Die Brücken hinter mir

Ich streife durch die Heimat, durch heimatliche Orte, Orte voller Bedeutung und Erinnerung.

Irgendwie ist da so ein Loch.

Da ist so ein Loch, wo Heimat hingehört.

Ein bisschen schon immer. So etwas passiert, wenn man seine gesamte Kindheit und Teenagerjahre in einer so genannten „Übergangslösung“ wohnt. Trotzdem war es nun mal immer dasselbe Dorf und es war auch immer dieselbe Stadt, in die ich für Schule, Kirche, alles gefahren bin. Irgendwie ist das trotzdem Heimat. Und durch diese Heimat streife ich

und es tut weh.

All das, was kaputt gegangen ist, tut weh.

So viele Freunde, die nun weg sind, ob Kontaktabbruch, weggezogen oder tot. Die Kirche, die ebenfalls ein Zuhause war und nun zerrüttet ist und nichts übrig ist als etwas, zu dem ich kaum noch Bezug finden kann. Meine Familie, in der sich so viel verändert hat, manches gut, manches schlecht, vieles herausfordernd. Große Bauunternehmen verändern das äußere Erscheinungsbild stetig. Meine Heimat wird mehr und mehr etwas, was – wenn überhaupt – nur noch in meiner Erinnerung existieren kann.

Ich gehe durch die Straßen und nehme Abschied, Ort für Ort, von allem, was dort passiert ist, was ich damit verbinde, wer dort einmal war oder vielleicht noch ist. Ich nehme Abschied und bin traurig. Traurig sein ist wichtig. Ich bin oft zu wenig traurig. Aber jetzt bin ich traurig. Jetzt ist okay, ganz in Ruhe zu spüren, wie sehr es weh tut.

Ich werde noch ein wenig hier bleiben. Hier, wo es weh tut. Es ist gut, hier zu sein. Und dann, bald schon,

geht es weiter.

Herbstlaub

Auf den schmalen, von Wurzeln aufgebrochenen Asphaltwegen des Unigeländes bockt mein gliebtes, geerbtes grünes Fahrrad wie ein unwilliges Pferd, so, als würde es überhaupt nicht wollen, dass ich jetzt zur Uni fahre. Aber ich, ich will. Und bei solchen Dingen habe ich das Sagen. Ich schließe das Fahrrad ab, gehe durch die Drehtür und die zwei Treppen hoch. Zweites Obergeschoss, hinter den Slavisitik-Büchern, in dem kleinen Lesesaal mit den zwei Fensterfronten und den vielen kaputten Steckdosen, da ist mein Platz.

Ich liebe es, hier zu sein, wenn es noch kein anderer ist. Ich liebe die Gegenwart der Bücher, den Blick auf die Herbst-gelben Bäume vor den Fenstern und ich liebe die Ruhe, die selbst dann noch bleibt, wenn der Raum sich langsam füllt.

Es ist manchmal nicht leicht, hier zu sein. Damit meine ich nicht die Unibibliothek. Damit meine ich die Stadt. Die Gegenwart von ständig wechselnden, ständig fremden Menschen. Das ununterbrochene Orientieren in all dem, was neu ist, und das ist beinahe alles. Das ist nicht leicht für mich. Dann weine ich und telefoniere mehr mit meiner Mama, als ich meinem Stolz verraten will.

Gestern war ich im Wald. Das war schön, und die Ronja Räubertochter in mir, der die Bäume und die Tiere und der Wind Freunde sind, konnte ein bisschen Heimat finden. Im Wald sein, das ist gleich, ob man nun ein paar hundert Kilometer weiter hier oder dort ist. Deswegen mag ich das. Deswegen brauche ich das. Solange Blätter im Herbst gelb und rot werden und von den Bäumen fallen und solange sie im Frühjahr wieder neu wachsen, solange geht die Zeit weiter. Solange das vor meinen Augen geschieht, solange werde ich auch weitergehen, immer noch einen Schritt, immer weiter auf diesem Weg, der meiner ist. Das nächste Mal, wenn neue, zarte Blätter aus kleinen Knospen schlüpfen, wird ein Teil meines Schmerzes weg sein, weggefegt wie das trockene, tote Laub vom Herbstwind. Das hoffe ich. Daran klammere ich mich.

