Jemand, der mir beim Klavier spielen zuhört

„Darf ich zuhören?“

„Ja“, flüstere ich zurück.

Die Welt zerbricht. Manchmal tut sie das. Dann steht man da und versteht nicht, wie das, was vorher heile war, jetzt kaputt ist. Mit einem Mal zerschlagen. Der Schock kommt, der Schock geht, Tränen und Gedanken und Erinnerungen, ich kann kaum atmen – irgendwie weiter. Und jetzt?, fragt es in mir, fragt es beständig in mir, nach jedem neuen Bruch. Ich weiß nicht, ob ich die Kraft habe für all das. Ich sehe nicht, wie ich den Weg schaffen soll, der da vor mir liegt. Gebeutelt, wie ich bin. Verletzt. Zerbrochen.

Sommerlagerluft ist abends kühl, und die Metallringe des Eingangs des großen Veranstaltungszeltes klirren, als die Zeltplane ein wenig zur Seite geschoben wird. Ich habe Klavier gespielt, alleine, wie schon so manches Mal am Abend, wenn beinahe alle anderen beschäftigt sind. Ich habe versucht, Musik zu machen, die macht, dass mein Inneres durch den Schmerz und das Chaos hindurch zu Gott kommen kann. Allein und versunken in dem großen Zelt am Klavier. Jetzt stocke ich, sehe mich um, erkenne, wer da hinein gekommen ist, versuche, mich nicht ganz durcheinander bringen zu lassen. „Darf ich zuhören?“ – beinahe schon zaghaft gefragt.

„Ja.“

Jemanden zu haben, der zuhört, wie man Klavier spielt, wenn die Seele zerbrochen ist – jemanden, der einen Schritt weiter gehen kann als reden und beratschlagen und ablenken, nämlich ganz ruhig da sein und schweigen – so jemanden zu haben, und wenn auch nur für zwanzig Minuten, wenn auch nur ausgeliehen für diesen Moment – das macht den ganzen Unterschied.

Den Unterschied, den ich brauche, um an Mut für den nächsten Tag zu glauben.

klavierlose Klavierstunde mit dem Thema Menschenhandel

„Und macht ihr auch irgendwas aktives? Reden kann ja jeder …“

Soeben habe ich meiner Klavierlehrerin auf die Frage hin, was ich heute noch so mache, von meiner Lifegroup (oder auf Deutsch „Hauskreis“) erzählt. Ihre Frage ist berechtigt, gibt es doch viel zu viele Menschen, die nach den Worten „Das ist ja schrecklich!“ und einem gelungenen Gesichtsausdruck der Betroffenheit das Leid der Welt für erledigt erachten. Ich bin froh, von mir und meiner Kirche sagen zu können, dass wir nicht zu diesen Menschen gehören.

Die Augen meiner Klavierlehrerin werden groß, als ich ihr vom Aktionstag gegen Menschenhandel und Sexsklaverei kommenden Samstag erzähle und von den ganzen anderen sozialen Aktionen der letzten Jahre. Letzte Woche hat sie mir etwas über Tierschutz erzählt, wie Milchkühe gehalten werden und was das Biosiegel alles als „okay“ durchgehen lässt. Ihr Herz schlägt für Tierschutz. Diese Klavierstunde scheine ich dran zu sein, ihr zu erzählen, was mich berührt.

Sie fragt wegen der Sache mit der Sexsklaverei nach und es entspinnt sich ein Gespräch über Menschenhandel. Immer entsetzter, schockierter, wütender wird ihr Blick, als ich ihr erzähle, dass optimistisch geschätzt 27 Millionen Menschen versklavt sind, und dass diese Zahl wächst.
Dass drei Millionen davon wie Baumwolle oder Rindfleisch über alle Grenzen hinweg gehandelt werden und keiner mehr weiß, wo sie sind.
Dass es vor allem junge Frauen und Mädchen sind, die zur Prostitution gezwungen werden, eine Vergewaltigung hoch 20-30 pro Person pro Nacht.
Dass in der halben Stunde, die ich Klavier habe, 60 Personen Opfer von Menschenhandel geworden sind.
Dass der Gewinn pro Sexsklave pro Jahr 22 Tausend Euro beträgt und die Sklaven selbst nicht einmal genug zu essen bekommen.
Dass Deutschland da ganz vorne dabei ist, ein Zentrum, nach Belgien die Nummer zwei, schon „der Puff Europas“ genannt. Und das, weil Prostitution hier legal ist und Menschenhandel so schwer nachweisbar ist.
Dass dem Opfern ihr Pass weg genommen wird, und dass nach dem deutschen Rechtssystem nur Abschiebung auf sie wartet, wenn sie sich über alle Drohungen hinwegsetzten und zur Polizei gehen.
Dass die deutsche Politik nicht einmal die immer noch nicht strengen EU-Richtlinien von 2011 zu dem Thema beachtet, die sie bis zum 6. April diesen Jahres umgesetzt haben sollten, weil sich die CDU und die FDP nicht so ganz einig waren und da haben sie lieber gleich gar nichts gemacht.

