Die Brücken hinter mir

Ich streife durch die Heimat, durch heimatliche Orte, Orte voller Bedeutung und Erinnerung.

Irgendwie ist da so ein Loch.

Da ist so ein Loch, wo Heimat hingehört.

Ein bisschen schon immer. So etwas passiert, wenn man seine gesamte Kindheit und Teenagerjahre in einer so genannten „Übergangslösung“ wohnt. Trotzdem war es nun mal immer dasselbe Dorf und es war auch immer dieselbe Stadt, in die ich für Schule, Kirche, alles gefahren bin. Irgendwie ist das trotzdem Heimat. Und durch diese Heimat streife ich

und es tut weh.

All das, was kaputt gegangen ist, tut weh.

So viele Freunde, die nun weg sind, ob Kontaktabbruch, weggezogen oder tot. Die Kirche, die ebenfalls ein Zuhause war und nun zerrüttet ist und nichts übrig ist als etwas, zu dem ich kaum noch Bezug finden kann. Meine Familie, in der sich so viel verändert hat, manches gut, manches schlecht, vieles herausfordernd. Große Bauunternehmen verändern das äußere Erscheinungsbild stetig. Meine Heimat wird mehr und mehr etwas, was – wenn überhaupt – nur noch in meiner Erinnerung existieren kann.

Ich gehe durch die Straßen und nehme Abschied, Ort für Ort, von allem, was dort passiert ist, was ich damit verbinde, wer dort einmal war oder vielleicht noch ist. Ich nehme Abschied und bin traurig. Traurig sein ist wichtig. Ich bin oft zu wenig traurig. Aber jetzt bin ich traurig. Jetzt ist okay, ganz in Ruhe zu spüren, wie sehr es weh tut.

Ich werde noch ein wenig hier bleiben. Hier, wo es weh tut. Es ist gut, hier zu sein. Und dann, bald schon,

geht es weiter.

wenn es zwischen uns anders wäre

Was wäre, wenn es anders wäre zwischen uns?

Was wäre, wenn du krank werden würdest? Schwer krank. Und dann hättest du nur noch kurze Zeit zu leben. Und du würdest zu mir sagen: „Sina, ich werde sterben.“ Alle Gedanken an die Zukunft wären weg, weil es ja keine gibt. Und du würdest sagen – oder dein bester Freund, weil du dich nicht traust – dass du dir noch einen Kuss wünscht, einen Kuss von mir, einen Kuss bevor du stirbst. Und dann würde ich dich küssen und der Kuss würde einen ganzen langen Abend dauern. Kein Gedanke an Morgen. Nicht mehr rational sein. Loslassen.

Was wäre, wenn ich auf einmal aus irgendeinem Grund blind wäre? Würdest du für mich da sein wollen? Würdest du mir helfen, auch wenn ich deine Lebenswelt zur Hälfte verlassen hätte? Vielleicht würden wir spazieren gehen und ich müsste mich an deinem Arm oder an deiner Hand festhalten, weil ich ja nichts sehe. Das würde ich sehr genießen. Ich würde deine Mimik nicht erkennen können, du aber meine. Du würdest an meiner Mimik sehen, dass ich verliebt in dich bin, und ich würde es daran sehen, dass du dich um mich kümmerst und mit mir spazieren gehst.

Was wäre, wenn wir uns in fünf oder zehn Jahren wiedertreffen würden und alles hätte sich verändert? In der Zwischenzeit Erfolge und Enttäuschungen, und wir beide gereift und immer noch (vielleicht wieder) allein. Und der andere hätte für uns auf einmal ein ganz anderes Gewicht, neue Perspektiven, neue Sehnsüchte, früher so wichtiges ist jetzt egal. Und dann wäre es ganz einfach: Du und ich. Ganz klar. Auf einmal würde es passen. Und dann gäbe es eine Berührung, ein Gespräch, ein Kuss, lang gereift wie guter Wein und jetzt so köstlich wie es früher niemals möglich gewesen wäre.

Was wäre, wenn du einfach ein bisschen anders wärst und ich einfach ein bisschen anders wäre und die Situation einfach ein bisschen anders wäre und „du und ich“ auf einmal ganz echt und ganz richtig wäre?

Was wäre, wenn völlig egal ist, was dann wäre?

Ich sage: Hallo.

