Bis du Bilder malst.

Du bist so vorsichtig, Süße. Ich sehe das an der Art, wie du im Unterricht auf deinem Collegeblock zeichnest. Oder wie du mit Leuten sprichst. Du willst keine Fehler machen. Am allerliebsten hättest du keinen gegen dich.

Und dann, manchmal, pikst dich irgendwo etwas, innen drin, und du fängst an zu diskutieren, stellst Fragen, kritisierst, und meist zu Recht.

Und dann – ist es wieder vorbei, und du bist wieder vorsichtig. Ziehst den Kopf ein und willst es nicht. Die Erwartungen deiner Eltern und von dir selbst – du willst zuverlässig sein, immer da, pflichtbewusst, das Beste geben für alle.

Wenn ich eine Feder hätte, mit der das ginge, würde ich dein Inneres kitzeln, bis du explodierst. Bis du ihnen allen die Meinung sagst. Bis du dein Verantwortungsgefühl und deine Perfektion nicht mehr auf die Erwartungen anderer richtest. Bis du mutig und furchtlos ein paar fette Fehler machst, dein Kinn hebst und die Welt angrinst. Bis du diese heiße, peinliche Scham feuerst und sie gnadenlos auf die Straße setzt. Bis du lachst, laut und offen und trotzig, weil du das gar nicht bist, zu was sie dich machen wollen.

Bis du beginnst, mehr du zu werden, wie du auch sein kannst, vielleicht wirklich bist, und Bilder malst, die du nicht kannst, weil dus kannst.

Windräder und verendete Helden

Als ich dich im Bus sah – du saßt über den Gang mir schräg gegenüber – als ich dich da sah, und deine mittellangen braunen Zottelhaare, durch die ich gerne mit meinen Fingern gestrichen hätte, weil sie weich aussahen, und deine braunen Augen und deine schiefen Lippen – und als du dann geseufzt hast, nachdem du fünf Minuten reglos aus dem Fenster geschaut hast, und dein Smartphone aus deiner Jeans geholt hast um widerwillig mit dieser Welt in Verbindung zu treten, mit der Welt und deinem Leben und den Leuten, die in dir nur sehen, was ihnen passt – da dachte ich mir so ganz still:

Schon wieder. Schon wieder ein verendeter Held, der keine Schlachten mehr kennt, und der sich stattdessen mit Profilbildern von Menschen unterhält, die sich wahrscheinlich selbst nicht mehr kennen, der in all dem Stress gelangweilt ist und viel macht und nichts ist. Schon wieder ein Held, ein gutaussehender sogar, wenn deine Augen, Junge, wenn deine Augen nicht so widerstandslos und angepasst wären, so ganz ohne Abenteuerlust, so ganz ohne jede sympathisch-männliche Aggressivität, die mit Gewalt nichts zu tun hat, so ganz ohne Grund, überhaupt zu kämpfen, so ganz ohne Freude. Nur Spaß ist da, oberflächlich, aber gerade nicht mal das, gerade tippst du in dein Smartphone. Ich könnte wetten, dass du einen lächelnden oder lachenden Smiley einbaust, der nichts von dir widerspiegelt. Und dann schaust du wieder hoch, aus dem Fenster, auf das Feld, die Windräder, die sich drehen und drehen und auch dieser Kampf ist sinnlos.

Ich schaue dich an, immer noch, in dein Gesicht. Du hast eine Narbe an der Schläfe – ich würde gern die Geschichte dazu hören und ich hoffe, dass sie sich lohnt. Vielleicht ist sie ja ein Zeuge davon, dass du lebst, oder gelebt hast, denn jetzt gerade so wirkst du tot, mein Freund mit den braunen Zottelhaaren, deinen schokobraunen Augen und dem schiefen Mund, tot. Lebendig begraben in einem Sarg aus ständiger Erreichbarkeit, Sicherheit und Bequemlichkeit, aus Erwartungen und Spaßhülsen, und du darin, tot und tot und immer noch nicht lebendiger.