Das alles.

Am Ende des Klavierunterrichts hat meine Klavierlehrerin Tränen in den Augen. Sie schnappt sich ihre Jacke und sagt mit bebender Lippe, aber viel Nachdruck:

„Diese Welt braucht mehr Jugendliche wie dich, Sina. Und weißt du was? Du setzt dich für die Menschen ein, ich setzte mich für die Tiere ein und zusammen machen wir die Welt ein bisschen besser.“

Ja. Ja, das machen wir.

Dies und das mit Musikuntermalung

Ein Instrumentalcover von Trouble (Coldplay) hören und seine Gedanken durch meine Finger auf die Tasten fließen lassen.

Das neue Meerschweinchen, Sprotte. Meine kleine Schwester nennt es einfach nur Stups. Kein Wunder – es hat ja auch einen braunen Stups auf der Nase, der es besonders bedöppelt aussehen lässt. Es hat rote Augen, was auch der Grund dafür ist, dass ich es schon „Feuerauge“ genannt hab. Ansonsten ist es weiß. Es versteht sich ganz gut mit Milki, der Schwester von Kleo. Den ersten Tag haben sie sich einfach eiskalt ignoriert. Sprotte hat die ersten fünf Stunden in Schreckstarre verbracht. Milki hat manchmal misstrauisch geschnüffelt. Irgendwann hat Sprotte sich bewegt. Soweit wir es mitgekriegt haben, sind sie sich erst mal nicht weiter begegnet. Die nächsten zwei Tage gabs die Rivalenkämpfe – Wer ist die Bestimmerin? Dann, schließlich, haben sie sich vertragen. Wer jetzt zum Chef erkoren wurde, weiß ich nicht. Sie benehmen sich beide so, als wären sies. Auf jeden Fall sind sie friedlich.

Mein Klavier spielen. Wieder mal so eine Phase, wo alles andere wichtiger zu sein scheint. Was ich alles könnte, wenn ich denn mal regelmäßig üben würde. Und dann hatte ich auch noch so ein tolles Stück, und ich habs mir damit versaut, es zu wenig zu spielen, was dazu führt, dass es nervt, weil ich nicht voran komme. Ich muss echt mal wieder mehr machen.

Meine Schule macht einen auf Stress. Aber ich lass mich nicht stressen. Diesmal nicht. Oft genug hab ich auf sie gehört und mir Gedanken gemacht um das, was ich kann und was ich nicht kann. Nee, diesmal nicht. Ich werde in Gottes Rhythmus chillen, genau, wie ich es mir vorgenommen habe. Am Ende passt es ja doch immer irgendwie. (Bei mir jedenfalls.) Schule wird überbewertet. Lernen wird überbewertet. Leben wird unterbewertet. Wenn nicht jetzt nichts tun, obwohl ich was tun müsste, wann dann? (Was der Satz verständlich? Komisches Gebilde.) Jetzt kann ich es mir leisten. Jetzt hat es noch keine Konsequenzen. Also – Come on, let’s relax. (Das sage ich jetzt. Am Ende mache ich es ja doch nicht.)

Mein Schlaf. Ja, er ist besser als vor einem Monat, aber gut ist was anderes. Er ist kurz und nicht erholsam. Wer sagt mir den Kniff, wie man erholsam schläft? Ich will es doch unbedingt. Jaja, ich weiß, Sport wär mal ne ganz gute Strategie… Aber WANN, bitte?

Jetzt gibts erst mal Abendessen. Bin zwischendurch übrigens auf Reggae umgestiegen – weil der so entspannend ist. *summ*