Müde Tage

Ein Tagebucheintrag

Wenn ich nicht so müde wäre, dann würde ich mein Longboard nehmen und quer durch die Stadt fahren. Ich würde mir die Häuser und Straßen und Menschen angucken und immer immer weiter fahren. Ecken erkunden, die ich noch nie gesehen habe. Herausfinden, wo die am besten geteerten Straßen sind. Und mir irgendwo ne Packung Tic Tacs kaufen, denn jeder weiß: Die wirklich coolen Kids sind die, die immer ne Packung Tic Tacs zum Snacken in der Tasche haben.

Mach ich aber nicht, weil ich unendlich müde bin. Auch schon morgens, wenn ich aufstehe. Seit Tagen, vielleicht schon Wochen bin ich müde. Manchmal ist das okay. Manchmal nicht.

Und so sitze ich alleine bei meiner Oma am Küchentisch und denke über überhaupt nichts bestimmtes nach. Ich hab nämlich kein Bock, über irgendwas bestimmtes nachzudenken. Die Warteschlange an der Tür meines Gehirns ist lang: Da wollen Dinge geplant werden, Lernphase, Umzug, Arzttermine. Da wollen Dinge überdacht werden, Beziehungen, Ziele, wie ich mit manchen Dingen umgehe. Da sind Situationen und Gespräche der letzten Tage, die irgendetwas in mir angestoßen haben, was ich eigentlich noch weiterdenken will. Da sind auch Ansprüche, Erwartungen und Ideale. Eine lange, lange Schlange. Und ich lasse einfach die Tür zu. Ist mir doch egal.

„Sina, kommst du morgen Abend auch?“

Ja. Nein. Ich weiß es nicht. Ich antworte nicht. Ich bin müde.

Am meisten müde macht mich, dass da kein Zuhause ist – aus der einen Wohnung raus, in die Neue noch nicht rein, meine Eltern weit weg und auch dieser Ort ist anders geworden. Schlafen bei meinen Großeltern. Meine Sachen verteilt. Eigentlich muss ich lernen. Es geht nicht, ich bin so müde. Referate, Klausuren, Abgabetermine, lebe nur von einem zum nächsten, schaffe es immer nur gerade so. Ich hab Heimweh, aber ich weiß überhaupt nicht, wonach. Bin ich traurig?

Am meisten tröstet mich, bei einem guten Freund auf dem Sofa rumzuhängen und genauso reden wie schweigen zu dürfen. Wenn niemand irgendetwas von mir einfordert und es einfach okay ist, nur da zu sein. Mal ein bisschen vergessen dürfen. Solche Sofazeiten machen es leichter, durchzuhalten. Durchzuhalten, bis eine neue Zeit kommt.


4 Kommentare

  1. ‚Ich hab Heimweh, aber ich weiß überhaupt nicht, wonach.‘

    Schau mal was ich gerade per Zufall dazu wiedergefunden habe:
    Ich habe Heimweh, ich will nach Hause. Dabei bezieht sich das gar nicht so sehr auf den Ort, sondern viel mehr auf das Gefühl von Heimat. Dieses Gefühl zu wissen wo man herkommt und wo man hingehört. Das Gefühl von guten Freunden um einen herum, von Wärme und Geborgenheit. Das Gefühl genau am richtigen Ort zu sein und so richtig zu sein, wie man ist. Ohne Bedingungen, ohne Erwartungen.
    Mir fehlt so sehr dieser innere Frieden, die Gewissheit, dass alles gut werden wird. Mir fehlt der innere Frieden zufrieden zu sein, mit dem wie es ist, mit dem was mein Leben so hergibt.
    Ich würde so gerne einfach nach Hause kommen.

  2. Das ist wunderschön und gibt meinem Herz Worte. Danke fürs teilen. Das macht diesen Text so viel reicher :-)


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