Ihr müsst doch auf mich aufpassen.

Ihr müsst doch auf mich aufpassen, dass mir nichts passiert.

Es könnte ja sein, dass ich die Gefahr von etwas nicht verstehe und schnurstracks auf den Abgrund zulaufe und gleich hinunterfallen werde. Oder ein wildes Tier will mich fressen. Oder ich verlaufe mich. Oder ich werde angegriffen. Es könnte ja auch sein, dass ich mein Gehirn falsch ernähre und mich so von innen vergifte. Vielleicht passiert es ja, dass mich jemand verfolgt und fangen will. Oder ich verletze mich einfach so.

Dann brauche ich doch jemanden, der nach mir schaut. Irgendwo muss ich mich doch verstecken können. Irgendwo brauche ich doch Sicherheit und Schutz. Guckst du hin? Passt du auf mich auf? Hast du im Blick, was ich anstelle? Damit ich keinem damit schade, auch mir selbst nicht? Wirst du alles wieder gut machen, wenn ich mich verletzt habe?

Ihr müsst doch auf mich aufpassen.

Der Mensch hinter deinem Gesicht

Du sitzt da und redest mit mir, erzählst mir irgendetwas von Klischees über Männer und Frauen und die Männlichkeit von gesunder Ernährung. Du redest mit mir, und ich frage mich, wer diese Person eigentlich ist, mit der ich da spreche. Was hinter deinen Worten steckt. Was hinter deinen Bewegungen steckt. Was hinter deiner Mimik steckt. Was hinter deiner Stirn steckt.

Ich kenne dich kaum, verglichen mit dem, was es da alles zu kennen gibt. Wie viele Dinge tut der Mensch an einem Tag? Wie viele Dinge lässt er? Wie viele Gefühle hat der Mensch an einem Tag? Wie viele Gedanken? Wie viele Themen geistern dem Menschen an einem Tag im Kopf herum? Wie viele Ideen? Ängste? Freunden? Fantasien? Aus wie vielen Motiven handelt der Mensch an einem Tag? Aus wie vielen Überzeugungen? An einem einzigen Tag? Heute? Und wie ist das mit einer Woche? Einem Monat? Einem Jahr? Einem Lebensabschnitt?

Ich weiß nichts von dir. Du redest mit mir und ich weiß nichts. Dein Gesicht ist schön, doch ich habe keine Ahnung, wie der Mensch dahinter aussieht.

Von wem weiß ich überhaupt etwas? Wen kenne ich? – Gibt es da überhaupt jemanden? Bei einigen Menschen streife ich einen Bruchteil dessen, was sie sind, doch selbst diejenigen, die ich am besten kenne, sind so viel größer als alles, was ich je sehen könnte.

Wie könnte ein Mensch je behaupten, einen anderen zu verstehen?
Wie könnte es ein Mensch je wagen, einen anderen zu beurteilen?
Wie könnte sich ein Mensch je über einen anderen Menschen stellen?

Du redest mit mir und das alles, was du sagst und was du bist, ist nicht so simpel wie es klingt. Du bist nicht so unscheinbar, wie du immer tust. Du bist so viel mehr als das, was ich weiß. Da gibt es so viel mehr, was man nachvollziehen könnte.

Aber ich verstehe ja nicht mal mich selbst.

Gedanken, an die ich mich noch gewöhnen muss

Ich bin ein Mädchen und ich bin eine Frau. Eine Frau und ein Mädchen. Menschen sehen beides in mir. Menschen sehen eine Frau in mir. Ich kann in mir noch lange keine Frau finden. Da ist nur ein 15-jähriges Mädchen. Mädchen, Frau, Frau, Mädchen. Was ich wirklich bin, weiß ich nicht. Ich bin Sina! Aber sonst…?

Wenn Jungs mit mir reden, könnte es sein, dass sie flirten. Letztens hat ein Lehrer den Spruch „Jetzt hör doch mal zu, du kannst in der Pause mit Sina flirten“ gebracht, und da ist es mir wie Schuppen aus den Haaren aus den Augen von den Augen gefallen. Der Kerl hat ja wirklich mit mir geflirtet. Upps. Wer weiß, wie oft das schon vorgekommen ist, ohne dass ich es mitgekriegt habe. Ich rechne irgendwie überhaupt nicht damit.

Ich kann Menschen berühren. Ich kann Menschen mit dem, was ich sage und bin, zum Weinen oder zum Lachen bringen. Ich kann Menschen ermutigen, inspirieren und beschäftigen. Ich kann Menschen bewegen. Und ich kann erwachsene Menschen bewegen. Ich kann ein Vorbild sein. Was immer das auch heißt.

Gedanken, dich mich immer wieder in stummes Erstaunen bringen. Dabei ist es gar nicht so etwas besonderes. Ich bin es nur einfach nicht gewohnt.

Lauf, Kind, lauf.

(Ein Text vom 14. November 2011. Ich habe ihn am 9. Februar 2012 schon hier gepostet, aber ich habe ihn so lieb gewonnen, dass ich ihn euch noch einmal zeige. Er passt immer wieder. Zum Beispiel jetzt.)

Lauf, Kind, lauf, wohin dich deine Beine auch tragen.

