Büchersehnsucht und pädagogischer Stumpfsinn

(Von vor meiner Pädagogik-Abiklausur)

All die Gedanken, die Menschen denken und aufschreiben. All die Tagebücher, Notizbücher, Skizzenbücher, die von irgendwelchen Stiften vollgeschrieben und vollgekritzelt werden. Stifte, die in Händen liegen, die gesteuert werden von dem motorischen Cortex des jeweiligen Gehirns, an das auch Augen und Ohren und Lippen angeschlossen sind. All die Worte und Bilder, die diese Menschen als wertvoll genug empfinden, sie aufzuschreiben.

Es ist nicht die Komplexität von Themen, die mich schnell in den Wahnsinn treibt. Nicht die Überforderung. Viel mehr ist es der Stumpfsinn. Der Stumpfsinn, wenn ich bedeutungslose Theorien für eine Klausur auswendig lernen muss. Wenn irgendeine Haushaltsarbeit zu lange dauert. Wenn ich keinen guten Input finde in den unendlichen Weiten des Internets und der Bücher, immer daneben greife.

Es kann alles so faszinierend sein, wenn man an der richtigen Stelle beginnt. Wenn man gute Autoren, Musiker, Künstler findet. Dann fange ich innerlich an zu singen und platze fast, weil es so gut ist. Wenn man aber an die falschen Stellen kommt, ist alles wie Sand, der einem durch die Finger rinnt und es bleibt nichts außer ein verdächtiges Knirschen zwischen den Zähnen, von dem man nie weiß, warum da Sand sein sollte, aber es ist irgendwie so.

Darf ich bewerten, was Sand ist und was faszinierend? – Wahrscheinlich nicht. Aber ich darf es fühlen, und sagen was ich fühle. Und gerade fühle ich Stumpfsinn. Pädagogischen Stumpfsinn, den ich gerade nach guter alter Bulimie-Manier in mich hineinfresse, um ihn morgen möglichst rückstandslos wieder von mir zu geben. Auf gestempelte Klausurbögen.

Wie viel lieber würde ich in die Bücher von Menschen schauen, die etwas sahen oder hörten oder spürten und daraus Schrift auf Papier machten, denen es gelang, so viel Echtes und Wahres und Schönes in Worte einzufangen, in Worten zu finden, und die ihre Bücher öffnen, für mich, damit ich komme und sie lese. Und ich will kommen und sie lesen! Was mache ich nur hier …

Nicht ganz so wie geplant

„Alles klar?“
Ich schüttel finster den Kopf. Mein Mathelehrer schaut auf meine Klausur, um zu sehen, was ich so fabriziere. Aber darum gehts gar nicht.
„Ich hab mega Regelschmerzen!“, flüster ich ihm erschöpft und frustriert zu. Nichts kriege ich mehr auf die Reihe. Das macht alles keinen Sinn, was ich auf meine Zettel geschrieben habe. Meine Gedanken sind zugedröhnt mit Schmerzen.
„Ja warum sagst du denn nichts? Brich doch ab!“
„Aber dann brauche ich Attest! Krieg ich ein Attest für Regelschmerzen?“

Er geht nach vorne zu dem Mathelehrer des anderen LKs, um abzusprechen, was sie mit dem aufgelösten Mädchen mit Regelschmerzen da machen sollen, dem gerade ungehindert die Tränen über die Wangen laufen. Der Junge im hellgrauen Pulli und mit der Brille, durch die er immer ein bisschen schief durchblinzelt, schenkt ihr eine Packung Taschentücher. Der Rest bemerkt nichts, viel zu vertieft sind alle in diese nicht gerade leicht zu bewältigende Mathe-Vorabi-Klausur.

Ich beruhige mich langsam wieder. Na toll, jetzt gehöre ich also zu denen, die in einer Klausur geheult haben. Nicht gerade mein Lieblings-Image, aber das ist mir gerade herzlich egal.

Mein Mathelehrer kommt zurück. Auch wenn er sonst leicht sadistisch veranlagt ist, ist er in solchen Situationen souverän und sogar fast fürsorglich. Deswegen mag ich ihn.

„So, du gibst jetzt erst mal ab. Du schreibst die Klausur nach. Das mit dem Attest kriegen wir auch hin.“ Ich nicke gehorsam und stehe auf. Jetzt starren mich doch schon einige ein bisschen komisch an. Bestimmt haben sie fragende Blicke und überlegen, was mit mir wohl los ist, dass ich jetzt schon zusammenpacke, aber ich schaue sie nicht direkt an. Hauptsache, ich halte meine Tränendrüsen unter Kontrolle und weine nicht wieder.

Im Oberstufenbüro übergibt er mich der Stufenleitung, die da sitzt und superwichtige Sachen am Computer macht. Die Sache mit dem Attest ist schnell abgesprochen, und mein Mathelehrer geht zurück in den Klausurraum, um seinen anderen Schäfchen zur Seite zu stehen. Oder ihnen genüsslich beim Leiden zuzusehen. Je nach dem.