Langsam füllt sich der Raum und langsam füllen sich auch meine Gedanken. Die Dinge, die heute auf mich zukommen. Die Menschen, denen ich begegnen werde. Die Stituationen, denen ich lieber aus dem Weg gehen würde, wenn ich könnte. Es ist ein neuer Tag in diesem Neu von Leben, von Welt. Das kommt jetzt einfach auf mich zu. Bei solchen Dingen habe ich nicht das Sagen. Solche Dinge geschehen einfach. Ich versuche, Schritt zu halten. „Weiter“ ist das Wort – immer, immer weiter.

Universitätsbibliothek, der kleine Lesesaal hinter der Slavistik, herbstlaubsatte Bäume vor dem Fenster – eine neue Studentin schreibt.

Eines Tages in einer malaysischen Mall

Nach einiger Wartezeit, Sprachverwirrung und Begriffsstutzigkeit meinerseits bin ich in einer von dunklen, verzierten Vorhängen abgegrenzten Kammer mit einer Liege in der Mitte und einem Spiegel an der Wand angekommen. Die gut gebaute Frau bedeutet mir, mich hinzulegen und schlüpft noch einmal durch die Vorhängen davon, vielleicht, um etwas zu holen. Langsam lege ich mich hin. Mir ist etwas unbehaglich. Was tue ich hier?, frage ich mich. Thai-Massage, seit wann mag ich so etwas?

Massage, das gehörte lange zu der Kategorie: So wie die Leute, die ich kenne und so etwas mögen, will ich nicht sein, deswegen probiere ich es lieber nicht, sonst mag ich es auch noch und bin irgendwie so wie sie. Außerdem ist es irgendwie neu und unsicher, und wenn ich es gar nicht erst probiere, dann brauche ich nicht das Risiko von peinlichem Anfänger-hat-keine-Ahnung-Verhalten eingehen.

Das Problem an der Sache ist, dass ich diese Kategorie schon vor einer ganzen Weile aufgelöst habe, weil sie irgendwie ganz schön dämlich ist. Und eigentlich mag ich ja den Rücken durchgeknetet kriegen. Er tut nämlich weh. Also liege ich jetzt hier und warte darauf, dass die Masseurin zurück kommt.

Sie kommt zurück. Sie befreit mich von der Kleidung obenrum, von der ich nicht wusste, ob ich sie auch ausziehen sollte oder nicht und setzt sich auf mich drauf. Einmal fühlt sie über meinen Rücken und Nacken, dann beginnt sie. Eigentlich ganz angenehm, denke ich. Und dann:

Schmerz. Was auch immer sie mir da in den Nacken drückt – Handballen? Ellbogen? – es tut weh. Richtig weh. Mein Körper spannt sich an und ich zweifel an meiner Entscheidung, mich hier hingelegt haben zu lassen. Dann lässt sie wieder ab, knetet mir woanders etwas durch, angenehm, Entspannung. Und wieder Schmerz.

In so viel Schmerz bin ich schon gewesen, seit ich von zu Hause ausgezogen und in ein Zimmer zwölftausend Kilometer weit weg eingezogen bin. So viel Schmerz, in allen Facetten, von dumpf bis schneidend, von konstant begleitend bis in einer schnellen, hohen Welle. Ich habe mich angespannt darunter, gekämpft und nach Lösungen gesucht, hin und her, hin und her mit meinen Gedanken und meinen Strategien. Ich dachte manchmal, es wird besser, und es wurde besser. Und dann kam wieder Schmerz, ein neuer oder der alte zurück, und ich habe das alles wieder angezweifelt. Ausgeliefert.