Vielleicht bist du ja doch lebendig und hast nur einen schlechten Tag, kann ja immer noch sein, aber dein Outfit sieht zu durchdesignt aus, als dass das stimmen könnte. Ich will deine Haare durchwuscheln, weißt du, und dein Gesicht könnte so leicht verwegen und kriegerisch und attraktiv aussehen, aber deine Augen, deine Augen … Ich würde dir gern dein Handy aus der Hand nehmen und es abschalten, dir deine Sicherheit und deine Bequemlichkeit nehmen, und gucken, was passiert; dein Helden-Ich wachkitzeln und mit dir abhauen, weg von allen Erwartungen, vielleicht ans Meer. Ich würde dir ein Schwert in die Hand drücken und dein Herz in Flammen stecken. Dich frei lassen. Nur aus Neugier, was wäre wenn, und wer du wohl eigentlich bist.

Aber das mache ich nicht. Tot bist du, und das tut mir auch leid, aber was soll ich an deinem Grab stehen? Wecken kann dich immer noch ein anderer. Ich werfe dir einen Blick zu wie eine Blume aufs Grab, während du ohne jede Gesichtsregung irgendjemandem ein Herz schickst. Vielleicht, falls wir uns nochmal wiedersehen und ich die Gelegenheit bekomme, deine Haare endlich anzufassen, dann pikse ich dich, bis du aufstehst aus deinem Grab, bis du die Friedhofmauern sprengst und wir im Sommer in Decken gekuschelt die ganze Nacht auf dem Dach sitzen bleiben und Cocktails trinken können.

Ich steige aus dem Bus aus, und der kühle Wind schlägt mir ins Gesicht. Die Augen zusammen gekniffen gehe ich weiter, die Stadt, die Schule, ein Sarg voller verendeter Helden, die keine Schlachten mehr kennen, sich selbst nicht kennen, in all dem Stress gelangweilt, viel machen und nichts sein, Augen widerstandslos und angepasst, ohne Abenteuerlust, ohne Grund zu kämpfen. Und die Windräder drehen sich und drehen und drehen und auch dieser Kampf ist sinnlos.

Ich atme, atme, und bin.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Kühle Luft in meiner Lunge, kühlt das Herz, die Gedanken. Einatmen – Fokus. Was ist wichtig? Atmosphäre, sein. Einfach sein. Ich bin, hier, bis in die Fingerspitzen, bis in meinen großen Zeh. Ich bin, und ich spüre mich.

Ausatmen.

Den Staub, der sich auf meinem Herz gesammelt hat, als ich mir keine Zeit für es genommen habe. Die Angst, die ich so lange zudecken wollte. Die Unsicherheit. Erhöhter Stickstoffgehalt in der Atemluft, die ich in die Nacht fließen lasse, das lernt man in der Schule. Irgendwas zittert – bin ich das?

Einatmen.

Die Ruhe und die Stärke. Wieder mal Identität, natürlich, das kommt immer wieder. Die Stimmen einatmen, die Menschen, wie sie mir Wert zusprechen. Wahrheit? Ich frage danach.

Ausatmen.

Die Spannungen, die ganzen Konflikte, die Kriege in mir, die ich zu selten gewinne. Unzufriedenheit, Enttäuschung von mir. Lügen, immer wieder Lügen: Ich kanns halt nicht. Mein Anspruch an mich, viel zu hoch – ist das Stolz?

Einatmen.

Macht und Frieden. Der Duft von Regen, und ein paar Moleküle mehr Gewissheit über mich und das Leben. Alles anders, dasselbe, nur anders. Mein Spiegelbild sieht anders aus als vor einem Jahr, einer Woche, einem Tag. Ich bin wertvoll.

Ich atme, atme. Ich bin frei, ich bin wild, und ich bin. Ich atme Dinge ein und atme Dinge aus, nehme auf und gebe ab, ergreife und lasse los. Da ist Luft um mich und in meiner Lunge, und Leben, und Veränderung, und alles, und es ist schnell, so intensiv, und ich atme, ich bin, bin. Einatmen und Ausatmen. Luft und alles, alles. Alles.

Und mit jeden Atemzug werde ich mehr ein neuer Mensch.