Im Unterricht soll meine Stufenleiterin voll streng sein, aber da hab ich sie noch nie erlebt, und so finde ich sie voll lieb. Sie bietet mit Johannisbeerkuchen an, den sie für meine Sportlehrerin gebacken hat, die jetzt aber krank ist. Der ist so lecker. Unglaublich gut. Aus Johannisbeeren aus dem eigenen Garten, erzählt sie. Eingefroren, um das ganze Jahr was von ihnen zu haben. Ich fühle mich innerlich aufgelöst, kann mich aber langsam ein bisschen entspannen. Schnacke mit ihr eine Runde über Stress, Latinum und faule, aber schlaue Schüler, und über Studieren, dann fährt sie mich mit ihrem Auto zum Bus.

Regelschmerzen steigen im Auto und im Bus exponentiell an. Wusste nicht, dass da noch so viel Platz nach oben war. Sterbe ein bisschen stumm wimmernd vor mich hin. Momente, in denen man für Weiblichkeit einen hohen Preis zahlen muss.

Entwickle Galgenhumor. „Sina, wie war deine Klausur?“ – „Blutig, Mama, blutig.“
Grinse verzweifelt in mich hinein.

Das erste, was ich zu Hause mache, ist, meine Schmerztabletten zu suchen und sie mir mit ner halben Flasche Wasser in den Körper zu spülen, um dann noch unendliche 40 Minuten keine Wirkung zu spüren. Finde keine Ruhe. Versuche zu lesen. Versage. Tiegere in der Wohnung rum. Schaue drei Mal in den Kühlschrank. Gehe zwei Mal auf Toilette. Weine und schluchze immer mal wieder ein bisschen vor mich hin. Boah, sind Regelschmerzen ne abartige Angelegenheit.

Und dann – innerhalb von einer halben Minute, vielleicht nicht mal – ist das Medikament endlich da angekommen, wo es hinsoll. Ich spüre richtig, wie meine Schmerzen weggehen, als würde man einen Regler runterdrehen. Meine Stimmung schlägt komplett um. Ich bin zwar erschöpft und meine Augen sind angestrengt vom Weinen, aber sonst fühle ich mich wie ausgewechselt. Richtig gut gehts mir! Oh wie wunderbar wundervoll doch meine Welt ist! Wuhu! Ich hole die Ukulele raus und träller für ne Weile ein Lied nach dem anderen.

Da sind doch Drogen drin gewesen, denke ich, und lese die Packungsbeilage meines Schmerzmittels. Hm. Neben ungefähr tausend Horrorszenarien steht in einem Wort bei gelegentlichen psychiatrischen Nebenwirkungen „Erregung“. Trifft es das? Ist das die medizinische Tarnung für suspekte, fast manische Hochgefühle?

Egal. Ich finds geil. Mir gehts super.

Schreibe das Geschehnis in der Klausur später nem Kumpel. Seine Reaktion: Ein ironisch bemitleidendes „ohhh“. Blödmann. Jungs verstehen so etwas einfach nicht. Einem Mädchen muss man nicht erklären, warum es schon vorkommen kann, dass man in der Klausur wegen Regelschmerzen weint. Die weiß, was man da für Todesqualen erträgt. Jungs gucken da nur naiv-dümmlich-verständnislos und fragen, ob das wirklich so schlimm ist, und manche stempeln einen heimlich als Heulsuse ab.

Am nächsten Tag schaut mein Mathelehrer mich fragend an, als ich in den Kursraum komme. Meinen Rausch hab ich zwischendrin ausgeschlafen, Schmerzen ebenso weg, leichtes Erschöpfungstief, aber sonst hat sich mein Zustand normalisiert.

„Gehts dir wieder gut?“, fragt er, als ich ihm das Attest vorlege. Ich nicke. Während er den Zettel abzeichnet, kommentiert er: „Na das war ja was!“

Ja. Das war was.

Wie du da saßt

(Wenn ich jetzt sage, dass ich das in meiner Deutsch-Vorabiklausur auf ein Löschblatt gekritzelt habe, kommt das dann komisch? – Egal. Die eineinhalb Minuten wars mir wert.)

Wie du da saßt
und geredet hast
von irgendwas

Und ja, spannend war das auch
und ich mag deine Themen
meistens

Aber eigentlich
wollte ich nur wissen
es hören

wie sehr du mich magst.

Sowi-Klausur auf Sinaländisch

Tja, das mit der Einleitung in der dritten Aufgabe einer Klausur (meistens Stellungnahme, Erörterung, Bewertung) ist gar nicht so einfach. Die Fragestellung soll wiedergegeben und die Relevanz des Themas herausgestellt werden. Was, wenn einem partout nicht einfallen will, inwiefern ein Thema für irgendwen relevant sein könnte?

Da war wohl jemand froh über ein bisschen Abwechslung ...

Da war wohl jemand froh über ein bisschen Abwechslung …

Mit dem darauf folgenden Text habe ich meine Lehrerin so beeindruckt, dass sie mir 30 von 27 Punkten für die Aufgabe gegeben hat (ja, das sind drei mehr als möglich), und das, obwohl ich keines der Argumente aus ihrem Erwartungshorizont verwendet habe. Vielleicht war die Einleitung nicht ganz unschuldig. ;-) Solltet ihr auch mal ausprobieren.

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