Merkwürdige Sachen passieren zwischen den Vorhängen: Plopsende Geräusche macht sie, als sie mir mit irgendwas, ihre Finger oder nicht, auf meine Schulterblätter dutzt. Sie fährt mit ihren Fingern durch meine Haare (mit dem Kommentar: „Oh, many“) und massiert meine Kopfhaut. Sie dreht mich auf den Rücken, streicht fest über mein ganzes Gesicht und zwirbelt meine Augenbrauen. Ich verstehe das nicht, aber irgendwie entspanne ich mich und genieße.

Verstehen tue ich hier so vieles nicht. Dieses ganze Land mit all seiner Kultur und den Menschen ist mir ein großes Rätsel. Ich verstehe auch viel nicht, was ich jetzt wohl bin, wie ich reagiere, was meine Gedanken und Gefühle machen. Tage und Wochen und Monate braucht es für mich, damit ich das trotzdem irgendwie nehmen kann, akzeptieren kann, mich nicht darunter anspanne.

Ich versuche, mich nicht anzuspannen. Die Masseurin bedeutet mir, ich soll mich entspannen, auch wenn etwas weh tut. Ich übe das. Mir bleibt nichts als darauf vertrauen, dass sie weiß, was sie tut, und mir das am Ende gut tut. Im Sekundentakt muss ich mich bewusst wieder entspannen, wenn sie ihre Finger fest an schmerzhafte Stellen legt. Konstant.

Und immer wieder loslassen, was mir schwer fällt, immer wieder noch einen Tag angehen, immer wieder mich erinnern an das, was ich schon gelernt habe, was ich genießen kann, dass es vorbei gehen wird. Immer wieder unter dem Schmerz entspannen, ihn nicht verkrampft bekämpfen, sondern vorüber ziehen lassen. Immer wieder. Vertrauen darauf, dass es mir am Ende des Jahres doch irgendwie gut getan hat. Dass Gott weiß, was er tut.

Und wieder und wieder bewegt und drückt die Masseurin ihre Hände auf meiner Haut in einer Weise, die mir so gut tut. Und ich entspanne und genieße und bin so froh, den Spottpreis bezahlt zu haben, den sie hier für die Massage verlangt haben.

Oasen gibt es, ja. Oasen, wo ich ich sein darf und keiner anderes von mir erwartet, von mir verlangt. Oh, gute Momente habe ich hier schon genossen und darf ich immer wieder genießen. Geschenke. So wunderbar schöne Geschenke.

Die Masseurin steht auf, setzt mich hin und nickt. Die Massage ist zu Ende. Ich bekomme meine Klamotten wieder und noch einen Tee und darf ein bisschen ausruhen, bevor ich wieder gehe. Gut wars. So gut. Ich fühle mich gestärkt.

Ich glaube, ich mag Massagen.

Die Normalität des Leidens oder German Hugs braucht diese Welt

An meiner Wand hängen Fotos, und auf einem davon ist der wärmste German Hug zu sehen, den ich mir momentan vorstellen kann. German Hugs sind warme, tiefe Kuschelumarmungen, in die man hineinversinken und in denen man sich wohlfühlen kann, und ganz besonders gut kann das meine Freundin Luci, und von ihr und mir in das Foto.

Ich vermisse Umarmungen. In Malaysia umarmt man sich nicht so wirklich. Nur so ganz vorsichtig, ohne sich wirklich zu berühren.

In mir drin ist es momentan oft kalt. Das nennt man Wüstenzeit. Oder einfach ‚hart‘. Vielleicht nennt man es auch Übergangsphase, Kulturstress, erwachsen werden. Isolation. Herausforderung. Was auch immer.

Meine Freunde wissen das, und weil sie mich um eine viertel Erde herum schlecht umarmen können, schreiben sie mir. Und bei dem, was sie so schreiben, lerne ich einiges darüber, wie Menschen eigentlich harte Zeiten und Leiden sehen.