Ich sag dir Hallo im hier und jetzt, wo du bist, wie du bist, und ich bin, wie ich bin, und zwischen uns nicht mehr ist als das, was da nun mal ist. Ich sag dir Hallo, weil du ein echter Mensch bist und keine Gedankenspielfigur. Ich sag dir Hallo und freu mich so sehr, dass du da bist. Dass es dich gibt. So wie du bist. Einfach nur du.

Und ich sage Hallo, weil „Hallo“ ein Beginn ist. Der Beginn einer Begegnung. Der Beginn von dem „du und ich“, das real ist.

Du und ich.

Hallo!

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Ein Text aus der Reihe der mittelmäßg wahren Geschichten. Ähnlichkeiten lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Tage gewogen

Texte vom langsamen Beginn einer ersten Liebe 4/4 – heute: vom Warten auf ein Wiedersehen

Ich sitze hier und zähle Tage an meinen Fingern ab. Linke Hand, rechte Hand. Wieder linke Hand. Wieder rechte Hand. Und so weiter. Immer wieder muss ich von vorne anfangen. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger…

Zeit vergeht nicht schneller und nicht langsamer, als sie es nun mal tut. Man kann nicht daran rütteln. Sie ist, wie sie ist. Das weiß ich. Ich muss das akzeptieren. Irgendwie.

Du – ich vermisse dich. Ich vermisse dich, und wenn man vermisst, dann gibt es kein „nur noch“ und „schon so bald“. Dann ist alles „so lange noch“ und „erst dann“. Weit weg. Wie hält man das aus? Wie erträgt man? Man beginnt bei einem Tag. Dann noch einen, dann noch einen, immer weiter. Händevoll. Immer noch einmal von vorne durchgezählt.

Ich denke an dich, denke an uns, und dann spricht etwas in meinem Kopf – ganz undramatisch, eine ruhige und nüchterne Feststellung: Du bist jeden einzelnen Tag wert, den ich auf dich warte.

Tage gewogen, und wenn Vermissen die Einheit ist, dann wiegen sie schwer, und ich mag nicht mehr. Tage gewogen, und ich wiege sie daran, wie sehr du es wert bist. Leicht. Sie wiegen leicht.

Tage um Tage. Ich vermisse dich und ich weiß: Du bist es wert. Müde. Wieder ein Tag um. Gearbeitet und gelernt, gelacht und gerungen. Gottes Worte in mein Herz. Für ihn leben und auf dich warten. Ich liebe dich. Du bist es wert.

Lieber noch du

Texte vom langsamen Beginn einer ersten Liebe 3/4

Liebe ist nichts für Feiglinge, wurde mir früher mal gesagt. Ich habe das nie verstanden. Und dann kamst du und da bin ich, sind wir, und Liebe ist nichts für Feiglinge.

Heute habe ich einen Schokoladenbrunnen gesehen. Eigentlich sogar drei. Einen mit weißer, einen mit Vollmilch- und einen mit dunkler Schokolade. Ich habe das angeguckt, und dann habe ich an dich gedacht. Ich weiß gar nicht mal, wieso. Ich glaube, ich wollte es dir zeigen. Wunderbare Menschen sind hier, und wir haben viel Schokolade gegessen, es war wirklich fein. Und ich saß da und irgendwie warst du so da in meinen Gedanken. Wie viel lieber hätte ich mit dir dort gesessen.

Ich habe dich gar nicht eingeladen in mein Leben. Und du mich auch nicht. Das war alles so nicht geplant. Wie oft habe ich versucht, dich aus meinen Gedanken zu verbannen? – Und jetzt, jetzt freue ich mich so sehr auf dich. Du bist ja gar nicht hier, und doch so viel in meinem Leben.

Liebe ist nichts für Feiglinge. Ich verstehe jetzt, was gemeint ist. Die Schritte wie auf Eis, wenn man noch nicht weiß, ob es trägt. An deiner Seite, wie geht das? Vertrauen, Tiefe, so neu, fühlt sich so gewagt an, und es gibt nichts Besseres. Du sagst, du liebst mich, und ich glaube es dir. Wir schauen nach vorne und der ganze Weg liegt vor uns, der ganze wunderbare Weg, ein bisschen noch geheim und wie im Nebel und trotzdem schon so klar, ich suche deine Hand, ich will an deiner Hand sein.

Wie wunderbar es ist, „wir“ zu sagen und damit dich und mich zu meinen.