12x wie deine Tochter dich braucht

Aus der Perspektive einer 16-jährigen Tochter und Christin möchte ich in diesem Artikel teilen, was ich denke, was eine Tochter von ihren Eltern braucht. Nicht alles geht in jeder Altersklasse, aber das werdet ihr schon merken. Dieser Artikel beruht auf dem, was ich als positiv erfahren habe und auf dem, was mir gefehlt hat, sowie auch auf dem, was ich als positiv oder negativ bei anderen beobachtet habe. An alle Eltern, besonders die, die Jesus lieben: Passt gut auf.

1. Sag ihr, dass du sie liebst.
Sag: „Ich liebe dich.“ Und: „Ich bin da für dich.“ Und: „Ich will das Allerbeste für dich.“ Und: „Du bist wertvoll“. Und so weiter. Kleine Mädchen wissen das nicht von alleine. Sie müssen das hören, wieder und wieder und wieder. Sehr simpel – also machs auch. Und dann lebe es.

2. Habe Zeit nur für sie.
Die besten Erinnerungen an meine Kindheit sind vor allem die, wo Mama oder Papa mal was nur mit mir gemacht hat. Ohne meine Geschwister. Ohne den anderen Ehepartner. Mal alle elterliche Aufmerksamkeit nur auf mich. Diese Zeiten sind so unglaublich wichtig. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wichtig. Und ich meine damit nicht: Einmal im Jahr. Ich meine oft. Wenn sie es braucht – einmal, mehrmals die Woche. Mal was Kleines wie einen Pudding zusammen essen, und mal was Großes wie zu zweit in den Zoo fahren und nachher groß Essen gehen. Dann wird sie sich geliebt, beachtet, wichtig fühlen. Und es gibt einfach keine Ausreden, die rechtfertigen, diese Zeiten auszulassen.

3. Sei da.
Ganz ernsthaft: Sei da. Sei physisch da. Nein, es ist nicht gut, regelmäßig bis spät in den Abend außer Haus zu sein. Sei aber auch psychisch da. Du musst ansprechbar sein für deine Tochter. Die Arbeit muss warten können. Der Haushalt muss warten können. Deine Sorgen, Gedanken, Themen in deinem Kopf müssen warten können. Sei in der Lage dazu, dich gedanklich auf sie zu fokussieren. Sie ist wichtiger.

4. Sei interessiert an ihrem Leben.
Glaub nicht, du kennst sie durch und durch, nur weil sie deine Tochter ist. Interessiere dich für ihre Geschichten, ihre Fragen, ihre Probleme. Sieh ihr in die Augen. Frag sie, was sie heute erlebt hat. Frag sie nach ihren Wünschen und Träumen. Höre ihr zu. Merke dir die Sachen, und komm drauf zurück. Es ist wichtig, dass du die Initiative ergreifst und fragst. Sie möchte gefragt werden. Nur, weil sie nicht von allein zu dir kommt, heißt das nicht, dass es nichts zum reden gibt. Und, auch ganz wichtig: Lerne, ihr zuzuhören, ohne sie zu beurteilen oder zu belehren. Aber – zwinge nichts auf. Zwinge sie nicht, etwas zu erzählen, wenn sie nicht will. Gib ihr die Freiheit, zu reden und zu schweigen. Biete ihr dein offenes Ohr, deine Fragen und dein Interesse an, und verurteile sie nicht, wenn sie nicht möchte.

5. Mach ihr Komplimente.
Gerade Väter haben so oft keine Ahnung, wie wichtig für das Selbstbewusstsein eines Mädchens ihre Schönheit ist. Kleine Mädchen wollen bezaubernd sein. Sag ihr, dass sie es ist. Für jede Frau ist das ihr Leben lang ein Thema. Gib ihr so viel Fundament mit, wie geht. Gibt ihr Anerkennung und Wertschätzung. Gaaanz viel. Mach ihr Komplimente für die kleinen und für die großen Dinge. Weißt du, das Versagen eines Vaters in diesem Punkt äußert sich bei ihr nicht selten in wilden Jungs-Geschichten und Minderwertigkeit. Unterschätze das nicht.