Zuallererst – ja, man darf mir, auch wenn es mir gerade schlecht gehen mag, von dem erzählen, was gut läuft. Dafür braucht man sich nicht schämen, schuldig fühlen oder irgendwas. Es tut mir gut, zu hören, wenn es den Leuten gut geht, die mir am Herzen liegen.

Auch sonst brauche ich, wenn es mir schlecht geht, eigentlich keine Sonderbehandlung. Die meisten Menschen verstehen intuitiv – zuhören, ermutigen, das ist gut. Aber das darüber hinaus auch gut ist, einfach weiterzumachen, mich mit reinzunehmen und dabei sein zu lassen, das scheint gar nicht so klar zu sein. Die Normalität des Leidens ist verloren gegangen. Es wird entweder verdrängt oder dramatisiert. Dabei ist es das gar nicht wert. Es ist einfach nur. Deswegen kann man sich damit mal beschäftigen, und dann aber auch mit etwas anderem weiter machen.

Ich merke, dass ich nicht die einzige bin, die das Leiden aushalten muss. Meine Freunde müssen es auch aushalten – vor allem, dass sie mich nicht retten können. Manche wissen das gar nicht, dass durch ihre Ermutigung nicht gleich alles einfach wird. Sie erwarten von sich, mir eine Lösung anbieten zu können. Ich erwarte das nicht von ihnen. So simpel ist das alles nicht.

Immer wieder schreiben mir Menschen, wie leid es ihnen tut, dass mein Jahr, das doch so gut werden sollte, jetzt hart ist.

‚Gut‘ und ‚hart‘ schließt sich nicht aus. Gut, wenn mein einziges Bestreben mein Wohlfühlen wäre, dann vielleicht schon. Aber wenn ich Charakter,  Beziehungen, Weisheit mit reinnehme, dann können harte Zeiten mir dienen. Schaffe ich es, durch die Gezeiten zu gehen, ohne bitter zu werden, dann können sie mich liebender, verständiger und geduldiger machen. Und wenn ich alte Frauen ansehe, deren Herz und Geist wach geblieben ist, und höre, welche Zeiten sie zu so einer Ehefrau, Mutter, Freundin, Leiterin gemacht haben, dann weiß ich, dass ‚gut‘ manchmal mitten im ‚hart‘ liegt.

Vielleicht klinge ich jetzt weise. Vielleicht klinge ich, als könnte ich gut mit meinem Leid umgehen. Das stimmt nicht. In der Regel hasse ich es und immer wieder will ich aufgeben. Wie selten nur gelingt es mir, es als normalen Teil vom Jetzt anzunehmen, in dem ein „gut“ verborgen ist. Wie selten gelingt es mir, zu leben, was ich im Kopf langsam zu begreifen beginne.

Jetzt gerade zum Beispiel, wo ich das alles durchdacht und aufgeschrieben habe, fühle ich mich einfach nur nach verkriechen und heulen und nach einer ganz tiefen Luci-Umarmung. Meine Seele versteht vieles nicht. Die versteht den Wert hinter etwas nicht, das unangenehm ist. So weit kann meine Seele nicht denken. Meine Seele weiß nur: Aua. Es tut weh und ich mag es nicht.

Aber German Hugs, die versteht meine Seele. Umarmungen braucht diese Welt, besonders dieses Land, und jetzt gerade ganz besonders ich.

Reflexionen

Oder: Vom Wissen um den Schmerz

Hätte ich das alles schon vorher gewusst, dann wäre ich nie gegangen.

Hätte ich all die Tränen, den Schmerz, die Anstrengung vorher schon gekannt, schon gewusst, was „Heimweh“, „Kulturschock“ und „Überforderung“ wirklich bedeuten, dann wäre ich einfach zu Hause geblieben. Dann hätte ich mir das alles nicht angetan. Ich hätte mir einfach ein normales Leben in Deutschland ausgedacht und das mal gemacht. Ich würde jetzt deutsches Brot mit Nutella essen, statt Smog einen Himmel sehen und bei Bedarf meine Freunde besuchen fahren.

