Mittendrin

Ich bin kein Roman, kein Film, kein Lied. Bei mir gibt es keine Geschichte, die von einem Anfang und einem Ende gesäumt ist. Bei mir gibt es keine Probleme oder Konflikte, die in einem dramatischen Spannungsbogen aufgebauscht und dann zu einer Lösung gekommen sind.

Bei mir gibt es nur meine vielen kleinen Geschichten, die irgendwie nie zu Ende gehen wollen, ihren Weg immer weiter schreiben, oft in vielen unauffälligen Momenten.

Ich kann nicht sagen – dieses Thema, dieser Konflikt, das ist jetzt Vergangenheit und das war die Lösung. Alles lebt weiter, weiter, und ich würde gerne erzählen, als wäre alles vorbei, doch ich weiß oft nicht einmal, wo der Höhepunkt der Handlung gelegen hat. Oder ob er noch kommt.

Wie oft kommt das immer selbe noch hoch? So leicht geht es in Filmen, dass Mädchen verstehen, dass sie eigentlich wertvoll sind. Dass zwei Menschen zusammen kommen und glücklich sind. Dass Beziehungen zu Eltern geheilt sind. Dass Menschen ihren Platz in der Welt gefunden haben.

Und die Figuren leben glücklich in ihrem Happy End, bis sie tot sind.

Aber ich, ich trage immer neue Schlachten aus, in meinen Gedanken, in neuen Situationen, und die kleinen Siege bleiben beinahe unsichtbar. Es gibt keine großen Taten, die mich zur Heldin machen würden. Keine abgeschlossenen Geschichten. Nichts, nachdem man den Vorhang zuziehen könnte, den Abspann durchrollen, die letzten Töne ausklingen lassen könnte.

Ich habe keine Geschichten zu erzählen. Ich habe nur Geschichten zu leben. Ich bin mittendrin, mittendrin.

Und alles, was ich tun kann, ist weitergehen und dich fragen, ob du meine Hand nehmen und dabei sein willst.

An die Freundin, die zu Hause geblieben ist

(oder den Freund. Das hier betrifft tatsächlich so einige.)

Meine liebe, liebe Freundin,

die du mir so wichtig geworden bist. Die ich Herz-zu-Herz kennen gelernt habe. Die wir uns Rückhalt gegeben haben, uns ermutigt und gestärkt und so viel geteilt haben.

Meine Freundin, die du zu Hause geblieben bist, während ich in ein fremdes Land gegangen bin. Die du jeden Tag deinen Alltag hast, während ich beständig Neues erlebe. Der es so schwer fällt, sich mein neues Leben vorzustellen, während ich das deine ganz gut kenne.

Hallo du.

Einen Monat bin ich jetzt schon weg, und wahrscheinlich hast du viel zu wenig von mir gehört. Vielleicht hast du mir geschrieben, mir eine wundervolle Mail voller Ermutigungen und Fragen geschickt, und es kam so wenig oder sogar gar nichts zurück. Vielleicht hast du sogar gehört, dass jemand anderes mit mir geskypt hat, und du fragst dich, warum wir beide nicht.

Vielleicht bist du enttäuscht, fragst dich, wie viel du mir überhaupt noch bedeutest oder je bedeutet hast, ob ich dich so schnell vergessen habe. Ob es wirklich sein kann, dass ich nicht mal die Zeit für ein bisschen an dich oder mit dir schreiben finde. Ob du in diesem Jahr wirklich nicht mehr sein solltest als ein weiterer Rundmailempfänger.

Ich möchte so sehr, dass du weißt, dass ich alles gesehen und gelesen habe, was du mir geschrieben hast, und dass ich mich darüber gefreut habe. Ich mag den Gedanken an dich. Unser ganzer gemeinsamer Weg mit all den verschiedenen Momenten ist mir kostbar. Ich möchte, dass du weißt, dass mir viel an dir liegt, und dass ich mich auf dich freue, wenn ich zurück komme.