6. Bete für sie und mit ihr.
Oh ja. Big deal. Es ist eine unglaubliche Kraft in Gebet, und als Christ weißt du das. Bitte gib ihr das weiter. Als Vater oder Mutter hast du eine geistliche Vollmacht und Verantwortung für sie, das heißt du kannst in einer Weise und einer Macht für sie beten, wie das sonst keiner kann. Außerdem wirst du sie besser kennen lernen, wenn du sie beten hörst, und sie wird Jesus durch deine Beziehung zu ihm besser kennen lernen. Es wird mehr Einheit entstehen, mehr Zusammenhalt. Und überleg mal, wie unglaublich geliebt und wahrgenommen sich deine Tochter fühlt, wenn du sie fragst, wie du heute für sie beten kannst.

7. Rede mit ihr über Gott.
Lies ihr aus der Kinderbibel vor. Diskutiere mit ihr Texte und Fragen, wenn sie älter wird. Besonders, wenn du Vater bist. Du bist der geistige Kopf der Familie und du hast die Verantwortung, deinen Kindern das Wort Gottes weiterzugeben. Das steht immer und immer wieder in der Bibel. Lass es ein normales Gesprächsthema werden. Erzähl aus der Bibel, erzähl von dir, erkläre ihr die Zusammenhänge und nutze die Gelegenheiten, die so kommen, um sie zu lehren und zu trainieren. Klammer es nicht aus. Es ist ein wundervolles Gesprächsthema. Wenn man mich lässt, rede ich fast den ganzen Tag von Gott. Und für christliche Eltern ist es das Ziel, ihre Kinder zu reifen Menschen zu erziehen, die Gott lieben, oder? So macht man das.

8. Gib Fehler zu und bitte um Vergebung.
Du bist nicht perfekt, auch wenn sie das anfangs noch denkt. Lerne, deine Tochter um Vergebung zu bitten. Entschuldige dich bei ihr. Bei kleinen und bei großen Sachen. Sag: „Ich bin nicht perfekt. Das habe ich gemacht. Das war falsch, das war Sünde. Es tut mir Leid. Bitte vergib mir.“ Wenn du das nicht tust, wird sie nicht lernen, selbst um Vergebung zu bitten. Sie wird nicht lernen, was Sünde und was Vergebung ist. Sie wird auch nicht lernen, wie sie mit ihren eigenen Fehlern umgehen soll. Jedenfalls nicht von dir. Und keine Angst, es wird ihr Vertrauen in dich nicht brechen. Es wird vielmehr wachsen, weil sie merkt: „Mama oder Papa wollen mich richtig behandeln und es tut ihnen leid, wenn sie Fehler machen. Und das, wie sie vorhin zu mir waren, war wirklich nicht das, was ich verdient habe.“ Außerdem: Je mehr sie dir jetzt schon vergibt, desto weniger Bitterkeit und Schmerz sammelt sich in ihrem Herzen, was sie später mühsam abarbeiten muss.

9. Seid Eltern.
Jap. Seid nicht Freunde eurer Tochter. Seid nicht Partner euer Tochter. Seid nicht Diener oder Herren euer Tochter. Seid auch nicht einfach Hausmitbewohner. All diese Dinge habe ich beobachtet, und sie machen die Mädchen kaputt. Sie braucht euch als Eltern. Als Mama und Papa. Als die Erzieher, Versorger, Berater, Vorbilder, Bodygards, Zuhörer, Ermutiger, Tröster, Zufluchtsorte, Nachhilfegeber, Sporttrainer, Stilberater, Chauffeure, Köche, Putzkräfte … Na, ihr wisst schon. Und all das, was ich gerade aufgezählt habe, ist sie nicht für euch. Jedenfalls nicht in erster Linie. Für euch ist sie: Tochter. Geliebtes, wundervolles Mädchen, das es in Richtung einer starken, wundervollen Frau nach Gottes Herzen zu prägen gilt. Punkt.

