I’m faking my own suicide

Ich habe mich verliebt. In dieses Lied. In diesen Text. In die Musik. Aber vor allem in den Text. Weil ich dieses Gedankenspiel so gut kenne. Weil dieses Lied mich wie einer meiner Texte widerspiegelt, obwohl es gar nicht von mir ist. Ich bring mich um, aber nicht wirklich. Ich lasse euch nur glauben, ich sei tot.

I’m faking my own suicide
Because I know you love me.
You just haven’t realized.
I’m faking my own suicide.
They’ll hold a double funeral
Because a part of you will die
Along with me.

– Relient K

Eigentlich

Eigentlich sollte ich abends versuchen, in Discos reinzukommen.
Eigentlich sollte ich es für erstrebenswert erachten, von Jungs heiß genannt zu werden.
Eigentlich sollte ich Modellmaße anstreben.
Eigentlich sollte ich DSDS und Germany’s Next Topmodel gucken.
Eigentlich sollte ich nie ungeschminkt aus dem Haus gehen.
Eigentlich sollte ich ständig hohe Schuhe tragen.
Eigentlich sollte ich meine Freunde alle paar Monate mal wechseln.
Eigentlich sollte ich es wichtig finden, von allen gemocht zu werden.
Eigentlich sollte ich mich bei anderen über meinen Ruf erkundigen.
Eigentlich sollte ich mich schämen, weil ich Single bin.
Eigentlich sollte ich schon mit mindestens zwei Typen Sex gehabt haben.
Eigentlich sollte ich es bedauern, dass das nicht der Fall ist.
Eigentlich sollte ich 16 werden wollen, um Bier kaufen zu dürfen.
Eigentlich sollte ich Alkohol, Zigaretten und Drogen interessant finden.

Eigentlich sollte ich eine ganz normale 15-jährige sein.
Bin ich aber nicht.

Füße

Sie tragen mich morgens aus dem Bett, aus dem Haus und zur Schule. Sie tragen mich zur Toilette und zu jeder Stunde, laufen auch dann noch, wenn ich überhaupt nicht mehr bei mir bin. Sie ziehen jeden Sportunterricht durch, jeden Weg nach Hause und zur Kirche. Und wenn mein Kopf noch so sehr hadert und zweifelt – meine Füße tragen mich durch den Tag, bis ich Abends wieder zu Hause bin und ihnen ihre wohl verdiente Pause gönne.

Und jetzt sitze ich hier und schaue sie an und frage mich, ob sie überhaupt zu mir gehören. Haben sie ein Eigenleben? Sie gehen und gehen und fragen nicht, warum. Sie kennen keinem Zweifel und keinen Streik. Sie gehen zur Schule, selbst wenn mein Kopf und mein Herz zu Hause bleiben.
Sie fragen nicht.
Sie gehen.

Reden

Ich schreibe, weil ich nicht reden kann.

Ich kann nicht reden. Wenn ich rede, verhasple ich mich, ich stottere und verdrehe die Sätze, bis ich etwas ganz anderes gesagt habe als ich meine. Ich kann nicht reden, und dennoch rede ich viel. Ich weiß nicht, warum. Es hat gar keinen Sinn, zu reden, wenn es keiner versteht. Und das was ich sage, versteht keiner, was ja auch gar nicht geht, weil ich es ja falsch sage.

Außerdem haben die meisten Menschen falsche Reaktionen. Sie lachen, wenn etwas gar nicht lustig sein sollte und wenn ich witzig bin, schweigen sie mich aus ausdruckslosem bis betroffenem Gesicht an, die Augen weit aufgerissen auf mir ruhend, was mich auch nicht gerade besser reden lässt, wie du dir vorstellen kannst. Solche Blicke verdrehen meine Gedanken noch mehr und dann weiß ich gar nichts mehr. Meine Worte haben dann kein Gewicht mehr. Mehr Gewicht will ich …

Und ich kann nicht reden, aber ich habe immer noch eine Stimme, eine Stimme.
Eine Stimme, die nicht reden kann, yey, aber ich habe sie, und ich nutze sie, und du hörst zu.

Und auch wenn du mich wieder so angucken wirst und sich in meinem Hirn alles verdreht, und auch wenn ich mich viel zu sehr von nicht vorhandenen Reaktionen leiten lasse und auch wenn ich beim Reden über meine eigenen Gedanken wie über Stolperseile holper, werde ich meine Stimme nutzen.

Denn ich habe eine Stimme – und du hörst zu.