Und doch: So viel Wertvolles ist schon passiert, seit ich hier bin. Momente, in denen ich festgestellt habe, dass ich mir so viel mehr zutrauen kann als ich dachte. Den Abstand nach Zuhause, der mich innerlich aufräumen und leer vor Gott kommen lässt. So viele Beobachtungen über Kultur, Menschen und mich.

Es ist ein altes, wunderbares Prinzip vom Leben: Hätte man all den Schmerz vorher schon gekannt – man weiß nicht, ob man sich aufgemacht hätte. Doch am Ende ist man so froh, durch all das hindurchgegangen zu sein.

Ich bin froh, dass ich gefahren bin. Ich bin froh, jetzt hier angekommen zu sein. Und ich bin froh, dass ich all den Schmerz der nächsten Tage und Wochen und Jahre noch nicht kenne, sodass ich voll Zuversicht weiter gehen kann.

Und du weinst Tränen aus Blut.

Vorsichtig ziehst du deinen Ärmel hoch. Da kommen sie zum Vorschein, die Zeugen deines gestrigen Abends, ganz dicht, ein Schnitt neben dem anderen, der ganze Unterarm. Mir wird eiskalt. Sonst war es alle paar Wochen mal ein Schnitt, selten zwei, in Ausnahmen sogar vier, aber das hier? Mich durchfährt ein Schmerz, als hättest du nicht nur dich selbst, sondern auch mich geritzt. Die vielen, vielen kleinen Striche, manche mit Blutkruste, andere nur ganz unscheinbare dünne rote Linien. Ein paar kreuzen sich und fallen aus der Reihe, aber sonst sind sie erschreckend regelmäßig und geordnet. Zu systematisch. Viel zu systematisch.

„Und hier an der Seite auch“, sagst du und zeigst darauf. Ich schaue dich an. Es tut mir so weh, dich so zu sehen. Du bestrafst dich für die Fehler anderer. Du fühlst dich so unglaublich wertlos. Du versuchst deinem inneren Schmerz ein äußeres Gegengewicht zu geben. Du weißt nicht, wie du anders damit umgehen sollst. Und so weinst du Tränen aus Blut. Dein Schreien verhallt ungehört. Hilfe kommt nicht, und ich kann dich auch nicht retten. Ich kann dir nur zuhören und versuchen, dein Selbstwertgefühl irgendwie zu heben, aber selbst das funktioniert eigentlich nicht. Ich trage deinen Schmerz mit, ob ich will oder nicht, und ich winde mich innerlich unter jedem neuen Schnitt, den du dir zufügst.

Sprachlos. Ich weiß keine Worte, die ich dir noch geben könnte. Das geht alles viel zu schnell. Vor ein paar Wochen haben wir noch überlegt, wie du da raus kommen könntest, und du hast mir gesagt, dass du das alles nicht mehr willst. Du wolltest aufhören, bevor du so richtig drin landest. Du hast gesagt, dass es echt gut ist, dass dir von deinem eigenen Blut immer schlecht wird, weil das dazu führt, dass du dich so gar nicht öfter als ein, zwei, drei mal schneiden kannst. Und jetzt? Eine ganze Armee von Schnitten, viel zu viele. Erst der Arm, und als da kein Platz mehr war, die Seite. Und ich weiß, dass das immer noch nur ein Schatten von dem ist, was in dir drin vorgeht, was du jeden Tag tragen musst.

Ich bin die einzige, die danach fragt, wie es dir wirklich geht, und die dir wirklich mal zuhört. Ich bin die einzige, die dich nicht entweder mit Ignoranz, Ablehnung oder Sarkasmus behandelt. Wahrscheinlich bin ich auch die einzige, die dir sagt, was für ein toller und wundervoller Mensch du bist, trotz allem. Und das setzt mich irgendwie unter Druck. Ich weiß nicht, wie viel ich mich von dir abgrenzen abgrenzen soll. Wo sind die Grenzen? Wie viel kann ich, darf ich, soll ich, will ich in dich investieren? Wie viel kann ich dir überhaupt helfen? – Und ich bete wieder für dich, segne dich einmal mehr, weil ich weiß, dass es nichts Größeres gibt, was ich für dich tun kann.