10. Lass nicht zu, dass sie Verantwortung für dein Leben übernimmt.
Wirf ihr nicht deswegen vor, zu lange weg gewesen zu sein, weil sie dir so große Sorgen bereitet hat. Es geht nicht um deine Sorgen, sondern um ihre Sicherheit. Wirf ihr nicht vor, dich mit ihrem Ungehorsam traurig gemacht zu haben. Frag sie nicht, warum sie dir das antut, wenn sie mit dem Rauchen anfängt. Wenn es dir nicht gut geht, geh nicht zu ihr, um dich trösten zu lassen, sonst wird sie sich für dein Wohlergehen verantwortlich fühlen. Es geht nicht um dich. Lass sie nicht ihre kleinen Geschwister erziehen, das ist dein Job. Sie hat mit ihrem eigenen Leben Verantwortung genug zu tragen, wirklich. Belaste sie nicht noch mehr.

11. Arbeite an dir und an deiner Ehe.
Kinder müssen wissen, dass zwischen Mama und Papa alles in Ordnung ist. Sichere diesen Rahmen und kommuniziere das klar. An deiner Ehe zu arbeiten heißt nicht nur (zuerst) deinem Partner und (an zweiter Stelle) dir etwas Gutes zu tun, sondern auch deinen Kindern und später Enkelkindern. Und du kannst nicht an deiner Ehe arbeiten, ohne an dir zu arbeiten. Also arbeite an dir. Deine Kinder werden dir fast alles abgucken, ob gut oder schlecht. Nochmal: Arbeite an all diesen Baustellen und sieh zu, dass du ein möglichst gutes Vorbild wirst. Und dann bete, dass der heilige Geist alles richtet, was du trotzdem kaputt machst.

12. _________
Diesen Punkt musst du selber schreiben. Werde ein Vater oder eine Mutter, die seine/ihre Tochter so gut kennt, dass er/sie diese Liste aus eigener Erfahrung immer weiter fortführen kann. Lerne deine Tochter so gut kennen, dass du weißt, was ganz speziell bei ihr noch besonders wichtig ist.

Es lohnt sich, weißt du. Unterschätze nicht, wie viel positives du deiner Tochter für ihr Leben mitgeben kannst, selbst wenn es bisher nicht so geklappt hat, selbst dann, wenn es fast schon zu spät scheint. Sie ist da, du bist da und Jesus ist da – mehr braucht es nicht.

Gesucht.

Menschen, die mich herausfordern.

Menschen, die mich spiegeln, mir sagen, was falsch läuft. Nicht welche, die mich einfach irgendwie kritisieren, nee. Ich meine solche, die es wirklich wirklich gut mit mir meinen und mir gerade deshalb ehrlich die Schwachstellen zeigen.

Ich meine so Leute, die es abkönnen, wenn ich mich total aufrege, und die mich unzufrieden nach Hause gehen lassen können, weil sie wissen, dass ich daran wachsen werde. Ich meine diese Menschen, die bewusst Konflikte provozieren, um einen damit voranzubringen. Die manchmal meine Fragen nicht beantworten, weil sie wissen, dass ich es selbst lernen muss.

Und die es trotzdem immer gut mit mir meinen. Die sensibel und voller Liebe sind. Bei denen ich mir sicher sein kann, dass sie mir nichts Böses wollen. Menschen, die wirklich an mir und meinem Vorankommen interessiert sind.

Wisst ihr eigentlich, wie selten solche Menschen sind?

Ein paar Worte schlichte Wahrheit.

Ich weiß nicht mehr, worum es da genau ging – Abtreibung? Oder Gender? Jedenfalls sagte mein Sowi-Lehrer folgendes:

Es [das Thema] wird wissenschaftlich breitgetreten und es wird sich auf die Sachebene und das absolut rational Nachweisbare konzentriert. Sobald man aber eine innere Barriere verspürt, kann man sich nur noch aus der Diskussion heraushalten, wenn man nicht von Schwarz-Weiß-Denkern … entsprechend eingeordnet werden möchte.
Das ist dieser Toleranz-Mainstream.

Ja.
Dem wäre dann wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Eine Klebeband-Pflanze und Wie Menschen wachsen

Nein, der schwarze Streifen da unten war nicht ich. Der war da vorher schon.

Nein, der schwarze Streifen da unten ist nicht von mir. Der war da vorher schon.