Jetzt gerade bin ich in einem Land ganz weit weg, und es kostet mich all meine Energie. Ich ringe darum, meinen Fokus hierher zu verschieben und Deutschland erst einmal hinter mir zu lassen. Jeder Kontakt nach Hause tut weh, egal, wie schön es auch ist. Alle Zeit, die ich in Gedanken in Deutschland und bei dir verbringe, bin ich nicht wirklich hier, ist Zeit, die meinem Einleben entgegen wirkt, die mir dieses Land fremder und kälter erscheinen lässt, die Heimweh hervorruft.

Und ich möchte mich doch wohlfühlen in diesem Jahr.

Kannst du mich loslassen? Kannst du mich – auch innerlich – wirklich gehen lassen? Gehen lassen in dem Wissen, dass wir später einfach da weitermachen können, wo wir aufgehört haben. Wir bleiben ja Freunde. Wir laufen uns nicht weg. Und im Fall der Fälle, wenn etwas wirklich krasses passiert, sind wir ja immer noch füreinander da.

Ich bin mir nicht sicher, ob man das wirklich verstehen kann, wenn man noch nicht für längere Zeit ins Ausland gegangen ist. Danke, dass du es versuchst.

Ich schick dir Mut, Kraft, das Beste für dieses Jahr!
Deine Sina

Reflexionen

Oder: Vom Wissen um den Schmerz

Hätte ich das alles schon vorher gewusst, dann wäre ich nie gegangen.

Hätte ich all die Tränen, den Schmerz, die Anstrengung vorher schon gekannt, schon gewusst, was „Heimweh“, „Kulturschock“ und „Überforderung“ wirklich bedeuten, dann wäre ich einfach zu Hause geblieben. Dann hätte ich mir das alles nicht angetan. Ich hätte mir einfach ein normales Leben in Deutschland ausgedacht und das mal gemacht. Ich würde jetzt deutsches Brot mit Nutella essen, statt Smog einen Himmel sehen und bei Bedarf meine Freunde besuchen fahren.

Und doch: So viel Wertvolles ist schon passiert, seit ich hier bin. Momente, in denen ich festgestellt habe, dass ich mir so viel mehr zutrauen kann als ich dachte. Den Abstand nach Zuhause, der mich innerlich aufräumen und leer vor Gott kommen lässt. So viele Beobachtungen über Kultur, Menschen und mich.

Es ist ein altes, wunderbares Prinzip vom Leben: Hätte man all den Schmerz vorher schon gekannt – man weiß nicht, ob man sich aufgemacht hätte. Doch am Ende ist man so froh, durch all das hindurchgegangen zu sein.

Ich bin froh, dass ich gefahren bin. Ich bin froh, jetzt hier angekommen zu sein. Und ich bin froh, dass ich all den Schmerz der nächsten Tage und Wochen und Jahre noch nicht kenne, sodass ich voll Zuversicht weiter gehen kann.

Gestank und Schönheit

Asien stinkt.

Das ist vielleicht nicht die beste Anfangsfeststellung und wahrscheinlich auch eine völlig unverschämte Pauschalisierung, aber trotzdem. Die viel heißere, feuchtere Luft trägt einem die vielen Gerüche ungefragt auf die Haut auf. Und es riecht nach allem möglichen. Das Essen der vielen Straßenstände, der Müll, die Abgase, das Chlor im Leitungswasser – alles zu intensiv, zu viel davon.

Ständig wechseln die Gerüche und das allermeiste davon kenne ich nicht. Aber ich frage nicht danach. Ich will es gar nicht wissen. Eigentlich will gerade gar nichts wissen. Ich will nicht wissen, warum die Leute sich hier benehmen, wie sie es tun, was diese ganzen Worte und Kleidungsweisen und Schilder bedeuten, wo ich was besorgen kann und was ich welchem Fall tun muss. Ich will gar nichts wissen, sondern mein Gehirn leer bekommen, leer von all dem Wissen und Unwissen und dem ganzen Gestank.

