Kurse habe.)

Sie: „Boah, ich hab letztens meinen Ex-Freund in der Stadt gesehen. Wie der aussieht! Bin ich eigentlich die ganze Beziehung lang besoffen gewesen?!“
Ich: „Wie lange wart ihr denn zusammen?“
Sie: „Acht Monate. Und er hat nach zwei Wochen angefangen, mich zu betrügen! Ich hab ihm anscheinend nicht das gegeben, was er wollte. Hat er halt Pech gehabt.“
Ich: „Krass. Seit wann weißt du, dass er fremdgeht?“
Sie: „Das haben mir alle schon die ganze Zeit gesagt. – Letztens hab ich rausgefunden, dass er schon in unser Beziehung mit Drogen angefangen hat. Der Kerl ist so eine Katastrophe.“

5 Minuten Gespräch über irgendeine Belanglosigkeit später.

Sie: „Und damals hab ich mich dann ja auch mit meiner besten Freundin zerstritten. Weißt du überhaupt, wie das passiert ist?“
Ich: „Nö.“
Sie: „Alex* hatte sich gerade getrennt und meine Ex-beste Freundin hatte es halt voll auf den abgesehen. Die kann aber gar nicht flirten und wollte ihm Zeit lassen. Die ist sowieso die Jungfrau schlechthin, hahaha! Und als ich dann mit ihm geschlafen habe, ist sie voll ausgerastet. Pff. Ich weiß gar nicht, was ich falsch gemacht habe! Er war doch nicht vergeben?! Aber ist mir auch egal. Ich wusste eh, dass sie ne Bitch is. Und ihr Jungengeschmack ist auch voll verirrt.“

Ahhh! Kann mich bitte irgendjemand sofort hier raus holen?

Und vor allem: Kann bitte irgendjemand sie sofort da raus holen?

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*Name geändert

Stellt euch einfach mal vor …

… Kate hätte ihr Baby abgetrieben. Wäre das ein Aufschrei! Der Thronfolger, einfach abgetrieben! Tot! Er wäre es gewesen! Kate darf das nicht!

Aber sonst darf man das, oder was? Sonst juckt das keinen? Sonst ist es okay, angehende Menschen umzubringen?

Tze.

Dinge, die mich verwirren

1. Dass 95% der frei herumlaufenden Omis beige trägt. Gibt es irgendwo ein Gesetz, das vorschreibt, dass alte Damen nur noch beige tragen dürfen, damit sie noch grauer aussehen? Kriegt man dann einen Brief oder was? „Hallo Frau Maier, Sie sind jetzt 67, gehen damit in Rente und dürfen ab sofort nur noch beige tragen, mein Beileid. Und wenn Sies nicht tun, kommt die Sittenpolizei.“ Habt ihr mal drauf geachtet? Das fängt bei den Schuhen an und hört bei der Handtasche auf. Bitte, bitte lasst mich andere Farben tragen, wenn ich mal alt bin!

2. Dass in Büchern bei Umarmungen und Küssen oft das Wort „pressen“ benutzt wird. Sie presste ihre Lippen gegen seine, oder so ähnlich. Nein! Pressen erinnert mich eher an eine Schrottpresse oder Druckerpresse, an einen gewissen Vorgang auf der Toilette oder an das Blätter- und Blütenpressen, bei dem man den 27-bändigen Brockhaus auf gepflückte Pflanzenteile stapelt. Dieses Wort passt doch überhaupt nicht zu Dingen wie Küssen und Umarmungen! Oder?

3. Folgender Werbetext, der bei uns in der Stadt auf einem Plakat steht: „Wenn Liebe durch den Magen geht, ist das hier Sex.“ Darunter sind Tortellini abgebildet. Ich weiß nicht, aber ich komme einfach nicht dahinter. Mit „das hier“ sind offensichtlich die Tortellini gemeint. Wenn die Tortellini durch den Magen gehen, werden sie an einer bestimmten Stelle wieder ausgeschieden, und das hat dann nichts mit Sex zu tun, obwohl das in der Nähe stattfindet. Alternativ werden die Tortellini als Polster und Vorratslager vom Körper angelagert, und obwohl die Franzosen das beschönigend „poignée d’amour“ nennen, besteht auch hier kein Zusammenhang zu gewissen Liebesakten. Wirklich.