Bei einem Kreativprojekt vor ein paar Tagen habe ich diese Pflanze geschaffen. Sie besteht auf Tape und klebt an einer weißen Wand. Irgendwann wird die Pflanze ein Baum sein.

Wachstum ist ein bisschen so ein Lebensthema von mir, glaube ich. Es ist mir total wichtig, selbst zu wachsen, und ich liebe es, andere Menschen zu Wachstum herauszufordern.

Das Bild eines Baumes für das Wachstum eines Menschen ist so faszinierend und erlaubt so viele Parallelen.

Worin schlägst du deine Wurzeln? Was sind die Nährstoffe, die du aufnimmst? Sei weise, denn du bestehst zu großen Teilen aus dem, was zu aufnimmst, sei es auf materielle oder immaterielle Sicht. Sind deine Wurzeln tief genug, um Widerstand und Widrigkeiten standzuhalten oder bist du leicht zu erschüttern und zu manipulieren? Wächst du an einem Fluss mit gutem Wasser oder eher in der Wüste? Und bringst du gute Frucht, bewirkst du etwas? Oder anders gesagt: „Multiplizierst“ du dich? Ich meine jetzt nicht nur in Bezug auf Nachkommen, sondern auch in Bezug auf die Auswirkungen deines Handelns und deiner Worte und auf die Weitergabe deiner Gaben und Kenntnisse. Das, was du hervorbringst und tust (die Blätter), gibt es dir Kraft (durch Photosynthese)? Sei weise, denn es fällt auf dich zurück: Die Blätter, die welken und zu Boden fallen, sind der Boden, auf dem du wächst, sind die Nährstoffe, die du aufnimmst. Und dein Stamm: Ist er stabil? Hält er alles in gutem Gleichgewicht, das Innerliche und das Äußerliche, dich selbst und was du tust, die Wurzeln und die Baumkrone? Hält er alles zusammen und geht es dir eher so, dass zwischen deinen Wurzeln und deiner Baumkrone die Verbindung fehlt? Zu viel Blätter auf zu wenig Wurzeln ist zerstörerisch, und zu viel Wurzeln auf zu wenig Baumkrone ist der reine Frust.

Oder anders: Die kleine Pflanze braucht Schutz, guten Boden, Licht und die richtige Menge Wasser, um zu wachsen. Ohne geht es nicht. Hat sie das nicht, wird sie entweder krüppelig oder geht ganz ein. Bekommt sie jedoch, was sie braucht, kann sie zu einem mächtigen Baum heranwachsen. Doch auch der ist nicht unverwundbar. Kriegt er nicht mehr genug Wasser und schlägt er seine Wurzeln nicht tief und stabil genug, ist ein machtvoll erscheinender Baum schnell mal vorüber, mehr eine heuchlerische Erscheinung als eine erhabene Macht. Und gefällt werden kann er sowieso immer.

Oder noch anders: Was ist deine Art, zu wachsen? Man kann keine wachsende Eiche dazu zwingen, eine Buche zu werden. Sie wird sterben, wenn man es versucht. Auch wenn kleine Sprösslinge irgendwie alle gleich aussehen (Laie, ich weiß), sind sie später doch total unterschiedlich und von ganz vielfältiger Relevanz. Und bist du eine Eberesche, macht es kein Sinn, eine Trauerweide werden zu wollen. Wenn du eine Rotbuche bist, versuche nicht, Mangos hervorzubringen. Jeder Baum hat seine ganz eigene Berechtigung und jeder Vergleich ist rational gesehen völliger Unsinn. Und jeder hat auch so sein ganz eigenes Umfeld, indem er aufgeht. Jeder Versuch, einer Baumart das Umfeld einer ganz anderen Art aufzuzwingen, ist vertane Zeit, vertane Arbeit und vertanes Potential.

Ihr seht schon, dieses Bild eines Baumes hat mich ziemlich begeistert. Aber hey – warum sagt man sonst: Ein Mann wie ein Baum? Ein reifer Mensch ist stabil wie ein Baum, bietet Schutz wie ein Baum, er bringt gute Früchte hervor und er ist einfach ein schöner Anblick.

Wenn ich groß bin, will ich genau so werden.