Ich liebe dich. Ich liebe dich, und wegen dir springe ich über Schatten. Über meine Schatten. Du bist mir Auslöser und Motivation, Hilfe und Rückhalt. Manchmal reden wir darüber. Von manchen Schatten weißt du gar nicht, dass ich sie überwinden musste. Ich will über sie alle alle hinweg gehen, und hier in dieser Zeit, wo ich noch nicht bei dir bin, mich mit allem, was ich bin, hineingeben in dieses Aufräumen, Reifen, Verändern, das hier passiert.  Denn ich will dir das Beste von mir geben. Die beste Sina, die ich sein kann.

Wie geht das, an deiner Seite unterwegs sein? Ich habe immer noch keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich das will. Dass ich dieses „wir“ will. Schokoladenbrunnen, und lieber noch wäre ich mit dir hier, nur mit dir. Deine Hand. Meine Hand in deiner, das stelle ich mir vor. Liebe ist nichts für Feiglinge. Wir sind keine Feiglinge mehr. Wir sind unterwegs.

Einfach so bei dir

Texte vom langsamen Beginn einer ersten Liebe 2/4

Ich wäre jetzt gern bei dir, bei dir in deinem Zimmer, und würde auf dem Kuschelteppich neben deinem Bett liegen und dir beim Lernen zuschauen. Einfach so.

Einfach so, und damit ich nicht alleine bin. Ich bin müde davon, alleine zu sein, im Stillen auszuhalten, nur mich selbst und die Fremde um mich zu haben. Aber bei dir im Zimmer – Reden muss gar nicht sein, brauche gar nicht deine ungeteilte Aufmerksamkeit, sondern nur die Gewissheit, dass du mich gerne bei dir hast.

Einfach so, und um geschützt zu sein. Du bist mir Schutz mit deiner inneren Stärke, deiner Zuversicht; Schutz vor all dem negativen Gedankenchaos, vor der Überforderung, vor der Mutlosigkeit. Keine Ahnung, wie das funktioniert, aber all das wirkt so klein und wird so viel stiller, wenn du da bist. Und das selbst, wenn wir darüber gerade gar nicht reden.

Einfach so, und weil du es bist. Weil es du sein sollst, dem ich beim Lernen zugucke, bei dem ich nicht alleine bin, bei dem ich mich sicher fühle.

Und dann, wenn du mit dem Lernen fertig bist und ich genug bei dir ausgeruht und aufgetankt habe, könnten wir ein bisschen die Welt erobern gehen. Zum Beispiel den Wald.

Einfach so, und weil wir es lieben, das Leben zu genießen.

Heimatlaute

Obwohl ich nie ein Kind der Landeskirche war, habe ich das Leuten der Glocken immer geliebt. Kirchenglocken haben eine wunderbar warme Feierlichkeit. Genauso wie alte Kirchengebäude. Ich habe eine heimliche Lieblingskirche, eine ganz kleine, mehr eine Kapelle. Unscheinbar versteckt sie sich hinter einer viel Mächtigeren. Wenn ich vom Schwimmen zurück gekommen bin, dann habe ich sie oft besucht. Immer gehofft, dass keine Touristen da sind – ab und zu verirren sie sich dorthin. Aber selbst wenn: Sobald klar wird, dass ich öfters dort bin und nicht nur „mal gucke“, werde ich schnell allein gelassen. Dort bin ich dann still geworden. In der machtvollen Kirche nebenan leuten die Glocken.

Ein anderes Geräusch, das ich liebe, ist das Plätschern von Wasser beim Einschenken. Ein ruhiges Zimmer, ein Glas, eine Flasche. So ein schlichtes, unscheinbares Geräusch, doch für mich liegt so viel Heimat und Ruhe darin, so viel Pause und Genuss und Musik. In diesem Geräusch klingt der Küchentisch und der Blick aus dem Fenster mit, das Sitzen auf der Arbeitsplatte und Beobachten der Straße, das Knarren oder eher Scheppern der Küchentür, das Gefühl des weichen und wertvollen Schafwollteppichs unter den Socken, das leicht unregelmäßige Ticken unserer Küchenuhr, deren Zeiger nach unten immer etwas hastet und nach oben hin so kämpft, dass man immer glaubt, er schafft es nicht mehr rechtzeitig. So oft bin ich, wenn ich nach Hause gekommen bin, zuerst in die Küche gegangen und habe ein Glas Wasser getrunken und habe all das gesehen, gespürt, gehört.