Dieses Gefühl

„Wie geht es dir?“ – „Ganz gut.“
Dieses Gefühl, dass da noch etwas ist, was ich vergessen habe, und dass es wichtig ist; aber dass ich irgendwie nicht darauf komme.

„Ist (noch) was?“ – „Nein, ist alles in Ordnung.“
Dieses Gefühl, dass ich etwas wichtiges vergessen habe, dass ich es aber irgendwie nicht greifen kann.

„Ja, dann bis bald mal!“
Dieses Gefühl, etwas nicht gesagt zu haben, ohne zu wissen, was es ist.

Hm.

Ich vereine mich.

Ich will ich sein, einfach so ich sein.

Ich bin zu Hause eine andere Person als in der Schule und in der Schule anders als in der Kirche und in der Kirche anders als auf dem Sommerlager und auf dem Sommerlager anders als bei meiner Verwandtschaft und bei meiner Verwandtschaft anders als zu Hause – und ich kann kaum was dagegen tun. Es ist verwirrend.

Werde eins, Sina. Das bist du schon so viel mehr als früher. Weißt du noch? Damals hast du dich wie ein Chamäleon der Umgebung angepasst. Überall gab es eine andere Ausgabe von dir. Du hast das alles nicht zusammen gekriegt, geht ja auch gar nicht. Du bist schon weit gekommen. Es bringt dich nicht mehr durcheinander, Menschen von einem Ort an einem anderen zu begegnen. Aber so richtig eins bist du immer noch nicht. Bei jeder Person verbirgst du andere Seiten.

Ich vereine mich. Ich sammle die Stücke von mir auf, überall da, wo ich sie verteilt habe, und setzte sie zusammen. Es passt nicht, es ist widersprüchlich, wie bin ich wirklich? – und das ist meine Herausforderung.

So zu leben, dass es passt. Konsequent ein Weg. Einmal ich, nur eine Ausgabe von mir. Immer dieselbe. Überall.

Ganz ich.

Wenn ich groß bin, werde ich …

Es scheint für erwachsene Menschen höchst interessant zu sein, Kinder oder Jugendliche zu fragen, was sie denn mal werden wollen. Und so habe ich diese Frage auch schon hunderttausendmillionentrillionenundein Mal gehört. Meine Standartantwort ist „Weiß ich noch nicht, aber ich habe ja auch noch zwei Jahre Zeit (bis zu meinem Abitur), mit das zu überlegen.“ Jetzt sage ich euch mal wirklich, was ich werden will. Also.

Wenn ich groß bin, werde ich stark. Ich werde nicht bei Kleinigkeiten einknicken, sondern aufrecht stehen bleiben. Schwierigkeiten werden mich nicht umpusten. Beleidigungen können dann zwar mein Ohr, aber nicht mein Herz treffen, und wenn doch, dann werde ich die Stärke haben, das zu sagen und zu weinen.

Wenn ich groß bin, werde ich klug und weise. Ich werde mir selbst und anderen Menschen Rat geben können. Wenn ich vor schwierigen Situationen stehe, werde ich eine Lösung finden. Und wenn es die falsche ist, dann werde ich daraus lernen.

Wenn ich groß bin, werde ich ganz ruhig. Also nicht ruhig im Sinne von leise, sondern ruhig im Sinne von entspannt und friedlich. Ich werde in mir oder in Gott ruhen und nicht aufgeregt oder überdreht sein. Ich werde Ruhe ausstrahlen. Andere Leute werden bei mir zu Ruhe kommen können.

Wenn ich groß bin, werde ich aber auch laut. Ich werde meinen Mund aufmachen und alle werden es hören. Ich werde die Menschen aufmischen. Sie werden mit mir und meinen Themen konfrontiert werden. Vielleicht werde ich sie provozieren, vielleicht ermutigen, aber ich werde auf jeden Fall eine Reaktion von ihnen fordern.

Wenn ich groß bin, werde ich Lehrer. Also nicht Lehrer in einer Schule, sondern Lehrer im Leben. Es wird Menschen geben, denen ich dann etwas beibringen kann und die dann davon profitieren können. Ich werde sie ein bisschen in ihrem Leben begleiten. Sie werden sozusagen meine Schüler sein.

Wenn ich groß bin, werde ich wissen, was ich kann. Ich werde mich einschätzen können und über meine Stärken, Schwächen, Fähigkeiten und Leidenschaften Bescheid wissen. Selbst wenn ich nicht viel kann, werde ich dass, was ich kann, richtig zu nutzen wissen. Ich werde mich kennen.

So wirst du sicher nicht, wenn du groß bist, Sina. Das schaffst du nie.

Ich weiß.

Und ich werds trotzdem.