Schatten und Erinnerung

Texte nach einer Trennung 2/3 – Monate danach

Sein Schatten war stets bei mir. Schattenaugen, die ich auf mir spürte. Schattenstimme, die ich hörte, immer noch. Schattenberührungen, und doch nur endlos leere Abdrücke seiner Hände, seiner Lippen, weil er ja eigentlich gar nicht mehr da war. Verlassen werden ist einfach scheiße.

Mein Gehirn wie ein Labyrinth und hinter jeder Ecke ein Schatten von ihm. Sein Schatten klebte an allem und vor allem an mir und flößte mir immer wieder dieselben Gedanken ein, immer wieder die selben Bilder, Worte, Momente. „Komm, spiel mit mir“, raunte er in mein Ohr. „Dasselbe Gedankenspiel von gestern und vorgestern nochmal, wie wärs?“

Ich hatte etwas gefunden, das außergewöhnlich war, und deswegen habe ich außergewöhnlich geliebt und außergewöhnlich geschenkt. Doch der Schatz war wie eines von diesen Kippbildern, und er hat etwas ganz anderes gesehen als ich. Es fühlte sich alles wie Lüge an. Belogen, und ich alleine mit seinem Schatten, den ich doch gar nie eingeladen hatte.

Schattentage und Schattenmonate und beinahe war es schon normal. ‚Ist das noch normal, wie lange ich brauche, um keine Schatten mehr zu sehen?‘, dachte ich und dachte an ihn. Blickte in seine Schattenaugen, wie zärtlich sie mich früher angesehen hatten und wie befremdet dann später, blickte ihn an und er war gar nicht da, dachte gar nicht mehr an mich.

Plötzlich – beinahe hätte ich es selbst verpasst – verblasste sein Schatten und verschwand. Es blieben Erinnerungen. Manche tun weh. Andere nicht. Es gibt welche, die lassen mich lächeln. Das fühlt sich dann nicht mehr bitter an. Wenn ich die Erinnerungen wegschicke, gehen sie weg. Keine Augen mehr, die auf mir ruhen. Keine Schattenstimme in meinen Ohren und keine Abdrücke auf meiner Haut. Keine Schattenschreckgespenster mehr.

Ja, ich wurde verlassen, aber ich bin alles andere als eine Verlassene. Mein Gedankenlabyrinth ist wieder ein Ort der großen Entdeckungen und der unendlichen Möglichkeiten. Vielleicht war ich selbst auch nur noch ein Schatten. Und irgendjemand, vielleicht Gott, malt mich gerade mit neuen Farben wieder bunt, wieder zu mir selbst.

Hallo Spiegelfrau

Texte aus einer schweren Zeit 3/4

„Mama. Guck mal. Ich seh so anders aus. Ich sehe so traurig aus. So traurig habe ich noch nie ausgesehen.“

Ich stand vor dem Badezimmerspiegel. Ein paar Stunden zuvor war ich ohne Vorwarnung von der glücklichen Freundin zur abgelehnten und fortgeschickten Ex-Freundin geworden. Seitdem zerbrach ich langsam.

Mama schaute mit mir zusammen mein Spiegelbild an und sagte: „Ja, jeder Schmerz hat sein eigenes Gesicht.“

„Trauer. Es ist reine, destillierte Trauer. Da ist nichts anderes mehr.“

Ich weinte.

Die Tage und die Wochen vergingen, jetzt sind es Monate, und der Tod und die Krankheit gesellten sich dazu in mein zerschlagenes Herz. Die Blicke in den Spiegel – auf der Suche nach mir. Nicht danach, ob ich okay aussehe, ob die Haare sitzen und ich so rausgehen kann. Die Suche nach dem, wie es dieser Frau im Spiegel geht, was sie ausstrahlt, was ihr Gesicht zeichnet. Blicke in die Nacht.

Heute schaue ich wieder in den Spiegel, schaue auf meine Tränen. Der Schmerz dieser ganzen letzten Zeit hat tiefe Furchen eingegraben und harte Kanten gezeichnet. Die Augen trüb, doch die Tränen machen sie wieder klar, und ich denke:

Hallo Spiegelfrau. Hallo.

Da bist du ja. Und da ist ja auch das alles – die Trauer, die Verzweiflung, die Überforderung, die Wut, die Anstrengung, die Mutlosigkeit, der Frust. Und die Entschlossenheit ist auch da und das kleine bisschen Hoffnung. Spiegelfrau, du hast ein Gesicht aus Scherben. Du bist erschöpft und morgen wirst du wieder aufstehen, auch wenn du dir das jetzt noch nicht vorstellen kannst. Heute gab es einen Weg für dich. Morgen wird es wieder einen geben. Wenn du das heute noch nicht glauben kannst, dann ist das okay. Es ist okay.

Verschüchterte Augen blicken zurück. Augen, die wissen: Auch wenn ich fliehen will, werde ich bleiben. Auch wenn es hart ist, werde ich weitergehen. Auch wenn es weh tut – weil das Leben eine Einbahnstraße ist und es nur vorwärts geht. Weil ich nicht aufgebe.

Alle Texte aus einer schweren Zeit

Vertrauen. Weitergehen.

(In meinem Collegeblog gefunden. Muss schon mindestens nen halbes Jahr alt sein.)

Seit Jahren.

Irgendwie vertrauen. Zu irgendetwas wird es gut sein, muss es gut sein. Es wird schon irgendein Ergebnis haben, irgendwohin führen. Muss es. Ich weiß nicht wie, aber auf irgendeine Weise muss es mir zum Guten dienen. Versuchen, zu vertrauen.

Irgendwie weitergehen. Ein Schritt nach dem anderen, nur einen auf einmal, immer nur die Kraft für den nächsten einen Schritt. Irgendwie weiter, ich muss weiter. Kann das Tempo nicht anpassen, darf nicht stehen bleiben, es gibt keine Abkürzungen. Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll, aber

vertrauen. weitergehen.