Die Gedanken schweigen dazu. Ich will raus, raus aus meinem Körper, will mich als ein Nichts aus Atemhauch und Illusion wegwehen lassen. Will alle Müdigkeit, alle Erschöpfung fallen lassen. Will mich nicht mehr so schlapp fühlen. Will aufstehen, aufsteigen, entgegen der Blätter, die in der Herbstluft zu Boden fallen, leicht, nicht mehr an meinen Körper oder an Naturgesetze gebunden, einfach so. Will nicht mehr den Kampf kämpfen, den Kampf gegen die Schlaflosigkeit, gegen die Erschöpfung, gegen das, was vielleicht irgendwann in einem Burnout endet. Will fliegen und mir alle Stimmen und Emotionen heraus blasen lassen, bis nur noch dieses eine Gefühl da ist.

Flieg, Vogel, flieg, wohin dich deine Flügel auch tragen.

Kann es nicht ertragen. Diese Schwäche. Dass ich es tun will, dass andere es von mir fordern, aber ich nicht kann, weil es nicht geht. Weil da eine Grenze ist. Weil da etwas im Weg ist. Zuviel Aufregung, zu viele Menschen, zu viele Stimmen, zu viele Dinge. Sie liegen auf mir, hindern mich daran, zu tanzen. Ich will sie abschütteln. Ich will keine schmerzenden Schultern mehr haben. Ich will wieder aufrecht stehen, nicht krumm. Ich will wieder Kraft haben, stark sein. Oder mich treiben lassen. Treiben lassen, den Fluss des Lebens, wo alles Böse und alles Schlechte am Ufer zurück bleibt und das Wasser mich durchspült und sauber macht, reinigt, von allem, was nicht wichtig ist.

Schwimm, Fisch, schwimm, wohin dich deine Flossen auch tragen.

taub.

Nimm die Stöpsel aus den Ohren und werde still.

Ich höre mein Leben wie eine Playlist auf meinen Kopfhörern, und du auch. Und mein Leben, meine Playlist mit den immer selben Liedern, macht mich taub. Sie macht, dass ich nur noch die Musik und mich selbst höre.

Es ist an der Zeit, die Kopfhörer von den Ohren zu nehmen und größer zu hören, größer zu denken als das eigene Leben. Weil – dann kannst du auch wirklich wachsen.

Schau her

Es tut so gut, mich zu zeigen. Es tut so gut, mich so zu zeigen, wie ich auch bin.

Zu sagen: Schau her, ich schreibe. Viel. Sehr viel. Das ist mir wichtig.

Schau her, ich filme, und es macht mir Spaß. Ich schneide stundenlang und schau her, so etwas kommt dabei raus.

Schau her, ich male. Und manchmal weiß ich erst drei Wochen später, was es bedeutet.

Schau her, ich glaube an Gott. Ja, und das ist für mich kein Hobby, sondern Leben.

Schau her, Menschenhandel und Lästerei machen mich wütend und schau doch her, wie ich bin, wenn ich wütend bin.

Und ich schau mal her zu Dir, denn ich bin an Dir interessiert. Erzähl mir was über Dich. Zeig Dich mal. Wie bist Du auch?

Wie kannst Du noch sein?

Frei sein

(Ein Text vom 8. Januar 2013)

Mir geht dieses eine Lied durch den Kopf, Stardust von Lena: „No one can catch us, nothing can change this …“ Ich mag es. Es ist Freundschaft und frei sein.

Frei sein.

Das, was nicht ist. Frei sein, das heißt: Glücklich, unbeschwert. Zusammen.

Frei sein, das ist so eine Sache, die alle versprechen, weil es keiner halten kann. Wenn es viele Rezepte für etwas gibt, ist das ein Indiz dafür, das keins so richtig überzeugend ist. Alle wollen es, alle kennen es; keiner, der es ganz hat, ganz kann.

Frei sein, das ist wie eine Blume in einem Blumentopf, die gegossen und gepflegt werden will. Sie ist nicht einfach so, bleibt nicht einfach so. Und sie hat ihre Grenzen. Irgendwie. Paradoxerweise.

Die Frage ist ja eigentlich, ob es das wert ist. Was man dafür tun muss und was man davon hat. Das Verhältnis davon.

Das tun-müssen ist ja die Frage. Lauter Versprechen, lauter Anleitungen, um es zu bekommen. Das Glück, die Freiheit, das volle Leben. Und wir fallen darauf rein, wieder, wieder, wieder und immer, immer wieder. Weil die Sehnsucht danach so groß ist. Weil es weiter gehen soll, was wir kurz erleben. Dass unendlich wird, was nur ein paar Momente sind. Wir folgen irgendwelchen Anleitungen, Regeln oder gerade den Nicht-Regeln. Und, weil das schöner ist, sagen wir uns danach gerne: Es ist jetzt besser. Naja. Es ist jetzt zumindest nicht viel schlimmer …

Und was man davon hat? Naja, halt das Glück und so. Nicht. Oder doch? Irgendwie ziemlich viele Reinfälle und sinnlose Aktionen. Frust.

Doch dann kommt der Moment, wo es egal ist. Alles. Ob ich glücklich bin oder nicht. Ob ich frei bin oder nicht. Ob ich unbeschwert bin oder nicht. Wo das alles keine Rolle spielt.

Der Moment, indem alles egal wird und nur noch eins zählt – da bin ich glücklich.

Und kaum versuche ich es festzuhalten, wird es zu wichtig, zu utopisch, und löst sich in Luft auf. Es lässt sich nicht ins Fadenkreuz nehmen. Der Fokus Freiheit ist ein Fokus ins Nichts. Seinen Kompass danach zu stellen, führt in die Irre. Dein Norden liegt woanders …

Glück, Freiheit – was für ein Schlamassel.