4. Wenn in der Zeitung, selbst in seriösen Ausgaben, Schlagzeilen stehen wie „Zwei Deutsche bei Flugzeugabsturz in Ägypten gestorben“ und in der Unterüberschrift steht, dass es insgesamt 200 Tote gab. Meine Güte, sind wir echt so arm dran, dass die Nationalität eines Toten das Gewicht des Todes ausmacht? Es ist ja schon peinlich, einen Flugzeugabsturz überhaupt auf die Titelseite zu setzen, aber wenn, dann doch bitte richtig. (Ja, ich finde so etwas unwichtig. Wenn du in zehn Jahren auf das Jahr 2013 zurück schauen wirst, werden ganz andere Dinge aus den Nachrichten wichtig sein.) Diese ganze Aussage klingt so, als würden die Journalisten da sitzen und denken: „Oh, Flugzeugabsturz in Ägypten, mhm. Deutsche dabei? Nee? Ach, dann ists ja voll egal … Oh, doch?! WAH!!! Schlimmste Sache EWWAAA!!!11!111“

5. Dass unter genau dem selben uralten Artikel in regelmäßigen Abständen englischer Spam auftaucht. Warum immer dieser Artikel? Warum immer auf Englisch? Ist der auf irgendeiner englischen „Wir zeigen euch, wo ihr hinspammen könnt“-Seite verlinkt oder wie oder was?

Was verwirrt euch?

Liebe Grüße,
Eure verwirrte Sina

Spezielle Momente

Wenn man plötzlich bemerkt, dass es halb elf ist und man in der Waschküche Seilchen springt, weiß man, dass es wieder mal an der Zeit ist, über sein Leben nachzudenken.

Auf dem Kassler Bahnhof…

Ich stehe am Gleis, habe noch zehn Minuten von meiner Umsteigezeit übrig und überlege mir, ob ich noch mal hoch zum Bäcker gehen soll oder nicht. Mein Blick schweift zur Rampe, die hoch zu den Geschäften führt. Ich mustere die ganzen Reisenden und muss ein wenig über die Vielfalt lächeln. Ob Bussiness-Typ mit Anzug, russische Oma mit Kind, Studenten mit Wanderrucksäcken oder alleinreisende 14-jährige Mädchen: Alle kommen sie einträchtig nebeneinander die Rampe hinunter zum Zug. Sie begegnen sich hier einmal (und dieses eine Mal meist nicht einmal bewusst) und sie sehen sich danach wahrscheinlich nie wieder. Ich schaue wieder auf die Uhr, trommle ein bisschen geistesabwesend auf dem Griff meines Koffers rum und warte.

„Hey, du, ja, entschuldigung!“

Weit aufgerissene Augen, ein breites und lächerlich wirkendes Grinsen und schlaksige Bewegungen kommen in Form eines Mannes auf mich zu, der vielleicht so um die dreißig ist, ein wenig größer als ich, mit Rucksack, normale Kleidung, unkoordinierte Bewegungen. Irgendwas an seinem Gesicht ist komisch. Mein Herz klopft schneller und ich denke nur: Vorsicht. Wer weiß, was der will.