Ich vermisse das Brummen meiner kleinen Schwester, wenn man in ihr Zimmer kommt und sie sich gerade in ihrer eigenen inneren Welt verkrochen hat, auf dem Teppich vor dem Fenster, halb verborgen hinter dem Schreibtisch, neben sich den alten CD-Player oder ein Buch, ein paar Papierchen von Süßigkeiten, Kissen. Ich vermisse ihr Brummen, wenn man sie ärgert oder sie müde ist oder nicht zugeben will, dass etwas eigentlich lustig ist. Ich weiß gar nicht, ob Brummern wirklich das richtige Wort ist. Vielleicht eher Knarren. Oder Grummeln. Ein Geräusch, das so liebenswert freundlich wie entnervt müde sein kann.

Weckerpiepen, die effektiven Schritte meines Vaters am Morgen, die mir immer zu schnell für diese Stunde sind. Der Wasserkocher blubbert, das Rauschen des Wassers in den Rohren, jemand duscht. Mama, wie warm wird es? Mama, wo ist mein grünes T-Shirt? Mama, darf ich deine schwarzen Stiefel? Die Schritte meiner Mutter, wenn sie die Treppe hochgeht, das Trampeln meines Bruders, das Knallen der Tür. Die Klingel, und keiner geht hin. Das Telefon, und keiner geht hin, und dann doch wieder Mama. Das Knallen der Tür, und Papa ermahnt, und irgendwer hört nicht wirklich zu. Die Vibration der Haustür, der Schlüssel in der Wohnungstür, Rucksack in die Ecke. Die Kirchengemeinde nebenan, Musik, Absatzschuhe in schnellem Schritt. Mikrowellenpiepen, und keinen stört es außer mich. Klavier spielen, und alle stört es außer mich. Mein Bruder lacht. Teamspeak. Meine Schwester übt Trompete. Toilettenspülung, Dusche, das Knallen der Tür, wieder Papa nicht zugehört. Lichtschalter, Heizungsrauschen. Die Straße vor dem Haus, irgendwelche Männer lachen irgendwo. Immer noch Licht unter der Tür meines Bruders, und ich klopfe so leise, dass er er sowieso nicht hören kann, komme herein und lege mich zwischen all sein Chaos aufs Bett. Lüftest du wieder? Ja, ich lüfte.

Die Stimme meine Heimat – Glockenleuten, Wasser in einem Glas, die Geräusche des Hauses, die Stimmen meiner Familie, meiner Freunde. Alles eine Stimme, eines alles Zusammen. Die Stimme einer Zeit, eines Gefühls, eines Ortes. Zuhause. Eine Stimme, die ich vermisse, wie ein Kind die Stimme seiner Mutter, wenn sie zu lange getrennt sind.

Meine Seele will sie wieder hören, die Stimme. Meine Stimme klingt in der Ferne so fremd. Sie sprechen nicht meine Sprache, kennen die Sprache meiner Heimat nicht. Meine Sprache ist eine andere.

Trailer für mein Leben 2

Wann fahren wir wieder nach Hause?

von mir, als ich zwei bis drei Jahre alt war.

Ich bin in meinem Leben schon ein paar Mal umgezogen, das erste Mal kurz bevor ich drei Jahre alt wurde. Irgendwie habe ich damals den Sinn vom Umziehen noch nicht so ganz verstanden, und so habe ich diese Frage in den ersten Wochen und Monaten immer und immer wieder gestellt. Mein großer Bruder hat mich ausgelacht und Mama musste mir immer wieder sagen: „Wir fahren nicht mehr zurück. Unser Zuhause ist jetzt hier.“ Und dann habe ich protestiert und geheult. Naja.

Warum nenne ich das jetzt einen Trailer für mein Leben?

Dieses Nach-Hause-Wollen, dieses Suchen nach einem Ort, der vertraut und geborgen ist, war schon immer wichtig bei mir. Meine frühste Erinnerung ist, wie ich geborgen in einem Gitterbett liege und Mama beim Bügeln zusehe – eine Zuhause-Erinnerung. Ich habe manchmal geweint, wenn wir in einem Ferienhaus angekommen sind und es nicht schön eingerichtet war und sich nicht nach Zuhause angefühlt hat. Und manchmal muss ich ein bisschen seufzen, weil sich mein aktuelles Zuhause nicht so ein Zuhause ist, wie ich es mögen könnte.

Ich glaube, diese Frage, die ich damals so oft gestellt habe, wird mich mein Leben lang in der einen oder anderen Form begleiten – und leiten.


Trailer 1