durch die Schattentage gehen

Wenn ich in letzter Zeit in den Spiegel gucke, dann erschrecke ich mich manchmal. Ich bin so dünn geworden. Mein Gesicht ist schmaler, meine Schultern zeichnen jeden Knochen ab und ich kann meine Rippen zählen. Und ich bin so blass – waren meine Augen schon immer so dunkel? Müde, geschafft. Ich sehe ein bisschen aus wie eine Blume, die zu wenig Wasser bekommen hat.

Ja, es war mal wieder viel, was ich in letzter Zeit mit mir herumzutragen hatte. Viel, mit dem ich gekämpft habe. Das geht jetzt schon einige Jahre so: Ein Kampf folgt dem anderen. Ich warte auf eine Zeit, wo es einfach mal okay ist. Wo ich nicht so stark sein muss. So viel stärker und mutiger, als ich mich fühle.

Manchmal träume ich dunkle Geschichten, in denen ich etwas Schlimmes verhindern muss und nicht weiß, wie. Dann wache ich hilflos und verzweifelt auf und komme kaum wieder im echten Leben an. Gestern war mal wieder so eine Nacht, und heute ist mal wieder so ein Tag: So ein Schattentag. Irgendwie wird es einfach nicht hell in mir. Das war jetzt monatelang normal, aber die letzte Woche war doch endlich mal gut. Warum ist es jetzt wieder dunkel? Ich will nicht zurück. Ich will nach vorne, ich will, dass es hell wird.

Meine Mama sagt, das ist normal. Schattentage gibts auch auf dem Weg der Besserung. Ich glaube ihr.

Immer wieder bin ich dankbar. In den letzten Wochen fällt mir immer wieder auf, wie gut sich Gott doch um mich gekümmert hat in all den Schattenjahren hinter mir. Ich sehe das an einer Freundin, der es jetzt so geht wie mir vor einiger Zeit. Ich sehe, dass ich da auch war, wie ich war, wie ich kaum Hoffnung gefunden habe und wie mich diese Zeit im Rückblick doch stärker, verständiger und liebevoller gemacht hat.

Und ich bin dankbar für all die kleinen Dinge. Jede Nacht, die ich gut schlafe. Jeder Tag, an dem ich mich lebendig fühle. Freue mich über Sonnenstrahlen und den Mond, über Primeln und Grünspechte, über die Vorlesestimme von Gert Heidenreich und über die unzähligen Knuddler meiner geduldigen Freunde. Letzte Woche, da haben wir zusammen Musik gemacht, und ich hab mich mal voll was getraut. Das war gut. Dafür bin ich auch dankbar. Dankbarkeit ist meine Stärke, das weiß ich.

Ich bin wie ein Kind. Wie ein kleines Kind. Ich kann nicht groß planen, weil ich nie weiß, wie es weitergeht. Ich kann nur jeden Tag nehmen, wie er kommt. Und ich weiß von mir, dass ich mich freue, wann immer es geht, und dass ich mit leeren, bedürftigen Händen alles annehme, was mir gegeben wird.

Es wird mich stark machen. Das weiß ich. Jetzt muss ich es nur noch glauben.

Müde Tage

Ein Tagebucheintrag

Wenn ich nicht so müde wäre, dann würde ich mein Longboard nehmen und quer durch die Stadt fahren. Ich würde mir die Häuser und Straßen und Menschen angucken und immer immer weiter fahren. Ecken erkunden, die ich noch nie gesehen habe. Herausfinden, wo die am besten geteerten Straßen sind. Und mir irgendwo ne Packung Tic Tacs kaufen, denn jeder weiß: Die wirklich coolen Kids sind die, die immer ne Packung Tic Tacs zum Snacken in der Tasche haben.

Mach ich aber nicht, weil ich unendlich müde bin. Auch schon morgens, wenn ich aufstehe. Seit Tagen, vielleicht schon Wochen bin ich müde. Manchmal ist das okay. Manchmal nicht.

Und so sitze ich alleine bei meiner Oma am Küchentisch und denke über überhaupt nichts bestimmtes nach. Ich hab nämlich kein Bock, über irgendwas bestimmtes nachzudenken. Die Warteschlange an der Tür meines Gehirns ist lang: Da wollen Dinge geplant werden, Lernphase, Umzug, Arzttermine. Da wollen Dinge überdacht werden, Beziehungen, Ziele, wie ich mit manchen Dingen umgehe. Da sind Situationen und Gespräche der letzten Tage, die irgendetwas in mir angestoßen haben, was ich eigentlich noch weiterdenken will. Da sind auch Ansprüche, Erwartungen und Ideale. Eine lange, lange Schlange. Und ich lasse einfach die Tür zu. Ist mir doch egal.

„Sina, kommst du morgen Abend auch?“

Ja. Nein. Ich weiß es nicht. Ich antworte nicht. Ich bin müde.

Am meisten müde macht mich, dass da kein Zuhause ist – aus der einen Wohnung raus, in die Neue noch nicht rein, meine Eltern weit weg und auch dieser Ort ist anders geworden. Schlafen bei meinen Großeltern. Meine Sachen verteilt. Eigentlich muss ich lernen. Es geht nicht, ich bin so müde. Referate, Klausuren, Abgabetermine, lebe nur von einem zum nächsten, schaffe es immer nur gerade so. Ich hab Heimweh, aber ich weiß überhaupt nicht, wonach. Bin ich traurig?

Am meisten tröstet mich, bei einem guten Freund auf dem Sofa rumzuhängen und genauso reden wie schweigen zu dürfen. Wenn niemand irgendetwas von mir einfordert und es einfach okay ist, nur da zu sein. Mal ein bisschen vergessen dürfen. Solche Sofazeiten machen es leichter, durchzuhalten. Durchzuhalten, bis eine neue Zeit kommt.