Leer und weit soll es in mir sein, so wie die klare Luft, wenn man von einem Berggipfel zum Horizont schaut. Es liegt eine Schönheit in dieser Weite. In dieser Klarheit. Es fehlt nichts. Ich will Frische atmen, so wie wenn man über einen Gletscher geht oder wenn der Regen im Wald gerade erst aufgehört hat oder wenn es dicke, weiße Schneeflocken schneit.

Ich warte. Ich warte, dass der Gestank normal wird, das Wissen intuitiv, der Schlaf erholsam und mein Gehirn ein bisschen leerer. Warte auf Klarheit, auf Frische, auf Schönheit.

Schönheit.

Ja, in all diesem Dreck, dem Gestank und der Überforderung will ich warten, bis ich die Schönheit erkennen kann.

Komm mit, Sina

Komm mit, Sina. Alles wird neu und alles wird groß.

Ich fühle mich klein. Klein vor all dem, was passiert und was ist. Klein vor einer großen Stadt mit einer fremdem Kultur. Klein vor fremdem Essen, fremdem Klima, fremdem Schlafrhythmus. Klein vor vielen neuen Aufgaben und Erfahrungen. Klein auch vor den Menschen zu Hause und wie ich mit ihnen umgehen soll. Klein vor den Menschen, die irgendwas noch angesprochen, eingefordert oder gestanden haben in den letzten Tagen vor meiner Abreise. Klein vor diesem ganzen großen Leben.

Nachts um drei wache ich auf wegen Jetlag. Die zweite Nacht in Folge. Nicht alleine. Irgendwer trifft sich auf dem Klo immer.

„You need to rest“, sagen sie uns immer wieder, und trotz all den Pausen geht alles so schnell, und der Weg ist noch so weit, so steinig. Ich fühle mich klein vor diesem Weg. Alles wiegt schwer, als müsste ich all das Kommende jetzt schon aushalten.

Ich liege im Bett, nachts um drei, und fühle mich klein, aber mal anders klein. Fühle mich klein, und muss ja auch gar nicht alles können. Sind ja Menschen da, sie sich kümmern, die verstehen. Ist ja ein Gott da, der mein Herz nicht übergeht. Fühle mich klein und geborgen, weil Papa das ja eh macht. Ich muss das ja nicht alles tragen können. Muss ja gar nicht alle Menschen zufrieden stellen. Muss ja gar nicht alles perfekt machen. Bin ja so schon wertvoll und geliebt.

Die Erinnerung daran, dass ich nicht auf dieser Welt bin, um Erwartungen zu erfüllen.

Komm mit, Sina. Alles wird neu und alles wird groß, und du darfst klein sein und darfst wachsen.
Und es wird gut sein.

Warum ich nicht ich selbst sein will

Und warum das auch gut so ist.

Junge Menschen werden derzeit mit der Erwartung überfordert, sie selbst zu sein. „Be yourself!“, schreit es aus allen Enden der Medien. Alle sagen sie: Lass dich nicht verbiegen, sei einfach du selbst, versteck dich nicht! Be yourself cause #YOLO, u know?

Okay, denke ich. Ich versuchs.

Hier stehe ich also nun und versuche, ich selbst zu sein. Womit fange ich an? Wer ist „ich selbst“? Was würde „ich selbst“ jetzt machen? Ich weiß es nicht. Es überfordert mich.

„Ganz so, wie es dir am Besten gefällt“, sagen tausend Möglichkeiten einer globalisierten, emanzipierten, kapitalistischen Gesellschaft. Ja!, denke ich. Ich will alles, wie es mir gefällt. Das klingt gut! Das Problem ist nur, dass ich nicht weiß, was mir eigentlich gefällt. Ich würde machen, was ich will, wenn ich wüsste, was das ist. Ich kenne „ich selbst“ ja nicht mal. Ich muss ja erst noch „ich selbst“ werden, ich bin es ja offenbar noch gar nicht. Woher soll ich wissen, was „ich selbst“ will? „Lebe deine Träume!“, doch wovon träumt „ich selbst“ eigentlich?