„Ich?“
„Ja, äh, entschuldigung, aber kannst du mir vielleicht helfen?“
Ich schaue in fragend an. Hoffentlich will er nur eine Auskunft. Er fäht fort.
„Also, kommst du viellecht hier aus Kassel?“
„Nö.“ Was will der? Unauffällig schiebe ich meinen Koffer zwischen uns, damit er mir nicht zu nahe kommt.
„Ja, ich auch nicht.“ Breitestes Grinsen. Etwas gruselig ist er schon. „Und zwar, das ist mir jetzt wirklich peinlich, ja, sowas ist mir auch noch nie passiert, ja“ Die Mimik und Gestik, mit der er das unterstützt, ist beeindruckend. „Und zwar muss ich nach Berlin, ja“ Schnell unterbreche ich ihn in der Hoffnung, dass er dann einfach wieder geht.
„Da gehen sie am besten da hoch und dann…“
„Nee, warte mal, der Zug fährt nämlich stündlich auf Gleis drei, und, das ist mir jetzt wirklich peinlich, dass ich dich das so fragen muss, aber mir fehlen noch genau neun Euro, ja, und..“

Er erzählt mir, wie viele Leute er schon alles gefragt hat und auch reichere ud ältere Leute und dass die ihn alle ignorieren und dass er ja schon sooo lange an dem Bahnhof hier festsitzt und ihm nur diese neun Euro fehlen und so weiter. Immer noch diese unkoordinierten Bewegungen. Diese übertriebene Mimik mit den weit aufgerissenen Augen. Während seiner Ausführung denke ich nach, so schnell ich kann. Drogenabhängig? Schizophren? Sonst irgendwie geistig behindert? Oder einfach nur komplett aufgelöst? Leg dich nur nicht mit ihm an, befehle ich mir. Wer weiß, wozu er in der Lage ist und du bist hier ziemlich schutzlos. Gib ihm einfach was er will, dann ist er weg. Geh kein Risiko ein.

Schließlich ist er fertig und schaut mich bittend an. Als ich nicht sofort reagiere, fügt er noch hinzu:

„Du kannst mir auch noch deine Adresse geben, dann schicke ich dir das Geld zurück.“

Nee, das mache ich ganz sicher nicht. Wenn er meine Adresse hat… oh je, ich will gar nicht wissen, was er dann alles anstellen kann. Also antworte ich:
„Ach quatsch! Für die paar Euro…“ und krame mein Portemonaie hervor. Er gibt zu, dass das mit dem Zuschicken wirklich eine alberne Idee war.
„Ich muss mal gucken, ob ich überhaupt so viel habe…“, murmel ich um ein wenig auszutesten, was er machen würde, wenn ich ihm nichts geben würde oder könnte.
„Nee, aber wenn du nicht genug hast, ist das vollkommen okay und ich frage wen anderes!“
Trotzdem wage ich es nicht, einfach zu sagen: Oh, nee, soviel hab ich wirklich nicht, tut mir leid, viel Glück beim Fragen, tschüss. Ich gebe ihm den Schein.
„Hier.“
Er bedankt sich mehrfach und freut sich, dass es jetzt noch einen Euro mehr hat, von dem er sich vorher noch einen Kaffee kaufen will. Dann zieht er ab.

Mein Herz pocht laut. Ich schaue ihm hinterher. Von hinten sieht er stinknormal aus. Hoffentlich kauft er sich keine Drogen von dem Geld, denke ich mir. Der Zug kommt. Welchen Kaffee kriegt man denn für einen einzigen Euro?, frage ich mich noch, bevor ich einsteige.

Was hätte ich wohl gemacht, wenn ich zwei Jahre älter und ein starker Junge gewesen wäre? Und was hätten wohl meine Freunde oder Großbruder gemacht? „Hatte er kleine Pupillen? Wenn er so Stecknadelpupillen hatte, war er auf Heroin. Schizophren glaube ich nicht, sonst hätte er nicht so gezielt auf dich zugehen können. Hm“, diagnostiziert Mama mir später am Telefon. „Keine Ahnung ob er kleine Pupillen hatte. Seine Augen waren zwar komisch, aber ich weiß nicht mehr, was an denen“, antworte ich. „Warum ziehe ich solche Menschen eigentlich an? Ist ja nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert.“ Ich spüre, wie Mama grinst. „Du fällst eben auf mit deinen Haaren und bist immer sehr… präsent.“ Na danke auch. Präsent. Was soll das denn heißen?

Deswegen merkt euch, Leute: Seid an Bahnhöfen immer sehr unpräsent. Is besser so.