Du ziehst deinen Ärmel wieder runter, verbirgst alles ordentlich hinter seiner Maske, die du nur trägst, damit sie endlich durchschaut wird. Du hebst den Kopf und siehst mich an. Deine Augen sind so trüb … Bitte. Ich will nicht bald an deinem Grab stehen müssen.
Du sollst doch leben!

Kontraste

So viel in Kontrasten habe ich wohl noch nie gelebt.

Auf der einen Seite: So viel einfach nur aushalten, aussitzen, abwarten. Zu Hause, in der Schule. Anstrengung, Schmerz, Stress, verletzende Leute ertragen, halt irgendwie. Situationen, aus denen ich nicht raus kann. Versuchen, nicht bitter zu werden und nicht darunter kaputt zu gehen. Alles gar nicht so leicht. Weiter warten, weiter hoffen, weiter aushalten. Irgendwann wird es Veränderung geben müssen.

Auf der anderen Seite: Wie ein Feuerwerk sein. Menschen, die mich Rollen einnehmen lassen, mit denen ich was anfangen kann, wo ich was geben kann, wo ich einen Unterschied machen kann. Mich investieren, einsetzen, sprühen vor Ideen. Fast mühelos weiterlaufen. Das Gefühl, dass es irgendwie gut und richtig ist, was ich tue.

Auf der einen Seite: Menschen, die mich klein halten, ständig zurecht weisen, an mir herum meckern, mir wenig Wertschätzung oder Verständnis entgegenbringen. Die mir vermitteln, was ich alles falsch mache, wie schlecht ich bin und was mit mir nicht stimmt. Die mich zu einem kleinen, dummen, nervigen Kind machen wollen. Denen ich irgendwie aus dem Weg gehen will, aber viel zu wenig kann.

Auf der anderen Seite: Menschen, die mich wahrnehmen. Die mich schätzen, ermutigen, stärken. Die hinter mir stehen, mir in Liebe Stärken und Schwächen spiegeln. Die an mich glauben. Wo ich sein darf, wie ich bin, ohne befürchten zu müssen, dass negativ auf mich reagiert wird. Menschen, mit denen ich Gemeinschaft haben will. Wo ich mich ein wenig zu Hause fühle.

Auf der einen Seite: Zweifel an mir, Verwirrung über mich selbst, Unruhe in Bezug auf alles, was ich schwer aushalten kann, egal ob Menschen oder Umstände. Zu wenig Kontrolle über mich, ein zu unklarer Blick auf mich und mein Leben. Stellenweise Unfähigkeit, die Frau zu sein, die ich sein will, und meine Zeit und mein Leben so zu gestalten, wie ich will. Schwächen, die ich nicht benennen kann und mit denen ich nicht umzugehen weiß. Unsicherheit.

Auf der anderen Seite, und ich hoffe, dass das der Kern ist: Ruhe, Nähe zu Gott, Kraft, Mühelosigkeit. Die Stärke, zu ertragen und weiterzulaufen. Leichtigkeit und Friede im Herzen. Freiheit in meinen Gedanken. Zunehmende Kontrolle über mein Handeln. Selbstannahme. Liebe für Menschen. Unberührtheit, Reinheit. Das Auge im Sturm, die Ruhe in all den Kontrasten, der alles umfassende Friede. Manchmal. Immer häufiger. Mein Wunsch.

Egal, was für Kontraste mich umgeben, womit ich alles umgehen muss: Ich will diesen Kern bewahren. Da Klarheit ohne Spaltung, Einheit ohne Kompromisse finden. Gott in mir, ich in Gott, unabhängig von allem, befreit von schwarz und weiß.

Sein sein.