Meine Generation – wir sind nicht feige. Wir sind nicht mutlos. Wir brauchen keinen, der uns noch einmal mehr sagt, dass wir alles sein und machen können, was wir wollen. Alles.

„Be yourself!“, das sagt uns nichts mehr. Es ist unmöglich. Wir kenne yourself nicht. Wir sind eine Generation, die nicht mehr weiß, wer sie sind und was sie wollen. Seine Träume leben – früher war das einfach. Da musste man sich zwar gegen die Gesellschaft durchsetzten, wurde von seinen Eltern ausgestoßen und ist mittellos auf der Straße gestorben, weil es nicht hingehauen hat, aber wenigstens kannte man das Ziel. Wir können unsere Träume nicht mehr leben, denn wir haben keine. Wir rebellieren gegen nichts, denn wir sind ja nichts – gegen was von unserer inneren Leere sollte irgendwas widersprechen? „Be yourself!“ Ja nee. Ich will nicht „ich selbst“ sein. Ich will einfach sein. Ohne „Ich selbst“. Geht das auch?

Ich will nur sein, ohne das Ziel, dass das mir ganz entsprechen soll, ganz „ich selbst“ sein soll. Ich will tun, wofür ich mich gerade entscheide, ohne den Anspruch, dass mir das gerade am Besten von allem gefallen muss. Ich will einfach den Weg gehen, den ich dann eben gehe, ohne dass es mein gelebter Traum sein muss. Ich werde meine Gründe haben für jede Entscheidung. Keine meiner Entscheidungen ist perfekt, keine grausam. Es sind einfach nur meine Entscheidungen, die mich auf meinem Weg weiterbringen, weil sie nach vorne zeigen. Ob es jetzt „ich selbst“ ist, die den Weg geht, und ob das das ist, was „ich selbst“ am besten gefällt, und ob „ich selbst“ damit seine Träume lebt, das weiß ich nicht. Und langsam frage ich mich, ob es dieses erstrebenswerte, träumende, entschiedene „ich selbst“ überhaupt gibt. Vielleicht gibts auch einfach nur mich. Vielleicht ist das auch gut so. Und vielleicht tue ich das, was mir am Besten gefällt, indem ich mir das nicht weiter anhöre.

„Be yourself!“ Danke. Bin ich schon, siehst du doch. Wer sonst antwortet dir gerade?

Fußabdrücke auf Wegen des Lebens

Fußabdrücke auf Wegen des Lebens, leuchtend und aus der Ewigkeit, und ich sehe und gehe weiter. Wo Fackeln an Straßenrändern leuchten und sich in der Dunkelheit heimlich weiße Blüten öffnen, da nehme ich meine Kapuze ab und atme die Schönheit ein.

Ich liebe diese geheimen, unberührten Orte, geschaffen nur aus einem Hauch der Wirklichkeit und einem Fluss der Gedanken und Gefühle. Meine Träume finden hier ihren Weg und mein Inneres ein Zuhause.

Fußabdrücke, und ich sehe und folge ihnen, lasse mich leiten in die unbekannten Schatten. Sicherheit ist keine Frage von Kontrolle, sondern von Vertrauen. Es gibt keinen sichereren Ort für mich als hier in dieser Dunkelheit, denn ich weiß, wer bei mir ist. Fackeln trage ich in meinem Herzen und meine Seele blüht, während meine Füße über Steine gehen, die aus Unendlichkeiten stammen.

Ich genieße, genieße das Gefühl eines langen, schwingenden Mantels. Genieße es, mit großen Augen in der Dunkelheit nach Schemen und Formen zu suchen. Genieße das kleine, aufgeregte Kribbeln bei mutigen Schritten auf ungewissem Boden. Genieße die Ruhe in mir.

Fußabdrücke auf Wegen des Lebens, und ich folge ihnen.

Es ist unwirklich und echt zugleich.